Interview

Interview 10.09.2020, 11:55

MASTODON - "Unser Feuer brennt noch immer"

Während der heiß erwartete Nachfolger des exzellenten "Emperor Of Sand" noch in der Mache ist, überbrückt das Quartett aus Atlanta die Wartezeit mit einem tiefen Griff in die Raritätenkiste: "Medium Rarities" blickt pünktlich zum 20-jährigen Jubiläum von MASTODON auf zwei Jahrzehnte gemeinsame Bandgeschichte der Herren Bill Kelliher, Brann Dailor, Brent Hinds und Troy Sanders zurück und fördert dabei von ungehörten Live-, Instrumental- und Cover-Songs über Soundtrack-Beiträge und den brandneuen Track 'Fallen Torches' einige Leckerbissen für das Fanlager zutage. Grund genug, bei Bassist Sanders zu Hause in Florida durchzuklingeln.

Troy, wie geht es dir? Wie bist du in den letzten Monaten mit der Pandemie klargekommen?
»Persönlich geht es uns gut. Niemand, der meiner Familie und mir besonders nahesteht, wurde krank oder war negativ betroffen. Allgemein lief das alles für uns ziemlich mild ab. Wir sind glücklich und gesund, das zählt. Bezüglich der Band... nachdem sämtliche Tour-Pläne mit einem großen Fragezeichen am Ende abgesagt worden waren, ist das Beste, was wir machen können, in unserer eigenen Welt positiv und produktiv zu bleiben. Also haben wir an Unmengen neuer Musik gearbeitet, um in einer Zeit des Stillstands voran zu kommen.«

Das ist schön zu hören. Gratulation auf jeden Fall zu 20 Jahren MASTODON!
»Verrückt, nicht wahr (lacht)?«

Auf jeden Fall eine starke Leistung! Wie fühlt es sich an, dass du jetzt auf zwei Jahrzehnte zusammen mit denselben Jungs in einer Band zurückblicken kannst?
»Am meisten beeindruckt bin ich von der Tatsache, dass eine gemeinsame Verbindung so lange halten kann. Besonders eine Beziehung zu viert. Es ist schwierig, dir deinen besten Freund zu bewahren, deine Freundin, deine Frau oder deinen Ehemann. Das über zwanzig Jahre aufrecht zu erhalten, ist eine Herausforderung, denn Menschen verändern sich. Ich bin stolz darauf, dass wir vier uns den Antrieb erhalten haben, in dieser Band bleiben zu wollen, unsere Musik zu machen und sie mit Menschen überall auf der Welt zu teilen.«

Was waren für dich die definierenden Momente deiner Karriere?
»Der erste war der Moment, an dem wir uns alle trafen. Bevor wir auch nur ein Riff oder einen Song hatten. Wir teilten den Wunsch, da rauszugehen und uns ehrlich darum zu bemühen, es zu schaffen. Wir verfolgten eine "Do It Yourself"-Herangehensweise, buchten unsere Shows, kauften unseren eigenen Van und meisterten es, so gut wir konnten. Vier Menschen mit derselben Einstellung auf einem Haufen zu haben, war ein seltenes Glück.«

Stimmt es, dass ihr euch auf einem High-On-Fire-Konzert kennengelernt habt?
»Bis dahin waren wir schon zu zweit unterwegs. 1993 spielten mein Gitarrist Brent und ich für sieben Jahre in einer örtlichen Band in Atlanta. In demselben Zeitrahmen waren Bill und Brann zusammen in New York Mitglieder in einer Band. Sie hatten eine großartige Chemie zusammen und Brent und ich verstanden uns blendend. Dann lernten wir uns alle vier bei dieser Show von High On Fire im Jahr 2000 kennen und gründeten sofort zusammen eine Band.«

Welcher entscheidende Moment fällt dir noch ein?
»Als wir uns alle einig waren, ein Konzeptalbum über die Geschichte von "Moby Dick" zu schreiben. Das war unser "Leviathan"-Album, das uns schließlich in der Welt der harten Musik bekannt machen sollte. Diese "Moby Dick"-Geschichte hätte ziemlich in die Hose gehen, das Ende unserer Band bedeuten können. Glücklicherweise hatten wir aber die Musik, die Integrität und das Feuer, um ein paar wirklich coole Songs für dieses Album zu schreiben. Das stellte sich als sehr gewagter Moment in einer frühen Phase unserer Karriere heraus, der uns auf eine größere Bühne katapultierte. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn nach diesem Album spielten wir plötzlich in Übersee auf der "Unholy Alliance"-Tour mit Slipknot und Slayer. Die gesamte "Leviathan"-Ära war der mit Abstand prägendste Moment.«

