Interview


Pic: Dean Chalkey

Interview 28.10.2022, 13:21

MASSIVE WAGONS - Schon getriggert?

Wir nehmen das neueste Werk im Longplayer-Format von MASSIVE WAGONS zum Anlass, um bei Sänger und Gründungsmitglied Barry „Baz“ Mills virtuell anzuklopfen. Für die Mannen aus Carnforth, Großbritannien, markiert „Triggered!“ ihr sage und schreibe siebtes Studio-Album. Darin erheben sie in Punk-Manier den Mittelfinger gegen Mobber, Konsumrausch und die britische Regierung. Bereits mit dem Album-Cover wollen die Rocker triggern, denn es zeigt einen maskulin aussehenden Mann mit Gesichtstattoos, der rosa Lidschatten trägt. Im Gespräch plaudert Fronter Baz über die Folgen seines Jobs als LKW-Fahrer, lüftet das Geheimnis hinter dem Bandnamen und verrät, was er von VIP-Tickets hält.

Ich habe gesehen, dass ihr kürzlich zu Gast bei der „Radio Bob Rocknacht“ wart. Bist du noch in Deutschland?

»Nein, wir sind morgens los, haben abends den Gig gespielt und sind am nächsten Morgen schon wieder zurückgeflogen.«

Straffes Programm!

»Ja, aber es war schon eine große Sache für uns, die wir unbedingt machen wollten.«

Der Grund, warum wir sprechen, ist natürlich euer neues Album "Triggered!". Für die Platte habt ihr wieder mit den Produzenten Chris Clancy und Colin Richardson in den Backstage Studios gearbeitet. Was macht die Zusammenarbeit mit ihnen so besonders für euch, dass ihr euch erneut für sie entschieden habt?

»Das sind sehr sympathische, bodenständige und witzige Leute. Wir teilen den gleichen Humor und das hilft schon, wenn man mehrere Wochen miteinander arbeitet. Ich bewundere sie dafür, dass sie großartig in ihrem Job sind. Wenn wir ins Studio gehen, setzen wir vollstes Vertrauen in diese Jungs und lassen sie ihren Job machen. Als wir das erste Mal mit ihnen gearbeitet haben, hatten wir sie noch nie vorher getroffen und mussten sie erst einmal kennenlernen. Sie haben herausgefunden, wie wir arbeiten und was wir wollen. Beim zweiten Mal wussten sie alles über uns und kannten unseren Sound. Sie wussten sofort, was sie taten, und es war ein großer Erfolg. Es sind großartige Leute, mit denen wir gut zusammenarbeiten können.«

Euer letztes Album namens „House Of Noise“ kam 2020 auf den Markt. Inwiefern habt ihr euren musikalischen Stil von der Vorgängerscheibe zu „Triggered!“ hin verändert?

»Ich würde sagen, die Produktion ist ganz anders und deutlich besser. Ich liebe „House Of Noise“, weil das ein großer Schritt vom Vorgängeralbum war, aber ich denke, dieses Album ist das Beste. Wir kannten die Producer schon, hatten gute Demos und waren gut vorbereitet. Wir hatten dieses Mal auch ein bisschen mehr Zeit im Studio und konnten so den richtigen Gitarrensound finden. Vorbereitung ist der Schlüssel: Alles richtig machen, bevor man anfängt und ins Studio geht.«

Ihr hattet also vorher fast alles fertig und seid dann ins Studio gegangen, richtig?

»Ja, das stimmt. In den Wochen bevor wir ins Studio sind, haben wir ganz primitiv Demos aufgenommen und sie an die Producer geschickt. So konnten sie ein Gefühl für die Songs bekommen und sich vorab schon Gedanken machen. Vorbereitung ist wirklich wichtig. Dadurch hatten wir die richtige Ausrüstung und konnten uns über den Gesang unterhalten. Selbstverständlich kostet das Studio Geld und du zahlst für die Zeit vor Ort. Je mehr Zeit du damit verbringen kannst, etwas aufzunehmen, desto besser.«

Woher nimmst du deine Inspiration für die Lyrics?

