Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 31.08.2016

SODOM , OVERKILL , ANNIHILATOR , TESTAMENT , SLAYER , CARCASS , TWISTED SISTER , MANILLA ROAD , URIAH HEEP , ICED EARTH , CANDLEMASS - Metaller aller Länder, umarmt euch!

Schotten dicht? Mitnichten. Obwohl im Vorfeld des diesjährigen BANG YOUR HEAD!!! für das Wochenende Dauerregen angesagt war, hatten die Wettergötter ein Einsehen und verschonten die Festivalgäste, von einigen Schauern mal abgesehen. Wir waren vor Ort und genossen das wie immer bunt gemischte Programm, das auch in diesem Jahr wieder zahlreiche Höhepunkte zu bieten hatte.

Donnerstag

Das Festival an einem Donnerstagvormittag kurz nach Knoppers-Zeit zu eröffnen, ist sicher nicht die dankbarste Aufgabe. STALLION lassen sich von der erwartungsgemäß noch sehr überschaubaren Kulisse jedoch nicht irritieren und spielen einen motivierten Set, bei dem nur das arg plakative Old-School-Outfit (u.a. mit rot-weißer Tokyo-Blade-Gedächtnishose) etwas affig wirkt.
Nach den Heavy-Metal-Hengsten füllt sich der Platz zu LEATHERWOLF deutlich. Die beiden 2013 ersetzten Gitarristen können mit ihren Vorgängern mithalten, und der lässige Mastermind Michael Olivieri gibt nicht nur als Sänger und Teil der Triple Guitar Attack, sondern auch als typisch kalifornischer Sunnyman („-boy“ wäre dann doch etwas übertrieben...) eine gute Figur ab. Die Best-of-Setlist mit unsterblichen Hits wie ´Rise Or Fall´, ´Gypsies And Thieves´, ´Thunder´ und ´The Calling´ lässt das stetig wachsende Publikum jubeln und immer wieder Sprechchöre anstimmen – eine klare Empfehlung für einen weiteren BYH-Auftritt zu späterer Stunde!
BABYLON A.D. können das starke Level halten. Die Hardrocker aus San Francisco sind fast noch in Originalbesetzung zusammen und daher extrem gut eingespielt. So knallen sie tight und druckvoll Hits wie ´Bang Go The Bells´, ´Hammer Swings Down´ und ´The Kid Goes Wild´ raus, wobei vor allem Sänger Derek Davis, der optisch wie stimmlich etwas von einem jüngeren Sammy Hagar hat, sowie Bassist Robb Reid mit Dicke-Hose-Posen im Mittelpunkt stehen. Zum Abschluss gibt´s UFOs ´Lights Out´ und viel Applaus.
BATTLE BEAST genießen in der Szene ungefähr den Coolness-Faktor von E-Zigaretten. Die kitschigen Keytar-Sounds versauen leider viel von den eigentlich guten Songs, und live kommt zu viel vom Band. Aber: Die Finnen ziehen hier unheimlich viele Leute auf das Gelände, und sie sind sichtlich gereift. Die große Bühne wird nonstop flächendeckend beackert, die Choreografie ist mitreißend, und Sängerin Noora (inzwischen mit imposantem Iro) hat sich zu einer starken Frontfrau entwickelt. Vor allem die Jüngeren im Publikum, aber auch viele Ältere feiern die Band frenetisch ab.
Bei THE DEAD DAISIES geht es sowohl vom Besucherandrang als auch von der Stimmung her deutlich bergab. Es sind zwar nur ausgewiesene Könner am Werk (u.a. John Corabi, Doug Aldrich und Marco Mendoza), aber ungeachtet der spielerischen Klasse verkommt die Allstar-Truppe mitunter zur besten Coverband der Welt – nicht nur, weil sie über die Hälfte fremde Klassiker spielt, sondern auch, weil viele eigene Songs wie das neue Album-Titelstück ´Make Some Noise´ verdächtig bekannt klingen. Das nicht gerade packende Drumsolo des ansonsten mal wieder brillanten Brian Tichy tut sein Übriges. Von solchen Helden erwarte ich mehr! (ms)
