Interview

Interview 19.11.2018, 15:56

LEVIATHAN - Interview mit dem Tipp des Monats 12/18

Knapp fünf Jahre war es still um die Rheinländer LEVIATHAN, jetzt sind wieder da und bringen es mit ihrer neuen Scheibe „Of Origins Unearthed“ aus dem Stand zu unserem Tipp des Monats unter den Eigenproduktionen. Warum bei der Platte der Name Programm ist und wie das Internet der Band geholfen hat, erzählen uns Gitarrist Tobias Dahs und Sängerin Jule Dahs.

Jule, Tobias, in eurer Biografie ist zu lesen, dass ein Fan aus den USA einen entscheidenden Anteil an eurer Wiedervereinigung hatte.

Tobias: »Absolut! Der Kontakt mit ihm besteht schon seit unserer ersten EP, die er sich damals schicken ließ. Als er dann einen Deutschlandtrip plante, fragte er mich, ob er die Band treffen könne. Ich habe also alle angerufen und dann saßen wir das erste Mal seit 2013 wieder an einem Tisch. Anfangs war das etwas schwierig, weil es doch einige Dinge gab, die noch ungeklärt waren, aber nach einer Stunde waren wir wieder bei den alten Geschichten. Letztendlich sind wir mit der Frage aus dem Treffen herausgegangen, warum wir nicht wieder zusammen Musik machen sollen. In dem Sinne war er schon entscheidend, weil ich nicht weiß, ob wir uns sonst überhaupt nochmal getroffen hätten.

Nach diesem Treffen gab es aber erstmal noch einige Besetzungswechsel, unter anderem bist du, Jule, als Gesangsersatz für euren alten Keyboarder Fabian neu in die Band gekommen. War es sofort klar, dass Jule übernimmt, oder habt ihr euch erst nach einem männlichen Ersatz umgeschaut?

Tobias: »Da Jule und ich verheiratet sind, war sie an dem Abend mit dabei und wir haben damals schon darüber nachgedacht. Fabian ist mittlerweile freiberuflicher Fotograf, daher viel unterwegs und es war schon relativ klar, dass es zeitlich nicht passen würde.

Jule: »Die Idee stand ein gutes Jahr erstmal nur im Raum, bis wir es dann ausgetestet haben. Zu Beginn habe ich nur den cleanen Frauengesang gemacht, den wir in einigen älteren Tracks haben, irgendwann haben die Jungs aber gemerkt, dass ich mehr als nur den cleanen Gesang kann. (lacht) Mittlerweile bin ich, zumindest live, bei fast allen Songs mit dabei.

Tobias: »Dass das so lange gedauert hat, ist auch unserem Bandgefüge geschuldet. Wir sind alle Schulfreunde und gerade unser Texter Jonas (Reisenauer, g./v.) kehrt in seinen Texten sein Innerstes nach Außen, daher braucht er eine gewisse „Wohlfühlatmosphäre“. Ein Schlüsselerlebnis war da die Hochzeit unseres Schlagzeugers, auf der die beiden ein Akustikset gespielt und dementsprechend viel Zeit beim Proben miteinander verbracht und auch gemerkt haben, dass ihre Stimmen gut harmonieren.

Das heißt, Jonas singt weiterhin?

Tobias: »Genau, er ist der Hauptsänger und steht auch bei unserem Bühnenbild im Zentrum. Wir wollten nicht in der Female-fronted-Ecke landen. Ich bin ein großer Fan von Bands wie Arch Enemy oder Nightwish, hatte aber Angst, dass das die Leute verschreckt und es komisch wirkt, weil Jonas ja immer noch in der Band ist. Wir bauen jetzt mehr Clean-Gesang in die Songs ein, und da unser Schlagzeuger Tobias jetzt auch noch singt, haben wir viel mehr Volumen und Möglichkeiten, was den Gesang angeht.

Dann schauen wir auf eure Platte „Of Origins Unearthed“, bei der der Name durchaus Programm ist, denn die Lieder stammen aus den Jahren 2008/2009, also vor eurer ersten Platte. War sofort klar, dass ihr die Tracks wieder ausgrabt?

Tobias: »Das stand relativ schnell fest, ja. Nachdem wir 2013 die zweite unserer Konzeptalben fertig hatten, wollten wir uns eigentlich schon wieder mit denen beschäftigen. Wir waren von den Songs immer angetan, aber wir haben die in unserer Gründungsphase geschrieben und jede Woche geprobt, da hingen sie uns irgendwann ein bisschen zum Hals raus. Deswegen haben wir damals dann neue Songs geschrieben. Nach der Reunion waren dann die Nummern sofort wieder Thema, und diesmal haben wir sie dann auch wirklich aufgenommen.

Musstet ihr denn noch viel verändern, gerade in Anbetracht des neuen Line-Ups?

Tobias: »Die Gitarren und das Schlagzeug haben wir unverändert übernommen, genauso wie den Bass. Am meisten hat sich beim Gesang verändert. Wir schreiben unsere Songs zuerst instrumental, die Lyrics kommen erst ganz zum Schluss und waren auch noch nicht fertig. Die haben wir dann im Studio erst fertiggestellt.

