Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 24.01.2018

ANNIHILATOR , DEATH ANGEL , ORDEN OGAN , DORO , TESTAMENT , DESERTED FEAR , DESPAIR , INSOMNIUM , ONKEL TOM , GLORYHAMMER , MAX & IGGOR CAVALERA RETURN TO ROOTS , OVERKILL - Klirrend kalte Abrissbirnen

Brrrr! Der erste große Kälteeinbruch fegt durchs nasskalte Ruhrgebiet. Zum Glück gibt es die Turbinenhalle und das RUHRPOTT METAL MEETING.

Mag sein, dass der Ruf der Halle nicht der allerbeste ist, vor allem die Akustik und die Sicht auf die Bühne bei rappelvollen Konzerten lassen zu wünschen übrig. Aber ansonsten kann man nicht klagen. Die An- und Abreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln quer durch den Ruhrpott ist denkbar einfach, Wartezeiten an den Getränkeständen sind nicht vorhanden, und so richtig voll ist es beim RMM (noch) nicht. Im Gegenteil, die Veranstaltung entpuppt sich als gemütliches Indoor-Festival mit angenehmen Temperaturen und reichlich Auslauf in den vier Hallen. Zwischendurch hat man immer wieder Zeit für ein Schwätzchen, eine Currywurst oder ein „Pilsken“, wie man hier sagt. (hs)

FREITAG

SAVAGE MESSIAH haben als erste Band das Pech, vor noch wenig Publikum zu spielen, nur sehr bescheidenes Licht zu bekommen und mit massiven Soundproblemen kämpfen zu müssen. Die Engländer machen aus den widrigen Umständen das Beste und liefern vor ihrem riesigen Backdrop eine packende Show mit deutschsprachigen Ansagen, souveräner Bühnenpräsenz und tollen Backing-Vocals ab, die mit viel Applaus honoriert wird. (ms)

Im Gegensatz zu den Briten trumpfen WOLFHEART anschließend mit glasklarem Sound auf, der ihrem skandinavischen Melo-Death die nötige Durchschlagskraft verleiht und beim Publikum durchaus gut ankommt. Zum Energielevel der Show tragen dabei vor allem Gitarrist Mika und Basser Lauri bei, die in bester Corpsegrinder-Manier beinahe durchgehendes Hochgeschwindigkeits-Headbanging betreiben. (mbl)

So langsam füllt sich die Halle, und die Thüringer von DESERTED FEAR servieren einen exzellenten Hassbrocken nach dem anderen. Licht gibt es zwar (von einigen unsinnigen, Epilepsie auslösenden Strobos abgesehen) fast gar keins, musikalisch läuft es aber ziemlich rund. Lediglich die gelb fluoreszierenden umgedrehten Kreuze auf dem Bassgitarren-Gurt sind so evil wie Spongebob…

Stilistisch bleiben wir im selben Boot, doch die Finnen INSOMNIUM scheinen den nordischen Winter mitgebracht zu haben. Auf jeden Fall fängt es außerhalb der enorm zugigen Turbinenhalle mächtig an zu schneien. Kein Wunder also, dass sich Niilo Sevänen & Co. in absoluter Bestform präsentieren. Dass es nun deutlich melodiöser als noch bei Deserted Fear zur Sache geht, tut der Stimmung in der Halle ziemlich gut. (tse)

Dass sich OVERKILL im Ruhrpott großer Beliebtheit erfreuen, ist keine Neuigkeit, aber heute avancieren die Ostküsten-Thrasher sogar zum Tagesheadliner der Herzen. Vom Opener ´Mean Green Killing Machine´ an zeigen Blitz und Konsorten eine elektrisierende Performance, was das Publikum ihnen mit Sprechchören und lautem Jubel dankt. Einziger Kritikpunkt ist die Spielzeit von planmäßig 50 Minuten, die durch einen verspäteten Beginn noch weiter minimiert wird und dazu führt, dass die Band das Abschlussdoppel ´Elimination´ und ´Fuck You´ in Sphären nahe der Lichtgeschwindigkeit runterholzt.