Mopper-Marcus ist im Anschluss an seine (selbstverständlich vollkommen unberechtigte!) Anti-The-Dead-Daisies-Tirade so erschöpft, dass er glatt ein weiteres Tages-Highlight verpennt: Die internationale Power-Metal-Connection DRAGONFORCE zeigt auf der Hauptbühne mit einem hervorragend zusammengestellten Best-of-Set, dass sie nach wie vor zu den Besten ihres Fachs gehört. Sänger Marc Hudson hat sich in den letzten vier Jahren vorbildlich ins Bandgefüge integriert, singt ausgezeichnet und kommt zudem überaus sympathisch rüber, was auch für den Rest der Jungs gilt. Wenn man unbedingt will, könnte man allenfalls den Bewegungsradius der Truppe bemängeln, die in der Vergangenheit schon mal deutlich agiler war. Davon abgesehen ist aber alles tutti.
CANDLEMASS stehen eingangs vor dem Problem, dass getragener Doom im strahlenden Sonnenschein generell nie besonders gut funktioniert. Die Wettergötter sehen das genauso, haben Erbarmen und schicken nach etwa der Hälfte des Sets ´nen amtlichen Schauer über das Gelände – woraufhin ein Großteil der Besucher das Weite sucht und die Schweden ihren Auftritt vor einem quasi leeren Rund beenden müssen. Schade drum, denn was die Truppe hier aufs Parkett legt, ist absolut erstklassig. Ich freue mich jetzt schon auf die Show auf dem nächstjährigen Rock Hard Festival.
Auch bei CARCASS ist der Publikumsandrang (freundlich gesagt) überschaubar – und so darf die Band in der Konsequenz den Pokal für die am schlechtesten besuchte Co-Headliner-Show des gesamten Festivals mit nach Hause nehmen. Die Briten geben zwar wie gewohnt ordentlich Gas, stehen aber musikalisch als härteste Band des Tages auf ziemlich verlorenem Posten. Man kann´s leider nicht schönreden: Die Herrschaften kommen beim BYH-Publikum, das seit jeher eher traditionell geprägt ist, überhaupt nicht an.
SLAYER haben heute die Position des Headliners inne und können das Ruder wieder rumreißen. Die Thrash-Altvorderen spielen zwar ebenfalls nicht vor der größten Crowd aller Zeiten, zumindest aber auch nicht vor leeren Rängen. Der Vierer ist in seiner aktuellen Besetzung (Araya/King/Bostaph/Holt) hervorragend aufeinander eingestimmt und dank imposanter Lichtshow und riesiger Back- und Sidedrops auch optisch ziemlich beeindruckend. Der Fokus der Setlist liegt mit 13 Songs auf den ersten fünf Alben und bietet demnach wenig Anlass zur Kritik. Dennoch: Die Magie, die Slayer-Gigs auch noch in jüngerer Vergangenheit ausgestrahlt haben, hat unter den Besetzungswechseln und dem Altern der Musiker spürbar gelitten. Selbst ausgemachte Fans diskutieren nach der Show darüber, dass sie zwar nicht unbedingt enttäuscht, aber auch nicht überwältigt sind – und das wäre vor wenigen Jahren noch ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. (jp)

