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Foto: Holger Stratmann

ToneTalk 19.08.2020, 08:00

LONG DISTANCE CALLING - »Ich brauche kein Schlagzeugsolo«

Mit „How Do We Want To Live?“ überraschten LONG DISTANCE CALLING jüngst mit einer weiteren vielfältigen Instrumentalscheibe, die mit einem Einstieg in die deutschen Albumcharts auf Platz sieben honoriert wurde. Das ausgetüftelte, aber dennoch klare und reduzierte Schlagzeugspiel von Janosch Rathmer trägt dazu einen immensen Teil bei. Am Telefon erzählt der Münsteraner, wieso für ihn beim Schlagzeugspielen weniger mehr ist und was Led Zeppelin mit seinem Drumsound zu tun haben.

Janosch, welche Aufgabe hat der Schlagzeuger in einer Instrumentalband wie LONG DISTANCE CALLING?

»Auf jeden Fall gibt es einen Unterschied zu einer Band mit Sänger. Gerade mit einem Sänger rückt das Schlagzeug mehr in den Hintergrund. Das finde ich auch gar nicht schlimm, ich habe mir das Instrument ja ausgesucht. Wenn ich gern im Vordergrund stehen würde, wäre ich Sänger. Das ist bei uns natürlich schon anders: Man steht als Schlagzeuger mehr im Fokus, und ich finde es auch spannend, mit dem Instrument Hooklines zu kreieren. Also Stellen, die der Hörer noch mal hören möchte, weil ein Fill, ein Groove oder ein Rhythmus geil oder interessant war. Gerade bei der neuen Platte sind die Rhythmen teilweise sehr im Vordergrund. Wir haben nämlich viel mit Percussion gearbeitet, die wir selbst aufgenommen haben. Auch die ganzen Beats habe ich programmiert. Dadurch bekommt die komplette Rhythmus-Geschichte noch mal einen ganz anderen Fokus.«

Wie bist du zum Schlagzeug gekommen?

»Über Umwege: Mein erstes Instrument war das Klavier. Dass ich das wieder aufgegeben habe, ärgert mich heute sehr. Es ist bei mir aber definitiv etwas vom Harmonieverständnis hängen geblieben. Daher kann ich mich auch als Schlagzeuger ganz gut bei Melodien ins Songwriting einbringen. Das war auch gut für die neue Platte von LONG DISTANCE CALLING, da wir viel mit Synthies gearbeitet haben. Nach dem Klavier habe ich erst relativ spät, mit 15 oder 16 Jahren, mit dem Schlagzeug angefangen. Meine Eltern waren zum Glück sehr geduldig und tolerant, sodass ich mein eigenes Schlagzeug hatte. Damit habe ich meine Eltern und auch die umliegende Nachbarschaft mehr oder weniger gut unterhalten.«

Aus welchem Grund hast du dich damals für das Schlagzeug entschieden?

»Weil es eine unheimlich tolle Energie hat. Außerdem haben mich immer Drummer fasziniert, die sich zwar im Hintergrund halten, aber der Motor der Band sind. Der Schlagzeuger hat für mich eine unglaublich große Verantwortung. Wenn der Gitarrist sich mal verhaut, merkt das kein Mensch. Aber wenn der Drummer so richtig daneben liegt, dann ist die Band eigentlich gleich am Ende. Mich hat es immer fasziniert, der Antrieb einer Combo zu sein.«

Welche Drummer haben dich fasziniert?

»Als ich angefangen habe, hatte ich eine starke Iron-Maiden-Phase. Nicko McBrain war sicherlich einer der Gründe, warum ich mit dem Schlagzeugspielen angefangen habe. Dazu kamen auch härtere Sachen wie Pantera. Vinnie Paul war damals auch ein sehr geiler Drummer. Zu der Zeit habe ich versucht, viel schnelles, technisches Zeug zu spielen. Aber das hat sich gerade in den letzten zehn bis 15 Jahren wieder ein bisschen gelegt, und ich habe mir eher aus anderen Stilrichtungen und Bereichen Inspiration geholt.«

Was inspiriert dich heute?

