ToneTalk

ToneTalk 17.03.2010

LAMB OF GOD - »Im Metal gibt es zu viele Trittbrettfahrer, die ihren Horizont nicht erweitern.«

NAME: Chris Adler
BAND: Lamb Of God
INSTRUMENT: Schlagzeug

Chris, wann hast du mit dem Schlagzeugspielen angefangen?

»1994, als John Campbell, der LAMB OF GOD-Basser, und ich zusammen damit begannen, Krach zu machen.«

Hattest du damals schon ein komplettes Drumkit zur Verfügung?

»Nein. Ich war 21 und hatte bis dahin selber Bass in verschiedenen Bands gespielt. Wir hatten eine Single und eine CD veröffentlicht und sind in einem klapprigen Van durch Amerika getourt. Aufgetreten sind wir bei Underground-Parties, aber meine Musikerkarriere war in einer Sackgasse gelandet. Irgendwie hatte ich aber immer das Verlangen, Drummer zu werden. Also kaufte ich mir für kleines Geld ein gebrauchtes Schlagzeug. Es ging mir damals nur um den Spaß an der Sache, Karrierepläne hatte ich nicht mehr.«

Warum bist du vom Bass aufs Schlagzeug umgestiegen? War John so viel besser als du?

»Keiner von uns war wirklich gut. Selbst als ich in meinen früheren Bands Bass und Gitarre spielte, hat mich das Schlagzeug immer fasziniert. Ich klemmte mich hinter die Drums und probierte einige Sachen aus. Wahrscheinlich stehe ich darauf, auf Dinge einzuprügeln (lacht).«

Kannst du dich noch an dein erstes Drumkit erinnern?

»Klar. Es war ein MX 1000 oder MX 100, also nichts Besonderes. Auf das Teil bin ich im Kleinanzeigenteil der Lokalzeitung gestoßen. Die Becken waren kaputt, die Becken-Ständer notdürftig mit Tape zusammengeflickt, aber es kostete nur 200 Dollar.«

Welcher Drummer hat dich am nachhaltigsten beeinflusst?

»Der Allererste, der in mir den Wunsch geweckt hat, so wie er spielen zu wollen, war Shannon Larkin von Wrathchild America (später Souls At Zero, Ugly Kid Joe, Amen, Candlebox, Snot; heute bei Godsmack - tk). Er verhalf der Band mit seinem Spiel zu einer Klasse, die sie ohne ihn nie erreicht hätte. Das heißt im Umkehrschluss nicht, dass ich bei LAMB OF GOD besser als die anderen Musiker sein möchte, aber ich finde es wichtig, einen eigenen Stil zu kreieren. Andere Leute, die mich inspiriert haben, sind Stewart Copeland von The Police, Billy Cobham und im Metal-Bereich natürlich Gene Hoglan. Er hat mir erzählt, dass er als Funk-Drummer begonnen und später bei den Metal-Bands nicht anderes getan hat, als seine Funk-Licks schneller als früher zu spielen. Das hat mir dahingehend die Augen geöffnet, dass ich anderen Musikstilen gegenüber aufgeschlossen bin und versuche, die unterschiedlichsten Einflüsse in meinen Stil zu integrieren.«

Gibt es einen bestimmten Song, der dich beim Üben an den Rand der Verzweiflung getrieben hat?

»Oh ja. ´Message In A Bottle´ von The Police. Als ich den Song lernen wollte, bin ich fast wahnsinnig geworden, und ich kann ihn heute noch nicht richtig. In der Nummer stecken so viele fiese Finessen, dass es für einen Anfänger einfach lächerlich ist, sich daran zu versuchen. Ich habe mir fast drei Monate lang einen abgebrochen, um ´Message In A Bottle´ halbwegs hinzukriegen. Das war bescheuert, aber ich wusste, dass ich danach ziemlich gut in Form sein würde (lacht).«

Wie oft übst du?

»Wenn ich nicht auf Tour bin, fünf Tage in der Woche, und dann immer drei bis vier Stunden. Mein Programm besteht aus unseren alten Alben und einigen Übungen, die ich in Fachbüchern oder auf Internetseiten finde. Auf Tour spiele ich ja eh fast 90 Minuten live und wärme mich vor jedem Gig zwei Stunden lang auf.«

Musst du eine Menge Selbstdisziplin aufbringen, um dieses Programm durchzuziehen?

»Ja. Mir fallen spontan eine Menge anderer Sachen ein, die ich in dieser Zeit erledigen könnte (lacht).«

Welcher Drummer hat dich mit seiner Bühnenshow am meisten beeindruckt?

»Shannon Larkin, als er noch bei Wrathchild America war. Er macht auch bei Godsmack einen tollen Job, aber damals war seine Kombination aus Show und progressivem Doublebass-Drumming einzigartig. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich ihn das ganze Konzert über beobachtet und mir gewünscht habe, einmal in meinem Leben in irgendetwas so gut zu sein wie er beim Schlagzeugspielen.«

Hast du ihm von dieser Begebenheit mal erzählt?

