Schwatzkasten

Schwatzkasten 24.01.2018

SCORPIONS - MATTHIAS JABS (Scorpions)

Im Zuge der Veröffentlichung ihrer neuen Platte „Born To Touch Your Feelings“ laden uns die SCORPIONS in ihre Heimatstadt Hannover ein. Als großer Fan einer Band hat ein Treffen mit den Musikern nur zwei Ausgangsmöglichkeiten: Entweder sind die Typen totale Arschlöcher, und man geht betrübt nach Hause, oder aber man lernt wie im Fall von Gitarrist MATTHIAS JABS einen total herzlichen, bodenständigen und aufgeschlossenen Menschen kennen und kehrt absolut glücklich heim. Seit 1978 ist Jabs Mitglied der SCORPIONS und hat damit von „Lovedrive“ über „Blackout“ und „Love At First Sting“ bis hin zu „Crazy World“ die erfolgreichsten Platten der Hardrocker mit eingespielt. Grund genug für uns, den Menschen MATTHIAS JABS mal etwas näher zu beleuchten.

Matthias, wo und wie bist du aufgewachsen?

»Ich bin in Hannover geboren. Während der ersten Schulklasse sind meine Eltern, meine Geschwister und ich allerdings in einen kleinen Vorort von Hannover gezogen, der sich Langenhagen nennt. Da habe ich eigentlich meine ganze Kindheit verbracht. Erst als ich die Schule abgeschlossen und mein Abitur hatte, bin ich endlich in meine eigene Wohnung gezogen.«

Warst du eher ein Vorzeigekind oder ein kleiner Unruhestifter?

»Ich weiß, dass es viele Beschwerden gab«, lacht Matthias. »Die hat meine Mutter aber ganz gut weggesteckt, glaube ich. Ich war vielleicht leicht rüpelhaft, könnte man sagen. Aber ich habe auch wahnsinnig viel Sport gemacht, wir spielten z.B. immer bis zur Dunkelheit Fußball, und ich war auch Mitglied im SC Langenhagen. Wir waren die einzige Mannschaft, die die Jugend von Hannover 96 gefährden konnte und auch mal gewonnen hat. Während der Wachstumsphase hatte ich allerdings Hüftgelenksprobleme, sodass ich vom Sport suspendiert wurde und dadurch automatisch nach der Schule nicht mehr acht Stunden Fußball gespielt habe, sondern acht Stunden Gitarre. Ich habe damals wirklich akribisch geübt, mir das alles selbst beigebracht und sogar eine Grafik erstellt, in der ich mir notierte, wann ich wie lange geübt habe, um am Ende immer auf einen Durchschnitt von fünf Stunden zu kommen – einfach aus einer wahnsinnigen Besessenheit und Disziplin heraus.«

Was ist deine schönste Kindheitserinnerung?

Er überlegt: »Der Familienzusammenhalt, wenn alle zusammenkamen und wir am Wochenende Zeit zu sechst hatten – also auch meine drei Schwestern und mein Vater, der immer spät von der Arbeit kam –, das sind eigentlich auch heute noch in der Erinnerung die schönsten Momente.«

Was war deine erste Lieblingsband?

»Ich habe immer sehr gerne Rolling Stones gehört. Ich hatte einen älteren Bekannten, der wohnte im gleichen Haus wie wir und hatte eine kleine Rolling-Stones-Singles-Sammlung – von den Veröffentlichungen, die es zu dieser Zeit gab, so viele waren das damals ja noch nicht. Selbst mein Vater war davon angetan, weshalb meine ältere Schwester und ich ihm von unserem Taschengeld, das wir zusammengekratzt hatten, mal den Song ´2000 Light Years From Home´ zum Geburtstag geschenkt haben.«

War deine erste Platte auch eine von den Stones?

»Die erste Single, die ich gekauft habe, war Steppenwolfs ´Born To Be Wild´. Ich finde den Song heute noch super, habe das Gitarrespielen allerdings durch Jimi Hendrix´ ´All Along The Watchtower´ angefangen. Du musst dir das so vorstellen: Es gab damals eine Musiksendung in der Woche, ich glaube auf Deutschlandfunk um 20 Uhr. Da durften wir dann ausnahmsweise so lange aufbleiben, denn am nächsten Tag mussten wir ja immer schon wieder so pervers früh zur Schule, um sechs Uhr oder so. Einmal die Woche durften wir die Sendung aber hören, und das war so eine Art Hitparade, die dann eines Tages ´All Along The Watchtower´ als Neuvorstellung gespielt hat. Am nächsten Tag fragte ich einen Mitschüler, ob er den Song auch gehört hätte. „Klar, haben wir alle gehört“, sagte er. Dann fragte ich ihn, was das denn für ein Instrument sei – so viel Ahnung hatte ich (lacht) –, und er antwortete: „Elektrische Gitarre.“ Ab diesem Zeitpunkt war mir klar, dass ich genau das auch machen will. Seitdem habe ich alles darangesetzt, und das ohne Plan B. Ich habe zwar angefangen, Jura zu studieren, aber das nur, weil ich ja nach der Schule irgendwas tun musste, und nicht, weil ich wirklich mal daran gedacht hätte, etwas anderes zu machen, als Gitarre zu spielen. Zum Glück hat´s geklappt.«