Freitag

Den Freitagmorgen läuten NIGHT DEMON ein, die sich vor einer kleinen Schar lautstarker Fans verausgaben und die düstere Kunde ihres Erstlings „Curse Of The Damned“, begleitet von wilden Gitarre-gegen-Bass-Battles und einer Stippvisite des Sensenmann-Maskottchens Rocky, nach Balingen tragen. Überzeugender Weckruf!
FREEDOM CALL liefern ein zuckriges Kontrastprogramm und laden mit Happy Metal à la ´Union Of The Strong´ oder ´Farewell´, dem laut Fronter Chris Bay „happiest song ever“, zur Morgengymnastik. Der Plan geht auf: Das Open-Air-Volk zuckt mit seinen noch etwas eingerosteten Gliedern und grölt die geradezu perfide eingängigen Refrains aus vollem Halse mit. Auch wenn die Musik Geschmackssache ist – auf der Bühne liefern die Nürnberger fraglos ab.
MANILLA ROAD feiern im Anschluss das 16-jährige Jubiläum (tierisches „Jubiläum“... - Red.) ihrer ersten Europa-Show. Im Fokus des abwechslungsreichen Konzerts steht Gitarrist Mark Shelton, der beim Opener ´Flaming Metal Systems´ mit kreischenden Soli brilliert. Frontmann Bryan Patrick ist von den steil gehenden Fans so begeistert, dass er sie bei ´Witches Brew´ mit seinem Smartphone für die Ewigkeit festhält, bevor die Sause nach 50 Minuten mit ´Heavy Metal To The World´ zu Ende geht.
IMPELLITTERI live erwischen? Gar nicht so einfach. Umso erfreulicher, dass die Metaller um Gitarren-Ausnahmetalent Chris Impellitteri einen erstklassigen Auftritt hinlegen. Obwohl der Saitenhexer seinem Instrument bei ´Speed Demon´ und ´Answer To The Master´ nahezu menschenunmögliche Töne entlockt, die er mit Gesichtskirmes vom Feinsten begleitet, hält sich Chris ansonsten etwas im Hintergrund und überlässt die Animation Frontmann Rob Rock. Der BYH-Veteran ist stimmlich topfit, hat das Publikum eisenhart im Griff und bespaßt mit Freude die Kids in der ersten Reihe. Statt Jon Dette, der die aktuelle Scheibe „Venom“ einspielte, sitzt heute Patrick Johansson an der Schießbude, die der Schwede vorbildlich befeuert.
Ordentlich auf die Fresse gibt es kurz darauf von SACRED REICH. Die Arizona-Thrasher outen sich als Impellitteri-Fans, wobei Phil Rind besonders von seinem Sängerkollegen Rob begeistert ist: „Der Kerl hat keinen Arsch mehr, er hat ihn sich abgesungen.“ Verstecken muss sich Rind, der die Fans zur Massenumarmung animiert („Fuck hate, more hugs!“), selbst keineswegs, auch wenn er bei ´Who´s To Blame´ seinen Einsatz verpasst und sich kurzerhand selbst feuern will. Trotz zunehmender Leibesfülle quietschfidel („Für meine Frau bin ich immer noch Mr. Sexy“), ist der Fronter Dreh- und Angelpunkt der Show. (am)
METAL CHURCH haben erst kürzlich auf dem Rock Hard Festival gezeigt, dass sie noch längst nicht zum alten Eisen gehören, und lassen auch in Balingen rein gar nichts anbrennen. Was der im vergangenen Jahr zur Band zurückgekehrte Fronter Mike Howe nach gut 20-jähriger Pause stimmlich leistet, ist schlichtweg unglaublich, und auch der Rest der Truppe präsentiert sich heute in absoluter Bestform. Das Publikum dankt es den Amis mit einem amtlichen Moshpit, lautem Mitsingen und reichlich Applaus.
Im Anschluss haben ANNIHILATOR keinen leichten Stand, denn in der Halle spielt zeitgleich mit den Tigertailz eine Truppe, die hierzulande nicht nur deutlich seltener zu sehen ist, sondern musikalisch auch eher dem Geschmack eines Großteils der Festivalbesucher entsprechen dürfte. Jeff Waters lässt sich vom mauen Andrang vor der Mainstage die Laune nicht verhageln und zockt mit seinen Mannen eine gut sortierte Greatest-Hits-Setlist. Der Gig hat dennoch zwei Schwächen: Es würde Annihilator guttun, wenn Waters sich wieder einen „echten“ Sänger suchen würde (der Mann ist stimmlich leider limitiert und täte gut daran, sich auf sein Gitarrenspiel zu konzentrieren), und der getriggerte Drumsound nervt.
Dass auch „musikalisch abseitige“ Bands auf dem Bang Your Head was reißen können, zeigt danach der Gig von TESTAMENT: Die Jungs sind in Bestform und zocken einen Kracher nach dem anderen. Fronter Chuck Billy strahlt bis über beide Backen, das Gitarrendoppel Skolnick/Peterson liefert wahnsinnig souverän ab, und im Gegensatz zu manch anderem Festival-Gig der Amis stimmt heute auch der Sound. Dass gut die Hälfte des gespielten Materials von den ersten drei Alben stammt, ist sozusagen die Kirsche auf dem Sahnehäubchen, die den in jeder Hinsicht gelungenen Gig zu einem besonderen Schmankerl macht.
Dennoch ist natürlich klar, wer heute der Chef im Ring ist: Bei TWISTED SISTER ist es vor der Hauptbühne so voll wie bei keiner anderen Band an diesem Wochenende. Zu Recht, denn Dee Snider und seine Jungs feiern momentan nicht nur ihr 40-jähriges Bestehen, sondern sind zugleich auch auf Abschiedstour, die passenderweise unter dem Motto „Forty and fuck it!“ läuft. Der Gig auf dem Bang Your Head ist dabei Ehrensache, denn hier kam die Reunion vor 13 Jahren so richtig ins Rollen, und seitdem ist die Band ein umjubelter Stamm-Act des Festivals. Dass die fünf Herrschaften aus New York dementsprechend nichts anbrennen lassen, versteht sich von selbst: Die Setlist ist eine gute Mischung von Songs der ersten vier Studioplatten (wobei „Stay Hungry“ mit fünf Tracks am präsentesten ist), und Dee Snider ist nicht nur stimmlich, sondern auch körperlich in schier unglaublicher Form. Dass die in Ehren ergrauten Kerle es im Gegensatz zu vielen anderen Truppen mit ihrem Abschied wirklich ernst meinen, nimmt man dem Fronter, der das in seinen Ansagen immer wieder betont, bedingungslos ab. Schade – Balingen wird die tausende Kehlen starken ´We´re Not Gonna Take It´-Chöre vermissen, und wir auch. War schön mit euch, Jungs! (jp)

