ToneTalk

ToneTalk 28.08.2019, 08:00

SPIRITUAL BEGGARS, TIAMAT, KING HOBO - »Meine Riffs entstehen beim Klimpern auf der Gitarre«

Multi-Instrumentalist PER WIBERG macht schon so lange Musik, wie er denken kann, und hat im Lauf seiner Karriere in zahllosen bekannten und weniger bekannten, aber allseits geschätzten Bands gespielt. Wir nehmen den ersten konsequenten Alleingang des stets gut gelaunten 50-Jährigen (»It´s Spargel season now in Germany, right? I love Spargel!«) zum Anlass für ein Gespräch über einige Wegsteine in seiner Karriere und sein künstlerisches Selbstverständnis.

Per, warum hat es rund 30 Jahre bis zu deinem ersten Soloalbum „Head Without Eyes“ gedauert?

»Die Ideen dazu haben sich im Lauf der Zeit angehäuft, aber es war nicht unbedingt als Soloalbum geplant. Es ist bloß so, dass es genau die Musik enthält, die ich spielen würde, wenn ich mich nicht als Teil einer Band der gemeinsamen Sache unterordnen müsste. Meine privaten Hörvorlieben sind breit gefächert, das ist manchen Kollegen zu bunt (lacht).«

Man kennt dich hauptsächlich als Keyboarder. Komponierst du auch in erster Linie auf diesem Instrument?

»Nein, im Grunde genommen entstehen meine Riffs oder ganze Songs beim Klimpern auf der Gitarre. Dass ich in jüngerer Zeit oft als Bassist bei Bands eingesprungen bin, hat diese Vorgehensweise zusätzlich begünstigt, weshalb ich mich derzeit auch bewusst zwinge, Stücke auf Orgel oder Klavier zu schreiben, quasi um zu meinen Ursprüngen zurückzufinden.«

Hast du eine klassische Ausbildung?

»Meine Eltern waren selbst keine Musiker, hörten aber viel Jazz und Blues. Durch sie lernte ich Sachen wie Neil Young, John Coltrane oder Mahavishnu Orchestra kennen. Meine erste selbst gekaufte Single war „Freedom“ von Jimi Hendrix. Ich bin dann von Klavierstunden relativ schnell zur Gitarre gelangt, und von dort zum Bass ist es nicht weit. Momentan scheint ein Mangel an guten Tieftönern zu bestehen, sonst hätte ich nicht so viel zu tun, aber zumindest bei Candlemass hat das nun ein Ende. Ich halte mir aber alle Türen offen, auch weil ich unberechenbar bleiben möchte.«

Wo liegen deine stilistischen Einflüsse?

»Im Blues und Psychedelic Rock, kein Zweifel. Das hört man meinen Solosachen auch deutlich an, schätze ich. Sie klingen jedenfalls sehr düster und verschroben. Ich finde, dass experimenteller oder avantgardistischer Kram häufig viel eindringlicher und finsterer ist als beispielsweise Metal, den ja viele für das Härteste überhaupt halten. Übrigens können auch Funk und Soul ziemlich heavy sein.«

Seit wann singst du?

»Schon lange, aber das weiß kaum jemand, weil ich es in Bands tue, die nicht jeder auf dem Schirm hat. Ich bin aber auch weder ein typischer Rock-Shouter noch eine traditionelle Metal-Heulboje, weshalb es durchaus sein kann, dass mich der eine oder andere bereits am Mikro gehört hat, ohne dass es aufgefallen wäre.«

Schaffst du es live, zu singen und parallel ein Instrument zu bedienen?

»Ja, und ich würde auch gerne mit den Songs von „Head Without Eyes“ touren, was aber logistisch schwierig ist. Eine eingespielte Band habe ich, bloß müssten die Mitglieder zeitlich auf einen Nenner kommen.«

Du hast über die Jahre mit einer langen Reihe von Produzenten gearbeitet, aber auch selbst umfassende Kenntnisse in diesem Bereich – woher?

»So etwas ergibt sich von selbst, wenn man musikalische Einfälle festhalten möchte. Man wurstelt halt so lange herum, bis das Aufgenommene ordentlich klingt, aber ich würde mich nicht als professionellen Produzenten bezeichnen. Vor allem das Abmischen würde ich mir nie zutrauen, das sollen erfahrene Leute tun.«

Bist du fanatisch, was analoges Equipment angeht?

»Mittlerweile nicht mehr. Ich habe diesen Fetisch aufgegeben, weil es mir in erster Linie darum geht, diesen oder jenen Klang umzusetzen, der in meinem Kopf herumspukt. Das funktioniert heutzutage auch mit digitalen Geräten hervorragend, und jeder, der einmal eine echte Orgel aus den 1970ern auf eine Bühne geschleppt hat, weiß zu schätzen, wie leicht moderne Synthesizer sind. Klangliche Unterschiede zu Vintage-Modellen kann man vielleicht als Erbsenzähler ausmachen, doch gerade für Live-Zwecke – aber auch im Studio wegen ihrer Zweckmäßigkeit – ist nichts gegen neue Technik einzuwenden.«

Sammelst du trotzdem Instrumente?

»Auch das lasse ich heutzutage bleiben, denn ich habe mein optimales Setup gefunden. Das Ergebnis steht für mich im Vordergrund, und es kommt darauf an, dorthin zu gelangen, egal mit welchen Mitteln. Davon abgesehen bin ich kein nostalgischer Typ, der an materiellen Dingen hängt.«

Wie hat sich deine Arbeit als Einspringer und Studiomusiker ergeben?

