Schwatzkasten

Schwatzkasten 27.06.2012

HAIL OF BULLETS , ASPHYX - MARTIN VAN DRUNEN (Asphyx, Hail Of Bullets)

Pestilence, Asphyx, Bolt Thrower, Hail Of Bullets - die Liste der Death-Metal-Bands, bei denen MARTIN VAN DRUNEN im Laufe seiner Karriere das Mikro übernommen hat, liest sich beeindruckend. Viele kennen den 45-jährigen Holländer als erstklassigen Frontmann und echten Kumpeltypen. In unserem Schwatzkasten spricht der Mann mit der markanten Stimme aber auch über seine dunklen Seiten.

Martin, wo wurdest du geboren, und wo bist du aufgewachsen?

»Ich bin in Uden in der niederländischen Provinz Brabant geboren. Als ich sechs Jahre alt war, sind wir nach Enschede umgezogen, wo ich aufgewachsen bin und auch heute noch lebe.«

Warst du ein braver Schüler oder eher ein Troublemaker?

»Am Anfang war ich eher Troublemaker; ich kam ja aus einer anderen Gegend und sprach einen anderen Dialekt. Das sorgte für reichlich Ärger in der Schule, und ich hatte einige Schlägereien deswegen. Als sich die Sache beruhigt hatte, war ich eine Weile lang ziemlich brav - bis ich ungefähr zwölf Jahre alt war. Dann entdeckte ich den Rock´n´Roll, und von da an ging´s bergab. Ich wurde ständig aus dem Unterricht geworfen oder bin erst gar nicht aufgetaucht. Ich habe trotzdem einen recht passablen Schulabschluss auf die Reihe bekommen, was aber sicherlich nicht daran lag, dass ich fleißig gelernt hätte, sondern eher daran, dass ich einigermaßen intelligent bin.«

Was war der mieseste Job, den du jemals gemacht hast?

»Das ist einfach: HK Plastics in Oldenzaal. Anfangs musste ich die Henkel an die frisch produzierten Plastikeimer stecken. Nach einer Weile hatte ich üble Blutblasen an meinen Fingern. Später war ich dann für vier Maschinen gleichzeitig zuständig. Wir hatten exakt 15 Minuten Pause pro Arbeitstag, und wenn gerade ein Kollege Pause machte, musstest du auch noch auf seine vier Maschinen aufpassen. Wenn du für acht Maschinen zuständig bist, kann eigentlich nur Chaos entstehen. Es war zudem Sommer, in der Fabrikhalle war es 65 Grad heiß, und es gab kein Wasser. Angestellt war ich seinerzeit bei einer Zeitarbeitsfirma, und ich sagte denen dann auch, welche Zustände bei HK Plastics herrschten. Sie wollten mir erst nicht glauben, haben sich dann aber selbst vor Ort überzeugt und danach nie wieder einen ihrer Mitarbeiter zu dieser Firma geschickt. Ich habe es einen Monat bei HK Plastics ausgehalten. Die meisten anderen sind wohl schon nach wenigen Tagen wieder verschwunden.«

Erinnerst du dich noch an deinen schlechtesten Auftritt?

»Leider ja. Das war eine wirkliche Schande. Wir hatten mit Death By Dawn einen Auftritt in Tschechien. Als wir dort ankamen, empfingen uns die örtlichen Biker mit der typischen tschechischen Gastfreundschaft. Es stand jede Menge Bier auf dem Tisch und ein riesiger Haufen Marihuana. Ich hatte also schon ordentlich getrunken und gekifft, als sie dann plötzlich noch den Absinth auspackten. Das war der endgültige K.o.-Schlag für mich. Ich weiß nicht, was ich an diesem Abend gemacht habe. Die anderen Jungs erzählten mir am nächsten Tag, dass ich wohl während der Show von der Bühne gegangen bin und das Gebäude verlassen habe, um meine Jacke zu suchen. Sie haben mich dann später irgendwo im Schlamm liegend gefunden. Am nächsten Tag wollten uns die Tschechen noch etwas Spritgeld für die Rückfahrt geben, aber das konnte ich echt nicht annehmen, das war mir alles viel zu peinlich. Ich fühlte mich wie ein Häufchen Elend.«

Hattest du früher ein Vorbild?

