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ToneTalk 26.06.2013

MELECHESH - »Rhythmusgitarristen sind die wirklichen Mozarts«

NAME: Ashmedi
BAND: Melechesh
INSTRUMENT: Gitarre und Gesang

Ashmedi, wann hast du angefangen, Gitarre zu spielen, und was war der Auslöser?

»Damals habe ich noch in Jerusalem gelebt und hörte Sachen wie „Shout At The Devil“ von Mötley Crüe und später Metallica und Slayer. Den Sound einer Gitarre mochte ich aber schon immer, denn in dem Haus, in dem ich aufwuchs, war Rockmusik ständig präsent. Irgendwann habe ich dann mal eine Akustikgitarre in die Finger bekommen und sofort angefangen zu sparen, um mir meine erste E-Gitarre zu kaufen.«

Was war deine erste E-Gitarre für ein Modell, und besitzt du sie noch?

»Leider nein. Ich habe sie mal an jemanden verkauft, und er hat sie mir nie wieder zurückgegeben. Vielleicht sollte ich ihn umbringen (lacht). Während des ersten Golfkriegs bin ich für ca. ein Jahr nach Miami gezogen, da war ich so 15 Jahre alt. Meine Mutter war alleinerziehend und hat ganz bestimmt ihr Bestes für mich gegeben, mich z.B. auf eine Privatschule geschickt, hatte aber absolut kein Geld, mir eine E-Gitarre zu kaufen. In Miami bin ich dann mit ca. 70 Dollar in der Tasche in ein Pfandhaus gegangen und habe mir eine Second-Hand- oder besser gesagt Tenth-Hand-Gitarre von Hondo gekauft. Das war damals neben Aria eine der wenigen Marken, die richtig günstige Einsteigermodelle im Programm hatten. Als einziges Auswahlkriterium für die Gitarre stand die Frage im Rau: James Hetfield oder Dave Mustaine? Also Explorer oder Flying V? Ich entschied mich für die Explorer und somit für James Hetfield (lacht) und hatte nicht den leisesten Hauch einer Ahnung von Gitarren. In einem anderen Laden wollte ich mir dann noch einen Amp besorgen, kannte aber noch nicht mal das Wort Distortion und habe den Typen da einfach gefragt, ob er es hinbekommt, dass meine Gitarre „ggrrzzsch, ggrrzzsch, ggrrzzsch“ macht (lacht). Als ich mit dem Kram dann zurück nach Jerusalem gekommen bin, waren meine Freunde ziemlich happy, denn ich hatte eine Gitarre in einer Metal-Form. Ich schwöre dir, ich würde alles dafür zahlen, um diese Gitarre zurückzubekommen.«

Hast du damals Unterricht genommen oder dir alles selbst beigebracht?

»Als ich in den USA lebte, lief den ganzen Tag Metal auf MTV, weil diese Musik damals sehr populär war, egal ob Suicidal Tendencies, Slayer, Megadeth oder Nuclear Assault. Immer wenn irgendetwas davon lief, habe ich mir die Gitarre geschnappt und versucht, das zu imitieren. Allerdings habe ich nicht viel mehr auf die Reihe bekommen, als ständig die Saiten kaputtzumachen, weil ich keine Ahnung hatte, wie hart ich anschlagen musste. Also bin ich jeden Tag wieder in den Gitarrenladen gerannt und habe dort gefragt, wie man es hinbekommt, nicht ständig die Saiten zu zerschreddern (lacht). Mein Amp war ebenfalls ziemlich beschissen, er hat ständig irgendwelche kubanischen Piratensender empfangen. Nach ca. einem Jahr hat mir dann mal jemand erklärt, wie eine Gitarre überhaupt gestimmt wird, und zur gleichen Zeit zeigte mir jemand anderes, was ein Powerchord ist (lacht). Danach ging es dann erst richtig los, dass ich mir z.B. mal eigene Riffs überlegt habe.«

Hattest du ein Vorbild, an dem du dich orientiert hast?

