Kolumne

Kolumne 27.09.2017

Metaller-Unterspezies, Typenlehre 1

Der Progressive-Metaller: Ein beiläufiges Nicken bei ´Pull Me Under´ gilt bei ihm als Zeichen orgiastischer musikalischer Ekstase. Gefühle sind ihm aber nicht fremd: Über die Sängerwechsel bei Threshold kann er aus dem Stegreif einen dreistündigen Vortrag halten, Tränen hinter vorgehaltener Hand und selbstverordnete Schweigeminuten wechseln sich dabei ab, zwischenzeitlich muss er sich vor lauter Aufregung mal kurz hinsetzen. Die Backstage-Rempeleien bei Queensyrche sind für ihn so mythisch aufgeladen wie für den Schwarzmetaller Vikernes´ finale Visite bei Euronymous.

Trägt ein Sänger auf der Bühne z.B. Handschuhe als rockiges Accessoire (siehe auch: Mekong Delta 1991), raunt er missmutig etwas von „Marilyn-Manson-artiger Dekadenz“ und hat Befürchtungen, dass als Nächstes GG Allin kommt, um die Bühne vollzukacken. Progressive-Festivals finden nur in gewienerten Mehrzweckhallen statt, denn der Progressive-Metaller mag Open Air und generell Wetter nicht, überhaupt ist es ihm ein wenig lästig, sich von seinem Computertisch zu entfernen. YouPorn ist ihm kein Begriff, er ergötzt sich lieber an frühen Tangerine-Dream-Videos. Der stets kurzhaarige Progressive-Metaller ist Mathe-Dozent oder Copyshop-Angestellter, der an der Fernuniversität Hagen doch noch sein Mathestudium beenden will. Seine Metalshirts bügelt er vor einem Konzert gewissenhaft, dort angekommen, trägt er seinen Kaffee in Thermobechern mit „Indiana Jones 4“ -Aufdruck vor sich her, um für den eher missratenen Film eine Lanze zu brechen. Nach dem zweiten Bier sagt er mit sehr ernstem Blick: „Nun ist´s genug, ich fahre ja morgen mit dem Auto zurück.“ Auf einem Progressive-Metal-Festival lädt einen niemals eine nette Frau in ihr Zelt ein, denn es gibt dort, wie gesagt, keine Zelte – und in der gesamten Szene auch keine einzige Frau.
Der Folk-Metaller: Der Sanguiniker unter den Mettlern. In seinem Gimli-artigen Bart hängt stets ein Sammelsurium aus Bartperlen, Tannennadeln, Feuerwanzen und Haribo-Schlümpfen. Sein intimer Wunsch, vegan zu leben, steht diametral dem entgegen, sich wie Arkonas Maria Archipowa mit Fuchs und Chinchilla zu behängen. Er ist immer hackevoll; da er sein Methorn nie mit Fit ausspült, bekommt er spätestens bei den treibenden Rhythmen Finntrolls urplötzlich die Scheißerei und verschwindet keuchend hinter der nächsten Tanne, wo er versehentlich auf einen „Vice“-Redakteur tritt, der eine Reportage über Nazi-Umtriebe in der Folk- und Pagan-Szene machen will, aber nur wenig stichhaltiges Material findet. Der sonst durchaus intelligente Folk-Metaller kennt höchstens zehn Bands, Maiden sind jenseits seiner Waldlichtung, leider meist auch die Folk-Urväter Skyclad. Folk-Metaller sind, hier ergibt sich die eigentliche Überschneidung zur Black-Metal-Szene, beruflich ausschließlich in der Altenpflege beschäftigt. Die Frauen sind – einige elbenhaft ätherische Grazien ausgenommen – von den Männern äußerlich nicht zu unterscheiden.

Autor:
Gregor Olm

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