Weder Intensität noch Publikumszuspruch können danach MAX & IGGOR RETURN TO ROOTS halten. Natürlich haben die Cavalera-Brüder mit dem Sepultura-Klassiker „Roots“, den sie heute am Stück spielen, starkes Material am Start, aber der Auftritt krankt trotzdem an einigen Stellen: Zum einen stehen die großen Hits des Albums wie ´Roots Bloody Roots´ oder ´Ratamahatta´ am Anfang, was die Spannungskurve recht zügig abflachen lässt, zum anderen wirken die Vocals von Max leider etwas schwachbrüstig. Lobend zu erwähnen ist hingegen die Instrumentalfraktion, die mit Groove und Präzision die angesprochenen Schwächen etwas abmildern kann. Letztendlich mehr ein Sentimental-Trip für Fans als eine große Headliner-Show. (mbl)


SAMSTAG

Nachdem mit WIZARD und UNIVERSE die Melodie-Fraktion die Flöz-Stage schon warmgespielt hat, eröffnen ERAZOR den Hartwurst-Reigen auf der kleineren Bühne. Auch wenn sie zu Beginn wegen des zeitgleichen Death-Angel-Gigs vor fast leerer Halle losbrettern, legt der Fünfer einen ambitionierten Auftritt hin, der ordentlich Underground-Charme versprüht. (mbl)

Bei DEATH ANGEL ist die Halle schon rappelvoll – ein mehr als deutliches Indiz dafür, dass die umtriebigen Bay-Area-Thrasher heute viel zu früh ran müssen. Die vor Energie strotzende Band ist bestens eingespielt und hat die Meute fest im Griff. Lediglich bei der Setlist hätte ich mir einen weiteren alten Gassenhauer statt der überwiegend neuen Songs gewünscht.

Der GLORYHAMMER hat sicherlich großen Anteil an der Karnevalisierung des Metal, ist mir wegen seiner offensichtlich ironischen Brechung dabei aber durchaus sympathisch. Mit Utensilien wie Ritter-Kostümen, goldenen Spandex-Hosen und einem riesigen Plastikhammer wird munter Party gefeiert. Musikalisch gibt es das, was junge Fans heutzutage unter Power Metal verstehen, aber besser Ballermann-Metal heißen sollte.
PHANTOM CORPORATION ist eine neue Band von Frontmann Leif (Dew-Scented) und Drummer Marc (Weak Aside), die sich brutalem Thrash mit Death- und Black-Kante verschrieben hat. Ungeachtet der spielerischen Kompetenz kommt der Gig hier noch zu früh und gleicht eher einer öffentlichen Probe. Stageacting ist quasi nicht vorhanden, die Pausen zwischen den Songs sind viel zu lang, und die Ansagen haben den Esprit einer schalen Bierpfütze. (ms)

Power Metal, die Zweite: Wie schon auf der gerade absolvierten Clubtour fällt bei ORDEN OGAN auf, dass die Sauerländer ihre Backing-Tracks weit in den Hintergrund gemischt haben. Dadurch klingt zwar älteres Material wie ´To New Shores Of Sadness´ etwas ungewohnt, sorgt aber insgesamt für einen härteren Gesamtsound, der der Band gut zu Gesicht steht. Mit ´The Things We Believe In´ findet der Auftritt nach 50 Minuten ein umjubeltes Ende. (mbl)

Rein personell gesehen waren die Dortmunder Prog-Thrasher DESPAIR mit Century-Media-Gründer Robert Kampf, dem aktuellen Sodom-Trommler Markus Freiwald und Produzent/Grip-Inc.-Gitarrist Waldemar Sorychta eine wichtige Szene-Band. Trotzdem finden sich nur 250 Interessierte in der geräumigen Nebenhalle ein, als das Quartett seinen ersten Gig seit 1993 beginnt. Dass der ehemalige Morgoth-Sänger Marc Grewe am Mikrofon steht, wirkt zunächst etwas befremdlich, aber die Sauerländer Todesmetaller gehörten ebenfalls zur Century-Media-Ursuppe, und Grewe hat seine Stimme noch erstaunlich gut im Griff. Überhaupt wirkt die Band trotz des komplexen Materials bestens eingespielt, der matschige Sound in der halb leeren Halle nimmt den Songs allerdings einiges an Kraft. Der Grip-Inc.-Klassiker ´Ostracized´ sorgt dann für ein wenig Eingängigkeit und rotierende Köpfe. Als für den letzten Titel die ehemaligen Mitglieder Andreas Henschel und Klaus Pachura auf die Bühne kommen und ein Bild des verstorbenen Gitarristen Marek Grzeszek auf die Boxen geklebt wird, kommen Erinnerungen an alte Tage auf. Ob Despair hier und heute noch einmal relevant werden, kann man anhand dieses ersten Eindrucks allerdings kaum einschätzen. (hs)