»Ganz ehrlich: Nein. Ich habe damals nie für mich alleine irgendwelche Songs gecovert. Mir waren die Bands als Gesamtgefüge und die Songs immer wichtiger als einzelne Musiker. Natürlich habe ich zu James Hetfield aufgeschaut und liebte Dave Mustaine, Kerry King und Jeff Hanneman, aber letztendlich ging es immer um die Bands und um den Sound. Beim Death Metal hat mich dann das schnelle Single-Note-Picking beeindruckt, weil ich bis dahin immer Powerchords gespielt hatte, wie es eher im Thrash üblich war. Viele, viele Jahre, also genau genommen ca. drei Jahre später (lacht), was für einen Jugendlichen ja eine ganze Generation ist, habe ich dann Mercyful Fate entdeckt und war komplett von den Socken. Von ihnen habe ich die Dynamik und die Grooves gelernt und gemerkt, dass das Griffbrett ein wahrer Spielplatz zum Austoben sein kann. Hank Shermann und Michael Denner haben mir die Augen geöffnet und mich definitiv sehr stark beeinflusst.«

Welche deiner Gitarren ist am teuersten oder seltensten?

»Die seltenste ist eine ziemlich billige Gitarre, zwölfsaitig und markenlos, eine Les Paul mit sehr schönen Inlays im indischen Stil. Eine andere Gitarre, die mir sehr viel bedeutet, ist eine sehr billige Jackson, die in Korea hergestellt wurde. Die habe ich zusammen mit ein paar Freunden 1994 gekauft und seitdem jedes Album auf ihr geschrieben. Alles andere sind ziemlich teure Gitarren, die ab 2.500 Dollar aufwärts kosten, wie einige Jacksons aus der USA-Serie. Insgesamt besitze ich aber nur neun Gitarren, da ich kein Sammler bin.«

An welcher Gitarre hängst du am meisten?

»Als ich damals diese Les Paul auf eBay gekauft habe, dachte ich im Vorfeld, im schlimmsten Fall sieht sie einfach nur gut aus, im besten Fall kann ich auf ihr spielen. Ich bin eigentlich kein Drogentyp, aber ich habe mir ein paar Mal im Rahmen spiritueller Rituale ein paar Mushrooms eingeworfen. Während eines Trips habe ich einfach mal angefangen, auf dieser Gitarre zu spielen, was sich dann so lange hingezogen hat, bis mir der Arm wehtat. Allerdings bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass Extreme Metal auch auf einer zwölfsaitigen Gitarre funktioniert. Ich fühle mich auf einer Les Paul aber nicht so richtig wohl. Ich mag es eher, wenn die Bridge der Gitarre in etwa in meiner Körpermitte und nicht seitlich versetzt ist, wie es bei den meisten anderen Gitarristen der Fall ist. Eine Les Paul hängt aber nun mal so, dass man meistens ein bisschen seitlich spielt, also habe ich mir die Gitarre zwischen die Beine geklemmt, und es hat funktioniert. Das ist übrigens auch der Grund, warum ich V-Shapes mag. Sie sind für mich einfach am funktionalsten. Dann war die Idee geboren, irgendwo eine zwölfsaitige Gitarre in V-Shape herzubekommen, aber alle Custom-Hersteller, bei denen ich angefragt habe, wollten unglaubliche Summen dafür haben. Fernandes waren allerdings recht schnell an dem Projekt interessiert und haben angeboten, mir ein Signature-Modell zu bauen, das mittlerweile fertiggestellt und auf den Namen Vortex Scimitar getauft wurde. Ich schätze, das ist die erste zwölfsaitige Gitarre in V-Form, die in Serie hergestellt wird. Die meisten Leute haben keine Ahnung, was eine zwölfsaitige Gitarre überhaupt ist, und bringen sie höchstens mit ´Stairway To Heaven´ in Verbindung. Klar sind das schöne Akkorde, aber ich spiele Death-, Thrash- und Black Metal auf dieser Gitarre. Mit gutem Equipment und einer etwas tieferen Stimmung klingen dann selbst Powerchords plötzlich so, als habe man ein Orchester oder einen Sturm hinter sich. Das ist sehr effektvoll. Single Notes klingen auf einer normalen Gitarre ja relativ leer, auf dieser Zwölfsaitigen hingegen sehr voll. Durch meine ersten Erfahrungen auf der Zwölfsaitigen habe ich angefangen, ganz anders zu spielen, und drei Songs von unserem letzten Album „Epigenesis“ sind nur deshalb entstanden. Ich hätte auf einer normalen Gitarre sicherlich nicht diese Ideen gehabt.«