»Ich finde es beim Schlagzeugspiel und gerade für unsere Musik unheimlich wichtig, dass der Groove betont wird. Ich stehe überhaupt nicht auf diese Mathe-Schlagzeuger, bei denen man merkt, dass sie die ganze Zeit an ihrem Limit sind, und man gar nicht nachvollziehen kann, was sie spielen. Ich mag Drummer, die den Groove im Fokus haben. Das kann einfach, wie bei AC/DC sein: Phil Rudd spielt wie eine Bank. Eigentlich macht er jeden Song das Gleiche, aber damit ist er der Motor der Band. Ansonsten sind das auch Leute aus dem neueren Jazz-Bereich wie Nate Smith. Und der Trommler von Clutch (Jean-Paul Gaster - ir), da er auch sehr viele Grooves aus dem Jazz und HipHop übernimmt. Steve Jordan, der viel im John Mayer Trio gespielt hat, also eher im Blues und Funk unterwegs ist, finde ich ebenfalls super.«

Eure Songs sind in ihrer Grundstruktur komplex, klingen aber dennoch klar und nachvollziehbar. Passiert das beim Songwriting nach Gefühl, oder gehst du mit System an den Rhythmus-Aufbau?

»Ich bin ein Schlagzeuger, der intuitiv spielt. Das kommt meistens eher aus dem Gefühl. Ich setze mich nicht hin und arbeite so was aus. Meine Parts kommen sehr natürlich, und so schreiben wir insgesamt als Band Songs. Ich brauche kein Schlagzeugsolo, auch bei anderen Bands übrigens nicht. Das Schlagzeug ist im eigentlichen Sinne kein Soloinstrument, denn man kann nicht so wirklich melodiös agieren. Kurze Solo-Passagen finde ich cool, aber ich muss mich nicht in den Vordergrund spielen. Bei uns kommt es immer aus dem Bandgefühl heraus: zusammen Songs schreiben, zusammen Musik machen.«

Wie unterscheidet sich für dich beim Songwriting die Arbeit bei LONG DISTANCE CALLING und bei deiner Hardrock-Combo ZODIAC?

»Natürlich gibt´s da Unterschiede. Bei ZODIAC haben wir zwar auch längere Instrumentalpassagen, in denen man sich auch mal ausleben kann, aber ansonsten ist es viel straighter. Man wechselt innerhalb eines Songs nicht die Grooves und erst recht nicht das Tempo oder die Taktarten. Bei LONG DISTANCE CALLING wechseln wir von Triolen auf 4/4-Takt oder haben mal einen 6/8-Takt drin. Wir haben unglaublich viele Taktarten, die auch innerhalb eines Songs variieren können. Das würde natürlich bei ZODIAC nicht passieren. Bei LONG DISTANCE CALLING versuchen wir trotzdem, dass ein Hörer, der sich mit Musiktheorie nicht auskennt, das gar nicht unbedingt merkt. Er soll einen coolen Song hören, der durchfließt. Der Musiker im Publikum wiederum kann sagen: Das finde ich spannend, weil die da jetzt verschiedene Taktarten nutzen. Die Herausforderung ist, beide zufriedenzustellen.«

Gibt es einen Song, der dich live zum Schwitzen bringt?

»Ich muss zugeben, dass ich bei den vorherigen Alben immer sehr darauf geachtet habe, dass ich nicht bei 100 Prozent spiele. Das heißt nicht, dass ich nicht alles gebe! Aber ich habe keinen Song überspielt. Früher, in der Death-Metal-Band Misery Speaks, hat man bei ganz schnellen Passagen im Studio vielleicht auch mal ein bisschen geschummelt oder mal was geradegerückt. Außer bei der letzten Platte, da haben wir darauf verzichtet. Unheimlich viele Bands, gerade im extremen Metal, schummeln im Studio dermaßen, dass sie es live gar nicht wirklich reproduzieren können. Das wollte ich immer vermeiden. Bei der neuen LDC-Platte musste ich allerdings echt üben. Da gibt es ein paar Fill-ins und Passagen, bei denen mich Arne (Neurand, Produzent - ir) im Studio sehr getriezt hat und meinte: „Da musst du noch mal ran, geh mal volles Risiko. Denk nicht daran, ob du es live spielen kannst, sondern spiele es jetzt so gut es eben geht.“«

Im Vergleich zur opulenten Musik von LONG DISTANCE CALLING hast du ein überschaubares Drumkit. Wie bist du bei dieser Variante gelandet?