ANNIHILATOR sind danach erneut ein zweischneidiges Schwert: Auf der einen Seite fasziniert die Band mit einer enorm tighten Performance, auf der anderen Seite stößt Jeff Waters stimmlich immer wieder an seine Grenzen. Das Publikum freut sich aber dennoch über Abrissbirnen wie ´King Of The Kill´ und ´Alison Hell´, die für reichlich Moshpit-Action sorgen. (rb)

Wenn Gloryhammer Metal-Ballermann sind, dann ist ONKEL TOM Metal-Schützenfest: heimelig, mitgrölkompatibel und am besten betrunken zu ertragen. Letzteres bin ich nicht und sehe daher einer Halle voller bierseliger Fans dabei zu, wie sie gemeinsam mit der Soloband des Sodom-Bosses verthrashte Gassenhauer der Marke ´Es gibt kein Bier auf Hawaii´ intonieren. Musikalisch ist das Ganze eher Bratwurst als Hummer. Schützenfest eben. (mbl)

Obwohl große Überraschungen bei DORO Pesch eher selten sind, schaut man sich das Düsseldorfer Powerpaket und seine gut gelaunten Mitstreiter immer wieder gerne an. Die Band ist einfach ein Musterbeispiel für Motivation. Hier wird jeder Song gnadenlos nach vorne gespielt und mit einem fetten Grinsen serviert. Von Routine oder gar Langeweile keine Spur. Doro hat einige Zeit mit einem zwiespältigen Image leben müssen, aber spätestens mit ihrem 2015er Auftritt auf dem Rock Hard Festival die letzten Zweifler in der Ruhr-Metal-Szene mundtot gerockt. Der Auftritt auf dem RMM ist nicht weniger enthusiastisch, und vor allem die knackig vorgetragenen Warlock-Titel wie ´Burning The Witches´, ´Earthshaker Rock´ und ´Hellbound´ sind vom Allerfeinsten. (hs)

Schleuti hat sich heute extra seine Kutte übergeworfen und freut sich wie Bolle, dass TESTAMENT auf ihrer laufenden Tour einige selten gespielte Songs im Programm haben. Zu brachialen Versionen von ´Low´ und ´Souls Of Black´ lässt er sich das Bier munden und die Rübe kreisen. Was unserem Düsseldorfer aber gar nicht schmeckt, sind die Soloeinlagen jedes einzelnen Musikers, die bei dem erstklassigen Auftritt für einen Abzug in der B-Note sorgen. Immerhin präsentieren sich die Bay-Area-Thrasher bei den letzten beiden Tracks ´Practise What You Preach´ und ´Disciples Of The Watch´ noch mal von ihrer Schokoladenseite und entlassen die Ruhrpott-Metal-Meute befriedigt in die klirrend kalte Dezembernacht. (rb)

Kumpels mit und ohne Kutte: Ronny Bittner (rb), Maximilian Blom (mbl), Marcus Schleutermann (ms), Thorsten Seiffert (tse) und Holger Stratmann (hs).

Pic: Thorsten Seiffert

Bands:
DORO
ORDEN OGAN
GLORYHAMMER
DESPAIR
DESERTED FEAR
MAX & IGGOR CAVALERA RETURN TO ROOTS
ONKEL TOM
DEATH ANGEL
TESTAMENT
OVERKILL
INSOMNIUM
ANNIHILATOR
Autor:
Marcus Schleutermann
Maximilian Blom
Holger Stratmann
Ronny Bittner
Thorsten Seiffert

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