Festivals & Live Reviews


Pics: Dan Nykolyko

Festivals & Live Reviews 16.11.2020, 13:42

METALLICA - Live & Acoustic from HQ

Aufgrund der Corona-Pandemie bleibt den meisten Bands nicht anderes übrig, als per Stream für ein Live-Erlebnis im heimischen Wohnzimmer zu sorgen. Mit METALLICA wagt sich am 14. November eine der ganz großen Acts an dieses Unterfangen, welches allerdings einen zwiespältigen Eindruck hinterlässt.

Während METALLICA ihr soziales Engagement in der Vergangenheit nicht an die große Glocke gehangen haben, rückt die „All Within My Hands“-Foundation bei dem „Live & Acoustic“-Gig ziemlich in den Mittelpunkt. Es ist lobenswert, dass alle Einnahmen des Pay-per-View-Konzertes an die Foundation gehen, die sich unter anderem für die weltweite Bekämpfung von Hunger einsetzt. Jeder Zahlende sollte also schon grob über die Aktivitäten der Foundation informiert sein, weshalb es etwas übertrieben erscheint, dass vor der musikalischen Darbietung über 25 zähe Minuten mehrere Image-Filme eingeblendet werden. Erst danach erscheinen die vier METALLICA-Mitglieder in einem der Proberäume im Hauptquartier, der für den Gig einen besonderen Clou beinhaltet: Um die Band herum befinden sich Leinwände, auf denen einige der Zuschauer per Webcam zugeschaltet sind. Dadurch wird ein gewisses Maß der Interaktion erreicht, welches den meisten Livestreams abgeht. Besonders schön ist, dass METALLICA zwischen den Songs immer wieder einzelne Fans aufrufen, damit deren Webcam-Bild vergrößert wird und ein kleines Gespräch stattfinden kann.



Aber in erster Linie sind wir wegen der Musik hier und die weiß anfangs nicht so recht zu überzeugen. Eröffnet wird das Konzert mit neu arrangierten Akustikversionen von 'Blackened' und 'Creeping Death', bei denen mit der Brechstange versucht wurde, die harten Klänge in ein Akustikgewand zu zwängen. Nachdem man diese zwei schwer verdaulichen Brocken hinter sich hat, geht es allerdings besser weiter: Beim Deep-Purple-Cover 'When A Blind Man Cries' und dem „Black Album“-Track 'The Unforgiven' brilliert besonders Frontmann James Hetfield mit seinem gefühlvollen Gesang und tighter Gitarrenarbeit. Von letzterer sollte Kirk Hammett sich nochmal einige Scheiben abschneiden, denn das Solo von 'The Unforgiven' soll nicht die einzige Passage bleiben, bei der der Lead-Gitarrist leicht daneben liegt. Mit 'Now That We're Dead' steht im Anschluss auch endlich eine Akustik-Bearbeitung eines harten Tracks auf dem Programm, dessen Arrangement Sinn ergibt. Die gut funktionierenden Akustik-Versionen von 'Turn The Page', 'Nothing Else Matters' und 'All Within My Hands' sind hingegen bereits von dem „Helping Hands...“-Album bekannt. Die einzige Neuerung besteht heute darin, dass bei 'All Within My Hands' die Sohnemänner von James Hetfield und Drummer Lars Ulrich für zusätzliche Percussion sorgen. James kommentiert: „Eines Tages wird den beiden hier alles gehören.“ Wird hier etwa die Fackel-Übergabe an den Nachwuchs eingeläutet?

Nach einer kurzen Werbepause sind die akustischen Klampfen für den zweiten Teils des Sets überraschenderweise durch E-Gitarren ausgetauscht worden und es kommt zu einer Premiere im METALLICA-Universum: Die Band spielt das Akustik-Arrangement von 'Disposable Heroes' mit elektrischer Verzerrung. Das liest sich allerdings spektakulärer und origineller als es klingt, denn auch hier wird der eigentliche Song in ein Gewand gezwängt, das mit dem Original nicht viel zu tun hat. Das im Anschluss dargebotene traditionelle Folk-Cover 'The House Of The Rising Sun' ist hingegen ein echtes Highlight, bei dem James Hetfield erneut mit einer unter die Haut gehenden Gesangsperformance aufhorchen lässt. Mit 'Wasting My Hate' steht ein in Vergessenheit geratenes „Load“-Kleinod auf dem Programm, das mit seinem peitschendem Beat wachrüttelt und auf das große Finale einstimmt, mit dem METALLICA nicht viel verkehrt machen können: Die originalgetreu wiedergegeben Setlist-Standards 'For Whom The Bell Tolls', 'Master Of Puppets' und 'Enter Sandman' erinnern nochmal daran, weshalb man METALLICA wohl auf ewig zu den wichtigsten Metal-Bands der Welt zählen wird.

Wie so oft im METALLICA-Universum wurden beim Livestream einige Experimente gewagt, von denen nicht alle auf fruchtbaren Boden gefallen sind. Genau wie bei allen Longplayern nach 1991 gilt auch beim „Live & Acoustic from HQ“ das Motto „Weniger wäre mehr gewesen“. Statt einer zweistündigen musikalischen Darbietung hätte man das Ganze auch auf 90 Minuten herunter dampfen können, die dann wohl weitestgehend begeistert hätten.

Wer sich die Show ab Dienstag noch als Video on demand ansehen möchte, kann noch Tickets erwerben.

Bands:
METALLICA
Autor:
Ronny Bittner

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