Interview


Pic: McMurtrie

Interview 16.07.2020, 10:39

MASSIVE WAGONS - Alle sitzen im selben Boot

Gespräche per Videoschaltung können besonders in aktuellen Zeiten, wo viele Menschen von zuhause aus arbeiten, gute Anhaltspunkte bieten, um persönlichere Einblicke in das Leben des Gegenübers zu erhalten. So auch das Gespräch mit MASSIVE WAGONS-Gitarrist Adam Thistlethwaite: Der sympathische Brite präsentiert sich einerseits im Zimmer seines Sohnes (mit schicker Affen- und Giraffentapete) als stolzer Papa und offenbart sich andererseits beim Blick an mir vorbei auf das Bücherregal (das der Frau des Verfassers dieser Zeilen gehört) als begeisterter Bücherfreund. Im Interview zur fünften MASSIVE WAGONS-Platte „House Of Noise“ gibt der Gitarrist Auskünfte zum Musiker-Dasein in COVID-19-Zeiten, berichtet über „professionelle Arschlöcher“ und verrät, warum gute Gesellschaft, Gigs und Musik die besten Medikamente gegen blöde Leute sind.

Adam, ihr habt euch die Veröffentlichung eurer fünften Platte „House Of Noise“ sicher unter anderen Umständen vorgestellt. Wie geht es euch in der aktuellen Lage?

»Ganz ehrlich: Es ist schon ziemlich merkwürdig in letzter Zeit. Aber es geht ja nicht nur uns so, sondern so ziemlich jedem auf der Welt. Irgendwie müssen wir da alle durch. Als im Februar die ganze Geschichte losging, hat uns das Label gefragt, ob wir das Album vielleicht auf einen späteren Zeitpunkt, wie Oktober oder November, verschieben und die ganze Situation erstmal abwarten wollen. Das kam für uns aber nie wirklich in Betracht. Gerade in solchen Zeiten brauchen die Menschen doch Musik mehr denn je. Man kann ja nirgendwo mehr hingehen, also bleibt auch sonst nicht viel. Gewissermaßen ist das ein ziemlich perfekter Zeitpunkt, ein Album zu veröffentlichen: Es gibt uns als Band etwas zu tun und hoffentlich gibt es Leuten, die unsere Musik mögen, auch etwas, auf das sie sich freuen können. Natürlich gab es in letzter Zeit einige Herausforderungen, aber insgesamt betrachtet geht es uns ziemlich gut. Die Vorverkäufe für das Album laufen ziemlich gut. In der Hinsicht können wir uns nicht beklagen.«

In der aktuellen Situation ist der Titel der Eröffnungsnummer ‚In It Together‘ auf jeden Fall sehr passend gewählt. Sollte der Tack schon immer das Album einläuten?

»Der Song war tatsächlich der erste Song, den wir für „House Of Noise“ geschrieben haben, ich glaube sogar schon im Jahr 2018. Er hat also an sich nichts mit der gegenwärtigen Situation zu tun. Es war unserer Ansicht nach ein sehr starker Song und immer eine gute Wahl für den ersten Song. Als wir uns Gedanken gemacht haben, welchen Song wir als Single veröffentlichen wollen und zu welchem Song wir ein Video drehen wollen, ergab die Wahl einfach Sinn. Das war schon eine ganze Weile vor dem Lockdown. Das wurde hier also nicht mit irgendeiner bestimmten Sinnhaftigkeit „zusammengeschustert“. Den Leuten hat einfach die Message des Songs gefallen. Da war also gar nichts in der Hinsicht geplant, sondern alles eher ein gut passender Zufall.«

Was ist deiner Ansicht nach das optimale Szenario, in dem man sich „House Of Noise“ anhören sollte?

»Ich glaube, „House of Noise“ ist ein recht schnelles Album, ziemlich viele der Songs haben ein ganz ordentliches Tempo. In der Hinsicht kann ich mir die Platte ziemlich gut in einem Pub oder einem Club vorstellen. Viele unserer früheren Alben haben für mich eher ein Gefühl von Festival und Sonnenschein. Das Album hier fühlt sich aber eher nach Garage an, irgendwie „dreckiger“, wenn man das so sagen kann, und mit einem größeren Underground-Feeling. Der Sound klingt unserer Ansicht nach „heavier“ und hat mehr Eier. Ich liebe den Klang von „House Of Noise“. Daher ist meiner Meinung nach ein Pub der beste Ort, um sich das Album anzuhören.«

Wie läuft der Songwriting-Prozess bei euch fünf Jungs normalerweise ab und hat sich in der Hinsicht unter den aktuellen Zuständen etwas verändert?