»Ich mache mir Notizen auf dem Handy, wann immer mir etwas einfällt. Alle Ereignisse, Gedanken, Phrasen oder Worte schreibe ich in eine lange Liste – eine umfangreiche Liste an Nonsens. Wenn Adam mir Riffs schickt, gehe ich durch diese Liste durch und schaue, wo der Funke überspringt.«

Hattest du ein übergeordnetes Thema im Hinterkopf, als du die Liste für das Album durchforstet hast?

»Ja, die Lyrics basieren meist auf Kommentaren zu unserer Gesellschaft. Ich versuche, Dinge aus dem wirklichen Leben aufzugreifen, mit denen sich die Leute identifizieren können. Ich schreibe weniger über Ausgedachtes oder Fantasy-Geschichten und mehr über Dinge aus dem realen Leben, die reale Menschen betreffen. Das war definitiv auch der Fall für dieses Album. So zum Beispiel auch bei ‚Germ‘. Ich war vor Jahren LKW-Fahrer und habe damit aufgehört. In diesem Land gab es, ich glaube aufgrund des Brexits, einen Mangel an Fahrern und die Regierung hat mir einen Brief geschrieben und gefragt, ob ich nicht erneut in Betracht ziehen möchte, als LKW-Fahrer zu arbeiten. Ich habe mich davon ein bisschen angegriffen gefühlt, weil sie sich die Freiheit herausgenommen haben zu fragen, obwohl sie nichts für mich getan haben. Denn als Corona in diesem Land zugeschlagen hat, war ich nicht berechtigt, staatliche Gelder zu beziehen, die mir durch die Zeit geholfen hätten, weil ich selbstständig bin. Und das, obwohl ich lange genug selbstständig war. Ich bekam also nichts und sie sind nicht auf meine Bedürfnisse eingegangen. Ich werde mich aber nicht von ihnen verarschen lassen, also habe ich einen Song darüber geschrieben. Das ist das, worum es in ‚Germ‘ geht. Klammheimlich bin ich wohl ein wütender Mensch (lacht).«

Tja, das geht dann wohl auf deren Konto. Wenn du schon von LKWs („wagons“) sprichst: Ich habe mir gefragt, woher kommt euer Name MASSIVE WAGONS?

(Lacht.) »Ich nehme an, er könnte davon kommen, (fügt leicht stammelnd hinzu) aber es war ein freundlicher Kosename für eine lokale Bardame.«

Irgendwo her muss man ja seinen Namen als Band bekommen.

»Das ist manchmal schon lächerlich, wie man als Band auf einen Namen kommt. Und wenn man dann bekannter wird, bleibt man dabei.«

Ich habe Fotos auf Instagram gesehen, dass ihr an eher ungewöhnlichen Orten live gespielt habt. Da war zum Beispiel eine Brauerei oder auch ein Gefängnis dabei. Was hat es damit auf sich?

»Alle paar Jahre machen wir eine Art Meet and Greet, aber als Event. Vor ein paar Jahren haben wir einen alten Bus aus den 1960er-Jahren gemietet und darin Songs gespielt. Die Leute konnten Tickets dafür kaufen, haben Goodie-Bags mit Merch und Getränken bekommen und wir sind gemeinsam für ein paar Stunden durch die Gegend gefahren. Währenddessen haben wir live gespielt und mit den Leuten gequatscht. Und das mit dem Gefängnis war ein ähnliches Erlebnis. Es gibt ein Gefängnis im Lancaster Castle. Dort haben wir das Meet and Greet inklusive Goodie-Bag veranstaltet. Wir haben eine Tour durch die Burg gemacht und ein Akustik-Set in dem Gefängnis gespielt. Wir wollten etwas Einzigartiges zum Vergnügen erschaffen. In der Brauerei war es ähnlich, nur haben wir dort noch unser eigenes Bier brauen lassen. Wir wollen, dass es für die Fans interessant bleibt.«

Wo du gerade von Meet-and-Greet-Tickets sprichst, was hältst du von den VIP-Upgrades für Tickets?

