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ToneTalk 18.03.2020, 15:20

CULT OF LUNA - Lass es wie ein Zugunglück klingen

Magnus Lindberg, Drummer und Soundexperte bei CULT OF LUNA, zieht sich aus persönlichen Gründen zusehends aus der Band zurück, um seine Tätigkeit als Produzent und vor allem Mixer für andere Bands voranzutreiben. Obwohl der Schwede in erster Linie für Post Metal und Ähnliches bekannt ist, trägt er keine Scheuklappen und sieht sich ohnehin erst am Anfang seiner Karriere hinterm Mischpult.

Magnus, wie bist du Musiker geworden und dann zum Produzieren übergegangen?

»Meine Eltern haben beide Instrumente gespielt, und mein Vater besaß ein kleines Studio bei uns zu Hause, also kam ich schon als Kind nicht nur mit Musik in Berührung, sondern auch mit den Abläufen, sie aufzunehmen. Mit 19 oder 20 beschloss ich, dass ich meinen Lebensunterhalt damit verdienen wollte, und momentan sieht es so aus, als hätte ich es geschafft.«

CULT OF LUNA tüfteln gern im Studio herum. Inwiefern beeinflussen die Möglichkeiten moderner Aufnahmetechnik, Effekte und dergleichen einen an sich schon fertig komponierten Song?

»Mal mehr, mal weniger stark, aber das ist im Grunde bei jeder Band der Fall. Wenn man etwas einspielt und es sich im Nachhinein anhört, findet man meistens etwas, das man verbesserungswürdig findet, und je mehr man technisch tun kann, desto länger probiert man dies und das aus, wobei man schnell an einen Punkt gelangt, wo das Ganze nicht mehr viel mit dem ursprünglichen Gedanken dahinter zu tun hat. Darum kommt es darauf an, genau zu wissen, was man will, sonst macht man mehr falsch als richtig. Die eigene Musik selbst spielerisch zu beherrschen, hilft natürlich auch, denn dem, was man aus schlampigen Aufnahmen noch herausholen kann, sind Grenzen gesetzt. Praktisch ist Technik vor allem dann, wenn man mal eben hören will, wie die eine oder andere Passage um ein paar Takte gekürzt klingt, weil man einfach einen Teil herausschneiden und später bei Bedarf wieder einfügen kann. In die Zeit rauschender Proberaummitschnitte will ich definitiv nicht zurückkehren.«

Ihr seid auch eine sehr visuell ausgerichtete Band. Bringst du persönlich Bilder mit Musik in Verbindung?

»Wir alle. Manchmal heißt es etwa: „Dieser Part soll klingen wie ein Zugunglück.“ Solche Vergleiche helfen dabei, schwer erklärbare Emotionen in Worte zu fassen, denn darunter kann man sich etwas vorstellen und muss es trotzdem nicht konkret benennen. Uns jedenfalls fällt es leichter, das dann musikalisch umzusetzen.«

Würdest du sagen, dass du als Schlagzeuger ein besonderes Bewusstsein für Struktur und Ordnung hast?

»Ich weiß nicht. Auf jeden Fall höre ich sofort, wenn etwas nicht tight ist oder sich jemand im Ton vergreift. Songs arrangieren kann ich auch nicht besser als andere. Sowieso sollte jeder das, was er schreibt, selbst nach seinen eigenen Vorstellungen aufbauen. Bei Produktionen mit CULT OF LUNA gebe ich nur noch Ratschläge, während unser zweiter Schlagzeuger Thomas, der mich auch live vertritt, alles einspielt. Hineinreden will ich ihm da ganz bestimmt nicht. Heute verstehe ich mich eher als musikalischer Leiter der Gruppe.«

Warum wirkst du nicht mehr aktiv mit?

»Erstens habe ich zunehmend mehr in meinem Studio zu tun, was mir wichtiger geworden ist, zweitens hindern mich private Umstände daran, die Jungs regelmäßig auf Tournee zu begleiten. Wenn ich dann mal am Start bin, macht es mir aber immer noch großen Spaß. Langfristig werde ich mich wohl gänzlich ausklinken.«

Hast du eine Erklärung dafür, dass du in letzter Zeit so gefragt bist?

