Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 14.12.2011

METALLICA , LOU REED - Köln, WDR-Studio

Obwohl der Opener von „Lulu“ nach dem Brandenburger Tor benannt ist, findet der einzige Deutschland-Showcase von METALLICA & LOU REED nicht in Berlin, sondern in der am 11.11. erst recht „verbotenen Stadt“ statt. Das Konzeptalbum erobert, vorsichtig ausgedrückt, die Herzen nicht gerade im Sturm, sondern polarisiert gewaltig.

Dementsprechend herrscht vor dem Konzert eine eigenartige Stimmung im Foyer: Einerseits sind alle froh und dankbar, diesem exklusiven 1Live-Event mit nur 400 Pressevertretern und Gewinnern beiwohnen zu dürfen, andererseits haben viele aber auch Angst, dass sich eine (bzw. je nach Sichtweise auch noch eine zweite) Legende demontiert. Lou Reed hat(te) fraglos seine Berechtigung als poetischer Querdenker, und man kann ihn auch durchaus charismatisch finden, aber das ändert nichts daran, dass sein timingfreier Sprech-Singsang schmerzhaft schief und noch unerträglicher als der Snare-Sound von „St. Anger“ ist - auch und gerade heute Abend. Der alte Mann steht mit herunterhängenden Armen sowie auf dem Rücken baumelnder Alibi-Gitarre vor dem Mikroständer und liest die Texte vom Teleprompter ab, wobei er sie mit befremdlicher Teilnahmslosigkeit herunterleiert. Nur wenn er den Blickkontakt zu den halbkreisförmig positionierten Metallica-Musikern sucht, huscht ihm ein Lächeln über die Lippen. Hetfield & Co. haben ihn fast schon fürsorglich im Auge, und Kirk Hammett umarmt ihn zwischen den Songs mehrfach. Ob er einen Vaterersatz in Lou Reed sieht? Das wäre zum Beispiel eine Frage gewesen, die im mittig platzierten Interviewteil hätte gestellt werden können. Der nur mäßig vorbereitete, unglücklich formulierende Nachwuchsmoderator Manuel Möglich tritt stattdessen in zahlreiche Fettnäpfchen und wird von den angriffslustigen Musikern so schlagfertig vorgeführt, dass man Mitleid bekommen kann. Warum der Sender bei so einem wichtigen Event nicht auf erfahrene Leute wie Klaus Viehe setzt und ob es wirklich keine besseren Internetfragen als die nach Lou Reeds Lieblingssong auf „Lulu“ gab, bleibt offen.

Nachdem die Band anfänglich frenetisch gefeiert wurde und beim starken ´The View´ durchaus auch ihre Momente hatte, verflacht die Stimmung im zweiten Konzertteil zusehends. Das Headbangen geht insbesondere beim experimentellen ´Dragon´ in verständnisloses Kopfschütteln über; einige stoßen bei Lou Reeds „Vocal-Performance“ (oder wie man das nennen möchte) gar hysterische Lacher aus. Für einen weiteren sorgt Lars Ulrich mit seiner Ansage „You think it´s difficult to listen to it? You should try to play that shit!“. Während der konditionell schwächelnde Schlagzeuger also durchaus selbstironisch mit „Lulu“ umgeht, scheint James in den Songs wirklich aufzugehen. Er spielt mit viel Engagement, springt mehrfach bangend auf den Drumriser und legt als Einziger so etwas wie Leidenschaft an den Tag. Trotzdem wird es keine Tour zu diesem Album geben - und das ist wohl die beste Nachricht des Abends.

Setlist:

Iced Honey
The View
Mistress Dread
(Interview)
Dragon
Junior Dad
White Light White Heat (Velvet-Underground-Cover)

Bands:
LOU REED
METALLICA
Autor:
Marcus Schleutermann

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