Samstag

BLACK TRIP können ihren Auftritt kaum erwarten und entern die Bühne schon beim Intro, um dann sichtlich verlegen ihre Instrumente zu stimmen. Umso mehr auf den Punkt ist der Auftritt der Schweden, deren Frontmann Joseph Tholl und Drummer Jonas Wikstrand auch bei Enforcer für den guten Ton sorgen. Der raue, ungekünstelte Heavy-Metal-Charme der Truppe lockt im Nu Fans und Neugierige an, die die Jungs bei Kopfschüttel-Nummern wie ´Shadowline´, ´The Bells´ und ´Radar´ gebührend abfeiern.
Frauenpower erwartet man im Anschluss von GIRLSCHOOL, doch obwohl die Londoner NWOBHM-Ladys mit ´Demolition Boys´ und ´C´Mon Let´s Go´ vielversprechend loslegen, zeigen sie sich mit Ausnahme von Gitarristin Jackie zu Beginn ein wenig hüftsteif. Das ändert sich zum Glück gegen Mitte des Sets, das in den Tributen an Ronnie James Dio (´I Spy´) und Lemmy Kilmister (´Take It Like A Band´) sowie dem energiegeladenen Schlusspunkt ´Emergency´ seine Höhepunkte hat. (am)
DELAIN stehen (leider auch bei uns im Hause) ein wenig in dem Ruf, „nur eine weitere Hupfdohlenband aus den Niederlanden“ zu sein, haben sich aber im Verlauf der letzten zehn Jahre zu einem hervorragenden, absolut sympathischen Live-Act entwickelt. Frontfrau Charlotte Wessels sieht nicht nur super aus, sondern verfügt auch über eine tolle Ausstrahlung und eine starke Stimme, während man dem Rest der Truppe die Spielfreude förmlich ansieht. Starke Show! (jp)
Mit den Auftrittszeiten von TANKARD beim BYH ist es so eine Sache, und gleich zum Einstieg beziehen die Hessen dazu humorvoll Stellung. Gelungen ist auch die Stehkneipe, die man auf der Bühne aufbaut und die der Veranstalter und sein Team nutzen, um der Show aus nächster Nahe beizuwohnen. Zu sehen gibt es einen gewohnt erstklassigen, kurzweiligen und unterhaltsamen Alcoholic-Metal-Auftritt. Wenn am Schluss das Publikum „Oh, wie ist das schön“ anstimmt und Gerre einen BH einheimsen kann, sagt das alles.
Perfektes Sommerwetter und GREAT WHITE – das passt zusammen, und so bringt die Truppe aus Los Angeles California-Feeling auf die Schwäbische Alb. Für die meisten Zuschauer ist es heute auch der Erstkontakt mit dem neuen Frontmann Terry Ilous, und der macht seine Sache erstklassig. Stimmlich kann er mit seinem Vorgänger Jack Russell mithalten, bietet aber einen anderen Bühnenauftritt. Zwar lässt sich über die Setlist, bei der einige Klassiker fehlen, streiten, mit dem Doppelpack ´House Of Broken Love´/´Save Your Love´ demonstriert man aber eindrucksvoll, wie sich Blues und Hardrock zu einer einmaligen Melange verbinden lassen. Daumen hoch! (wk)
GRAVE DIGGER spielen nach ihrem Hallen-Gig vor zwei Jahren diesmal wieder auf der Hauptbühne und haben ein launiges, gut ausgewähltes Best-of-Set im Gepäck. Das Bühnenbild ist dank der auf der Stage aufgestellten Särge und eines schicken Backdrops stimmig, die Mucker allesamt in guter Form – und Chris Boltendahl sympathisch wie eh und je. Gute Show, deren Highlight der Doppelschlag aus ´Heavy Metal Breakdown´ und ´Rebellion´ ist. (jp)