Jule: »Für mich war das ein großer Druck, denn bei meinen alten Bands sind wir immer schon mit komplett fertigen Songs ins Studio gegangen, die wir auch schon geprobt hatten. Hinzu kommt, dass die Jungs sehr experimentierfreudig sind. Da hieß es dann: „Geh‘ einfach mal rein und mach‘ mal!“ So ist zum Beispiel 'The Eye Of The Storm' entstanden (lacht). Bei 'Whatever' war das ganz extrem. Da hatte ich zwar einen Text, aber ich wusste nicht, wie Jonas sich meinen Part vorgestellt hat. Er meinte da wieder: „Ja, probier‘ einfach mal!“ (lacht) Da wollte ich ihm eins auswischen und habe aus Quatsch den Teil ganz hoch eingesungen, was ich normalerweise nie mache. Als ich dann nachgefragt habe, wie ich es denn jetzt wirklich machen solle, kam als Antwort nur: „Äh, genau so!“ (lacht) So sind einige Sachen entstanden.

Tobias: »Wir sind ein spontaner Haufen (lacht). Genau so machen wir das mit den Soli. Da ist es in 99% der Fälle einfach cooler, wenn die Inspiration noch frisch ist.

Auf der Platte finden sich im Unterschied zu euren früheren Platten fast keine Orchesterarrangements. Liegt das am Abgang eures Keyboarders?

Tobias: »Nee, dass ist eher dem Alter der Songs geschuldet. Als die Tracks geschrieben wurden, hatten wir noch keinen Keyboarder. Wir hatten drei Gitarren und haben uns als Maiden light versucht (lacht). Das Keyboard kam dann erst dazu, als unser dritter Gitarrist zum Studium nach Österreich ging und Jonas durchscheinen ließ, dass er gerne mit mehr Orchestrationen arbeiten möchte. Das hat also nichts mit Rückbesinnung zu tun oder hängt daran, dass wir keinen Keyboarder mehr haben. In Zukunft wird es wieder welche geben. Da habe ich aus Mixer-Perspektive schon Sorge vor, in der Hinsicht war das diesmal sehr aufgeräumt. (lacht)

Mit Plattenfirmen habt ihr in der Vergangenheit eher schlechte Erfahrungen gemacht. Wie sieht da die Lage und die Perspektive aus?

Tobias: »Die Plattenfirma war nie ein Problem, die hat ein guter Freund von uns gemacht, der sich immer korrekt verhalten hat. Es waren eher die Vertriebe: Der Erste ist damals pleite gegangen, beim Zweiten gab es Ärger mit den Abrechnungen. Deswegen haben wir dieses Mal explizit gesagt: Wir machen nichts mehr mit einem Label. Klar, wenn ein großer Name anklopfen würde und Interesse hätte, unsere Scheibe rauszubringen, würden wir nicht nein sagen, aber wir haben uns im Vorfeld bei keinem Label beworben. Interessanterweise ist die Platte bis dato unsere erfolgreichste. Selbst jetzt, fünf Wochen nach Release, fahre ich immer noch fast täglich Pakete zur Post und verschicke die Scheibe in die ganze Welt. Das ist wirklich verrückt! Gerade durch Bandcamp kommen viele Bestellungen rein, weil die Leute uns dort über die „Entdecken“-Funktion finden. Die Unkosten haben wir dadurch jetzt schon wieder eingespielt, deswegen ist auch der Druck nicht da, ein Label finden zu müssen. Auch wenn wir uns am Anfang nicht sicher waren, glauben wir, dass das die beste Entscheidung war.

Da höre ich heraus, dass für euch die Internet-Angebote enorm wichtig sind.

Tobias: »Absolut! Neben Bandcamp haben uns da auch halblegale Youtube-Uploads geholfen, also diese Kanäle, die sich darauf spezialisiert haben, ganze Melodic-Death-Metal-Alben hochzuladen. Die besorgen sich die Scheibe, laden die hoch und haben mich im Nachhinein angeschrieben, ob das denn in Ordnung sei. Die Videos haben dann 10.000 Plays und in der Beschreibung unseren Bandcamp-Link, und ich bin mir sicher, dass dadurch einige Leute uns erst kennen gelernt haben. Klar, für große Bands ist das problematischer, weil die viel aufwändiger produzieren, aber wir profitieren eher von dem Streuungseffekt. Es ist zum Beispiel dass erste Mal, dass wir so viele Scheiben ins Ausland verkaufen. Früher gingen ein paar Scheiben nach Holland, Belgien oder Frankreich, heute schicken wir Platten nach Indonesien, wo ich Schwierigkeiten habe, die Adresse richtig zu schreiben (lacht).

Dann schauen wir zum Schluss noch kurz in die Zukunft. Was steht bei euch demnächst an?

Tobias: In naher Zukunft ist erstmal eine kleine Pause geplant, weil unser Schlagzeuger Ende Dezember das erste Mal Papa wird. Nächstes Jahr werden wir dann einige Shows spielen, hoffentlich auch ein paar Festivals und dann fangen wir langsam mit dem Songwriting für die nächste Platte an. Jonas schrieb mir letztens schon, dass er schon wieder einige Ideen für neue Nummern hätte und wann wir denn anfangen würden (lacht). Es wird definitiv nicht wieder fünf Jahre dauern, bis es eine neue Scheibe gibt, das kann ich versprechen!

https://leviathan-band.bandcamp.com/

Bands:
LEVIATHAN
Autor:
Maximilian Blom

Melde dich für unseren Newsletter an und verpasse nie mehr die wichtigsten Infos

Diese Seite verwendet Cookies. Erfahrt in unserer Datenschutzerklärung mehr darüber, wie wir Cookies einsetzen und wie Ihr Eure Einstellungen ändern und Cookies deaktivieren könnt. Darüber hinaus verwenden wir Cookies Dritter für die Einbindung audiovisueller Inhalte durch Youtube, Spotify und Soundcloud. Dem könnt ihr hier zustimmen oder dies ablehnen. Datenschutzerklärung ansehen.