Interview


Pics: Jonathan Vivaas Kise

Interview 21.04.2020, 12:58

KVELERTAK - Mit Feuer gegen die Krise

Wir schreiben den 12. März 2020, als auch KVELERTAK angesichts der rasant um sich greifenden Corona-Pandemie zum Aufgeben gezwungen werden. Über die sozialen Medien kommuniziert die Band die Absage ihrer laufenden Tour zum aktuellen Album "Splid". Wie viele von uns in dieser ungewissen Zeit müssen sich auch die sechs Jungs aus dem norwegischen Stavanger innerhalb weniger Tage auf komplett neue Umstände einstellen: von den Bühnen Europas in die häusliche Quarantäne. Unterkriegen lassen sich KVELERTAK davon aber noch lange nicht. Wie einige ihrer Musikerkollegen vor ihnen, entscheidet sich die Band dafür, ein komplettes Konzert live zu streamen.

Knapp einen Monat nach der Tourabsage, am Abend des 10. April, ist es schließlich so weit. Aus dem stimmungsvollen "Artilleriverkstedet"-Kulturzentrum in der Nähe von Oslo wütet der norwegische Würgegriff eine Stunde lang durch tausende Wohnzimmer auf der ganzen Welt. Wir klingelten bei Bassist Marvin Nygaard für ein Gespräch über das Musikerleben in dieser Ausnahmesituation durch.

Hi Marvin, die wichtigste Frage zu Beginn: Wie geht es dir?

»Es geht mir ziemlich gut. Ich kann mich glücklich schätzen, während einer Krise wie dieser hier in Norwegen zu sein. Wir mussten über die Hälfte unserer Tour absagen und saßen zwei Tage lang in München fest, bevor wir nach Hause reisen konnten. Ich brachte also eine 54-stündige Reise hinter mich, kam nach Hause und wurde von einer großartigen Zeit auf Tour alleine in mein Apartment hineingeworfen, wo ich mich in Quarantäne begab. Ein paar Tage lang war das ziemlich beängstigend. In den Nachrichten ist so viel passiert, ich verfiel beinahe in eine Art Panik-Modus. Ich habe dann aber relativ schnell damit angefangen, meinen Nachrichtenkonsum zu reduzieren. Ich lebe in Stavanger, dort ist es wunderschön. Ich jogge fast jeden Tag und gehe viel spazieren. Es gibt viele Wandermöglichkeiten hier, vom Strand bis in die Berge.«

Ist deine Heimatstadt nicht so stark von Corona betroffen?

»Ich bin nicht auf dem neuesten Stand, was die genauen Zahlen betrifft. Aber ich denke, dass sie es hier ziemlich gut unter Kontrolle haben. Stavanger ist in gewisser Weise die Öl-Hauptstadt Norwegens, die Leute haben hier große Häuser, Autos und können viel wandern.«

Es lässt sich also einigermaßen gut aushalten?

»Ja, das ist meine Vermutung. Die Leute leben hier nicht so gebündelt wie in den größeren Städten in Norwegen. In Oslo ist es schlimmer, denke ich.«

War es für euch auch eine therapeutische Entscheidung, dieses Streaming-Konzert zu veranstalten? Musstet ihr nach der abgebrochenen Tour Dampf ablassen?

»Bereits auf dem Weg nach Hause sprachen wir das erste Mal über die Idee eines Streaming-Gigs. Als wir wieder nach Hause kamen, hatten schon viele andere Musiker solche Konzerte veranstaltet. Es ging mit einigen kleineren Künstlern los, die ganz entspannt in ihren Schlafzimmern spielten. Wir wollten für die Fans etwas Großartiges auf die Beine stellen. Also unterhielten wir uns mit unserem Management und einigen anderen Leuten, mit denen wir arbeiten, und konzentrierten uns intensiv auf die Produktion. Daraus wurden zwei therapeutische Tage, in denen wir andere Menschen treffen und zusammen abhängen konnten. Der Gig selbst hat natürlich auch unglaublich Spaß gemacht. Musik und Kultur im Allgemeinen sind wichtig für die Menschen in Zeiten wie diesen.«

Wie habt ihr euer einstündiges "Wohnzimmer-Konzert" erlebt? Atmosphäre und Energie waren sehr intensiv und auch in den Kommentaren herrschte eine sehr gute Stimmung.

»Ich habe den Chat-Room selbst nicht gesehen, aber ja, es war sehr intensiv.«

Er ist förmlich explodiert.

»Es ist seltsam, wie man sich durch einen Streaming-Bildschirm begegnen und dadurch erleben kann, dass die Leute eine wirklich gute Zeit haben. Gleichzeitig ist das ziemlich gruselig und futuristisch. Es ist aber auch faszinierend, wie wir uns an Situationen wie diese anpassen können. Das gibt dir Hoffnung. Egal, wie lange das alles dauern wird, wir sind dazu in der Lage, das Beste daraus zu machen.«

Weißt du, wie viele Zuschauer ihr an diesem Abend erreichen konntet?

»Die genaue Zahl kenne ich nicht, aber es müssten um die 4.000 gewesen sein.«

Ist das für euch ein erfolgreiches Ergebnis?

