Schwatzkasten

Schwatzkasten 19.11.2008

ICED EARTH - MATT BARLOW (Iced Earth)

MATT BARLOW führt ein Doppelleben. In seiner Heimatstadt Georgetown arbeitet der 38-Jährige als Polizist, doch auf den Rockbühnen der Welt ist er seit einigen Monaten wieder als offizieller Sänger von Iced Earth zu sehen. Im Schwatzkasten-Interview plaudert der charismatische Rotschopf u.a. über persönliche Opfer, eklige Tournee-Streiche und bunte Batman-Figuren.

Matt, wie und wo bist du aufgewachsen?

»Ich bin in einer kleinen Stadt mit dem Namen Georgetown im US-Bundesstaat Delaware aufgewachsen und hatte eine ganz normale Kindheit. Weil wir in der Nähe des Meeres lebten, bin ich oft mit meiner Familie angeln gegangen. Ich wuchs mit zwei älteren Brüdern in einem sehr konservativen Umfeld auf. Mein Vater arbeitete als Lehrer an einem College, und meine Mutter war Hausfrau. Wir waren eine durchschnittliche Familie, die keinen besonderen Bezug zur Musik hatte. Meine Großmutter wuchs zwar in einer sehr musikalischen Sippe auf, aber innerhalb meiner näheren Verwandtschaft beschäftigten sich nur mein ältester Bruder und ich näher mit Musik. Im Grunde habe ich erst durch das Radio die ersten Bands kennengelernt. Irgendwann begann mein Bruder, AC/DC, Black Sabbath und Iron Maiden zu hören und auf der Gitarre zu spielen. Ich hörte ihm so oft beim Üben zu, dass ich schließlich auch Fan wurde.«

 
Welche Bilder tauchen in deinem Kopf auf, wenn du dich an dein schönstes und schlimmstes Kindheitserlebnis erinnerst?

»Ich bin zu Hause mal verdammt heftig die Stufen runtergefallen (lacht). Ansonsten durchlebte ich meine Kindheit aber ohne größere Blessuren und Knochenbrüche. Am liebsten erinnere ich mich an die Ausflüge mit meiner Familie in Abenteuerparks. Solche Unternehmungen waren immer etwas Besonderes für mich, weil wir uns das finanziell nicht oft leisten konnten.«


Gehörtest du in der Schule zu den Strebern oder zu den Rotzlöffeln?

»Ich gehörte eindeutig zu den Strebern. Unter anderem besuchte ich die Theater-AG und den Schulchor. Dadurch rutschte ich erstmals in die Themen Musik, Schauspiel und Theater rein. Vermutlich stammt aus dieser Zeit auch der Anspruch, meine Stimme stets so theatralisch wie möglich klingen zu lassen. Mein Gesang soll Stimmung und Atmosphäre transportieren, und beim Hörer sollen Bilder im Kopf entstehen.«


Gab es in deinem Leben ein Schlüsselerlebnis, das in dir den Wunsch geweckt hat, professioneller Sänger zu werden?

»Ich habe schon während der Highschool-Zeit, wenn ich mit Kumpels Songs zockte, darüber nachgedacht, der Musik in meinem Leben einen höheren Stellenwert einzuräumen. Spätestens, als ich mit meinem ältesten Bruder begann, in richtigen Bands zu spielen, nahm meine Vorstellung von einer professionellen Musikerkarriere konkrete Formen an. Während der Schulzeit fokussierte ich mich noch auf Rockmusik, doch mit meinem Bruder spielte ich in erster Linie Thrash Metal. Wir versuchten, den Sound der Bay Area zu kopieren. Forbidden waren dabei ein großer Einfluss für uns. Die Jungs hatten schon ein paar Alben veröffentlicht, als wir noch als Garagenband übten.

Einen Schlüsselmoment gab es in meinem Leben nicht. Ich würde eher sagen, dass eins zum anderen kam. Mit der Zeit wurde mir klar, dass ich als Frontmann einen richtig guten Job machte, und als mich der damalige Iced-Earth-Schlagzeuger Rodney Beasley fragte, ob ich Lust hätte, bei Iced Earth vorzusingen, sagte ich natürlich zu. Weil die Jungs zu dem Zeitpunkt bereits zwei Sänger hinter sich gelassen hatten, nahm mich Jon Schaffer ganz besonders unter die Lupe. Es dauerte fast ein ganzes Jahr, bis feststand, dass ich der neue Iced-Earth-Sänger werde. Es machte mir viel Spaß, mit meinen zukünftigen Kollegen an Ideen für das nächste Album „Burnt Offerings“ zu arbeiten. Jon ließ mich bei einigen Songs sogar die Texte und Gesangslinien schreiben. Das empfand ich als einen großen Vertrauensbeweis - vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass „Burnt Offerings“ meine erste Platte war.«


Kannst du dich noch an dein erstes Konzert erinnern?