Warum habt ihr euch dafür entschieden, euer 20-jähriges Jubiläum jetzt mit einer Raritäten-Sammlung zu feiern?
»Über die Jahre haben sich all diese verschiedenen Songs angesammelt, die wir aufgenommen haben und wirklich cool finden, die aber nur auf limitierten Vinyl-Kopien von vielleicht 1000 oder 2000 Stück für die Record Store Days oder so erschienen sind. Somit hatten wir diese Ansammlung von Musik der vergangenen 15 Jahre herumliegen, der Großteil unserer Fans hat aber noch nie davon gehört. Wir konnten sie alle auf eine große Kollektion packen und eine angemessene Veröffentlichung erzielen, gleichzeitig war das Timing dafür aber auch einfach gut. Nicht nur, weil wir unser 20-Jähriges feiern. Unser letztes Album "Emperor Of Sand" ist vor drei Jahren erschienen und das nächste Album liegt möglicherweise noch ein Jahr in der Zukunft.«

Du warst der Hauptverantwortliche für die Zusammenstellung der Tracklist von "Medium Rarities". Hat dieser Prozess eine Menge alter Erinnerungen hervorgebracht?
»Wir hatten diese 15 Songs, davon vier oder fünf Coverversionen, eine Handvoll Live-Tracks und 'Fallen Torches' als den einzigen unveröffentlichten und neuen Song. Das war der erste Track, den wir in unserer neuen Probeeinrichtung in Atlanta aufgenommen hatten. Die instrumentalen Versionen erlauben es dir gewissermaßen, die Augen zu schließen und dich an einen anderen Ort bringen zu lassen. In ihnen stecken eine Menge Strukturen und Ebenen, die sich ohne Gesang deutlicher heraushören lassen. Es war auch eine sehr coole Möglichkeit, einen Song namens 'White Walker' aufzunehmen, für den die Macher von "Game Of Thrones" für einen HBO-Release bei uns anfragten. Das alles ist, als würde man in einen Sammelalbum mit alten Familienfotos blättern und in der Zeit zurückreisen.«

Die HBO-Serie "Game Of Thrones" und euch verbindet sowieso eine besondere Geschichte.
»Einer der beiden Regisseure, Dan Weiss, ist ein großer MASTODON-Fan. Er war derjenige, der uns einlud, ein Teil der Show zu werden, was schließlich dazu führte, dass wir einen Song für den "Game Of Thrones"-Soundtrack aufnahmen.«

Du warst allerdings nicht Teil des Cameo-Auftritts der Band in Staffel sieben.
»Das war kurz vor dem Start unserer sechswöchigen Europa-Tournee und die anderen reisten drei Tage früher an, um beim Dreh dabei zu sein. Ich selbst war nicht dabei, ich blieb lieber zu Hause für diese zusätzlichen Tage.«

Euer neuester Song 'Fallen Torches' klingt nach einer Mischung aus frühem "Remission"- oder "Leviathan"-Material in Kombination mit dem modernen Gesang der späteren MASTODON-Ära. Was ist die Entstehungsgeschichte dahinter?
»Den Song schrieben unser Gitarrist Bill und Schlagzeuger Brann, da waren sie ziemlich aufgedreht und sauer. Das war der erste Song, der nach dem Tod von Nick John entstanden ist, der 15 Jahre lang unser lieber Freund und Manager gewesen ist. Das Stück ist also von Verwirrung und Wut getrübt und brachte sie direkt zurück in die Anfangstage, als wir als Band so richtig loslegten. Instrumental klingt der Song also nach alten MASTODON, während wir auf gesanglicher Ebene einen anderen Weg gehen wollten. Es ist nicht schwierig, einfach über alles drüber zu schreien. Du hast es also perfekt auf den Punkt gebracht: Es ist die Musik der alten Tage mit dem Gesang der Neuzeit und eine tolle Möglichkeit, um zu zeigen, wie MASTODON heute klingen. Unser Feuer brennt noch immer.«