URIAH HEEP starten mit ´Gypsy Queen´ und ´Look At Yourself´ und haben das Publikum damit sofort im Griff. Perfekt kombiniert man Klassiker mit dem gelungenen neuen Material, und wer bei ´Lady In Black´ oder ´July Morning´ keine Gänsehaut bekommt, dem ist nicht mehr zu helfen. Im Mittelpunkt stehen Frontmann Bernie Shaw und der charismatische Mick Box, die sichtlich Spaß an ihrem Auftritt haben. Ich würde darauf wetten, dass die Briten von all den Rock-Veteranen noch am längsten durchhalten. Dass allerdings die gewohnte Schlussnummer ´Easy Livin´´ heute fehlt, überrascht dann doch. (wk)
´Midnight Mover´, ´Breaker´, ´Princess Of The Dawn´, ´Restless And Wild´, ´Son Of A Bitch´, ´Balls To The Wall´, ´Fast As A Shark´ – DIRKSCHNEIDER spielen einen frühen Accept-Klassiker nach dem anderen, wobei die U.D.O.-Band absolut top ist: arschtighte Rhythmus-Sektion plus zwei exzellente Gitarristen mit Technik und Gefühl, die ihre Soli teils für herrliche Mitsingspielchen nutzen (vor allem bei ´Metal Heart´), und dazu natürlich Udo himself, an dessen unvergleichliche Stimme nun mal niemand heranreicht – nein, auch kein Mark Tornillo, bei allem Respekt. Spätestens als beim abschließenden ´Burning´ die Bühne in Flammen steht, ist klar, wer heute der eigentliche Headliner ist. So voll und laut wird es auf dem Gelände danach nämlich nicht mehr. (ms)
ICED EARTH als Headliner anzusetzen, war eine durchaus mutige Entscheidung, zumal die Band für die Show ihren Studioaufenthalt unterbricht und somit Gefahr läuft, ein wenig aus der Live-Übung zu sein. Sollte man zumindest meinen, doch die US-Power-Metaller um Gitarrist Jon Schaffer zeigen sich in Topform – vor allem Frontmann Stu Block liefert eine unglaubliche Performance ab und löst bei Tracks wie ´Burning Times´, ´My Own Savior´ und ´Watching Over Me´ eine Gänsehaut-Attacke nach der anderen aus. Schaffer verzichtet nach seiner Nackenwirbel-OP vor zwei Jahren sicherheitshalber aufs Headbangen und konzentriert seine Energie auf den Sechssaiter, unterbrochen von einer emotionalen Dankesrede an Festival-Veranstalter Horst E. Franz. Die Setlist konzentriert sich dank des 20-jährigen Jubiläums mit sechs Songs vor allem auf „The Dark Saga“, womit sich die Meckereien eines gewissen Kollegen, nennen wir ihn mal Vince Peters („Die spielen ja nur neues Zeug!“), als maßlos übertrieben erweisen. Abschließend leiten Horst und sein Töchterchen das traditionelle Feuerwerk ein, zu dem die Festivalbesucher einstimmig Twisted Sisters ´We´re Not Gonna Take It´ schmettern. Schön war´s, bei Iced Earth und beim BYH. Bis zum nächsten Mal! (am)