»Meine erste Rockshow spielte ich als Mitglied einer Highschool-Band mit dem Namen Excalibur. Ich war einer von 15 Sängern (lacht). Einer meiner Kumpels und ich hatten die Band gegründet, und weil jeder gerne mitmachen wollte, hatten wir am Ende für jeden Song einen eigenen Frontmann. Jeder, der sich einbildete, ein paar Takte halbwegs gerade singen zu können, stand irgendwann mal hinter dem Mikro.

Meine erste richtige Band hatte ich auch bereits während der Schulzeit. Die Combo hieß Celtic, und wir zockten in erster Linie Metallica-Stücke bei kleinen, privaten Gigs.«


Was war das größte Opfer, das du für ein Leben als professioneller Sänger bringen musstest?

»Für die Band musste ich die Gründung einer eigenen Familie weit nach hinten schieben. Heute bin ich verheiratet und habe Kinder. Aber das habe ich nur meinem temporären Ausstieg aus der Band zu verdanken. Vorher fehlte meiner Frau und mir die finanzielle Sicherheit, um eine Familie zu ernähren. Das war total hart für uns. Inzwischen habe ich einen festen Job, und meine Familie ist für mich das Zentrum des Universums. Diese Situation ermöglicht es mir, meine musikalische Karriere aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Ich bin nicht mehr so besessen von der Musik. Jon wird vermutlich ähnliche Dinge sagen, jetzt, wo er auch zum ersten Mal Vater geworden ist. Wenn man Kinder hat, betrachtet man das Leben mit ganz anderen Augen. Musik wird immer eine große Leidenschaft bleiben. Ich habe ja auch in den fünf Jahren, in denen ich nicht bei Iced Earth gesungen habe, Musik gemacht. Aber mit einer Familie lässt sich eine solche Leidenschaft besser im Zaum halten. Die Musik vereinnahmt mich nicht mehr so sehr, wie es früher der Fall war.«


Was ist deine beste und schlechteste Charaktereigenschaft?

»Ich glaube, dass ich ein sehr loyaler Mensch bin. Das bringt aber auch mit sich, dass ich manchmal Dinge toleriere, die ich eigentlich nicht durchgehen lassen sollte. Insofern ist Loyalität sowohl meine beste als auch meine schlechteste Charaktereigenschaft.«


Wann hast du das letzte Mal geweint?

»Vor ein paar Tagen, als ich meinen Sohn am Telefon hatte und er „Hi Daddy!“ sagte (Iced Earth befinden sich zum Zeitpunkt des Interviews in Europa auf Tournee - cs). Es ist immer hart für mich, von meinen beiden Söhnen getrennt zu sein. Einer ist zweieinhalb Jahre alt, der andere gerade mal sieben Monate. Mir kommen jetzt noch die Tränen, wenn ich über die Situation nachdenke.«


Erzähl mal das verrückteste Gerücht, das du je über dich gehört hast!

»Nachdem ich Iced Earth verlassen hatte, hieß es auf einmal, ich würde für das FBI arbeiten. Das war aber nie ein Thema, sondern nur ein Gerücht, das jemand im Internet verbreitet hatte. Natürlich wäre ich gerne zum FBI gegangen, aber ich musste auch realistisch bleiben. Beim FBI kann man sich nur mit einem College-Abschluss bewerben. Ich habe eine Justizschule besucht. Darüber bin ich noch heute froh, denn dank dieser Ausbildung bekam ich sofort nach meinem Austritt bei Iced Earth einen Job in meiner alten Heimat Delaware.«


Gibt es etwas, das du total hasst?

»Nein, eigentlich nicht. Ich gehöre zu den Menschen, für die das Glas immer eher halbvoll als halbleer ist. Es gibt keine Dinge oder Personen, die ich richtig hasse. Ich halte mich an das Motto „Leben und leben lassen“.«

Gibt es eine berühmte Persönlichkeit, mit der du dich gerne mal unterhalten würdest?

»Ich würde mich gerne mal mit dem Schauspieler Jack Nicholson über seine Sichtweise des Lebens unterhalten.«


Kannst du kochen?

»Klar. Am liebsten stehe ich draußen am Grill und bereite Steaks oder ganze Schweine zu. Ein positiver Nebeneffekt des Grillens ist, dass ich auch das eine oder andere Bierchen dabei trinken kann, ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen.«


Sammelst du etwas?