»Ja, denn wir sind 2001 mit Amen, bei denen er eine Weile spielte, getourt. Als wir uns trafen, war es um mich geschehen. Ich hatte die Chance, mir jeden Abend den Mann anzusehen, dessen Schlagzeugspiel mich so beeindruckt hatte. Wahrscheinlich hört er so etwas jeden Tag, aber das ist ja auch das Schöne an der Musik. Man inspiriert ständig andere Leute, und das gibt zumindest mir einen echten Kick.«

Was ist wichtiger für einen Drummer: Show, Groove oder Technik?

»Der Groove, aber das hat sich erst im Laufe der Jahre herauskristallisiert. Zu Beginn meiner Karriere fand ich Technik wichtiger. Und damit meine ich nicht die schematisierte Technik-Theorie, die man sich aus Büchern aneignet, sondern die Fähigkeit, auf den Punkt genau anzuschlagen. Beim Schlagzeug gibt es nur richtig oder falsch - eine Grauzone zwischen diesen beiden Extremen ist nicht wirklich existent, vor allem wenn es um Metal-Drumming geht. Aber als ich meine Hausaufgaben gemacht hatte und die Rhythmus-Strukturen einhalten konnte, begann ich innerhalb dieser Parameter meinen eigenen Groove zu finden. Es gibt eine Menge Metal-Drummer, die nur der Idee hinterherjagen, möglichst präzise und schnell zu spielen. Selbst wenn man mühelos eine Geschwindigkeit von 200 Schlägen in der Minute hält, heißt das nicht, dass man auch songdienlich spielt. Weniger ist manchmal mehr.«

Was macht für dich einen guten Drummer aus?

»Dass er etwas Eigenständiges kreiert. Bloß eine Erwartungshaltung zu befriedigen, finde ich langweilig. Besonders im Metal gibt es zu viele Trittbrettfahrer, die ihren Horizont nicht erweitern und schnell Gefangene ihres eigenen Stils sind. Inspirationen aus anderen Musikrichtungen sind extrem wichtig.«

Wer ist deiner Meinung nach der schlechteste Drummer überhaupt?

»Oha - du willst mich in Schwierigkeiten bringen (lacht). Jetzt einen Namen zu nennen, wäre echt unhöflich. Jeder hat mal einen schlechten Abend. Ich natürlich auch. Also müsste die Antwort wohl Chris Adler lauten.«

Sehr diplomatisch.

»Hahaha. Der mieseste Drummer ist für mich der Drumcomputer. Wenn man den auf einem Album verwendet, geht die Seele des Schlagzeugspiels verloren.«

Wer ist der unterbewertetste Drummer?

»Es gibt eine Menge talentierter Schlagzeuger, die schon in Kürze Leute wie mich überholen werden, aber der Drummer, der für sein innovatives Spiel nie die verdiente Anerkennung erfahren hat, ist Gene Hoglan.«

Wie wichtig ist das Design eines Schlagzeugs für dich?

»Wenn mit Design der Aufbau des Kits gemeint ist, sehr wichtig. Ich würde gerne auf jedem Schlagzeug gut spielen können, aber das ist leider nicht der Fall. Über die Jahre habe ich ein auf meine Bedürfnisse zugeschnittenes Setup entwickelt und durch das ständige Spielen auf diesem Kit Bewegungsabläufe und Muskelgruppen aufgebaut, die sich schlecht auf anders aufgebaute Schlagzeuge übertragen lassen. Wenn beispielsweise ein bestimmtes Becken auf der linken und nicht der gewohnten rechten Seite angeordnet ist, führt das zu Koordinationsproblemen.«

Wie wichtig ist dir die Farbe eines Schlagzeugs?

»Die ist völlig irrelevant. Nur Lila geht gar nicht (lacht).«

Was hältst du von Drumstick-Spinning?

»Wenn du für so etwas Zeit hast, solltest du dir überlegen, einen etwas kreativeren Drumbeat auszuarbeiten.«

Lässt du deine Kits individuell anfertigen?

»Nein. Ich spiele ein Mapex Saturn, das man in jedem Laden kaufen kann.«

Click oder natürlicher Groove?

»Wenn ich mich aufwärme, spiele ich immer zu einem Click. Wir haben vor jeder Albumaufnahme eine Menge Zeit darauf verwendet, diesen Click zu definieren. Viele Bands geben die Songgeschwindigkeit anhand der Anschläge pro Minute vor, aber wir arbeiten anders. Bei uns läuft es so, dass wir den Song zuerst ohne Click spielen und aufnehmen und anhand dieser Aufnahmen die Songgeschwindigkeit bestimmen. Der Click orientiert sich also an unserem eigenen, natürlichen Groove.«

Wie stehst du zu elektronischen Drumkits?

