ToneTalk

ToneTalk 27.09.2017

MASTODON - »Warum willst du Verzerrung?«

Mit Brent Hinds teilt sich Bill Kelliher die Gitarrenparts bei MASTODON. Die Rhythmusarbeit hat ihn dabei schon immer mehr interessiert als hochtrabende Solos – und ihm die ersten Gigs beschert, als seine Freunde noch im Wohnzimmer geübt haben. Heute gibt er geneigten Fans auf Tour Gitarrenunterricht.

Bill, wann hast du angefangen, Gitarre zu spielen?

»1986, ich war gerade 15 geworden. Alle meine Freunde haben Gitarre gespielt und sich an Randy Rhoads, Eddie Van Halen und Iron Maiden versucht. Ich wollte auch so cool sein und Mädels aufreißen.«

Waren Randy und Eddie damals auch deine Vorbilder?

»Nicht so sehr. Ich konnte nie spielen wie sie. Mein Interesse fiel eher auf Bands wie U2 mit The Edge. Mein Vater kam aus Irland. Er besorgte mir meine erste Platte. Das war U2s „War“. Er arbeitete im Hi-Fi-Business und verkaufte Plattenspieler und Stereoanlagen. Er kaufte mir auch meine erste Gitarre – eine Kopie von Eddie Van Halens Kramer mit den roten und weißen Streifen (zu sehen etwa im Video zu ´Jump´ - jb). Ich sagte ihm immer: „Dad, ich brauche einen Verzerrer.“ Er antwortete: „Warum willst du Verzerrung? In meinem Business versuchen wir, genau das zu eliminieren.“«

Wie ging es weiter?

»Ich kam schnell auf Bands wie die Ramones mit Gitarrist Johnny Ramone, die Dead Kennedys mit East Bay Ray oder Black Flag mit Greg Ginn. Viel Punkrock also. Jeder konnte das spielen. Es ging auch mehr um das Songwriting als darum, wie schnell man ein Gitarrensolo oder seine Skalen zocken konnte. Das hat mich nicht so sehr interessiert. Bereits mit 15 habe ich meine erste eigene Punkrock-Coverband gegründet. Meine Freunde saßen noch immer in ihrem Zimmer und haben versucht herauszufinden, wie man ´Eruption´ von Eddie Van Halen spielt. Da habe ich schon Konzerte gegeben.«

Was habt ihr damals gecovert?

»Viele Ramones-Songs, etwa ´Blitzkrieg Bop´, außerdem fast jede Dead-Kennedys-Nummer, auch fast alles von Black Flag und den Circle Jerks. Kurz danach fingen wir an, unsere eigenen Sachen zu schreiben. Die waren allerdings mehr Metal als Punk. Wir haben außerdem viel von D.R.I. gespielt. Sie waren ein großer Einfluss, als sie Crossover wurden. Dann haben wir Anthrax gecovert, auch Metallica und Slayer.«

Hattest du je Gitarrenunterricht?

»Nein. Ich habe nie Stunden genommen.«

Wie viel und was übst du?

»Ich übe schon viel. Normalerweise ein paar Skalen, etwa verminderte Tonleitern. Ich probiere Patterns aus und arbeite an meinen Fingern, einem nach dem anderen. Ich gebe auf Tour auch Gitarrenstunden.«

Coole Idee.

»Ja. Vor Konzerten gibt es viel Zeit, in der man backstage rumsitzt und Gitarre spielt. Viele Kids sind sehr daran interessiert, Techniken zu lernen, wie ich einen Song schreibe, welche Warm-ups ich mache und so weiter.«

Machst du das regelmäßig?

»Ja.«

Wie läuft so etwas ab? Können die Fans dir schreiben und sagen, bei welcher Show sie sein werden?

»Normalerweise poste ich die Werbung auf Facebook und anderen Social-Media-Kanälen wie Instagram und Twitter, außerdem auf unserer Homepage. Aber wenn mir die Leute schreiben wollen, können sie das auch machen. Die Adresse ist klassisch schön, gut zu spielen und toll im Klang.«

Wie wichtig ist das Aussehen einer Gitarre?