Auf dem Bang Your Head trotzten Wind, Regen und Sonne: Jens Peters (jp), Alexandra Michels (am), Marcus Schleutermann (ms) und Wolfram Küper (wk)

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DIE HALLE


Mittwoch


2015 wurde das Bang Your Head anlässlich seines 20-jährigen Bestehens um einen Tag verlängert. Da die Aktion offensichtlich ein voller Erfolg war, halten die Veranstalter auch dieses Jahr daran fest. Die Warm-up-Show in der Balinger Messehalle findet dementsprechend ebenfalls einen Tag früher statt. Die NITROGODS haben die Ehre, das Festival zu eröffnen, und machen mit ihrem rotzigen Rock´n´Roll eine durchweg gute Figur. Obwohl es in der Halle warm und stickig ist, stehen nicht wenige Besucher vor der Bühne. Beim abschließenden Cover des Motörhead-Klassikers ´Ace Of Spades´ kommt Fronter Claus Larchner Lemmy (Gott hab ihn selig!) stimmlich verdammt nahe – coole Nummer!
Was die New Yorker Hardcore-Legende PRO-PAIN im Billing zu suchen hat, will sich sowohl mir als auch einem Großteil der Besucher, die auf den Gig eher ratlos als ausgelassen reagieren, nicht so wirklich erschließen. Technisch stark und durchaus souverän agierend, stehen die Jungs musikalisch zwischen dem Rest der Bands auf verlorenem Posten. Schade drum!
Bei den neu besetzten RAGE sieht die Sache natürlich ganz anders aus: Peavy und seine Männer wissen, wie man das Publikum einfängt, und zocken einen gut einstündigen Gig, bei dem nicht nur unser Frollein Michels (seit jeher ein ausgemachter Fan der Truppe) vollkommen steil geht. Dankenswert ist, dass die Band ihre wiederentdeckte Auf-die-Fresse-Attitüde auch auf der Bühne transportiert. Willkommen zurück, die Herren!
Dass OVERKILL live eine absolute Bank sind, dürfte sich nach über 35-jähriger Bandgeschichte bis zum allerletzten Headbanger rumgesprochen haben. Es ist also wenig verwunderlich, dass die Halle pünktlich zur Show des Fünfers im wahrsten Sinne des Wortes aus allen Nähten zu platzen droht. Fronter Blitz ist mit seinen inzwischen (kaum zu glauben!) 57 Jahren immer noch ein wahnsinniges Energiebündel und liefert wie kein anderer an diesem Abend ab, und dass sehr viele der heute gespielten Songs aus den Achtzigern stammen, tut sein Übriges. Die Crowd rastet aus, die Band gibt im Gegenzug noch mehr Gas – alles ist gut.
SODOM bringen als Tagesheadliner ein Stück musikalische Ruhrpott-Geschichte ins Schwabenländle, sind wie immer grundsympathisch und rumpeln sich gediegen durch ihren 90-minütigen Set, dessen Schwerpunkt auf dem „Agent Orange“-Album und der „In The Sign Of Evil“-EP liegt. Fronter Tom Angelripper prostet der Menge, die dank der späten Stunde schon ordentlich ausgelaugt, aber immer noch in Feierlaune ist, wiederholt zu und betont, dass er im Anschluss an die Show selbst ein paar Bierchen vernichten wird, Bernemann (g.) und Makka (dr.) sind souverän wie eh und je, und mit ´Iron Fist´ huldigt die Truppe dem verstorbenen Motörhead-Fronter. Ein würdiger Abschluss für den ersten Festivaltag.

Donnerstag

80 Minuten Spielzeit für den Opener der Hallenbühne sind eine Menge, bei DEBAUCHERY VS. BLOOD GOD handelt es sich allerdings um zwei Bands mit den gleichen Musikern, heute erstmals als Doppelpack. So gibt es eine Show mit Nummern aus der Debauchery- und Blood-God-Diskografie und natürlich die angekündigte Präsentation der neuen gemeinsamen Scheibe. Keine schlechte Idee, die beiden Bands zusammenzubringen, denn als gemischtes Doppel sorgt man für die nötige Abwechslung und bietet mit seinem kleinsten gemeinsamen Nenner ´Painkiller´ ein fettes Priest-Cover.
Respekt: Für den Festivalauftritt hat es der Veranstalter geschafft, VOODOO X zu reformieren, und das lohnt sich. Zunächst beeindruckt Paradiesvogel Jean Beauvoir damit, wie gut er sich über die Jahre gehalten hat, und Keyboarder Jörn-Uwe Fahrenkrog-Petersen sieht man lieber auf der Bühne als im TV als Juror bei seichten Castingshows. Absolut professionell spielt man fast das gesamte Debüt aus dem Jahr 1989 (wobei nur das schmalzige ´Happy Birthday´ abfällt) und hat zum Abschluss des souveränen Auftritts das Led-Zep-Cover ´Rock´n´Roll´ auf Lager.
Auch DARE liegen dem Veranstalter besonders am Herzen, und trotz eines Todesfalls in der Familie des Bandleaders und eines Fingerbruchs beim Gitarristen ziehen die Briten ihren Auftritt durch. Zwar fängt die Show aufgrund der unpassenden Songauswahl etwas verhalten an, aber nach dem Thin-Lizzy-Cover ´Emerald´ kriegt man die Kurve und beweist, wie toll sich keltische Elemente mit melodischem Hardrock verbinden lassen.
Bei EQUILIBRIUM (im Programmheft noch mit ihrer alten Bassistin abgedruckt) fressen die Fans den Bayern aus der Hand und machen ihre Show wie gewohnt zur Party. Zwar lässt sich der deutsche Gesang kaum verstehen, aber das ekstatische und textsichere Publikum singt eh für sich und macht den Auftritt zu einem Triumphzug für die Münchner.
Wer danach noch Kraft hat, lässt den Abend mit EKTOMORF ausklingen.
 