»Yeah, absolut. Manche bieten ihre Streams ja auch kostenlos an und die Leute zahlen dafür so viel sie wollen. Ich bin mir aber nicht sicher, ob es gut ist, Kultur und Konzerte kostenlos zur Verfügung zu stellen. Ich finde, die Leute sollten sich nicht daran gewöhnen, nicht für Musik zu zahlen. Für uns war es in gewissem Maße also auch ein Statement, zu sagen: Du zahlst 100 norwegische Kronen und wir werden uns wirklich ins Zeug legen, um euch das Beste bieten zu können.«

Habt ihr viel darüber diskutiert, ob ihr für den Gig Geld verlangen wollt? Die Meinungen dazu gehen aktuell ja von Band zu Band auseinander.

»Natürlich haben wir diskutiert. Aber wir mussten eine Menge für die Produktion, die Crew und andere Dinge hinblättern. Wir konnten auf diesem Weg schlichtweg sicherstellen, dass wir die nötige Menge Geld zur Verfügung haben. Aber klar, es ist schwierig. Ich weiß nicht, welche Lösung die beste ist.«

Wie umfangreich war die technische Vorbereitung, besonders hinsichtlich einer starken Verbindung? Es hat sich auf jeden Fall gelohnt, Bild und Sound waren absolut großartig.

»Das Tolle an der ganzen Sache war, dass wir einen Tourmanager und einen Techniker haben, die uns diesen Produktionsraum außerhalb von Oslo bereitstellen konnten. Sie hatten auch Leute, die dort arbeiten, Kameras und eine erstklassige Wi-Fi-Verbindung. Alles war vor Ort und einsatzbereit.«

Gegen Ende des Gigs brach die Verbindung dann allerdings ab. Was war da los?

»Yeah, das lag daran, dass auf einmal der Feueralarm losging.«

Ein bisschen zu viele Pyros vielleicht?

»(Lacht.) Ja, wir haben es vielleicht ein bisschen übertrieben. Das war aber auch ein Beweis dafür, dass wir tatsächlich live gespielt haben.«

Gerade der Einsatz von Pyros und die bombastische Lichtshow werteten das Konzert zusätzlich extrem auf.

»Diese Leute sind ein Teil unserer Crew. Mit ihnen arbeiten wir regelmäßig zusammen, sie kennen die Band und die Songs. Es hat wahnsinnig viel Spaß mit ihnen gemacht. Wir können uns glücklich schätzen, solch talentierte und hart arbeitende Menschen um uns herum zu haben.«

Könnt ihr euch in diesen Corona-Zeiten besonders auf den Verkauf von Merchandise stützen?

»Merch ist total wichtig, aber wir sollten touren! Normalerweise kaufen die Leute Merch direkt bei einem Konzert, als Investition für den Moment. Ich hoffe, dass sie es auch online kaufen werden. Aber wie schon gesagt, wir können uns glücklich schätzen. Wir leben in einem reichen Land, wo die Leute es sich leisten können, sich in Quarantäne zu begeben, zu Hause zu bleiben und nicht zu arbeiten. Sie erhalten staatliche Unterstützung. Das gilt auch für Bands. Ich fühle deutlich stärker mit den Menschen in den USA. Ich habe Freunde dort, die mehr Angst vor der Zukunft haben, als wir hier in Europa. Die Menschen leben in einem Lockdown und wissen nicht, ob sie genügend Geld für drei oder vier Monate haben. Wenn du mit Musik arbeitest oder selbstständig bist – wie viel hast du dann gespart, um dich so lange wie nötig über Wasser halten zu können?«

Sind Streaming-Konzerte die Zukunft der Live-Musik?

»Nein, das glaube ich auf keinen Fall. Das wäre eine traurige Welt. Ich denke, das Magische daran, zu einer Live-Show zu gehen, liegt in den Momentaufnahmen und der Verbindung zwischen dem Publikum und der Band. Ich habe noch nicht so viele Streaming-Gigs gesehen, aber sie werden eine Face-To-Face-Situation niemals ersetzen können. Aber immerhin gibt es jetzt eine Alternative. Für Bands, die aus irgendeinem Grund nicht touren können.«

Das mit dem Stagediving war für euren Sänger Ivar schwierig, wie er während des Gigs anmerkte.

»(Lacht.) Nein, stagediven kann er dabei nicht. Die Tatsache, dass man zusammen in einem Raum ist und eine Erfahrung wie diese mit anderen Menschen teilt, ist für die Band ebenso wichtig wie für das Publikum. Das ist eine Kunstform des Augenblicks, wie ein Happening. Ich würde auch weiterhin Musik machen, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich in einer musikalischen Welt, in der wir alles live streamen müssen, gerne leben würden. Ich glaube aber nicht, dass es am Ende so aussehen wird. Die Welt hat so etwas schon früher erlebt. Es wird wahrscheinlich ein Jahr dauern, bis wir wieder zum Normalzustand zurückkehren, aber es wird passieren.«

Ich habe einige Kommentare von Fans gelesen, die auf eine Blu-ray- oder DVD-Veröffentlichung des Konzerts hoffen. Wäre das eine Option für euch?

»Darüber haben wir noch nicht wirklich gesprochen, wir haben aber schon überlegt ein paar Songs zu veröffentlichen. Das könnte passieren, absolut. Der Sound war meiner Meinung nach großartig, also ja. Es würde mir Spaß machen.«

Wenn ihr KVELERTAK durch Merch-Käufe unterstützen wollt, könnt ihr das an dieser Stelle tun.

www.kvelertak.com

www.facebook.com/Kvelertak

Bands:
KVELERTAK
Autor:
Simon Bauer

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