»Was mich neben dem Spielen an Gitarren vor allem anmacht, ist der Look. Ich mag klassisch aussehende Gitarren mit klassischen Farben. Ich weiß, das sollte nicht wichtig sein, aber ich könnte niemals diese superzackigen Achtziger-Gitarren spielen. Ich bin auch kein großer Freund von SGs. Und auch nicht von Flying Vs, obwohl das coole Instrumente sind. Für mich sind Silverburst Les Pauls sehr cool aussehende Gitarren.«

Deine ESP-Modelle haben ein eher ungewöhnliches „Military Green Sunburst Satin“-Finish. War das deine Idee?

»Ja. Absolut. Ich liebe diese Gitarre ebenfalls. Auch ihren Look. Sie sieht aus wie eine Shred Machine.«

Gibt es in eurem Repertoire Parts, die live besonders schwierig zu spielen sind?

»Die gibt es – etwa in ´Roots Remain´ (vom aktuellen Album „Emperor Of Sand“ - jb): Da kommt am Ende ein cleaner Picking-Part, der einem ganz schön die Finger verdreht. Er wiederholt sich zwar, aber es sind drei verschiedene Akkorde, und er wird sehr stakkato-kurz gespielt. Als ich ihn geschrieben habe, saß ich. Wenn man steht, ist der Körper weiter vom Hals weg, und die Hand kommt in eine komische Position. Das macht es schwieriger. Aber ich glaube, mittlerweile habe ich den Bogen raus. Man muss nur genug spielen.«

Als Musiker und Endorser von Marken wie ESP und Friedman-Amps hast du viel Kontakt zu Herstellern. Gehst du auch immer noch in Musikläden?

»Oh ja, ständig. Es gibt einige sehr bekannte Läden, die ich gerne besuche: Das Chicago Music Exchange ist sehr schön, auch bei Mike´s Music in Cincinnati bin ich öfter. Cool sind außerdem Old Town Music in Portland und The Trading Musician in Seattle. Wenn ich in Hollywood bin, gehe ich gerne ins Guitar Center und zu Sam Ash. Die liegen sich direkt gegenüber.«

Was schaust du dir dabei an? Neue oder alte Instrumente?

»Immer Vintage Gear. Aber wie gesagt: Ich habe meine Gitarrenkäufe massiv eingeschränkt.«

Interessieren dich neben alten Gitarren auch moderne Technologien wie Modeling-Amps oder Recording-Software?

»Schon. Neben meinem Amp benutze ich auch einen Fractal Axe-FX (Preamp/Effekt-Prozessor - jb). Außerdem habe ich ein Aufnahmestudio in meinem Haus. Es ist zwar sehr klein, aber ich arbeite dort mit ProTools. Ich versuche ständig, mehr über Recording, Mikrofone und solche Dinge zu lernen. Da bin ich nerdy. Das ganze Zeug interessiert mich, definitiv.«

Wie sieht es in Sachen Pickups aus? Du hast in der Vergangenheit sowohl aktive als auch passive benutzt. Hast du eine Präferenz?

»Normalerweise benutze ich heutzutage passive, allerdings habe ich auch immer mal wieder Les Pauls mit EMGs (aktiven Tonabnehmern - jb). Ich finde, sie klingen toll, nur für cleanes Zeug sind sie für mein Empfinden nicht so geeignet.«

Gerade im Hard´n´Heavy-Lager gibt es da zwei Fraktionen. Die einen loben sie über alle Maßen, die anderen sagen, damit klingt jede Gitarre gleich.

»Das stimmt auch. Du könntest einen Ast von einem Baum abbrechen, Saiten draufziehen und mit einem EMG abnehmen. Es würde gleich klingen.«

Gibt es Gitarristen – tot oder lebendig –, mit denen du gerne mal reden oder spielen möchtest?

»Ich würde gerne eines Tages mit Greg Ginn sprechen, denn er und Black Flag waren ein großer Einfluss, als ich aufwuchs. Auch King Buzzo (Buzz Osborne, Melvins - jb) ist definitiv einer, zu dem ich in Sachen Gitarrenspiel und Songwriting aufschaue. Ich kenne ihn zwar und rede ab und an auch mit ihm, aber so richtig unterhalten haben wir uns noch nie. Wer noch? Jimmy Page ist ein Meister. Als ich ein Kid war, stand ich voll auf Led Zeppelin. Ich mag seine Art zu spielen. Jimi Hendrix ist ebenfalls ein phänomenaler Gitarrist. Das wäre ein guter Start. Dazu vielleicht noch Duane Denison (The Jesus Lizard, Tomahawk - jb), ein großartiger Gitarrist aus Nashville. Ich liebe seinen Stil, er ist sehr einzigartig.«

Hast du mal einen alten Helden getroffen und bist dabei nervös geworden?