»Ich finde, man braucht nicht mehr. Für mich besteht ein Schlagzeug eigentlich aus Kick, Snare und Hi-Hat. Das ist die absolute Essenz. Klar, wir haben auch Stücke, auf denen ich viel mit Toms spiele, auch das ist ein wichtiger Bestandteil unserer Musik. Auf der neuen Platte gibt es keinen Part mit Doublebass, daher brauche ich auch keine zwei Bassdrums. Eine cleane Bühne, auf der man viel mit Lichteffekten arbeiten kann, finde ich viel geiler. Ich sehe gern, was der Schlagzeuger da macht. Auch wenn ich vorhin Nicko McBrain genannt habe, den man eigentlich gar nicht sieht, weil er hinter 300 Billionen Toms sitzt. Was ihn ausmacht, sind nicht seine vielen Toms, sondern das, was er mit Kick, Snare, Hi-Hat und einem Ride-Becken macht. Da hat er seinen ganz eigenen Style, den ich aus tausend Drummern heraushöre. Ich finde es immer geiler, wenn Schlagzeuger aus einem kleinen Kit viel rausholen, als Schlagzeuger, die ein riesiges Kit zu Showzwecken haben und sich nicht auf das Wesentliche konzentrieren.«

Nutzt du das gleiche Kit auch für ZODIAC, oder hast du noch anderes Equipment?

»In etwa schon. Manchmal ist es bei ZODIAC sogar noch ein bisschen kleiner. Bei der neuen Platte von LONG DISTANCE CALLING hatte ich insgesamt vier Toms und zwei verschiedene Snares, was auch sehr viel ausmacht. Wenn man mit verschiedenen Snare-Sounds experimentiert, kann man den Songs noch mal einen anderen Vibe geben. Snares kann man als Schlagzeuger eigentlich nicht genug haben. Da habe ich mittlerweile auch eine nette Sammlung. Ich spiele seit Kurzem wieder ein Tama-Set, was mir sehr viel Spaß gemacht hat, auch im Studio. Gerade auch die fette Side-Snare, die sehr tief und teilweise schon Achtziger-mäßig klingt, ist hervorragend.«

Bei welcher Band oder welchem Song ist der Drum-Sound für dich eine gute Messlatte?

»Da gibt es so viele, auch aus verschiedenen Stilen. Jemand wie John Bonham hat in den Siebzigern schon Maßstäbe mit riesigem Raumsound geschaffen. Bei „How Do We Want To Live?“ haben wir das auf die Spitze getrieben und gesagt: Wir möchten für die Schlagzeug-Aufnahmen den besten Raum in ganz Deutschland, den man irgendwie kriegen kann. Zum Glück sind wir in Hannover mit einem total irren Raum fündig geworden, der völlig überdimensioniert ist, aber den besonderen Schlagzeug-Sound auf der Platte ausmacht. Was ich nicht mehr hören kann, sind diese aufgeblasenen Rock- und Metal-Produktionen, wo ich immer den gleichen Klang habe, weil alle dieselben Drum-Samples benutzen. Deswegen war für uns auch der Anspruch: Egal, was wir bei dieser Platte machen – wenn wir Drum-Samples nehmen, haben wir die in dem Raum selbst aufgenommen und verwenden sie nur zur Verfremdung. Es gibt aber immer Ausnahmen im Rock und Metal, die mich kicken: Der aktuelle Schlagzeuger von Sepultura beispielsweise, Eloy Casagrande, ist der Wahnsinn. Ein junger Typ und für mich in dem Bereich aktuell der beste Metal-Drummer. Seine Energie ist sehr beeindruckend, und er hat etwas Eigenes, einen unglaublichen Punch. Das kann ich mir auch wieder gut anschauen, obwohl die letzten Sepultura-Platten nicht so mein Geschmack sind.«

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Diskografie (Studioalben)

MIT LONG DISTANCE CALLING

Satellite Bay (2007)
Avoid The Light (2009)
Long Distance Calling (2011)
The Flood Inside (2013)
Trips (2016)
Boundless (2018)
How Do We Want To Live? (2020)


MIT ZODIAC

A Bit Of Devil (2012)
A Hiding Place (2013)
Sonic Child (2014)
Grain Of Soul (2016)

MIT MISERY SPEAKS

Things Fall Apart (2004)
Misery Speaks (2006)
Catalogue Of Carnage (2008)
Disciples Of Doom (2009)

Bands:
LONG DISTANCE CALLING
ZODIAC
Autor:
Isabell Raddatz

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