»Ich hatte mal eins, um mich aufzuwärmen, und für Leute, die in einem kleinen Appartement leben oder keinen eigenen Proberaum haben, sind die Dinger eine gute Alternative. Man kann sie auch direkt in den Computer einspeisen und so einige der besten Sounds der Welt abrufen. Elektronische Kits sind hilfreich, aber bei Aufnahmen oder Konzerten bevorzuge ich große, aus Holz gefertigte Drums.«

Was ist für das Feeling wichtiger: die richtigen Drumsticks oder die richtigen Drumfelle?

»Die Kombination macht es, aber bei mir hat es länger gedauert, die passenden Drumsticks zu finden. Sind sie zu schwer, verliert man Geschwindigkeit, sind sie zu leicht, brechen sie ständig. Man kann sich leichter an verschiedene Drumfelle als an andere Drumsticks gewöhnen. Aus diesem Grund habe ich immer eine ausreichende Anzahl im Gepäck.«

Getriggerte Drums oder natürlicher Sound?

»Ich habe meine Drums noch nie getriggert, weil ich den Gedanken einfach nicht mag, mich irgendwo einzustöpseln. Bei einer Show gibt es eh schon genügend Dinge, die schiefgehen können, da brauche ich nicht noch eine zusätzliche Gefahrenquelle.«

Welches Album hat den besten Drumsound?

»Als wir „Ashes Of The Wake“ aufgenommen haben, orientierten wir uns am Death-Album „The Sound Of Perseverance“, das Richard Christy eingetrommelt hat. Rückblickend ist mir heute selbst dieser Sound zu klinisch. Durch die Zusammenarbeit mit wirklich guten Engineers haben aber auch wir über die Jahre gute Fortschritte erzielt. Die Drums zu „Wrath“ haben wir in den Electric Ladyland Studios, in denen schon Jimi Hendrix arbeitete, aufgenommen. Das soll nicht heißen, dass wir den besten Drumsound der Welt haben, aber wir nähern uns allmählich dem, der für unsere Art von Musik perfekt ist.«

Was war dein schlimmstes Erlebnis während eines Konzertes?

»Ich spielte einen 16tel-Wirbel über die Toms, mittendrin brach mein Drumstick und bohrte sich mit der zersplitterten Seite direkt in mein Auge. Gottlob neben den Augapfel, der nicht verletzt wurde, aber das war trotzdem kein schönes Gefühl.«

Besitzt du ein Drumkit, mit dem du besonders viel verbindest?

»Ja. Als meine Zusammenarbeit mit Mapex begann, gab es die Deep-Forest-Serie, die in Handarbeit komplett aus Walnuss-Stämmen hergestellt wurde. Ich besitze eines dieser Kits und habe es bei unseren letzten drei Alben für die Aufnahmen benutzt. Ich liebe das Teil. Den Nachfolger, das Saturn-Set, spiele ich auf Tour.«

Wie hältst du dich körperlich fit?

»Mit Ausdauertraining. Hier in Europa ist es mitunter etwas schwierig, das richtige Fitness-Studio zu finden, aber in Amerika habe ich diverse Mitgliedschaften und versuche, jeden Tag zu trainieren. Außerdem habe ich immer einen großen Gummiball, ein Springseil und leichte Gewichte dabei.«

Hast du ein bestimmtes Ritual vor jedem Konzert?

»Ich wärme mich auf und trinke dabei so viel Wasser wie möglich. Durch das Aufwärmen stimme ich mich mental auf die Show ein.«

Was würdest du Anfängern raten, welche Grundausstattung macht Sinn?

»Meist kommt es am Anfang schnell zu Frust, denn das Schlagzeug ist kein leicht zu beherrschendes Instrument. Auch ich bin weit davon entfernt und lerne ständig dazu. Von daher sollte man nicht gleich all seine Ersparnisse in ein Drumkit investieren. Ein gebrauchtes reicht völlig aus, um auszutesten, ob man wirklich den Biss hat, sich durch die anfänglichen Enttäuschungen zu kämpfen. Erst wenn man besser ist als das Kit, das man spielt, sollte man den nächsten Schritt machen. Ich bin oft an einem Punkt angelangt, an dem ich aufgeben wollte, weil ich so frustriert war. Aber irgendwann überwindet man die Schwierigkeiten und macht wirklich Fortschritte.
Zum Abschluss der wohl allerwichtigste Tipp: Versucht euch nicht sofort an ´Message In A Bottle´, hahaha.«

www.myspace.com/lambofgod
www.myspace.com/chrisadlermusic

DISKOGRAFIE:

mit BURN THE PRIEST:

Burn The Priest (1999)

mit LAMB OF GOD:

New American Gospel (2000)
As The Palaces Burn (2003)
Ashes Of The Wake (2004)
Killadelphia (2005)
Sacrament (2006)
Wrath (2009)

Bands:
LAMB OF GOD
Autor:
Thomas Kupfer

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