»Am Anfang war es Ace Frehley, später dann Lemmy und Cronos. Und Peter Steele zu seinen Carnivore-Zeiten. Bon Scott war auch lange Zeit ein Idol für mich.«

Wohin würdest du reisen, wenn du eine Zeitmaschine hättest?

»Eigentlich leben wir schon in einer geilen Zeit. Aber wenn, dann würde ich möglicherweise die Bastille während der Französischen Revolution besuchen. Die geballte Macht des Volkes zu erleben, die Entstehung der ersten Republik und die darauf folgende Kettenreaktion, das wäre schon sehr spannend. Auch wenn es natürlich eine sehr brutale und gewalttätige Zeit war.«

Haben dich deine Eltern stets unterstützt, oder wollten sie lieber, dass du einen „ordentlichen“ Beruf ergreifst?

»Meine Mutter ist leider gestorben, als ich noch sehr klein war. Mein Vater hätte es natürlich lieber gesehen, wenn ich mir einen regulären Job gesucht hätte. Etwa einen Monat, nachdem ich bei Pestilence eingestiegen war, meinten die anderen Jungs zu mir: „Martin, du hast noch nichts in deinen Händen, du musst jetzt den Bass übernehmen!“ Da spielte es dann auch überhaupt keine Rolle, dass ich weder einen Bass noch das dazugehörige Equipment besaß, geschweige denn dieses Instrument spielen konnte. Mein Vater hatte für mich etwas Geld angespart, das ich kriegen sollte, wenn ich volljährig bin. Ich fragte ihn, ob ich diese Kohle schon vorab kriegen könnte, um mir einen Bass zu kaufen, aber das lehnte er kategorisch ab. Ich musste also arbeiten gehen, um das Geld zusammenzukratzen. Heute ist mein Dad aber ziemlich stolz auf mich.«

Was ist deine schlechteste Angewohnheit und was deine größte Stärke?

»Ich bin ziemlich faul - das ist wohl mein größter Schwachpunkt. Gleichzeitig kann ich aber unter starkem Druck sehr gut und effizient arbeiten - das ist sicher eine meiner Stärken. Wobei: Wenn ich faul bin und nichts tue, bedeutet das meistens, dass ich irgendwo sitze und lese. Ich lese Unmengen von Büchern, was mich weiterbildet und wovon ich natürlich beim Schreiben meiner Texte profitieren kann. Allerdings gehe ich abends auch gerne mal raus, trinke ein paar Bierchen und stehe am nächsten Tag erst um drei Uhr nachmittags auf. Eine weitere Schwäche von mir ist, dass ich keine Autoritäten akzeptieren kann. Wenn mir jemand sagt, ich MUSS dies oder das tun, erreicht er bei mir in der Regel das Gegenteil.«

Dann könntest du also niemals zum Militär gehen.

»Ihr werdet es kaum glauben, aber ich wollte sogar zur Armee, bin aber abgewiesen worden. Mein Fehler lag wohl in der Beantwortung der Frage „Was würden sie tun, wenn sie unter feindlichen Beschuss geraten?“. Ich habe „Sofort zurückschießen“ als Antwort gewählt, aber sie wollten wohl hören, dass ich als Erstes meine Vorgesetzten kontaktiere und auf die Erlaubnis zum Feuern warte, auch wenn schon fünf Kameraden tot neben mir liegen.«

Kannst du dich an dein schlimmstes Date erinnern?