»Am ehesten, als ich das erste Mal Kirk Hammett und James Hetfield begegnet bin. Da war ich schon etwas aufgeregt. Als wir neulich in New York gespielt haben, kam James Hetfield zum Konzert und sagte mir, dass er unser neues Album sehr mag. Wenn ich in die Zeit zurückgehen könnte und dem 15 Jahre alten Bill Kelliher erzählen würde, dass James Hetfield sein Konzert in New York City besuchen würde, wo er vor 5.000 Leuten spielt, und ihm Komplimente für sein neues Album machen würde, würde er das niemals glauben.«

Der Bill, der 1986 in seinem Zimmer sitzt und gerade „Master Of Puppets“ hört…

»Genau so war es. So habe ich Gitarre spielen gelernt. Das habe ich James auch erzählt, als wir uns zum ersten Mal getroffen haben. Ich sagte: „Schön, dich zu treffen. Vielen Dank, dass du mir das Gitarrespielen beigebracht hast.“ Er war verwirrt und fragte: „Wovon redest du?“ Ich antwortete ihm: „Ich habe all deine Platten gehört. Dadurch habe ich gelernt, so zu spielen, wie ich es tue.“«

Hatte James auch Einfluss auf deine Rhythmusarbeit? Ist dir das wichtiger als zu Solieren?

»Ich denke schon. Ich habe sein Songwriting immer genossen, mehr als die ganzen Solos. Das Rhythmuszeug kann ich auch spielen, darauf habe ich mich konzentriert. In meiner früheren Band war ich der einzige Gitarrist, also habe ich auch Solos gespielt – aber nicht annähernd so gut wie Brent (Hinds, MASTODON-Sänger/Gitarrist - jb). Ich fokussiere mich nicht so auf die Gitarrensolos. Ab und an spiele ich mal eins. «

Was waren deine größten und schlimmsten Momente auf der Bühne?

»Als wir einmal im Hollywood Palladium spielten, drückte mein Gitarrentechniker Steve Vai meine Gitarre in die Hand, um sie mir in der Mitte des Sets zu überreichen. Ich drehe mich also um, um die Gitarre zu nehmen, und dann steht da Steve Vai mit meiner Les Paul und sagt: „Mann, ist die schwer.“ Ich dachte nur: „Oh, mein Gott, Steve Vai. Der Gitarrenzauberer. Jetzt muss ich vor ihm spielen.“ Das war schon sehr nervenaufreibend. Einen Vorfall der anderen Art gab es auf dem Mayhem Festival 2008: Als ich gerade mitten im Song war, rollte ein Transportbrett der Band Dragonforce auf die Bühne und blieb hinter mir stehen, ohne dass ich es mitbekommen habe. Ich bin drüber geflogen und habe mich fürchterlich erschrocken. Das war ziemlich peinlich. Ich habe mich nicht sonderlich verletzt, aber meine Gitarre hätte kaputt sein können. Außerdem waren Tausende von Leuten Zeuge der Aktion.«

Zu Steve Vai: War das toll oder schlimm?

»Das war schon gut. Ich war nur ziemlich nervös.«

Gibt es Dinge, die du als Musiker noch erreichen möchtest?

»Da würden mir sicherlich einige einfallen. Um es auf einen Wunsch zu reduzieren: Es gibt zahlreiche Orte auf der Welt, wo wir noch nicht waren, etwa China, Israel oder auch Afrika. Viele davon möchte ich mit MASTODON noch betouren. Ich hoffe, das passiert in den nächsten paar Jahren.«

www.mastodonrocks.com

www.facebook.com/Mastodon

Pic: ESP

Bands:
MASTODON
Autor:
Jens-Ole Bergner

Melde dich für unseren Newsletter an und verpasse nie mehr die wichtigsten Infos

Diese Seite verwendet Cookies. Erfahrt in unserer Datenschutzerklärung mehr darüber, wie wir Cookies einsetzen und wie Ihr Eure Einstellungen ändern und Cookies deaktivieren könnt. Darüber hinaus verwenden wir Cookies Dritter für die Einbindung audiovisueller Inhalte durch Youtube, Spotify und Soundcloud. Dem könnt ihr hier zustimmen oder dies ablehnen. Datenschutzerklärung ansehen.