»Ja, ich sammle Spielzeug. Genau genommen Heldenfiguren wie Batman und Superman. Ich könnte einen ganzen Spielzeugladen mit meiner Sammlung ausstatten. Vielleicht verkaufe ich den ganzen Kram eines Tages, um davon die Ausbildung meiner Kinder zu finanzieren. Momentan hänge ich an den Figuren aber noch sehr. Vielleicht liegt das daran, dass ich als Kind nicht viel Spielzeug hatte, weil uns das nötige Kleingeld fehlte.«


Was war das außergewöhnlichste Geschenk, das du je von einem Fan bekommen hast?

»Nach unserer letzten Show in Chicago besuchte uns ein Fan in der Garderobe, der bei der amerikanischen Küstenwache arbeitet. Er brachte der ganzen Band Geschenke mit. Mir überreichte er das Modell eines alten Küstenwachenschiffs. Damit hätte ich nie gerechnet. Ich habe mich riesig über dieses tolle Geschenk gefreut.«


Stell mal dein persönliches Allstar-Line-up mit lebenden und toten Musikern zusammen!

»Elvis wäre auf jeden Fall dabei, weil er ein echter Rock´n´Roller war. John Bonham würde ich hinter dem Schlagzeug platzieren, James Hetfield würde Gitarre spielen und Steve Harris die Basssaiten zupfen. The Temptations wären noch als Hintergrund-Chor dabei.«


Welche drei Alben würdest du mit auf eine einsame Insel nehmen?

»Auf jeden Fall das „Black Album“ von Metallica, weil ich das großartig finde. Außerdem noch AC/DCs „Back In Black“ und von den Beatles „The White Album“. Dann hätte ich zwei schwarze und ein weißes Album bei mir. Das ist doch eine coole Auswahl!«


Welches Album ist deiner Meinung nach total unterbewertet?

»Spontan fällt mir kein unterbewertetes Album ein. Allerdings stoße ich regelmäßig auf gegenteilige Meinungen, wenn ich behaupte, dass das „schwarze Album“ das beste aller Metallica-Alben ist.«


Welche sind die peinlichsten Platten deiner Sammlung?

»Ich besitze einige Country-Alben. Ich mag einfach oft die Geschichten, die in den Texten von Country-Songs erzählt werden. Häufig wird dabei auf sehr einfühlsame Art und Weise das Verhältnis zwischen Kindern und Eltern thematisiert. Seitdem ich selber Kinder habe, höre ich doppelt so konzentriert hin. Es kann passieren, dass ich einen Country-Song musikalisch total belanglos finde, aber bei den Textzeilen denke: Wow, der Typ hat echt erkannt, um was es geht!«


Erzähl mal eine der erinnerungswürdigsten Tournee-Anekdoten!

»Vor vielen Jahren waren wir mal wieder mit unseren Kumpels von Nevermore on the road. Die Jungs sind inzwischen richtig gute Freunde von uns. Am letzten Tournee-Tag ist es üblich, dass sich die Bands gegenseitig Streiche spielten. Vor dem letzten Iced-Earth-Auftritt der Tour präparierten sie mein Mikrofon deswegen heimlich mit einem total ekelhaft stinkenden Käse. Ich bekam davon nichts mit und bereitete mich sorglos auf die Show vor. Der erste Song auf der Setlist war eine sehr düster und ruhig beginnende Nummer von „The Dark Saga“, auf die ich mich stark konzentrierte. Als ich richtig in Stimmung gekommen war, trat ich ans Mikro, roch den bestialischen Gestank und hätte beinahe mitten auf die Bühne gekotzt. Das war echt ein fieser Streich!«


Gibt es eine Ära, in die du gerne mal mit einer Zeitmaschine reisen würdest?

»Es gibt viele Zeiten, die mich interessieren, obwohl ich sicher bin, dass unsere heutige Vorstellung von vergangenen Dekaden oft sehr unrealistisch ist. Das Mittelalter war sicherlich nicht so romantisch, wie wir es uns oft ausmalen. Die Pionierzeit des amerikanischen Westens würde ich mir aber dennoch gerne mal angucken. Diese Zeit hat mich schon immer fasziniert.«


Welcher Song soll auf deiner Beerdigung laufen?

»Ich würde irgendeinen flotten Song wählen. Auf jeden Fall sollte die Nummer nicht zu schwermütig sein, schließlich möchte ich nicht, dass meine Angehörigen zu melancholisch werden.«

www.icedearth.com

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DISKOGRAFIE

mit ICED EARTH:

Burnt Offerings (1995)

The Dark Saga (1996)

Something Wicked This Way Comes (1998)

The Melancholy EP (EP, 1999)

Alive In Athens (Live, 1999)

Horror Show (2001)

Tribute To The Gods (2002)

Alive In Athens (DVD, 2006)

I Walk Among You (EP, 2008)

The Crucible Of Man (Something Wicked Part 2) (2008)

mit PYRAMAZE:

Immortal (2008)

Bands:
ICED EARTH
Autor:
Conny Schiffbauer

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