ToneTalk

ToneTalk 26.09.2018

LADY CATMAN - »Nehmt ein paar Stunden bei einem professionellen Lehrer«

Die mysteriöse Cathleen mit dem noch mysteriöseren Pseudonym LADY CATMAN ist ein vielbeschäftigtes Session-Ass, hat aber vor einigen Monaten mit „Eyes Wide Open“ ein Solodebüt veröffentlicht, das Metal-Fans jeglicher Couleur nicht zuletzt wegen der darauf zu hörenden Gäste kennen sollten. Im Gespräch mit der Dame aus Deutschlands schönem Osten erfahren wir manches über die Tätigkeit der meistens anonym bleibenden Spezies der Studio-Heuerlinge – und mehr.

Die logische Einstiegsfrage: Wie bist du zur Musik gekommen, und was hat dich dazu bewegt, selbst in die Saiten zu greifen?

»Für mich war schon seit dem Kindergarten klar, dass ich Gitarre spielen möchte, und mein Wunsch wurde in der ersten Grundschulklasse erfüllt.«

War bereits früh abzusehen, dass du eine akademische Laufbahn einschlagen würdest?

»Das konnte ich zu der Zeit natürlich noch nicht wissen, aber ich besuchte ab der neunten Klasse ein Musikgymnasium, dessen Lehrplan auf ein zukünftiges Musikstudium ausgerichtet war. Somit fiel dort die endgültige Entscheidung – vorausgesetzt, dass ich eine Eignungsprüfung bestand, was ich dann auch geschafft habe.«

Welche Vor- und Nachteile siehst du im Vergleich zwischen professioneller Ausbildung und autodidaktischem Lernen?

»Kommt auf die Musikrichtung an, auf die man sich festlegen möchte. Bei klassischen Vorlieben kommst du nicht um eine professionelle Ausbildung herum, ein abgeschlossenes Studium ist für eine erfolgreiche Musiklaufbahn die Grundbedingung. In der Unterhaltungsmusik, wozu Rock und Metal zählen, kommt man auch mit YouTube-Tutorials und dergleichen schon ganz schön weit, doch ich würde trotzdem jedem empfehlen, mal ein paar Stunden bei einem professionellen Lehrer zu nehmen. Was letzten Endes immer viel hilft, ist Üben.«

Lag deine Mitgliedschaft bei den Apokalyptischen Reitern nahe, weil du aus der Nachbarschaft der Band stammst?

»Nicht ganz, die Schnittstelle war ein gemeinsamer Freund, der meine Musik gehört hatte und cool fand. Er empfahl mich den Mitgliedern. Nach nur einer gemeinsamen Probe gehörte ich dazu.«

Warum LADY CATMAN, abgesehen von der Anspielung auf deinen Vornamen?

»Nach meinem Einstieg bei den Reitern musste ein Künstlername her. Ich wollte auf jeden Fall etwas Gutes darstellen, so etwas wie einen Retter, und Batman kennt ja jeder als Kult-Comicfigur. Durch Verschmelzung mit meinem Vornamen wurde dann Catman daraus, und damit niemand denkt, ich sei männlich, setzte ich das „Lady“ davor.«

Wie ergeben sich Engagements wie jene bei Domain-Sänger Nicolaj Ruhnow und der südamerikanischen Prog-Band Black Sun? Gehst du auf diese Leute zu, oder kommen sie zu dir?

»Als Studiomusikerin arbeite ich bei High Gain Recording, u.a. auch als Co-Produzentin und Mitkomponistin von Nicolaj, als er sein Soloalbum „The Mask Within“ machte. Alle Gitarren, Bässe und Keyboards wurden von mir eingespielt, aber auch die Orchesterparts gehen auf mein Konto. Black Sun lernte ich im selben Studio kennen. Mit ihrem deutschstämmigen Gitarristen Christopher Grünberg habe ich mich auf Anhieb super verstanden, weshalb ich dann auch ihm bei der Produktion half.«

Hast du schon ähnliche Angebote abgelehnt bzw. bist du selbst irgendwo abgeblitzt? Nach welchen Kriterien selektierst du, falls du musst?