Benutzt du ein herkömmliches 12-String-Tuning, bei dem die zweite Saite jeweils eine Oktave höher gestimmt ist?

»Nein. Die H- und die hohen E-Saiten stimme ich exakt gleich. Der Trick dabei ist, die Saiten ganz leicht zu verstimmen, so dass man eine Art Chorus-Effekt bekommt. Bei den restlichen vier Saiten sind es in der Tat Oktaven. Allerdings habe ich die Gitarre einen kompletten Ton tiefer auf D gestimmt, also kein Dropped-D-Tuning. Das Stimmen und Nachstimmen einer Gitarre nervt mich in der Regel ziemlich, und da ich Tremolos auch nicht mag, hat die Gitarre eine feste Brücke. Sechs Saiten werden durch den Body gezogen, sechs an der Brücke befestigt. Ich schätze, in Europa dürfte der Preis knapp unter 1.000 Euro liegen, was für eine Gitarre mit durchgehendem Hals und einem originalen EMG-Tonabnehmer meiner Meinung nach günstig ist.«

Gibt es einen Song, ein Riff oder ein Solo, auf das du besonders stolz bist?

»Ja klar, z.B. das Hauptriff von ´Ghouls Of Nineveh´. Es gab Magazine, die der Meinung waren, dass Metallica auch in ihren alten Tagen nicht solch ein Riff auf die Reihe bekommen hätten. So etwas macht einen natürlich stolz, genauso wie die Tatsache, dass Leute wie Gary Holt oder die Jungs von Anthrax und Testament auf den Kram stehen. Ich glaube, bei ´Ghouls Of Nineveh´ ist es mir gelungen, die Grenzen zwischen Hardrock, Heavy Metal und Black Metal zu verwischen. Zumindest tritt es Arsch (lacht).«

Gibt es Sachen, die heute noch eine Herausforderung für dich darstellen?

»Wir haben einige Riffs, die unmöglich zu spielen sind, wenn ich sie nicht regelmäßig üben würde, z.B. das Hauptriff von ´Mystics Of The Pillar´, das man bestimmt auch einfacher spielen könnte, als wir es tun. Wir beurteilen ein Riff nie danach, wie schwer es zu spielen ist - es muss geschmackvoll sein und gut klingen. Hin und wieder passiert es dann aber, dass die Dinger doch ziemlich hart umzusetzen sind (lacht).«

Was ist wichtiger, Technik oder Feeling?

»Feeling! Jimi Hendrix - noch Fragen (lacht)? Musik ist Gefühl, und Technik ist Architektur.«

Kabel oder Sender?

»Kennst du jemanden, der im Studio schon mal mit einem Sender aufgenommen hat (lacht)? Auf der Bühne ist ein Sender aber definitiv praktischer, weshalb ich auch einen benutze. Die Dinger von Line 6 sind ziemlich gut, weil sie auf digitalen Wellen senden, und zudem sind sie auch noch recht günstig. Ich habe neulich mit Silenoz von Dimmu Borgir gesprochen, der wohl ein sehr teures System benutzt, damit aber ständig Probleme hatte. Das kommt wohl auch daher, dass Mobilfunkanbieter ständig irgendwelche Frequenzen kaufen und man immer weniger Optionen hat, wenn man kein digitales System benutzt.«

Röhre, Transistor oder Amp-Modeling?