»Na ja, ich hoffe doch, wegen meiner ordentlichen Arbeit. Irgendwas muss ich ja richtig machen – und sei es nur, dass ich ein umgänglicher Typ bin (lacht). Die meisten Engagements in der Musikbranche ergeben sich durch Empfehlungen, und das ist bei Produzenten nicht anders, zumal diesen Beruf, wenn man ihn wirklich professionell auffasst, nicht mehr so viele Leute auf hohem Niveau ausüben. Wenn Underground-Acts das Angebot auf Produzenten eingrenzen, die für sie finanziell erschwinglich sind, ist das Feld relativ überschaubar, und ich habe eben eine Neigung zu Stilen, die momentan angesagt sind.«

Dennoch deckst du ein breites Spektrum ab. Nimmst du auch Jobs an, obwohl dir die betreffende Musik nicht liegt?

»Ich bemühe mich zumindest, nach allen Seiten hin offen zu bleiben, denn gerade in diesem Geschäft darfst du dich nicht vor bestimmten Genres verschließen, wenn du ernst genommen werden willst. Andernfalls bekommst du immer nur ein und dasselbe vorgesetzt und langweilst dich oder brennst aus, was ja schon einigen Kollegen passiert ist. Zudem will ich nicht jemand sein, der für seine tollen Sludge-Produktionen oder was weiß ich bekannt ist, aber darüber hinaus nur als kleines Licht gilt. Mein Ziel besteht darin, immer das Optimum herauszuholen, egal worum es gerade geht, und mich stetig zu verbessern.«

Warum nimmt man dich derzeit trotzdem nur als „diesen Schrei-Metal-Produzenten“ wahr?

»Weil sich die eigentliche Vielfalt meiner Arbeit größtenteils im Mastering-Bereich ergibt. Ich habe schon Hochglanz-Pop und rumpelnden Indie Rock gemacht, was ungeheuer spannend war. Man kann alles übertreiben, und speziell Abwechslung ist das, was ich an meinem Alltag schätze.«

Beim Mastern kommst du seltener mit den Schöpfern in Berührung, doch psychologisches Feingefühl ist bei deinem Umgang mit anderen Künstlern schon wichtig, oder?

»Ja, und ich bilde mir ein, es auch zu besitzen. Ich hatte sozusagen schon viele „Patienten“ im Studio hocken, die zuerst „behandelt“ werden mussten, ehe Aufnahmen beginnen konnten, und selbst währenddessen war es manchmal schwierig. Ich denke allerdings, dass das im zwischenmenschlichen Austausch generell passiert und jeder lernen sollte, ein harmonisches Klima zu schaffen. In bestimmten Situationen hadert man mit sich selbst, etwa weil es mal wieder sehr spät wird und jemand einen Track zigmal wiederholen muss. Dann gilt es, Ruhe zu bewahren und sich in Selbstdisziplin zu üben. Idealerweise lernen beide Seiten im Laufe einer Produktion voneinander und entwickeln sogar eine freundschaftliche Beziehung.«

Wann lehnst du Anfragen ab?

»Wenn ich keinen Zugang zu den Songs finde. Mir einen damit abzubrechen, würde keinen Sinn ergeben, damit wäre niemandem geholfen. Ich kann mich jedoch nicht erinnern, dass so etwas bereits vorgekommen wäre.«

Was bevorzugst du: Produzieren, Mix oder Mastering?

»Produktionen dauern am längsten, aber ich mag es, mich kreativ einzubringen und mich in die Materie zu vertiefen. Beim Mischen braucht man ein gutes Ohr. Es ist anstrengender, als manche denken, und die Qualität der Aufnahmen gibt den Ausschlag für ein gutes oder halt nicht so gutes Ergebnis. Hier geht es um Details, beim Mastern hingegen ums Gesamtbild. Hier verleiht man der Chose den letzten Schliff und muss aufpassen, nicht in Fließbandarbeit zu verfallen. Du kriegst nie das Gleiche vorgelegt, also musst du jede Sache anders angehen. Ich würde es mit dem Einrahmen eines Gemäldes oder der Kolorierung von Fotofilm vergleichen.«

Die letzten beiden Schritte hast du kürzlich fürs zweite Dool-Album „Summerland“ übernommen. Gab es dabei besondere Herausforderungen?

