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ToneTalk 27.05.2020, 08:00

ORDEN OGAN - »Metal ist das Schwierigste, was man mischen kann«

Sebastian „Seeb“ Levermann ist nicht nur der musikalische Kopf der Bombast-Metaller Orden Ogan, sondern lebt sich als Klangtüftler auch in seinem eigenen Studio aus. Das Greenman im schönen Sauerland ist längst zu seinem zweiten Standbein geworden, wobei der Gitarrist und Sänger vorwiegend artverwandte Bands betreut, ohne zwanghaft jeden Auftrag annehmen zu müssen.

Seeb, wie bist du als Musiker auf die Produzenten-Schiene gerutscht?

»Wahrscheinlich ging es mir genauso wie vielen anderen auch. Als wir mit Orden Ogan unsere ersten Sachen aufnehmen wollten, sahen wir uns nach Studios in der Umgebung um, die aber alle entweder zu teuer oder stilistisch anders ausgerichtet waren, weshalb ich den Leuten dort unsere Musik nicht anvertrauen wollte. Als Band haben wir immer einen Do-It-Yourself-Ansatz verfolgt und die Aufnahmen darum selbst in die Hand genommen. Früher war es wesentlich schwieriger, sich das nötige Wissen anzueignen, wohingegen man sich heute YouTube-Anleitungen ansehen kann. Als ich mit 17, 18 anfing, hatte man außerdem nicht einmal Rechner, die fit genug waren, um die aufkommenden Datenmengen zu verarbeiten.«

Hast du Schlüsselgeräte, ohne die du nicht arbeiten könntest, und gehörst du auch zu denjenigen, die sich lautstark für oder gegen digitale Mittel aussprechen?

»Es ist schon so, dass ich ein hybrides Setup auffahre und ein analoges Outboard habe. Ich bin also nicht nur mit einem Laptop unterwegs, sondern habe ein richtiges Mischpult (lacht). Mein allerwichtigstes Werkzeug sind die Ohren und meine Erfahrungen als Engineer, aber wenn es darum geht, was man mit Geld kaufen kann, muss ich Monitorboxen und Raumakustik nennen. Um zu verstehen, was klanglich passiert, muss man die Musik gut hören, wozu man keine extrem teuren Equalizer oder Kompressoren braucht.«

Auf der Webseite deines Studios hast du dem sogenannten Stem-Mastering einen besonderen Abschnitt gewidmet. Erklär bitte mal für Laien, was es damit auf sich hat.

»Ab und zu kommen ganz kleine Bands ohne Aufnahmebudget zu mir, die selber herumgewurstelt haben, allerdings ohne entsprechende Voraussetzungen zum Abhören. Das Ergebnis klingt dann nach dem Mischen oft entweder zu hell oder zu basslastig und nicht professionell. Stem-Mastering ist quasi ein Zwischending, halb Mastering und halb Mix. Die Musiker geben mir ihre vorgemischten Subgruppen, z.B. aufgeteilt in „Gitarren“, „Drums“, „Bass“, „Vocals“. Daraufhin optimiere ich deren Sound einzeln, statt nur die gesamte Stereo-Summe zu verändern.«

Manche behaupten immer noch, man könne ruhig schludrig aufnehmen, weil sich hinterher alles geradebiegen lasse.

»Ich habe ja mit alledem angefangen, um meine eigenen Vorstellungen umzusetzen, doch dann baten mich immer mehr andere Bands, ihnen zu helfen, weshalb ich mir dachte: Wenn ich etwas mache, dann richtig! Dazu musste ich mich hinsetzen und sehr lange üben, weshalb ich jetzt mit dem Anspruch arbeite, das Bestmögliche herauszuholen. Durch Orden Ogan habe ich den Vorteil, finanziell so gut abgesichert zu sein, dass ich nicht jede Band durchschleifen muss, um meine Miete zu bezahlen. Wie dem auch sei, ein Mischpult ist kein Klärwerk: Wenn vorne Scheiße hineinläuft, kommt hinten auch Scheiße raus. Retten kann man schon viel, aber wenn man etwa fetten Ami-Produktionen das Wasser reichen und alles richtig geil machen will, zählt selbst das kleinste Detail. Ich würde sagen, das Equipment macht ganz am Ende beim Mix und Mastering fünf bis zehn Prozent aus. Alles andere hängt von der Wahl der Instrumente, dem Raum, in dem man sie spielt, und verschiedenen Aufnahmefaktoren ab: der Position der Mikrofone, dem Stil der Musiker oder der Stimmung der Saiten.«

Immerhin steht und fällt insbesondere im Rock und Metal alles mit der Umsetzbarkeit des Materials auf der Bühne.