»Ich habe eigentlich so gut wie nie klassische Dates gehabt, im Sinne von: Man trifft sich irgendwo und verbringt einen gemeinsamen Abend. Die meisten Frauen habe ich in Kneipen oder auf Konzerten kennengelernt. Was aber natürlich nicht ausschließt, dass es im Laufe der Jahre zu einigen kuriosen Zwischenfällen gekommen ist. Zum Beispiel habe ich mal ein Mädel mit nach Hause genommen und bin dann mitten in der Nacht von einem plätschernden Geräusch wach geworden. Ich machte die Augen auf und sah, wie die Alte dahockt und mitten auf meinen Teppich pinkelt. Oder einmal habe ich eine Dame abgeschleppt, die offenbar direkt aus der Psychiatrie kam. Jedenfalls wollte sie am nächsten Tag partout nicht gehen. Ich musste sie regelrecht rausschmeißen und habe ihr dann ihre Klamotten aus dem Fenster hinterhergeworfen, als sie halbnackt vor meiner Haustür stand und immer noch protestierte. Das war echt filmreif. Und noch eine peinliche Geschichte hätte ich auf Lager: Ich lernte diese wirklich bildhübsche Frau kennen. Wir haben den ganzen Abend in einer Kneipe geknutscht und rumgefummelt und gingen dann zu ihr nach Hause. Leider hatte ich schon zu viel getrunken und habe keinen mehr hochgekriegt. Am nächsten Morgen war ich zwar mehr als bereit, weil ich Katersex eigentlich am liebsten habe, aber da hatte sie keine Lust mehr und war eh total sauer. Für ihre Familie schien es normal zu sein, dass da am Morgen irgendein Fremder mit am Frühstückstisch saß, denn die fragten mir Löcher in den Bauch, als wenn ich schon eine lange Zeit mit dieser Frau zusammen wäre. Viel peinlicher war aber, dass das Mädel eine gute Freundin von Pestilence-Klampfer Patrick Mameli war, wie sich hinterher herausstellte. Die hat ihm alles brühwarm erzählt, und als er mich das nächste Mal traf, schmierte er mir das natürlich alles gleich aufs Brot. So nach dem Motto: „Na, da hast du es aber mal richtig verbockt, was?“ Das ist natürlich das Letzte, was man dann hören will.«

Wie würde eine Allstar-Kapelle aussehen, die du dir nach deinen Wünschen zusammenstellen könntest?

»Am Schlagzeug wäre auf jeden Fall Ed Warby. Für das, was ich machen möchte, ist er einfach der Beste. An den Gitarren hätte ich gerne Malcolm Young und Paul Baayens (Asphyx, Hail Of Bullets - fa) und selbstverständlich Lemmy als Bassisten und Gesangspartner für mich.«

Warst du schon mal im Gefängnis?

»Länger, als mir lieb sein konnte. Ich habe mit Ecstasy gedealt, und das nicht in kleinen Mengen. Ich saß eine ganze Weile in Untersuchungshaft, konnte dann aber zwischen einem halben Jahr Knast oder 240 gemeinnützigen Arbeitsstunden wählen, und da habe ich mich natürlich für den sozialen Dienst entschieden. Dabei hatte ich noch Glück, denn das war die höchste Strafe, die man noch in Arbeitsstunden umwandeln kann.«

Gibt es eine Droge, die du überhaupt nicht empfehlen kannst?

»LSD - obwohl ich es selbst noch nie probiert habe. Aber man hat halt nichts mehr unter Kontrolle, wenn man das Zeug nimmt, und das gefällt mir nicht. Außerdem hätte ich Schiss, dass auf einem LSD-Trip vielleicht irgendein Kindheitstrauma wieder auftaucht, von dem ich gar nichts weiß, weil ich es erfolgreich verdrängt habe. Speed ist auch eine verdammt üble Scheiße, das habe ich mal über einen längeren Zeitraum genommen. Interessanterweise fiel meine Drogenkarriere vor meine Zeit als Musiker oder in den Zeitraum nach meinem Ausstieg bei Bolt Thrower und bevor ich bei Death By Dawn angeheuert habe. Wenn ich in einer Band war, habe ich außer Dope nie Drogen genommen. Ich würde auch niemals jemandem empfehlen, Drogen zu konsumieren, Jeder muss diese Entscheidung für sich alleine fällen. Und normalerweise weiß jeder Mensch ganz genau, welche Folgen Drogenkonsum haben kann. Mein bester Trip war mal eine Mischung aus Koks und Heroin. Danach habe ich sofort gesagt, dass ich das nie wieder nehmen werde, weil es mir viel zu gut gefallen hat. Das war wirklich gefährlich.«

Gibt es einen Musikstil, den du auf den Tod nicht ausstehen kannst?