»Die Musik der jeweiligen Band muss mich ansprechen. Wenn ich übers Internet Anfragen bekomme, fehlt mir oft leider die Zeit, mich detailliert einzubringen, sodass es bei gut gemeinten Ratschlägen bleibt, aber wenn Künstler in den High Gain Studios aufnehmen, ergeben sich Kooperationen. Manchmal springe ich auch bloß als Instrumentalistin ein.«

Die alte Glaubensfrage: analog oder digital, Transistor oder Röhre?

»Erlaubt ist alles, was gut klingt. Heute ist die Technik so weit, dass man kaum mehr Unterschiede hört, wenn ein guter Grundsound eingestellt wurde. Ich habe alles ausprobiert und bin im Moment wieder beim guten alten Marshall-Röhrenverstärker gelandet. Wichtig ist, dass der Mischer des jeweiligen Studios weiß, wie er digitale Komponenten einsetzt.«

Homerecording ist zusehends erschwinglicher und qualitativ hochwertiger geworden. Wo siehst du weiterhin die Stärken einer professionellen Studio-Umgebung?

»Der Besitz von Aufnahmetechnik allein befähigt nicht automatisch zu einer erfolgreichen Nutzung, man muss auch damit umgehen können, um einen guten Sound zu erzielen. Mikrofon-Positionen bei Gitarren- oder Schlagzeugaufnahmen und die Auswahl von passenden Mikros sowie dazugehörenden Vorverstärkern beeinflussen das Ausgangsmaterial für den späteren Mix sehr stark. Einigen Heimtüftlern fehlen Fachkenntnisse, etwa über Harmonielehre, oder das Gefühl für Timing und Groove, womit man die Qualität der Performance besser einschätzen kann. Ein erfahrener Studiotechniker weiß im Allgemeinen Bescheid. Zum Herstellen von Demos oder auch Vorproduktionen reicht ein Home-Studio aber definitiv aus.«

Inwieweit machst du dir moderne technische Mittel zunutze, um deine Ideen umzusetzen?

»Ich bin da ganz von der alten Schule, weil ich fürs Komponieren nur meinen Kopf und die Finger benutze. Selbst Orchesterinstrumente wie Bläser oder Streicher spiele ich via MIDI-Keyboard einzeln ein, also wird nichts programmiert oder im Nachhinein geradegerückt. Dadurch klingen die benutzten Samples später im Verbund natürlich.«

Gibt es ein bestimmtes Gitarrenmodell, das du optisch und funktionell besonders gerne magst oder im Gegenteil niemals spielen würdest?

»Ich bin seit Jahren Schecter-Fan. Diese Gitarren klingen einfach super, doch darüber hinaus bin ich ein sehr aufgeschlossener Typ, der gern jedes Modell testet. Bis jetzt hat mich bloß noch kein anderer Hersteller überzeugt.«

Wie nimmst du das Bassspielen in Angriff, wo du doch in erster Linie Gitarristin bist?

»In erster Linie bin ich Musikerin. Den Bass verstehe ich als tiefe Gitarre, allerdings mit charakteristischen Eigenheiten. Ich habe mich intensiv damit befasst, um ihn optimal einsetzen zu können. Mal gibt er die Melodie vor, ein andermal stellt er das Songfundament her. Am Ende lasse ich mich einfach von meinen Ideen für Basslinien leiten.«

Hast du nach all deinen Schulterschlüssen noch Wunschkandidaten, was zukünftige Kollaborationen betrifft?

»Ja, für meine Soloplatte hatte ich so viele Einfälle, dass ich sie nur mit verschiedenen Gesangsstimmen verwirklichen konnte. Ich wollte einfach unterschiedliche stilistische Facetten zeigen und trotzdem meine eigene Handschrift beibehalten. Jedes Stück ist einzigartig, was ich in erster Linie den jeweiligen Sängern verdanke. Für den Nachfolger habe ich schon andere Leute im Ohr, aber ob es zu einer Zusammenarbeit kommt, hängt von zahllosen Faktoren ab, wobei Zeitmanagement erstaunlicherweise der unkomplizierteste zu sein scheint.«

Wie bist du für „Eyes Wide Open“ an Jeff Loomis und Warrel Dane gekommen? Hattet ihr engeren Kontakt?