Freitag

Die Halle ist heute mit drei Bands von der Insel in britischer Hand. Und ähnlich wie beim Brexit gibt es Chaos mit dem Zeitplan, an den sich keiner halten will oder kann. Die entscheidenden Fragen beim Opener TIGERTAILZ sind natürlich erst mal: Sitzen die Haare, die Bänder, der Fuchsschwanz und das Make-up? Das tun sie, und Veteran Jay Pepper hat ein ordentliches Line-up am Start, wobei ihm besonders mit Frontmann Rob Wylde ein Volltreffer gelungen ist. Die Songs bewegen sich teilweise haarscharf an der Trennlinie zum Poison-Kitsch, sorgen aber insbesondere in Gestalt von Ohrwürmern wie ´Livin´ Without You´ oder ´Love Bomb Baby´ für ein gutes Party-Feeling. Letztlich ein gelungener Auftritt, nur der Drummer sollte an seiner Fangtechnik üben, denn immer wieder fallen ihm seine Sticks beim Jonglieren runter.
Dass NAZARETH auch ohne Dan McCafferty funktionieren, haben die Schotten letztes Jahr beim Rock Of Ages bewiesen. Mit Carl Sentance hat man den bestmöglichen Ersatz gefunden, der nur den Dudelsackeinsatz bei ´Hair Of The Dog´ vermissen lässt. Abgesehen davon reiht die dienstälteste Band des Festivals einen Klassiker an den anderen und beweist, dass man noch lange nicht zum alten Eisen gehört. Einziger Wermutstropfen: Die Spielzeit wird nicht ausgeschöpft, man hätte noch 20 Minuten länger zocken dürfen.
GRAVE profitieren davon, dass sich der Start von Twisted Sister auf der Hauptbühne verzögert. Nach der dritten Nummer ´Morbid Way To Die´ bietet sich ein letztes Mal die Chance, auf der Mainstage Dee Snider & Co. zu sehen, und so sind die Die-hard-Death-Metaller dann unter sich.
Bei der Rückkehr in die Halle wundert bzw. ärgert man sich, dass SATAN früher angefangen haben. Für die Show gilt das Gleiche wie für den Auftritt beim Rock Hard Festival im Mai: eine Zeitreise in die Glanzzeiten der NWOBHM, souveränes neues Material, welches mit den Klassikern mithalten kann, und ein glänzend aufgelegter Brian Ross (der mit seinem Schuhwerk auch bei den Leningrad Cowboys anheuern könnte).
Besser kann der Abend in der Halle nicht enden. Wer will, kann sich anschließend aber noch KILLCODE geben. (wk)

Samstag

WARPATH eröffnen am späten Nachmittag die Hallen-Action mit einer hammerharten Mischung aus Thrash und Doom, die Frontmann Dirk „Dicker“ Weiss als „schattige Musik“ bezeichnet. Obwohl die Hamburger, die 2015 ihre Reunion bekannt gaben, anfangs einem recht spärlichen Publikum gegenüberstehen, brettern sie mit alten Schätzchen wie ´Massive´ und ´Remember My Name´ unbeirrt weiter, locken immer mehr Headbanger vor die Bühne und belohnen die Fans mit der Kunde vom neuen Album, das noch dieses Jahr erscheinen soll. Fett! (am)
TYKETTO spielen ihr Debüt „Don´t Come Easy“ am Stück – allerdings in umgekehrter Reihenfolge, da man ja wohl kaum mit dem größten Hit ´Forever Young´ anfangen könne, wie Sänger Danny Vaughn mit verschmitztem Grinsen erklärt. Der ungemein sympathische Frontmann ist ein absolutes Phänomen: Er singt nicht nur wie vor 25 Jahren, sondern sieht auch noch so aus. 55 soll er sein? Niemals! Die satt groovende Band hat sichtlich Spaß, und die gut gefüllte Halle singt jeden Refrain lautstark mit. Das Beste: Ein neues Album und eine Tour sollen zeitnah kommen! (ms)
THRESHOLD treten parallel zu Dirkschneider auf, erfreuen sich aber dennoch einer beachtlichen Zuschauerdichte. Vollkommen zu Recht, denn die Briten machen ihrem Ruf als hervorragende Live-Band alle Ehre und verbinden harten, progressiven Metal mit großartigen Melodien, die das bangende Köpfchen so schnell nicht mehr verlassen werden. Sänger Damian Wilson erweist sich zudem als echte Stimmungskanone und wirbelt immer wieder durch die Menge, ohne dabei auch nur ein Tönchen zu versemmeln. (am)
Im Duell Headliner gegen Death-Metal-Act in der Halle schneiden UNLEASHED wesentlich besser ab als Grave am Vorabend. Mit „Welcome warriors!“ begrüßt Frontbanger Johnny Hedlund das Publikum, und es folgt ein gelungener Auszug aus der Diskografie der Schweden. Dass man dabei ´To Asgaard We Fly´ Lemmy widmet, ist naheliegend. (wk)
Über das, was CREMATORY zum Abschluss vor gefühlten drei Dutzend Hanseln in der Halle veranstalten, deckt man besser den Mantel des Schweigens. Eine Sache würde ich allerdings aus musikwissenschaftlichem Interesse brennend gerne wissen: Nachdem die Truppe 2001 in Wacken ihre Auflösung bekannt gegeben hat, muss es genügend Leute gegeben haben, die laut „Reunion!“ geschrien haben. Warst du einer von ihnen? Dann melde dich unter leserbriefe@rockhard.de! (jp)