»Schlagermusik. Egal, ob aus den Niederlanden oder Deutschland. Grauenhafte Musik mit grenzdebilen Texten. Pfui Deibel. Und die Böhsen Onkelz kann ich auch nicht leiden.«

Kannst du gut kochen?

»Wenn ich mir Mühe gebe, dann schon. Wenn ich viel Kohle hätte, würde ich sicher jeden Tag auswärts essen, aber so koche ich eigentlich immer für mich. Am liebsten mag ich indonesisches Futter. Das war ja früher mal eine holländische Kolonie, und es gab da einen Überläufer, der nach dem Unabhängigkeitskrieg auf die Seite der Niederländer gewechselt ist. Er hat sich mit meinem Vater angefreundet, der beim Militär arbeitete, und er konnte großartig kochen und kannte dabei richtig originelle Rezepte, die er von seinen Eltern und Großeltern übernommen hatte. Er hat sie meinem Vater beigebracht, und ich habe sie von ihm gelernt.«

Könntest du ohne Fernseher leben?

»Ja, relativ problemlos sogar. Ich schaue zwar regelmäßig Nachrichten und nutze immer mal wieder den Videotext, aber ansonsten bleibt die Kiste meistens aus. Höchstens, wenn mal eine spannende Dokumentation kommt, schalte ich gezielt ein. Fußball wäre auch noch interessant, aber weil ich am Wochenende meistens eh mit einer meiner Bands irgendwo spiele, verpasse ich den Großteil der Partien sowieso. Ansonsten lese ich aber viel lieber Bücher.«

Gab es schon mal einen Fan, der dir total auf den Sack gegangen ist?

»Eigentlich nicht. Natürlich gibt es diese Typen, die einem auf Festivals den ganzen Tag hinterherlaufen und dir ins Ohr brüllen, aber das gehört dazu. Einen klassischen Stalker hatte ich bislang nicht. Aber man trifft schon einige schräge Vögel. Neulich hatten wir eine Autogrammstunde in einem Iglu in Schweden. Da kam natürlich kein Mensch, weil es viel zu kalt war. Und dann saß da dieser völlig besoffene Typ, der irgendwann brüllte: ´You are Martin van Drunen. You did „Consuming Impulse“!´ Meine Bandkollegen haben sich totgelacht und mir schon mal viel Spaß gewünscht. Und nach einer Weile zeigt mir der Typ tatsächlich eine Slayer-CD und fragt mich allen Ernstes, ob ich diese Band kennen würde. Oder letztens in Griechenland fragt mich ein Fan, ob ich Ed Warby sei. Ich verneinte und erzählte, dass ich nur ein Kumpel der Band sei, der mit durch die Gegend reist. Und er hatte wirklich alles dabei: Pestilence-CDs, Asphyx-CDs...«

www.hailofbullets.com

DISKOGRAFIE

mit Pestilence:

Malleus Maleficarum (1988)
Consuming Impulse (1989)

mit Asphyx:

The Rack (1991)
Crush The Cenotaph (EP, 1992)
Last One On Earth (1992)
Death... The Brutal Way (2009)
Live Death Doom (Live, 2010)
Deathhammer (2012)

mit Comecon:

Converging Conspiracies (1993)

mit Death By Dawn:

One Hand, One Foot... And A Lot Of Teeth (2006)

mit Hail Of Bullets:

...Of Frost And War (2008)
Warsaw Rising (EP, 2009)
On Divine Winds (2010)

Bands:
ASPHYX
HAIL OF BULLETS
Autor:
Frank Albrecht

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