Kolumne

Kolumne 25.10.2017

Metaller-Unterspezies, Typenlehre 2

Der Teutonen-Thrasher: Zwischen Holy Moses und Assassin steht ´ne Mike-Krüger-LP – kaum jemand ist so stoisch Achtziger wie der Gefolgsmann und die Gefolgsfrau des Thrash Metal vornehmlich deutscher Prägung. Auch eine spätgeborene Thrasherin Jahrgang 1999 ist stets versucht, den Zumutungen der Gegenwart nach Möglichkeit kaum Beachtung zu schenken, sie schwelgt viel lieber in der Betrachtung früher Sodom-Topffrisuren.

Fällt ihr fester Blick doch einmal versehentlich auf Eskimo Callboy oder andere Vertreter des Boygroup-Schmierlappencore, liegt sie tagelang krank vor Verachtung und Ekel, aber gut gewärmt von Kater Witchhunter, im Bett unterm vergilbten „Mad Butcher“-Poster, hört leise „Die Drei ???“-Kassetten (nur die bis ´89) und Tankards „The Meaning Of Life“ und fragt nach dem Sinn allen Lebens nach 1990. Teutonen-Thrasher sind aber zäh und genügsam wie ein Kaktus. Mit fünf Euro kommen sie durch den Tag, zwei ärmellose Living-Death-Shirts genügen als Oberbekleidung fürs Jahr, erst bei minus 20 Grad wird der „Pleasure To Kill“-Pulli übergestreift; dazu wird Kette geraucht, um sich irgendwie warmzuhalten. Mit ostentativ nerdigen Jutebeuteln über der Schulter vor der veganen Wurstbude stehen, geht in Thrasher-Kreisen nicht, es sei denn, man ist Urheber der Meisterwerke „Extreme Aggression“ und „Violent Revolution“. Steht einem Thrasher und seiner Thrasherin der Sinn nach Geschlechtsverkehr, stapft er noch mal in aller Ruhe los, um die Kassette mit den Grave-Digger-Halbballaden aus dem Opel Ascona zu holen, derweil sie entnervt versucht, aus ihrer poreneng anliegenden Stretchjeans zu kommen. Überhaupt macht der Hang zur engen Hose dem Thrasher das Leben schwer: Einem gewissen Thomas Such wurde einst die Arbeit als Grubenschlosser in seiner peinigenden Stretchjeans zur Hölle. Er hat dann lieber auf gravitätisch gelassen Bier trinkenden Säulenheiligen des Teutonen-Thrash umgesattelt, und das schreibe ich hier im Schatten meiner Sodom-Sammlung. Zieht ein Thrasher von Gelsenkirchen nach Herne, fährt er seine Besitztümer mit dem Mofa zur neuen Wohnung, wegen des ganzen schweren Vinyls dauert so ein Umzug freilich Monate. Unvergessen bei der nordrhein-westfälischen Autobahnpolizei ist der Stau auf der A40 im Jahr 2004, als ausgerechnet zu Ferienbeginn drei Thrash-Metaller eine auf ihren Mopeds balancierende altdeutsche Schrankwand mit 35 km/h nach Dortmund überführen wollten. Thrasher sind eben beharrlich und auch furchtlos wie ein Kaktus. Ich war Zeuge, wie ein spilleriger, höchstens 17-Jähriger im Exumer-Shirt auf dem Party.San 2013 zu einem sich am Bierstand vordrängelnden Uruk-hai mit Blasphemy-Rückenpatch meinte: „Alter! Stell dich hinten an, dicker Mann!“ Der Thrasher ist nun mal einzig der Wahrheit verpflichtet, schließlich ist seine schöne Holterdipolter-Musik nicht nur die „Musik der urbanen Fäule“ (P. Steele), sondern auch die „ehrlichste Musik im Metal“ (Angelrippers Tom).

Autor:
Gregor Olm

Melde dich für unseren Newsletter an und verpasse nie mehr die wichtigsten Infos

Diese Seite verwendet Cookies. Erfahrt in unserer Datenschutzerklärung mehr darüber, wie wir Cookies einsetzen und wie Ihr Eure Einstellungen ändern und Cookies deaktivieren könnt. Darüber hinaus verwenden wir Cookies Dritter für die Einbindung audiovisueller Inhalte durch Youtube, Spotify und Soundcloud. Dem könnt ihr hier zustimmen oder dies ablehnen. Datenschutzerklärung ansehen.