»Definitiv Röhre. Mein Pre-Amp hat zwar auch eine Röhre, aber ich benutze ihn wirklich nur als Vorstufe für die Verzerrung. Der Hauptsound kommt über einen Röhren-Amp, auch wenn ich dessen EQ wiederum nicht benutze.«

Gehst du regelmäßig in Gitarrenläden, um neue Dinge auszuprobieren?

»Ich bin mit meinen Sachen zufrieden und auch kein Nerd in dieser Beziehung. Mein technisches Wissen bezüglich des Equipments beruht einzig und alleine auf meinen Bedürfnissen und meinen Tourerfahrungen. Wir touren sehr viel, und da lernt man einiges von z.B. Gitarren-Techs, verschiedenen Herstellerfirmen oder anderen Musikern. Von daher lese ich auch keine kommerziellen Gitarrenmagazine, weil sie meistens eher aus Anzeigen als aus wirklichen Tests bestehen.«

Was magst du lieber, die Arbeit im Studio oder Livekonzerte?

»Vor ein paar Jahren hätte ich sicherlich die Arbeit im Studio bevorzugt. Das ist das Labor, in dem man neue Töne erfindet und herumexperimentiert. Aber live auf der Bühne zu sein, macht süchtig. Mittlerweile mag ich also beides und versuche es miteinander zu verbinden. In letzter Zeit schreibe ich Musik und berücksichtige dabei, wie sie wohl live klingen und rüberkommen wird, was mich früher nie interessiert hat.«

Eine Gitarre oder Twin Guitars?

»Es kommt immer auf die Musik an, aber ich liebe Twin Guitars. Wenn z.B. die erste Gitarre links anfängt und dann irgendwann rechts die zweite dazukommt, ist das orgiastisch, da könnte ich durchdrehen (lacht). Ich mag es, dass zwei Gitarren sich eigentlich lieben und dennoch gegeneinander kämpfen, diese Synergie ist großartig. Dazu braucht es aber noch nicht mal zweistimmige Gitarren. Auch wenn ein Powerchord einfach nur gedoppelt wird, finde ich das geil.«

Was ist das beste Gitarrensolo, das du je gehört hast?

»Puh, keine Ahnung. Ich mag meistens eher einfache Sachen, die eine schöne Melodie besitzen. Mercyful Fate haben z.B. schöne Melodien. Manchmal klingen sie sogar so, als wenn die Gitarren falsch gestimmt wären, aber das sind sie nicht, die Sachen klingen einfach krank. Eine meiner absoluten Lieblingsbands ist Slayer. Die Solos, die ich am wenigsten mag, stammen aber auch von Slayer (lacht), doch das gehört bei ihnen einfach dazu. Bei Solos mag ich dann doch eher die geschmackvollen Sachen.«

Welcher Gitarrist sieht auf der Bühne am coolsten aus?

»Außer mir?«

Ja.

»(Lacht) Zakk Wylde, er ist ein Monster mit einer Gitarre.«

Welchen Gitarristen hältst du für unter- und wen für überbewertet?

»Ich will jetzt nicht unbedingt Namen nennen, aber grundsätzlich sind diejenigen überbewertet, denen es nur um Geschwindigkeit, Arpeggios usw. geht. Das alles ist letztendlich doch nur eine Frage der Übung und Ausdauer und hat nichts mit Kreativität zu tun. Das ist nichts anderes als z.B. ein Autorennen. Welche Karre ist die schnellste? So etwas nervt einfach. Klar, es gibt auch Leute wie z.B. Marty Friedman, die verdammt schnell und trotzdem sehr geschmackvoll und schön spielen. Grundsätzlich sind viele Gitarristen unterbewertet, die es eher langsam, dafür aber schön angehen lassen. Und natürlich die Rhythmusgitarristen, denn der Rhythmus ist die Seele der Musik, eines Songs und einer Band. Sie sind die wirklichen Mozarts und die wahren Komponisten, indem sie mit einem coolen Rhythmus eine Geschichte erzählen.«

www.facebook.com/melechesh
www.fernandesguitars.de

Bands:
MELECHESH
Autor:
Andreas Himmelstein

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