»Da ich mich schon in vielen anderen Bereichen umgeguckt habe, muss ich tatsächlich sagen, dass Metal das mit weitem Abstand Schwierigste ist, was man mischen kann. Sobald nämlich die beiden Staubsauger namens Gitarren links und rechts loslegen, wird das Frequenzspektrum dermaßen dicht, dass man oft nur noch Rauschen hört. Wer diesen Krach bändigen kann, dürfte auch mit kaum etwas anderem Probleme haben.«

Wie gehst du beim Mastering von CDs im Vergleich zu LPs vor?

»Ich bin generell kein Fan von überlauten Produktionen, aber man muss wegen der heutigen Hörgewohnheiten einen Mittelweg finden. Für Vinyl kann man zum Glück gar nicht so krass komprimieren, denn wenn man die Regler da zu weit hochfährt, fängt die Nadel an zu springen. Würde man das tun, bekäme man den Kram vom Presswerk zurück, weil er schlicht unhörbar ist. Hinzu kommt außerdem, dass Streaming-Dienste wie Spotify dazu übergegangen sind, Songs in puncto Lautstärke anzugleichen, was mich echt ärgert. Unser letztes Album etwa klingt dort komisch – nicht nur leiser, sondern auch wie durch irgendein Effektgerät gejagt. Der Sound wurde völlig verfremdet. Durch solche Abstriche lassen sich Musikdateien aber andererseits überhaupt erst vom Handy auf eine Stereoanlage übertragen oder mit einem hochwertigen Kopfhörer hören. Ich nutze solche Dienste ja selbst, von daher bin ich nicht dogmatisch. Einem Filmproduzenten muss auch egal sein, ob der Zuschauer sein Werk später auf einem Smartphone streamt.«

Stichwort Endorsements: Du listest eine ganze Reihe von Herstellern auf, die die Greenman Studios unterstützen.

»Das ist gerade im Software-Bereich wichtig, etwa bei den Plugins von Slate Digital oder Universal Audio. Deren ganze Produktpalette dürfte an die 35.000 Euro veranschlagen, weshalb im Grunde nur wenige sie kaufen können. Genau das will ich aber, bei mir findest du keine Testversionen auf dem Computer. Davon abgesehen lässt man sich aber auch auf solche Deals ein, um über die eigenen Grenzen hinaus bekannter zu werden. Natürlich richtet man sich da nur an einen kleinen, elitären Kreis, denn die Recording-Szene ist doch sehr überschaubar.«

Wie arbeitest du über weite Entfernungen hinweg mit anderen Künstlern, was ja dieser Tage nichts Unübliches mehr ist?

»Dazu fällt mir die letzte Scheibe von Rhapsody Of Fire ein. Die Schlagzeugspuren sind hier bei mir entstanden, während ihr Keyboarder Alex Staropoli den Gitarrenkram und die Orchesterparts bei sich zu Hause in Italien aufnahm. Dann sandte er mir alles zum Mischen zu, wobei es eine Zeit lang hin und her ging, was für mich insofern etwas Neues war, als wir während des gesamten Ablaufs kein einziges Mal miteinander telefonierten. Es ging echt nur per Mail über die Bühne, was bei der Vielzahl von Spuren, die er mir schickte, erstaunlich ist. Fernkommunikation ist darüber hinaus aber längst Usus. Allein schon wegen der geografischen Distanz, z.B. mit Armored Dawn aus Brasilien, kann man sich nicht mit den Leuten treffen, und auch Telefonieren fällt aufgrund der Zeitverschiebung schwer.«

www.greenman-studios.de

Bands:
ORDEN OGAN
Autor:
Andreas Schiffmann

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