»Ich muss wohl ein umgänglicher Typ sein, den die Leute gern an ihrer Seite haben. Aber im Ernst: Meistens werde ich als Organist für eine Session engagiert, weil eben nicht jeder eine Hammondorgel oder ein Mellotron besorgen, geschweige denn spielen kann. Ich beteilige mich dabei selten am Schaffensprozess, da die jeweiligen Bands relativ genau wissen, was sie von mir wollen. Ich trete dann in den Hintergrund und bleibe sozusagen ein Dienstleister. Spiritual Beggars bilden da natürlich eine Ausnahme, und bei Opeth habe ich mich auch manchmal eingebracht.«

Glaub es oder nicht, aber ich bin durch dein sehr frühes Projekt Death Organ auf dich gestoßen.

»Cool, damit verbinde ich schöne Erinnerungen. Wir haben abgefahrene Musik gemacht, die mir in jener Form bis heute nirgendwo anders untergekommen ist. Sie war ungeheuer hart, auch ohne Gitarristen, quasi Death Metal mit Orgel und der Attitüde einer Jazz-Kapelle. Wir haben schließlich sowohl Miles Davis als auch Fear Factory gecovert. Seinerzeit fuhr ich auf extremen Stoff ab, wollte aber etwas Ungewöhnliches machen. Gut zu wissen, dass sich noch jemand daran erinnert, zumal ich finde, dass sich unsere beiden CDs nach wie vor hören lassen können. Ich hätte bloß gern öfter live mit der Band gespielt, aber wir waren noch jung und sind schlussendlich auseinandergedriftet. Das Zeug ist relativ rar geworden, eventuell sollte man es mal neu auflegen.«

Konzerte sind heute vielleicht noch wichtiger, weil niemand mehr seinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Tonträgern verdient. Wie gehst du damit um?

»Die Entwicklung hat Vor- und Nachteile, und im Augenblick bin ich froh darüber, mit Bands zu tun zu haben, die viel touren. Die Einschätzung, dass die Plattenindustrie den digitalen Wandel verschlafen hat, ist nichts Neues, und auch heute hat noch niemand so richtig den Durchblick, wie es langfristig weitergehen soll. Das Gute daran ist die Demokratisierung von Kunst, denn prinzipiell kann sich jeder unter den gleichen Voraussetzungen Gehör verschaffen. Andererseits geht mir das Subgenre-Kleinklein auf den Geist, und da man nicht ewig auf der Bühne stehen kann, sollte man sich unbedingt frühzeitig darauf vorbereiten, im Alter über die Runden zu kommen.«

Hast du das denn getan?

»Sagen wir so, ich behalte es im Hinterkopf, kümmere mich aber nicht in dem Umfang darum, wie ich es womöglich tun sollte. Gerade lebe ich meinen Traum, der immer darauf beruht hat, vor Publikum aufzutreten. Musik ist für mich generell etwas, das man hautnah erleben sollte, und ein Album nur eine Konserve dieser Erfahrung. Nicht zuletzt deshalb tun sich Künstler, die im stillen Kämmerlein aufnehmen und ihre Sachen im Internet veröffentlichen, schwer mit dem Aufbau einer Existenzgrundlage für ihr Schaffen. Über kurz oder lang braucht man da doch einen herkömmlichen Brotjob.«

Dein ehemaliger Weggefährte Mikael Åkerfeldt meinte einmal, das sei womöglich gar nicht schlecht, weil man dann nicht auf Abruf kreativ sein müsste.

»Stimmt, und letzten Endes halten so oder so nur diejenigen durch, die aus voller Überzeugung bei der Sache sind. Ich darf von mir behaupten, wirklich nur Musik um ihrer selbst willen zu machen. Ich liebe es, mich auf diese Weise auszudrücken, und bin dankbar dafür, es noch hauptberuflich tun zu dürfen. Die Texte meiner aktuellen Lieder drehen sich um die ständige Rastlosigkeit und Ängste, die mit diesem Lebenswandel einhergehen, doch ehrlich gesagt kann ich mir keinen anderen vorstellen.«

Dementsprechend fährst du weiterhin mehrgleisig. Was steht in den kommenden Monaten bei dir an?

»Noch kein neues Beggars-Album, falls du darauf spekulierst. Die Mitglieder sind einfach viel zu sehr mit ihren anderen Projekten beschäftigt. Sharlee D´Angelo und Michael Amott haben alle Hände voll mit Arch Enemy zu tun, unser Drummer Ludwig Witt spielt ja auch bei Grand Magus, die dieser Tage eine neue Platte am Start haben, und ich bin jetzt mit dem Songwriting für die nächste Scheibe von Kamchatka zugange, die hoffentlich noch im Herbst erscheinen wird. Darüber hinaus stehe ich Tiamat als Live-Keyboarder zur Verfügung, und wer nicht genug von mir kriegen kann, darf sich neben meiner Solosache auch die zweite LP von King Hobo zulegen, meiner Band mit Clutch-Schlagzeuger Jean-Paul Gaster. Langweilig wird mir also vermutlich so schnell nicht.«

www.facebook.com/perwibergmusic

Per Wiberg zum Weiterhören:

DEATH ORGAN – Universal Stripsearch (1997)
SPIRITUAL BEGGARS – Ad Astra (2000)
MOJOBONE – Crossroad Message (2002)
OPETH – Ghost Reveries (2005)
KING HOBO – King Hobo (2008)
THE BAKERTON GROUP – El Rojo (2009
KAMCHATKA – Long Road Made Of Gold (2015)
PER WIBERG – Head Without Eyes (2019)

Bands:
SPIRITUAL BEGGARS
TIAMAT
KING HOBO
KAMCHATKA
Autor:
Andreas Schiffmann

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