»Im Moment sind wir so beschäftigt, dass wir an nichts Neuem arbeiten. Normalerweise bringe ich die Musik und übergebe die an Baz (Barry Mills – lh), unseren Sänger, damit er sich Lyrics zu den Songs einfallen lässt. Manchmal überlegt er sich aber auch ganz eigene Melodien dazu. Dann führen wir unsere Ideen zusammen und wenn unserer Ansicht nach etwas gut klingt, feilen wir an den Songs. Ganz oft kommt bei unseren Ideen aber auch nichts raus und dann werfen wir die einfach über Bord, um darauf keine Zeit zu verschwenden. Alles, was wir schreiben, muss auch auf etwas sinnhaftes hinauslaufen. Wenn eine Songidee nicht wirklich gut ist, befassen wir uns damit nicht weiter. Uns fallen genug Sachen ein, da können wir auch mit den guten Ideen weiterarbeiten. Ich habe das Gefühl, viele andere Bands gehen nicht so vor. Wenn wir zehn Songs schreiben, aufnehmen und dann die Frage aufkommt, was mit den anderen Songs ist, dann ist die Antwort: Es gibt keine! Wenn etwas nicht direkt gut ist, sollte man keine Zeit damit vergeuden. Was dieses Mal allerdings anders war: Unser Gitarrist, Stevie (Stephen Holl – lh), hat auch ein paar Ideen eingebracht. Das war das erste Mal, dass jemand außer Baz und mir am Songwriting-Prozess beteiligt war. Das hat in einigen Punkten eine coole und frische Perspektive hinzugefügt. Es ist mir nicht wichtig, dass ich der einzige in der Band bin, der Songs schreibt. Ich bin immer froh, wenn jemand anderes seine Ideen beiträgt. Und Stevie hatte einige wirklich gute Ideen. Er hat zum Beispiel ‚Freak City“, einen sehr coolen Song mit Achtziger-Schlagseite, geschrieben. Unsere Herangehensweisen unterscheiden sich aber ziemlich, deshalb bringt das ganz frische Facetten in unseren Sound. Es gibt keine festen Regeln bei uns. Manchmal schreibe ich auch Songs ganz allein, von der Musik bis zu den Lyrics, und das Ergebnis klingt total generisch. Ich glaube, sowas passiert eher, wenn Ideen nur aus einem Kopf kommen. Wenn da hingegen zwei künstlerische Köpfe und zwei verschiedene Herangehensweisen aufeinandertreffen, klingt das Ergebnis viel origineller und spannender. Wir versuchen deshalb, immer so vorzugehen.«

Lernen wir doch mal ein paar der Songs besser kennen. Besonders einprägsam fand ich im von dir erwähnten Song ‚Freak City‘ die Zeile „My head’s a disco full of people that I don’t like”. Was machst du normalerweise, um blöde Leute aus deiner Kopf-Disco auszusperren?

»Also die Lyrics zu dem Songs stammen ja grundsätzlich von Barry. Aber ich stimme dir zu, diese Zeile ist meiner Ansicht nach großartig. Ich glaub, wir als Band haben da alle ziemlich dir gleiche Herangehensweise. Wir haben zwar alle unsere Familien, aber sonst neben der Band auch keine weiteren Hobbys. Das, was wir hier in der Band machen, hilft uns allen abzuschalten. Das lieben wir einfach. Wir können uns sehr glücklich schätzen, dass wir von sehr tollen Leuten umgeben sind, zum Beispiel unseren Fans. Das mag sich ziemlich kitschig anhören, aber für mich ist das eine große Familie. Wir freuen uns einfach, dass das so ist. Wenn wir dann Shows spielen, treten wir dementsprechend mit den Leuten in Kontakt, die wir auch mögen. Wir sind eine sehr zugängliche Band. Wir machen keine Meet & Greets, wenn die Leute mit uns abhängen wollen, können sie einfach gerne auf uns zukommen. Auf Gigs spielen, Musik aufnehmen – das sind unserer Ansicht die besten Medikamente gegen blöde Leute.«

Welche Qualifikationen werden benötigt, um sich den Titel ‚Professional Creep‘ zu verdienen?

»Ich glaube, die Lyrics hat Baz über einen Typen geschrieben, den er mal kannte. An dieser Stelle kann ich also nur versuchen, in Baz' Verstand vorzudringen, aber das gelingt mir auch nicht immer, obwohl wir uns sehr gut kennen. Aber solche Leute gibt es wohl überall. Jeder kann mal ein Idiot sein. Jemand, der allerdings immer so drauf ist, verdient sich in meinen Augen den Titel ‚Professional Creep‘. Ich glaub, jeder kennt so eine Person, deren Job es einfach ist, ein Arschloch zu sein und die auch noch verdammt gut darin ist. Der Song kam ziemlich schnell zusammen und da hat sich wohl einfach etwas Wut beim schreiben angestaut. ‚Professional Creep‘ war eine Zeile im Song, die sich unserer Ansicht nach cool anhörte. Ich glaub, dem Label hat das zuerst überhaupt nicht gefallen und man bat uns, den Titel zu ändern. Eine weitere besondere Bedeutung steht allerdings nicht dahinter, der Titel klingt einfach gut.«

Du hast ja eben erwähnt, dass das Label mit dem Titel von ‚Professional Creep‘ nicht so glücklich war. In ‚Pressure‘ hört es sich so an, als würden gerne mal verschiedene Leute versuchen, sich in eure Band-Prozesse einzumischen. Im Song klingt das allerdings so, als könntet ihr mit externem Druck ganz gut umgehen.