Du hast erwähnt, dass ihr euch vor der Aufnahme von 'Fallen Torches' ein neues Aufnahme- und Probestudio aufgebaut habt.
»Wir haben ein Gebäude in Atlanta namens "Ember City" gekauft. Darin gibt es insgesamt 17 Proberäume, in denen alle möglichen Bands aus Atlanta proben. Die Entertainment-Szene in der Stadt ist groß und es ist schwierig, einen passenden Ort zum Proben zu finden. Vor drei Jahren kauften wir also dieses Gebäude und bauten es um. Unser Proberaum befindet sich auch darin und im Keller haben wir ein ziemlich gutes Aufnahmestudio namens "West End Sound" eingerichtet.«

Den Tod eures langjährigen Managers Nick John hast du bereits angesprochen, das tut mir wirklich leid. Auf der anderen Seite habt ihr euch aber auf eine sehr schöne Weise von ihm verabschiedet, nämlich mit einer Cover-Version von 'Stairway To Heaven'. Ihr schreckt also keineswegs davor zurück, die ganz Großen zu covern?
»Jeder weiß, dass man 'Stairway To Heaven' nicht covert (lacht). Allerdings waren Led Zeppelin Nicks Lieblingsband und sein Lieblingssong 'Stairway To Heaven'. Als uns seine Frau fragte, ob wir den Song akustisch auf seiner Beerdigung spielen würden, mussten wir ja sagen. Es wurde ein sehr erbauender Moment am Ende einer äußerst traurigen Beerdigung. Unser guter Freund Joe Duplantier von Gojira saß im Publikum und nahm uns mit seinem iPhone auf, während wir den Song spielten. Als wir es uns später anhörten, sagte Joe zu uns: 'Das war so wunderschön, ihr solltet den Song richtig covern!' Wir waren uns zuerst nicht sicher. Wenn wir aber ein gutes Cover einspielen, eine Aufnahme zu Ehren von Nick veröffentlichen und alle Einnahmen an eine Krebsstiftung spenden würden, wäre das gut für alle. Es ergab einfach Sinn.«

Ihr habt mit 'Rufus Lives' einen neuen Song zum Soundtrack des dritten "Bill & Ted"-Kinofilms beigetragen. Wie kam es dazu und was war das für eine Erfahrung?
»Yeah (lacht)! Es ist neun Monate her, als uns der musikalische Leiter fragte, ob wir einen Song zu diesem "Bill & Ted"-Reboot beitragen würden. Der erste absolut grandiose Teil kam 1989 heraus und hat eine Art Kult-Anhängerschaft für diese unglaublich alberne Filmreihe gewonnen. Und wir vier lieben sie auch! Wir sagten sofort zu und entschieden uns für den Titel 'Rufus Lives', denn Rufus war der Name von George Carlins Charakter im ersten Film. Es sollte ein spaßiger, fröhlicher Goodtime-Rock'n'Roll-Song werden. Erfreulicherweise gefiel er ihnen und landete schließlich tatsächlich im Film.«

Bist du mit den ersten beiden Teilen aufgewachsen?
»Ja, damals waren wir Teenager. Jeder von uns in der Band ist ein großer Filmfan und wir mögen alle vier Comedy am liebsten, egal ob Leslie Nielsen in der "Naked Gun"-Reihe, "Airplane!", "Strange Brew" oder "Teenwolf"...«

Großartige Filme!
»Yeah, die sind alle super. Es tut gut, zu lachen.«

Wie kommt ihr mit der Arbeit am nächsten MASTODON-Album voran in diesen schwierigen Zeiten?
»Ich kann dir sagen, dass wir im Moment an so vielen Ideen wie noch nie für eine Aufnahmesession arbeiten. Jeder von uns hatte viel Zeit, um jede Menge beizutragen und jetzt haben wir diese gewaltige Ansammlung von halb fertigen Tracks, Grundgerüste ganzer Songs, Riffs, Stücke und Einzelteile. Es ist cool, das alles zusammen durchzugehen und zu sehen, an was wir jetzt arbeiten wollen. Wir haben dieses Jahr jede Woche ein bisschen daran gearbeitet und sind ziemlich aufgeregt deshalb. Um deine Frage zu beantworten: Wir kommen sehr gut voran und haben eine Menge Material. Ich persönlich wäre bereit, jetzt sofort mit den Aufnahmen zu beginnen! Ich denke, wir stehen kurz davor.«

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Bands:
MASTODON
Autor:
Simon Bauer

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