Interview


Pic: Andreas Eichenauer (Promo)

Interview 27.04.2022, 14:42

MAL HOMBRE - Interview mit dem Tipp des Monats 05/22

Auch wenn der Name spanisch anmutet und die Musik internationalen Flair versprüht, kommen die Newcomer MAL HOMBRE aus Deutschland, genauer gesagt aus Mannheim. Gründer und mittlerweile Sänger der Band ist Andreas Eichenauer. Wie es zur Entstehung der Combo kam, was ihr Debütalbum „Leche Negra“ beeinflusst hat und welche Rolle ein interdisziplinärer Ansatz mit einem Mix aus Musik, Film und Literatur für ihn spielt, erzählt uns der Fronter im Interview.

Andreas, MAL HOMBRE ist eine noch recht neue Band. Beschreibe sie uns für den ersten Eindruck bitte in drei Worten!

»Industrial Stoner Rock. Zumindest um das Genre mit drei Worten einzugrenzen. Das heißt, Tarantino-Soundtrack mit einem Dark-Wave-Einschlag und einer ein bisschen punkigeren Attitüde.«

Wie kam es zur Gründung von MAL HOMBRE?

»Im Grunde ging es aus meinem Bachelorabschluss 2017 hervor. Das war an der Musikhochschule Mannheim. Der Abschluss war recht ambitioniert aufgefasst, weil ich mit einem Teil der Musiker diese Band ins Leben rufen wollte. Und wie es oftmals so ist, aus verschiedenen Gründen hat sich die Bandgründung doch nicht ergeben. Dann war es so: Das Studium war vorbei, die Frau war weg zu dem Zeitpunkt, Band nicht gegründet. Daraufhin habe ich beschlossen, dass ich aus Mannheim raus möchte und habe angefangen, erste Songs zu schreiben. Das war damals noch für ein Bewerbungstape für einen Kurs in Hamburg. Ich habe dann relativ schnell gemerkt, dass das Fahrt aufnimmt, weshalb ich doch in Mannheim geblieben bin. Ich habe immer mehr Songs geschrieben und weiter versucht, die Band zu gründen. Aufgrund dessen, dass der Bewerbungstape-Ansatz schon Form angenommen hatte und es erste Studio-Aktivitäten gab, ist daraus eine Odyssee von drei Jahren geworden, innerhalb derer diese Platte entstanden ist. Witzigerweise hat sich ohne festes Band-Line-up ein großer Pool an Musikern gefunden, der die Platte eingespielt hat. Wie es dann aber so ist, war jeder selbst so beschäftigt, dass sie zwar für Studio-Sessions bereit waren, aber nicht für eine Band.«

Und wie ist der aktuelle Stand der Dinge in puncto Band?

»Seit Jahresbeginn ist es tatsächlich soweit, dass es ein beständiges Line-up gibt. Während der Studio-Aufnahmen hat es sich so entwickelt, dass ich zunehmend selbst Songs eingesungen habe. Dadurch ist immer wieder deutlich geworden, dass der richtige Frontmann oder die richtige Frontfrau nicht aufzutreiben ist. Es ging dann so weit, dass die Leute, die die Demos zu hören bekommen haben, sagten, ich soll es selbst machen. So habe ich mich dazu überreden lassen und das vor dem Hintergrund, dass ich nicht noch mal mehrere Jahre suchen wollte. Woraufhin ich wiederum einen Schlagzeuger gebraucht habe. In Ermangelung eines Sängers habe ich die Perspektive gewechselt. Ich bin zwar nach wie vor Schlagzeuger und werde auch, was Studioproduktionen angeht, nach wie vor trommeln. Aber mit mir als Frontmann gibt es die Band seit Ende Februar.«

Wie viele Leute seid ihr?

»Wir sind ein Quartett und haben direkt die E-Gitarre weggelassen. Noch während der Aufnahmen kam die Frage auf, wie wir die Musik auf eine Bühne bringen sollen, weil der Recording-Prozess und die Arrangements doch sehr umfangreich geworden sind. Um das Ganze inhaltlich, stilistisch, ästhetisch und konzeptionell aus der Sixties-/Seventies-Ecke rauszuholen und es möglichst zeitgemäß zu machen, war die radikale Idee, das Status-Symbol wegzulassen. Alles was an Rock 'n' Roll passiert, kommt nur von dem Bass. Um den Industrial- und synthetischen Charakter zu stützen, sind Synthesizer und Keyboards im Einsatz. Mit Drums, Keys, Bass und Gesang sind wir vier Leute.«

Cool, dass es am Ende doch mit der Bandgründung geklappt hat.