»Ich glaube, das bringt es ziemlich auf den Punkt. Das ist unser fünftes Album und inzwischen wissen wir, was für uns funktioniert und was nicht. Wir wissen nicht alles, aber wir kennen uns als Band. Manchmal kommen Leute auf uns zu und fragen beispielsweise: „Euer letztes Album hat sich ziemlich gut verkauft, steht ihr unter Druck, um noch besser zu werden?“ Aber wir verspüren keinen Druck, wir machen einfach unser Ding. Wir fühlen uns noch kreativ und inspiriert, deshalb stehen wir auch nicht unter Druck. Meiner Ansicht nach ist „House Of Noise“ hinsichtlich des Songwritings unser bislang stärkstes Album. Es ist wirklich gut.«

Hut ab vor ‚Hallescrewya‘, mit dem Titel habt ihr auf jeden Fall eine coole und kreative neue Beleidigung zu verzeichnen, die muss ich mir merken.

»Ich glaub, den Gedanken dazu hatte wieder Baz. Er ist wirklich gut darin, sich solche Sachen einfallen zu lassen. Da kommt einem häufiger mal der Gedanke, dass er sowas doch irgendwo herhaben muss, aber dann schlägt man das bei Google nach und stellt fest, dass das wirklich aus seinem Kopf kommt. Er ist im Hinblick auf Wörter und Songtexte wirklich kreativ und hat großes Talent. Meiner Ansicht nach ist er wirklich im Moment einer der besten Texter im ganzen Musik-Business. Er schreibt persönlich aus seinen eigenen Erfahrungen und nicht irgendeinen Kram über Bier, Frauen und solche üblichen Sachen.«

Du hast übrigens Recht, ich habe den Titel auch bei Google nachgeschlagen und ‚Hallescrewya‘ nur in Verbindung mit eurem Album gefunden.

»(Adam lacht und jubelt.) Darüber hinaus mag ich den Song auch wirklich sehr gerne. Er ist für unsere Verhältnisse ziemlich ungewöhnlich und ich hätte ihn sogar noch auf eine frühere Stelle des Albums gesetzt, Song Nummer drei oder vier vielleicht. Jetzt steht er halt mit Position Nummer elf ziemlich am Ende. Ich glaube aber, in Zeiten von Spotify sind Songplatzierungen nicht mehr so wichtig. Klar, die Songs eins bis drei sind oft Singles, aber danach kommt es auf die Reihenfolge nicht mehr so an.«

Was machst du als erstes, wenn sich die globale Lage wieder geändert hat?

»Ich persönlich kann mir nur schwer vorstellen, dass sich die Lage in absehbarer Zeit wieder normalisiert. All unsere üblichen Aktivitäten wurden ins Jahr 2021 verschoben. Wir hatten ursprünglich für dieses Jahr eine komplette EU-Tour angesetzt und wollten auch gerne nach Deutschland kommen, das wäre in etwa zwei Wochen gewesen. Unsere Fans in Deutschland waren schon immer sehr gut zu uns, auch gerade in der aktuellen Lage. Außerdem wollten wir gerne in der UK und Skandinavien touren. Aber aufgrund der aktuellen Unsicherheiten haben wir alles in Jahr 2021 verschoben. Hoffentlich können wir diese Termine dann auch wirklich einhalten. Selbst, wenn wir dieses Jahr irgendwo spielen könnten, würden wir das wohl eher nicht vorschnell machen. Ich glaub, die Leute brauchen, auch wenn Sachen wieder normaler werden, erstmal wieder Zeit, um dieser Normalität zu vertrauen und sich sicher zu fühlen, dass kein Infektionsrisiko mehr besteht. Daher fällt es mir schwer, hier eine konkrete Aussage zu treffen. Ich würde mich allerdings mal wieder sehr freuen, einen Pint im Pub trinken zu gehen. Die Pubs haben hier zwar wieder geöffnet, aber das ist meiner Ansicht nach ziemlich bescheuert. Aber wir sind das Vereinte Königreich, solche Aktionen sind wohl ziemlich typisch für uns. Ich sehe mich erstmal für eine längere Zeit nicht im Pub.«

Die letzten Zeilen gehören dir, Adam.

»Ich möchte mich an dieser Stelle für die Unterstützung bedanken, die wir von vielen Seiten bekommen. Wir haben als fünf Jungs in der UK angefangen, die sich mal im Pub die Frage gestellt haben: „Sollen wir es eigentlich mal als Band versuchen?“ Das liegt jetzt zehn Jahre zurück und wir sind immer noch da. Es ist schön, dass ich jetzt beispielsweise mit jemandem in Deutschland sprechen kann, der sich für unsere Musik interessiert und mir Fragen dazu stellt. Das würden wir nie als selbstverständlich betrachten. Danke an unsere Fans und die Rock-Hard-Leserschaft. Wenn ihr zu unseren Shows kommt, schaut mal bei uns vorbei und sagt hallo. Wir können uns dann gerne persönlich unterhalten.«

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Bands:
MASSIVE WAGONS
Autor:
Lukas Höpfner

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