»Ich verstehe, warum das Bands machen und warum das Fans machen wollen. Aber ich bin nicht mit dem Durchschleusen einverstanden: Reinkommen, Hände schütteln, Foto machen und weiter geht’s – und dafür zahlst du ein Vermögen. Deshalb wollten wir den Leuten mehr für ihr Geld bieten. Die Leute wollen entspannt mit dir reden. Wir wollen das persönlicher machen. Wenn Bands ein Vermögen verlangen für ein „Hallo, Foto und Tschüss“, weiß ich nicht, was ich davon halten soll. Um ehrlich zu sein, würde ich dafür nicht dafür zahlen wollen, nur um jemandem Hallo zu sagen.«

Da wir jetzt auch schon beim Thema Live-Shows waren und wir ein deutsches Magazin sind, muss ich fragen: Habt ihr neben der Tour durch UK auch Termine für Deutschland geplant?

»Im Moment haben wir keine konkreten Pläne, aber wir wollen immer wieder nach Deutschland kommen. Wir hatten zu Beginn der Lockdowns eine große Tour geplant, die offensichtlich aber abgesagt wurde. Und seither ist es ein bisschen schwierig. Wir wollten auch auf deutschen Festivals spielen, aber die Festivals haben ihre Line-ups aus den vorherigen Jahren mitgenommen, wodurch es nicht viele freie Plätze gab. Die Lage fängt an, sich zu erholen und wir haben einen tollen Agenten in Deutschland. Die Zukunft sieht rosig aus in Deutschland und wir lieben es dort. Abgesehen von Großbritannien ist das das Land, in dem wir die meisten Shows gespielt haben.«

Noch eine vielleicht knifflige Frage: Hast du einen Lieblingssong auf dem neuen Album?

»Um ehrlich zu sein, war unsere dritte Single 'Please Stay Calm' die größte Überraschung für uns. Als wir den Song mit ins Studio gebracht hatten, klang er noch ganz anders. Eher wie ein The-Offspring-Song, schnell und mit mehr Tempo. Und ich habe ihn komplett anders gesungen. Als wir ihn für Colin und Chris im Studio gespielt haben, meinten sie, dass er nicht herausstechen würde. Daraufhin haben wir an ihm gearbeitet und drei oder vier Versionen aufgenommen. Am Ende haben wir nochmal alles über den Haufen geworfen und ein Lied produziert, das komplett anders ist als das, was wir bisher gemacht haben und eher nach The Police klingt. Genau deshalb liebe ich es. Es ist interessant, dass der Track so anders klingt. Wir versuchen, es interessant zu halten, wenn wir Songs schreiben. Ich will nicht immer die gleichen Songs wieder und wieder schreiben. Und 'Gone Are The Days' ist noch einer meiner Lieblingssongs vom Album.«

Es ist bestimmt nicht einfach zu entscheiden, welche Tracks auf die Platte gehören.

»Das kann es sein. Wobei es dieses Mal nur einen Song gab, der es nicht aufs Album geschafft hat.«

Eine letzte Frage: Ihr habt auf YouTube einen Podcast bzw. Vlog gestartet. Wie kam es dazu und was ist die Idee dahinter?

»Die Idee hatten wir schon seit einer Weile. Adam und ich machen bereits Content für Patreon und daraus entstand die Idee für einen Podcast. Das sind einfach Gespräche unter Männern. Da ist ehrlich gesagt wahrscheinlich auch viel Müll dabei (lacht). Wir nehmen uns selbst nicht allzu ernst und das macht einfach Spaß.«

https://www.massivewagons.com

https://www.facebook.com/MassiveWagons

Bands:
MASSIVE WAGONS
Autor:
Lisa Scholz

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