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ANEKDOTEN


Do it yourself: Am Eröffnungsabend sieht man VICIOUS RUMORS-Mastermind Geoff Thorpe stundenlang rund um das Gelände und in der Halle Werbeplakate für sein neues Album aufhängen – und obwohl seine Band erst nächstes Jahr in Balingen am Start sein wird, ist er schon diesmal bei der Autogrammstunde dabei. (wk)

Während der Getränkeladen am Gelände wie jedes Jahr am Samstag pünktlich schließt und sich den Umsatz des Jahres entgehen lässt, ist der Tennisclub geschäftstüchtiger. Da Camping auf dessen Gelände von der Stadt eigentlich verboten ist, nimmt man die Camper als Mitglieder auf und überlässt ihnen die Grünfläche. (wk)

Geben sich Veranstalter üblicherweise bei den Getränkewünschen von TANKARD eher knauserig, wundert sich die Truppe dieses Mal über vier (!) gut gefüllte Marshall-Bühnenkühlschränke mit Rotwein, Bier, Wodka und Jack Daniel´s. Nur Apfelwein fehlt. (wk)

BABYLON A.D. hocken Donnerstagnacht sichtlich angetrunken im Innenhof ihres Hotels und diskutieren leidenschaftlich darüber, warum immer noch kein neues Album am Start ist. Schuldzuweisungen gibt es reichlich (Höhepunkt: „Deine neuen Riffs klingen wie Stone Temple Pilots!“), Lösungsansätze eher wenige. Trotz allem Gezänk aber ein sympathischer Haufen, der verschworen zusammenhält und immer weitermacht. (ms)

Teuflisch gute Auswirkungen hatte das BYH auf die Besucherzahlen des Balinger Freibads: Die Sport- und Duschstätte verzeichnete am Festivalfreitag 666 zahlende Gäste. (am)

Kollege Peters gab sich zwar die größte Mühe, seinen von Mandy besetzten Thron als redaktionsinterner Partykönig zurückzugewinnen, knickte allerdings schon bei der Warm-up-Party am Mittwoch deutlich ein und hielt in der Umbaupause zwischen Overkill und Sodom ein „kleines Nickerchen“. Kleiner Trost: Auf dem Siegertreppchen für das beste Make-up stehst du weiterhin ganz oben, Jens! (am)

Nach dem Festival ist vor dem Festival: Für das nächstjährige Bang Your Head bestätigte Veranstalter Horst vor Ort nicht nur das US-Metal-Abrisskommando VICIOUS RUMORS, sondern auch Ex-Mötley-Crüe-Fronter VINCE NEIL, der in Balingen einen bunt gemischten Strauß von Songs seiner inzwischen aufgelösten Stammband zum Besten geben wird. Die Rund-SMS, die ich nach der Ankündigung in einem Anflug von (selbstverständlich vollkommen gerechtfertigter) Euphorie an meine Redaktionskollegen verschickt habe, stieß eher auf „gemischte“ Reaktionen. Banausen, allesamt! (jp)

Bands:
SODOM
SLAYER
CANDLEMASS
CARCASS
TESTAMENT
OVERKILL
ICED EARTH
TWISTED SISTER
URIAH HEEP
MANILLA ROAD
ANNIHILATOR
Autor:
Wolfram Küper
Marcus Schleutermann
Alexandra Michels
Jens Peters

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