Kolumne

Kolumne 20.12.2017

AC/DC - MALCOLM YOUNG (1953-2017)

MALCOLM YOUNG ist tot. Eine Nachricht, die es am 18. November 2017 sogar in die 20-Uhr-Ausgabe der ARD-„Tagesschau“ schaffte. Auch in allen anderen Medien übertrafen sich die Kommentatoren mit schlauen Lobhudeleien über den Motor von AC/DC. Hier ein etwas anderer Nachruf. Garantiert ohne Superlative, dafür mit viel Herzblut und Gänsehaut.

AC/DC haben in ihrer Karriere viermal in der Essener Grugahalle gespielt, das erste Mal am 16. November 1979, zum letzten Mal am 31. März 1988. Ein besonderer Tag? Nicht nur deswegen. In der üblichen Pause zwischen zwei Songs – leider weiß ich nicht mehr, welche es waren – spielt Malcolm Young auf seiner Gretsch ´Happy Birthday´ an. Ganz kurz, ganz knapp, die wenigsten bekommen es mit. Ich könnte schwören, dass selbst Angus seinen 33. Geburtstag beinahe vergessen hätte. Backstage wird sich Malcolm wahrscheinlich ausgeschüttet haben vor Lachen. Aber das war sein Humor. Furztrocken wie das australische Outback. Trotzdem war Malcolm Mitchell Young ein geborener Schotte. Ein kleiner Mann, der mit großen Worten geizte. Es gibt nicht viele Interviews mit Malcolm, die als journalistische Glanzpunkte in die Rockhistorie eingegangen sind. Für ihn (wie übrigens auch für Angus) war ein Interview »härtere Arbeit als ein Auftritt«. Vielleicht weil sie niemals darauf trainiert wurden, sich in den Medien als Sonnyboys zu präsentieren? AC/DC haben nicht nur musikalisch immer ihr eigenes Ding durchgezogen, im Prinzip waren sie ein abgeschottetes Familienunternehmen mit einem natürlichen Boss, der sich vornehm zurückhielt. Malcolm war der große Schweiger im Hintergrund, den man selten aus der Reserve locken konnte. Und doch hatte er das Sagen in dieser Band, die sein Baby war. Auch wenn sein zwei Jahre jüngerer Bruder Angus mit seiner ewigen Schuluniform das Aushängeschild für die Öffentlichkeit darstellte, der kettenrauchende Rhythmusgitarrist neben dem kettenrauchenden Schlagzeuger war eine stumme, bescheidene Autorität, die mit kurzen Kommandos das ganze mittelständische Unternehmen AC/DC befehligte.
Auch in der Dortmunder Westfalenhalle haben AC/DC im Lauf der Jahrzehnte eine Reihe von Konzerten gegeben, manchmal sogar zwei hintereinander wie während der „Ballbreaker“-Tour 1996. Aber der Reihe nach: In manchen Städten, in denen sie zweimal auftreten, spielen AC/DC am letzten Tag einen Song mehr, in der Frankfurter Festhalle zum Beispiel gab es am 5. Mai 1996 ´Hell Ain´t A Bad Place To Be´. Sollte das in Dortmund ein paar Tage später anders sein? Dort findet am ersten Abend nach der Show vom 7. Mai ein Meet & Greet mit 20 Fans statt. Wer einmal in AC/DCs Umkleideräumen gewesen ist, weiß, was das heißt: Da alle fünf Bandmitglieder wie die Schlote rauchen, gibt es oft kaum Durchblick. Trotzdem ist an diesem Abend klar: Einer fehlt. Wo ist Malcolm? Aus der leeren Halle hört man etwas, das wie ein erneuter Soundcheck klingt. »Er war mit dem Sound heute nicht zufrieden und checkt die P.A. noch einmal. Er lässt sich entschuldigen«, verkündet Stewart Young, der damalige Manager (nicht verwandt oder verschwägert), mit einem lapidaren Schulterzucken. Interessant wird es dann während der Autogrammstunde. Jedes Mal, wenn Angus Young, Brian Johnson, Cliff Williams oder Phil Rudd gefragt werden, welchen Song es morgen als Zugabe gibt, lautet die Antwort: »Fragt Malcolm.« (Kleine Anmerkung in eigener Sache: Gespielt wurde am 8. Mai 1996 übrigens direkt vor ´The Jack´ der „Powerage“-Klassiker ´Down Payment Blues´. Beim Schreiben dieser Zeilen bekomme ich nach über 20 Jahren gerade wieder eine Gänsehaut, auch deswegen, weil es mein Vorschlag war. Klingt blöd, ist aber so. Danke, Malcolm!).    
Interviews mit Malcolm Young waren selten, wie schon erwähnt. Als er im Herbst 1992 im Rahmen der Promotion des „Live“-Albums nach Düsseldorf kommt, frotzelt der 157 Zentimeter große Mann über seine beschwerliche Anreise, dabei besitzt er damals schon lange ein Haus in London. »Mein kleiner Bruder legt diese Termine immer so, dass er am wenigsten Stress hat«, grinst er, denn Angus ist mit dem eigenen Wagen aus dem holländischen Aalten angereist. Die beiden Geschwister in Interaktion zu beobachten, ist übrigens eine wahre Pracht. Fast wie die drei Bärte von ZZ Top ergänzen sie ihre Sätze. Kostprobe Angus: »Aus der Phase stammen auch die ganzen Titel wie ´Highway To Hell´, ´Hells Bells´ und so weiter. Ich stand nämlich schon immer auf ein bisschen…« Malcolm: »…Hölle.« Wenn man einmal durch den Zigarettenqualm der beiden gedrungen ist, bekommt man eventuell sogar den einen oder anderen Nebensatz, der mehr über die Philosophie von AC/DC aussagt, als es ganze Bücher könnten. Besonders Malcolm brauchte manchmal nur einen Satz zu sagen, er war ein Oneliner, der wahrscheinlich auch gar nicht anders konnte. Ein Naturtalent, nicht nur an der Gitarre. Kostproben vom Oktober 1992: »Gab es jemals ein Tribute-Konzert für Bon?« Oder auf die Frage, ob er sich als lebende Legende fühle: »Legenden sind tot.«
Auch Bon Scott kletterte erst durch sein klischeehaftes Rockstar-Ableben im Februar 1980 in eben diesen Status, Malcolm Young hingegen dämmerte die letzten seiner Lebensjahre dement in einem Pflegeheim in Australien dahin. Anfänglich wurde er noch gelegentlich von einem Betreuer spazieren geführt, wie AC/DC-Biograf Jesse Fink in seinem neuen Buch „Bon: The Last Highway“ berichtet, der den Multimillionär in schlabbrigem schwarzem T-Shirt und Jeans drei Tage vor Weihnachten 2014 zum ersten und letzten Mal in Kings Cross, einem Stadtviertel von Sydney, gesehen hat. Fink beschreibt einen tattrigen Greis, um den es schon länger nicht gut stand. Überstandener Lungenkrebs, eingebauter Herzschrittmacher – alles Spätfolgen seines Alkoholkonsums, der ihn schon 1988 zur Reha zwang? Man wird es nie erfahren.  
Knapp einen Monat nach dem Tod seines ältesten Bruders George muss Angus Young wieder jemanden begraben, der ihn lebenslang begleitet hat.   

Ride on, Malcolm!

www.facebook.com/acdc

Bands:
AC/DC
Autor:
Jörg Staude

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