Und du sammelst Gitarren. Wie viele hast du mittlerweile?

»Puh, du, das weiß ich nicht«, lächelt er. »Ich habe mal eine schöne Antwort von Keith Richards gelesen, er sagte: „Wenn du mir sagst, es sind 300, dann würde ich das glauben – wenn du mir aber sagst, dass es 900 sind, dann würde ich das genauso glauben.“ Ganz so extrem ist das bei mir nicht, ich war mal bei 150 privat. Die Gitarren in meinem Gitarrenshop in München gibt´s ja aber auch noch, das sind auch meine, aber da die immer an- und verkauft werden, zähle ich die mal nicht dazu. In letzter Zeit habe ich auch nicht so viele neue Gitarren gekauft. Es gab mal eine Zeit, da sind wir auf Tournee ständig von einem Gitarrengeschäft zum nächsten gelaufen – gerade in den USA, da findest du viele schöne Dinge.«

Hast du eine Lieblingsgitarre?

»Das war früher einfacher – als ich nur eine Gitarre hatte, war das meine liebste. Als ich zwei hatte, war´s auch noch möglich, da fand ich beide gleich gut. Diese beiden gibt es auch noch. Mit denen habe ich praktisch die ersten zehn Jahre all unsere Musik eingespielt, dadurch haben sie natürlich was Besonderes. Da die beiden so unterschiedlich sind, könnte ich dir auch genau sagen, mit welcher ich damals welchen Song eingespielt habe. Irgendwann muss man sein Equipment natürlich erweitern, es geht ja auch mal was kaputt, aber diese beiden sind immer noch meine Lieblinge.«

Wofür interessierst du dich abseits von Musik?

»Ich interessiere mich sehr für Autos und fahre auch sehr gern. Ich habe schon die eine oder andere Rennlizenz erworben, z.B. in der Jim Russell School in England, wo auch bereits Ayrton Senna, Gerhard Berger und andere Formel-1-Größen gelernt haben. Außerdem war ich in Österreich bei Walter Lechner, das war eigentlich das Beste – Formel 3, Formel Ford und all das dort am A1-Ring, wo ich vier Tage verbracht habe und auch eine Streckenbegehung mit allen Details mitmachen durfte. So was mache ich wirklich gern.«

Erinnerst du dich noch an das allererste Konzert, das du gespielt hast?

»Ja, bedauerlicherweise«, lacht Matthias. »Nee, ich kann mich ganz genau daran erinnern. Wir haben eine Schülerband gegründet, wir waren alle höchstens 15 Jahre alt und sind bei uns in der Schulaula aufgetreten. Wir spielten unsere Lieblingssongs von Cream, Hendrix, und ich war der erste Gitarrist bei uns in der ganzen Umgebung, der ´Going Home´ von Ten Years After – berühmt durch Woodstock und zu der Zeit mit das schnellste Gitarrenstück, das es gab – einigermaßen spielen konnte. Es muss sich schlimm angehört haben! Aber damals fanden wir alle, dass es toll war. Wir haben etwa 45 Minuten gespielt, hatten aber gar keinen Sänger (lacht). Wir spielten einfach nur, doch die Leute fanden´s toll. Allerdings war das ja auch eine andere Zeit.«

Und was war das schlimmste Konzert, das du mit den SCORPIONS je gespielt hast?

