Kolumne

Kolumne 22.11.2017

Metaller-Unterspezies, Typenlehre 3

Der Funeral-Doomster: Nach Feierabend liegt er regelmäßig noch ein wenig mit der Nase nach unten und ausgebreiteten Armen auf seinem Leib-und-Magen-Friedhof. Still kauend lässt er die köstliche Erde zwischen den Zähnen knirschen.

Bis hoch in die Nasennebenhöhlen schnieft er den schwarzen Totenkoks, um mit dem sich dann einstellenden Eiter ein Memento mori, verbunden mit der Bitte um baldige Erlösung, auf die Wände seiner lichtlosen Kellerwohnung zu schreiben: „Oh, bring es zu Ende, bleicher Tod!" Nur die Friedhofsordnung und die Witwe mit der stählernen Gießkanne, die in ihrer Unkenntnis des Funeral Doom bloß einen lauernden Handtaschenräuber auf dem Grab ihres Mannes erkennen will, trüben das depressive Vergnügen dieses Totenmolchs am Rande des Doom-Death. Funeral-Doomster/innen sind aber keine Kadavergekröse anbetenden Brutal-Death-Backpfeifengesichter, sondern Metal-Edelleute mit der vornehmen Lust am Dahinvegetieren im Lichtlosen zwischen Schwarzschimmel (die fiese Art Alternaria alternata), an dem sie aber nicht halb so leidenschaftlich lecken wie die Suicidal-Black-Metaller. Doch nicht allein Fäulnis regiert im Funeral-Doom-Reich, es gibt auch Momente aktivierender Frische, etwa die eines Septembermorgens ´42 in Stalingrad bei minus 40 Grad.
Dies nur als Überleitung zu den machtvollen Winter. Wie mit fünf km/h über gefrorene Schlachtfelder malmende Panzerketten slow-doomt deren gloriose Walze „Into Darkness" (mit dem Doom-Oscar für das trostloseste Albumcover der Metalgeschichte) Flora, Fauna, Homo Sapiens und jegliche Hoffnung zu Hühnerklein. Das New Yorker Trio ließ nach dem Einspielen in Zeitlupe die Instrumente aus den eisbrandigen Fingern gleiten und legte sich dann zum Verenden in die sibirische Taiga (Plan-B, denn Stalingrad entpuppte sich als blumengeschmücktes Wolgograd). In Sachen Funeral Doom war alles gesagt, ihr Auftritt beim Roadburn 2011 nurmehr ein Hologramm. Winter sind für den Funeral Doom(ster) so bedeutsam wie Buddha für den Buddhismus; die beinahe zeitgleich dahinsterbenden Thergothon und Disembowelment, aber auch Worship, Skepticism oder Shape Of Despair haben ebenso palastähnliche Mausoleen errichtet, an denen jedoch viele lieber vorbeigehen – because some music was meant to stay underground. Friedhofsgärtner, deren Laubharke sich ständig in Funeral-Doomstern verfängt, tun immer, als hätten sie nichts gesehen, insofern sie auf ähnlich hypnotischen Ambient- respektive Cosmic/Space-Black-Metal stehen. Ist der Hardcore-Doomgruftler heiter (und frei von Eiter), darf es auch der beschwingtere Death-Doom sein (der ja um 1990 für ein paar Minuten auch „Slow Death" und „Doomcore" hieß). Gern der Klassiker „Forest Of Equilibrium" mit Lee Dorrians „Gesang aus arktischen Unterwasser-Grufthöhlen", wie Uwe Deese in seinem feinen Review in Heft 56 schrieb (lang ist´s her), danach wird stets de Ossorios „Die Nacht der reitenden Leichen" geguckt, SloMo-Doom-Movie Numero Uno.

Autor:
Gregor Olm

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