»Ja, da haben sich wirklich Dramen um die Gründung abgespielt (lacht).«

Euer Bandname, MAL HOMBRE, mutet spanisch an. Wie kommt das?

»Mein Interesse für Tarantino-Soundtracks und der lateinamerikanische Kulturkreis ist über meine Aushilfstätigkeit bei einer Band aus Mainz, Mezcaleros, entstanden. Eine Coverband, die eben diesen Sound abdeckt. Sie haben angefangen, als es noch Tarantino-Partys gab und „Pulp Fiction“ total kultig war. Da habe ich mir gedacht, ich finde das sexy, cool und dabei so wenig Testosteron-lastig und trotzdem Rock 'n' Roll – irgendwie geil. Und wenn es darum ginge, dass ich mal Songwriting-mäßig aktiv sein sollte, wäre das eine Richtung, die ich mir vorstellen kann. Also so zu arbeiten, zu denken und sich auch vom Outfit und Styling her so zu präsentieren. Da muss man natürlich aufpassen, dass man nicht als merkwürdiger Cowboy daherkommt. Bedingt durch das Musikhochschulstudium war mein aufrichtiges Interesse an der Beschäftigung mit allen möglichen Kulturkreisen, insbesondere im Hinblick auf das Stichwort „cultural appropriation“ (zu deutsch: „kulturelle Aneignung“) gegeben. Im Prinzip impliziert der Bandname, dass es folkloristische Einschläge geben darf. Die sind auf der Platte zum Teil auch zu hören, wenn auch nur als kleine Gimmicks wie die Trompeten im Opener 'Take That Gun'. Aber in erster Linie ging es darum, die hispanophilen Neigungen abzubilden, was gleichzeitig nach Rock 'n' Roll klingt.«

Der Titel des Albums lautet „Leche Negra“. Wenn mich meine Spanisch-Kenntnisse nicht ganz verlassen haben, bedeutet das so viel wie „schwarze Milch“. Was hat es mit dem Titel auf sich und was ist das Thema der Scheibe?

»Das ist korrekt. Es ist kein reines Konzeptalbum, hat als roten Faden aber das Gedicht „Todesfuge“ von Paul Celan (welches die nationalsozialistische Judenvernichtung thematisiert - ls). Das hatte schon in der Oberstufe einen Einfluss auf mich. Insbesondere die deutsche Vergangenheit hat mich damals sehr beschäftigt, auch emotional. Dieses Gedicht und andere Texte aus dem dazugehörigen Gedichtband habe ich für Songs genutzt, zum Beispiel auch bei 'Free At Last'. 'Buchenwald' ist das einzige deutschsprachige Stück und nimmt die zusammenhängende Thematik als Aufhänger. Wenn man so will, beschäftigt sich das Ding mit unserer NS-Vergangenheit. Allerdings nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern ich gehe mit einem intrinsischen Standpunkt der Frage nach, was passieren muss, damit solche Dinge geschehen können.«

Wie schreibst du die Songs? Bist du der Mastermind oder macht ihr euch gemeinsam an die Arbeit?

»Ich mache das bis zu einem maximalen, mir möglichen Umfang selbst und schaue, dass ich eine diskussionswürdige Demo am Start habe, über die ich mich mit vielen Kollegen austausche. Das Demo entsteht schon so, dass ich im Proberaum sitze und Instrumente einspiele, Texte checke und einsinge. Wenn es später auch von den Studio-Musikern keine besseren Ideen oder Einfälle gibt, dann steht der Song vorab so weit, dass wir ihn aufnehmen können.«

Auf dem Album sind von manchen Songs verschiedene Versionen enthalten. Was war die Idee dahinter?