»So richtig schlimm ist es bei uns ja nicht, aber ich könnte dir eine andere Geschichte erzählen. Im Zuge der „Monsters Of Rock“-Festival-Tour 1989 mit u.a. Van Halen und Metallica landeten wir bei einem unglaublichen Unwetter in Foxborough (Massachusetts, bei Boston - mam). Die Bühne im Stadion lag komplett unter Wasser, wir mussten nach 20 Minuten aufhören. Das Wasser musste runtergeschippt werden, und wir hingen in Containern rum. Irgendwann ging es wieder raus, wir wollten das unbedingt durchziehen, und auch die Leute haben weitestgehend ausgeharrt. Dann ging´s aber schon weiter, ich sah, wie der Blitz in den Regenschirm unseres Monitormanns, der am Mischpult saß, eingeschlagen ist. Dem ist der ganze Schirm weggeflogen! Danach sind wir wieder runter von der Bühne, damals hatten wir ja keine Sender, sondern Kabel, und da kriegst du leichter einen gewischt. So ging das dreimal hin und her. Anschließend sind wir zum Flughafen gefahren, mit einer kleinen Maschine nach New York zurückgeflogen, und das war das Schlimmste von allem. Wir sind ja schon viel geflogen, haben viele Turbulenzen mitgekriegt, aber das Gewitter war der Wahnsinn. Ich weiß es noch wie heute, da kreiste die Whiskey-Flasche, weil dem einen oder anderen schlecht war – dadurch wahrscheinlich noch mehr –, und obwohl du ganz eng angeschnallt warst, bist du trotzdem mit dem Kopf an die Decke gekommen. Das Blut war irgendwo ganz unten, weil die Gesichter ganz weiß und die Lippen ganz blau waren.«

Du bist ein religiöser Mensch, oder?

»Ja. Ich habe gerade „Origin“ von Dan Brown gelesen. Dieser scheinbare Widerspruch von technischer Entwicklung und Gott ist hochinteressant. Natürlich kann es nicht sein, dass Adam und Eva die beiden ersten Menschen waren. Dann wären wir alle Inzestprodukte. Diese Erklärung und auch das mit dem Apfel und der Schlange darf man meiner Meinung nach nicht wörtlich nehmen, das gehört alles eher in den Bereich der Fabel. Doch ansonsten bin ich religiös erzogen worden und empfinde das auch so. Ich hab einen persönlichen Draht zu Gott, bin aber kein ausgesprochener Freund der Kirche. Ich finde sie sehr sinnvoll, um einen gewissen Ausgleich in der Gesellschaft zu schaffen, weil sonst nur Chaos herrschen würde, aber meine Welt ist sie nicht. Selbst wenn ich wollte, könnte ich allein beruflich bedingt nie in die Kirche gehen, weil ich am Wochenende immer unterwegs bin. Ich fühle mich auch selbst nie so gut, wenn ich an Weihnachten mal in die Kirche gehe, weil ich dann genau das zu hören kriege, was 89 Prozent der anderen Leute auch zu hören kriegen, nämlich wie voll es heute ist und sonst eben nie (lacht). Ich bin aber auch irgendwie etwas menschenscheu geworden, muss ich gestehen. Ich kann es nicht ab, in einer engen Masse zu sein.«

Wenn du Gott oder den Teufel etwas fragen könntest: Wem würdest du welche Frage stellen?

»Ich würde Gott fragen: „Wohin gehen wir?“ Und den Teufel würde ich fragen: „Was machst ´n du noch hier?“«

Stichwort ´Wind Of Change´. Der Song ist mit dem Mauerfall ja zu einem gesellschaftlich und politisch relevanten Lied geworden. Bist du ein politischer Mensch?

»Das ist immer relativ. In erster Linie möchte ich dir sagen: „Nein, bin ich nicht.“ Ich bin aber natürlich interessiert an allen Nachrichten und allen Geschehnissen in der Welt. Ich muss mit Bedauern feststellen, dass in letzter Zeit – vor allem seitdem das Internet allgegenwärtig ist – die Medien Dinge aufbauschen, die ich persönlich auf keinen Fall promoten würde. Wie kann ich zehn Tage lang hintereinander auf dem Titel einer großen deutschen Tageszeitung eine Person wie Anis Amri abbilden, der mit seinem LKW Menschen umbringt? Wie kann ich dem so eine große Fläche geben? Die Idioten zu Hause freuen sich, dass ihr Plan mal wieder aufgegangen ist. Können wir das nicht mal im richtigen Rahmen halten?

Wir waren ja schon an den merkwürdigsten Plätzen der Welt, u.a. jetzt auch in Beirut im Libanon, auch damals kurz nach dem Bürgerkrieg. Es waren noch Millionen von Einschüssen zu sehen, aber es wurde in Teilen auch schon wieder aufgebaut. Wir waren schon drei- oder viermal dort, und jedes Mal konnte ich das beobachten. Gut, wir waren nicht in Syrien, das kann ich nicht beurteilen, aber wir waren schon im Iran, in Ägypten, in Marokko, und so, wie das alles hier ankommt, ist das gar nicht oder zumindest nicht nur. Natürlich spielen wir nicht in den Kriegsgebieten, doch man muss trotzdem sagen, dass seitens der Medien viel Verblendung herrscht.«

Kommen wir wieder zu seichteren Themen. Stichwort ´Bad Boys Running Wild´: Hast du schon mal ein Hotelzimmer verwüstet?