»Zu den Betreibern der High Gain Studios gehört neben Kai Hansen und Dirk Schlächter von Gamma Ray auch Arne Lakenmacher, der bis zum Split von Nevermore jahrelang deren Tourmanager war. Jeff und Warrel kannten mich schon und nahmen ihre Beiträge auf, als sie auf Tour einmal in der Nähe waren. Warrel habe ich als sehr netten, liebenswerten und intelligenten Menschen in Erinnerung. Dass er von uns gegangen ist, tut mir unendlich leid – es hatte viel mit seinem Lebensstil zu tun. Er war ein toller Sänger mit einer einzigartigen Stimme.«

Interessieren dich auch Projekte außerhalb des Metal- und Rock-Kontexts?

»Interessiert bin ich an allem, was mit guter Musik zu tun hat, solange ich Gitarre spielen darf. Na ja, Schlager würde ich jedoch vermutlich auslassen.«

Du spielst auch in einer Coverband. Solche Acts erfreuen sich zunehmender Beliebtheit – eine weitere Einnahmequelle für dich?

»Klar, aber abgesehen davon, dass der Kühlschrank gefüllt und alle anderen monatlichen Kosten gedeckt werden müssen, macht es einfach großen Spaß, mit meinen Mädels von She´s Got Balls europaweit AC/DC-Songs zu zocken, zumal wir uns untereinander super verstehen.«

Sehnst du dich nach einer festen Band, oder fühlst du dich als Solokünstlerin wohl?

»Grundsätzlich spiele ich total gerne mit anderen zusammen. Jetzt muss ich abwarten, wie mein Album ankommt. Davon ist natürlich auch abhängig, ob eine Tour zustandekommt. Für mich gehört es nach wie vor zu den schönsten Momenten, auf der Bühne zu stehen und meine eigene Musik zu präsentieren.«

Mal so nebenbei: Hat dir dein Geschlecht in diesem Milieu je Schwierigkeiten bereitet oder dir eher genutzt?

»Ersteres eigentlich nicht. Was Zweiteres betrifft: eher meine blonden Locken (lacht).«

Wie wichtig sind Endorsements für dich, und wie hat sich das mit Schecter bzw. Marshall ergeben?

»Sie sind sicherlich eine finanzielle Erleichterung für Musiker, doch ich stehe hundertprozentig hinter dem Equipment. Darum gebe ich gern Auskunft darüber und mache Werbung. Weil ich seit Jahren Schecter spiele und Marshalls benutze, konnte ich bei den Angeboten natürlich nicht nein sagen. Das sind zwei tolle Marken, für die ich mich bereitwillig hergebe.«

Wie hältst du dich in der Branche über deine Tätigkeit als Studiomusikerin hinaus finanziell über Wasser?

»Ich habe mehrere Standbeine, und meinen festen Job als Gitarrenlehrerin an einer Musikschule möchte ich nicht missen. Als Studiomusikerin und Produzentin kann ich mich stilistisch und künstlerisch austoben, wohingegen die Konzerte von She´s Got Balls sportliche Aktivität garantieren.«

Wo siehst du dich langfristig in diesen für Kunstschaffende unsicheren Zeiten als kreative Seele?

»Kreativität kann dir glücklicherweise keiner nehmen, Musik kann man immer machen. Wenn man den Spagat zwischen Ernsthaftigkeit und Spaß beherrscht, gibt es keine unsicheren Zeiten. Man muss nur darauf achten, dass der erwähnte Kühlschrank weiterhin befüllt am Stromnetz hängt.«

Was hast du derzeit in der Pipeline?

»Kein Zweifel: das nächste Album. Material habe ich schon genug – und ein neues Projekt, ein Duo mit dem Namen Herrmann. Dabei spiele ich Sachen zwischen Muse und Rammstein mit einem sehr charismatischen Sänger. Lasst euch überraschen.«

www.ladycatman.com
www.facebook.com/ladycatman

Bands:
LADY CATMAN
Autor:
Andreas Schiffmann

Melde dich für unseren Newsletter an und verpasse nie mehr die wichtigsten Infos

Diese Seite verwendet Cookies. Erfahrt in unserer Datenschutzerklärung mehr darüber, wie wir Cookies einsetzen und wie Ihr Eure Einstellungen ändern und Cookies deaktivieren könnt. Darüber hinaus verwenden wir Cookies Dritter für die Einbindung audiovisueller Inhalte durch Youtube, Spotify und Soundcloud. Dem könnt ihr hier zustimmen oder dies ablehnen. Datenschutzerklärung ansehen.