»Du spielst auf die kleinen Zwischenspieler an, die etwas kürzer sind. Es gibt ein Stück namens „Bilder einer Ausstellung“ von Modest Mussorgski, in der er die sogenannten Promenaden eingesetzt hat. Sie beschreiben in einer Kunstausstellung den Gang von einem Bild zum Nächsten. Das ist sozusagen wie der Schluck Wasser zwischen den Weinen bei einer Weinprobe.«

Ok, du leitest damit von Song zu Song über. Ein Track ist mir besonders aufgefallen: 'Free At Last'. Er hört sich im Vergleich zu den anderen Liedern besonders rockig an.

»Er ist auf jeden Fall der schnellste Song und das ist auch eine Sache, die ich beim Schreiben im Hinterkopf hatte. Ich wollte etwas Abwechslung zwischen den Tracks haben. Es geht von einem total fragilen, balladesken, deutschsprachigen Duett bis hin zu einer Uptempo-Nummer. Daher hat der Song etwas mehr Wucht bekommen als andere. Das war das Spannungsfeld innerhalb dieses Quasi-Konzeptalbums. Gleichzeitig hat das den Prozess, es bühnenreif zu denken, deutlich erschwert. Im Studio hat man die Freiheit, sich jeden einzuladen, der sich darauf einlässt, insbesondere verschiedene Sänger. Auf der Bühne sieht das anders aus. Das Ziel ist jetzt, mit der neuen Band einen kohärenten Sound zu entwickeln, der einen hohen Wiedererkennungswert hat. Die unterschiedlichen Songs sind also der Freiheit im Studio geschuldet und ich habe das so krass ausgereizt, wie es nur in Frage kam.«

Noch eine fiese Frage: Hast du einen Lieblingssong auf dem Album?

»Das ist in der Tat eine gute Frage. Das kommt ein bisschen auf den Schwerpunkt an, den man setzen möchte. Aber wahrscheinlich ist der für die jetzige Band repräsentativste Song 'Take That Gun'. Den werden wir auch auf jeden Fall ins Repertoire aufnehmen. Das spielt gerade ohnehin eine akute Rolle, welche Songs können wir auf eine Setlist packen, das im Quartett live realisierbar ist, ohne dass wie viele Backing-Tracks laufen lassen müssen.«

Zu dem Song gibt es auch ein Video. Und wenn ich mir eure Musikclips auf YouTube anschaue, gewinne ich den Eindruck, dass sie aufwendig produziert sind und einen hohen Stellenwert in deinem Projekt einnehmen.

»Das ganze Ding war früher nicht so mainstreamig angelegt und wir wollten ambitionierte Musikvideos an den Start bringen, verbunden mit meinem Interesse für andere Kunstformen wie eben dem Kino. Die Konzeptionalisierung hat sich gespeist aus der Beschäftigung mit Historie. So sind gerade bei 'Dig That Hole', was mit Abstand das aufwendigste, längste und teuerste Video war, Aspekte zusammengekommen, die das Album ausmachen. Es geht vor allem um die deutsche Historie, angefangen bei der Kolonialzeit mit Hinblick auf moderne, tagesaktuelle Auswirkungen – in diesem Falle Rassismus. Das Drehbuch ist unmittelbar um die Zeit des Mordes an George Floyd entstanden, was einen großen Einfluss hatte. Corona hat auch seinen Eingang gefunden. Es geht auch um die Handhabung von vielen impliziten und expliziten Symbolen. Bei 'Rise' wollten wir direkt an die alten Schauplätze gehen. Wenn der Song schon 'Rise' heißt, bietet es sich an, irgendwo raufzugehen und das am plakativsten auf einen Berg. Dann kam der Gedanke auf, Routen zu planen entlang der alten Alpenkriegsfronten. Stilistisch kam natürlich Tarantino mit rein.«

Was sind eure Pläne für die Zukunft?

»Ganz akut die Band spielfähig zu bekommen. Das heißt, die Songs, die sich übersetzen lassen, entsprechend umzuarrangieren und zu üben. Respektive neues Material zu schreiben, unter Einbezug der Band. Dahingehend weitet sich das Songwriting aus, dass wir uns gemeinsam hinstellen und beim Jammen auf Ideen kommen. Dass ich Skizzen ausarbeite, wird aber Teil der Geschichte bleiben.«

www.mal-hombre.com

www.facebook.com/malhombre.official

Bands:
MAL HOMBRE
Autor:
Lisa Scholz

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