»Nee, ich bin da eigentlich ein ganz Pflegeleichter«, lächelt Matthias. »Gut, ich hab einmal vor lauter Wut einen Aschenbecher aus Glas gegen eine Tür geworfen, das tut mir auch heute noch leid, und ich bin sehr froh, dass der keinen getroffen hat. Das war in einem Hotel in Holland, wir waren in einem Studio, hatten Zeitdruck und haben bis früh am Morgen gearbeitet. Irgendwie hatten die Leute dort die Eigenart, das „Don´t disturb“-Schild draußen an der Tür einfach zu ignorieren und ständig reinzukommen. Man konnte die Tür auch nicht so verschließen, dass die nicht reingekommen wären, also hat´s mir irgendwann gereicht, und dann ist mir aus dem Affekt heraus der Aschenbecher aus den Fingern und Richtung Tür geflogen. Abgesehen davon sind die SCORPIONS aber ganz harmlos. Unser ehemaliger Schlagzeuger hat zwar mal einen Fernseher aus dem fünften Stock im „Four Seasons“ in Dallas geschmissen – aber nur, weil ihn ein Typ von einer Plattenfirma dazu angestiftet hat. Der meinte, er wolle das einmal erleben, weil das ja ein totales Klischee sei, also hat er das Ding rausgeworfen. Unglücklicherweise saßen gerade die drei Menschen vom Vorstand des Hotels unten und haben gegessen, während der Fernseher neben ihnen landete, woraufhin wir von der Kette ein Hotelverbot bekommen haben – allerdings nur für zwei Jahre.«

Hast du schon mal ein Lied für eine Frau geschrieben?

»Ich wollte das immer mal machen, aber es ist mir bisher nicht gelungen. Ich habe diesen Ansatz zwar schon gehabt, doch es hat sich dann letztlich immer anders entwickelt und ist bisher noch nichts geworden. Auch der Song auf „Born To Touch Your Feelings“, den ich geschrieben habe, fing gut an und ging auch noch besser weiter, hatte dann allerdings nichts mehr mit der Frau zu tun.«

Stichwort „Born To Touch Your Feelings“: Was berührt dich, und passt Weinen für dich in dein Männerbild?

»Auf jeden Fall. Dass Männer nicht weinen dürfen, ist nur ein altes Klischee. So ist man früher, Anfang des letzten Jahrhunderts, mal erzogen worden. Natürlich darf ein Mann weinen, und ich finde das sogar gut. Ich glaube, dass das eine seelenreinigende Wirkung hat. Und man(n) zeigt damit einfach seine Gefühle. Ich bin auch so ´ne Heulsuse – wenn emotionale Filme laufen, weine ich immer mit (lacht). Da kann ich gar nichts gegen machen. Ich werde schnell berührt, wenn Dinge wirklich berührend sind, und das ist die Idee hinter dem Titel der neuen CD. Balladen haben, wenn sie gut sind und auch so aufgenommen wurden, einen magischen Moment, der zu demjenigen transportiert wird, der den Song hört – mehr als nur durch das Ohr, so, dass er das insgesamt wahrnimmt. Dann hast du den Menschen erreicht, und das ist die Idee dieses Titels.«

Was ist deine größte Hoffnung für die Zukunft – für die Welt und für dich persönlich?

»Ich wäre ja geneigt, „Weltfrieden“ zu nennen, aber ich bin nicht blöd. Ich habe das schon öfter bedacht. Wenn du überlegst, dass der Mensch in sich selbst schon gespalten und konfliktbehaftet ist, dass zwei Menschen miteinander immer mal wieder einen Konflikt haben, dass es selbst in der Familie dazugehört und die Leute aufm Dorf sich auf die Glocke hauen, wie viel schlimmer es noch in einer Stadt ist, im ganzen Land, und dann kommen wir zu einer anderen Sprache im Nachbarland, zu einer anderen Kultur und einer anderen Religion – die Menschen sind quasi dazu verdammt, in einem ewigen Konflikt zu leben. Es ist total naiv zu glauben, dass wir jemals Weltfrieden haben werden. Wir hatten ihn noch nie und werden ihn jetzt erst recht nicht haben. Ich persönlich wünsche mir am allermeisten, dass ich bis zur letzten Sekunde gesund bleibe, denn alles andere kriege ich dann in den Griff.«

www.mjguitars.de

Pic: Oliver Rath

Bands:
SCORPIONS
Autor:
Mandy Malon

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