»Nein, das war im Gegenteil ein großartiges Projekt und lief wie von selbst. Die Band ist wahnsinnig gut aufeinander eingespielt, und dementsprechend perfekt war schon das Rohmaterial, das ich geschickt bekam. Dool haben einen Teil der Songs hier bei meinem Kumpel Martin Ehrencrona in Stockholm aufgenommen, der auch für Tribulation arbeitet und mir sagte, er sei schwer beeindruckt gewesen. Ich wünschte, es wäre immer so. Am schlimmsten finde ich Schlagzeuger, die den Takt nicht halten können, denn ihre Spuren im Nachhinein zu korrigieren, ist ein Kreuz.«

Würdest du dich als Equipment-Nerd bezeichnen?

»Welcher Musiker ist das nicht? Im Ernst, letzten Endes darf man nicht vergessen, dass es sich bei all den Geräten und der Software, die der Markt heutzutage zu bieten hat, um Werkzeuge und Hilfsmittel handelt. Die Entwicklung ist so weit fortgeschritten, dass man eigentlich gar nichts mehr verbocken kann, falls man sich nicht wie ein kompletter Volltrottel anstellt. Als nur Bandmaschinen benutzt wurden, musste jeder, der sich Produzent schimpfte, über sein Handwerk Bescheid wissen, wohingegen sich jetzt jeder Dahergelaufene mit einem PC brüstet, Tontechniker oder so zu sein. Futterneid hast du interessanterweise verstärkt unter solchen Leuten, erfahrene Veteranen sind sehr kollegial. Andererseits schaffen manche den Sprung vom Hobby zur Profitum und werden richtig gut. Die Konkurrenz ist stark und die Luft dünn, da niemand mehr Geld in hochwertige Produktionen investieren kann oder will.«

Empfindest du den Unterschied zwischen digitalen Aufnahmen und analogen als so drastisch, wie Klangfetischisten behaupten?

»Nein. Mittlerweile kann man diese Wärme, von der gesprochen wird, auch auf andere Weise erzeugen bzw. simulieren, sodass es viele, die darüber philosophieren, gar nicht bemerken. Ich habe mir die Denkweise abgewöhnt, das eine sei besser oder schlechter als das andere. Wesentlich ist, was man aus dem Vorhandenen macht. Darüber hinaus müssen wir uns den Umständen anpassen. Niemand braucht heute mehr riesige Aufnahmeräume, die man sich sowieso nicht leisten kann.«

Der Sharing-Gedanke... Du bist Mitinhaber der Redmount Studios.

»Sie existieren seit 2015. Ich teile mir die Kosten und den Gewinn mit dem Songwriter Joakim Jarl und mit Niklas Berglöf, der eine Menge Zeug hier aus Schweden macht. Man kann den Komplex nicht mieten, sondern muss mit einem von uns dreien arbeiten, was bislang u.a. Johnossi, Refused und Entombed, aber auch einige internationale Bands getan haben. Nebenbei veröffentlichen wir gelegentlich Podcasts zusammen, in denen wir über alles vom Komponieren bis zu Fragen darüber sprechen, welche Ausrüstung man in Studios wofür verwendet. Unsere Erfahrungen auszutauschen, den geschäftlichen Aspekt unserer Arbeit zu beleuchten und den Hörern Infos zu geben, damit sie nicht die gleichen Fehler machen wie wir, halte ich für wichtig. Im Augenblick wird vermutlich so viel Musik gemacht wie nie zuvor, und wer sich bereit zeigt, hart zu arbeiten, darf sich ein Stück vom Kuchen abschneiden. Wir können uns nicht über zu wenige Aufträge beklagen. Uns geht´s im Großen und Ganzen prima.«

www.magnuslindberg.com

www.facebook.com/magnuslindbergproductions

Fünfmal Magnus Lindberg:

CULT OF LUNA - The Beyond (2003, Produktion)

IMPERIAL STATE ELECTRIC - Eyes EP (2008, Mastering)

YEAR OF THE GOAT - The Unspeakable (2015, Mastering)

TRIBULATION - Down Below (2018, Mastering)

LUCIFER - Lucifer III (2020, Mastering)

Bands:
CULT OF LUNA
Autor:
Andreas Schiffmann

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