Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 22.05.2013

POSSESSED , LIEGE LORD , ANGEL WITCH , WARLORD - KEEP IT TRUE XVI

Lauda-Königshofen, Tauberfrankenhalle

Alle Jahre wieder öffnen sich im April für zwei Tage die Tore zum Paradies für alle Freunde des True Metal. Aber selten war die Vorfreude auf das wie immer ausverkaufte Spektakel so groß wie in diesem Jahr, denn das Billing von Ausgabe 16 gehört sicherlich zum Besten, was die Veranstalter Oli und Tarek aus dem weltweiten Underground bislang zusammentrommeln konnten.

Freitag

BORROWED TIME aus Michigan eröffnen den Reigen, und die bereits amtlich gefüllte Halle bereitet ihnen mehr als freundlichen Applaus. Die epischen Metalsongs mit kauziger Schlagseite kommen - inklusive der Neuvorstellung ´Liberty´ vom kommenden Album - live deutlich eingängiger und auch härter als auf Platte. Dem Publikum gefällt´s, und daran kann auch die Tatsache nichts ändern, dass man auf von Iron Kobra geliehenen Instrumenten spielt und der Sound teilweise hart an der Grenze des Erträglichen ist.

Der Auftritt von ELIMINATOR - einer der besten Newcomer aus England - leidet unter demselben Manko. Leider tragen die gewöhnungsbedürftigen Outfits auch nicht gerade dazu bei, den Gesamteindruck zu verbessern. Schade, denn das messerscharfe Old-School-Riffing hat durchaus seinen Reiz und Sänger David einige launige Ansagen im Gepäck. Unterhaltsam.

Als AIR RAID die Bühne betreten, ist dann nochmals ein deutlicher Qualitätssprung nach oben zu verzeichnen. Und das liegt nicht nur am besseren Sound und Licht, einer perfekten optischen Präsentation und gekonntem Gitarrenposing. Die Schweden haben einfach die besseren Songs am Start. Gepaart mit der heute zur Schau gestellten Professionalität ein Garant dafür, dass Air Raid sicher ihren Weg gehen werden. Für viele einer der absoluten Höhepunkte des Tages. (bc)

HIGH SPIRITS haben sich seit ihrer Show auf dem Rock Hard Festival 2012 in einem unglaublichen Tempo entwickelt und sind inzwischen eine echte Live-Attraktion. Frontmann Chris Black sammelt mit seiner natürlich-kauzigen und trotzdem selbstbewussten Art im Sekundentakt Sympathiepunkte, und seine völlig ungekünstelte, melodische Stimme passt perfekt zu den an frühe Def Leppard erinnernden Songs. Beim KIT beginnen High Spirits ihren umjubelten Set mit dem nagelneuen Ohrwurm ´When The Lights Go Down´ (von der tollen „2013“-EP), dem der Semi-Klassiker ´Full Power´ folgt. Mit ´Midnight Sun´ spielt die Band eine weitere neue Hymne, die die Fans in den ersten Reihen (die Chris & Co. vielleicht ein paar Tage zuvor in Koblenz oder Berlin gesehen haben) bereits mitsingen können. Die Halle füllt sich mit jedem Song mehr, und am Ende sind sich (fast) alle einig: Das war eines der Highlights des Festivals! (gk)

Schon vor Jahren konnte man auf dem KIT MORBID SAINT-Bootleg-Shirts erstehen, aber wer hätte damit gerechnet, dass die US-Brutalo-Thrasher wirklich selbst hier aufschlagen? Die Euphorie ist nicht nur bei den anwesenden Mexikanern groß, so dass der Fünfer nach den vergleichsweise beschaulichen vorherigen Bands einen ersten Hexenkessel als Vorbereitung auf Possessed als Headliner entfacht. Dass die Idee einer Wall Of Death hier anders als beim Maryland Deathfest eher nicht gut ankommt, senkt den Stimmungspegel nur geringfügig. Eingerahmt vom Opener ´Destruction System´ sowie dem ebenso kurzen wie heftigen Metzelsong ´Thrashaholic´, rotzen und ballern die „Pleasure To Kill“-Liebhaber ihr zigfach wiederveröffentlichtes Kultalbum „Spectrum Of Death“ in chronologischer Reihenfolge samt einiger „free patches“ in die Tauberfrankenhalle. (btj)

Von den NWOBHM-Veteranen QUARTZ habe ich mir ehrlich gesagt ein bisschen mehr versprochen. Mit dem Ex-Black-Sabbath-Veteranen Geoff Nicholls an der Gitarre (Geoff war 1977 schon mal Mitglied von Quartz), dem „Interims-Sänger“ David Garner am Mikro (David hat Anfang der Achtziger zwei Jahre bei Quartz gesungen) und drei weiteren Originalmitgliedern präsentiert sich die Band zwar im bestmöglichen Line-up, wirkt aber trotzdem etwas müde. Richtige Stimmung kommt eigentlich erst ganz am Ende auf, als Quartz ihren größten „Hit“ ´Satan´s Serenade´ spielen. Man zollt den ergrauten Herren Respekt, mehr aber auch nicht.

Ergraut ist auch John Mortimer von HOLOCAUST, aber er wirkt immer noch „evil“, ruppig, metallisch und echt. „Singen“ konnte John zwar noch nie, und auch heute liegt er stimmlich öfter daneben als in der Spur, aber das macht bei einer Band wie Holocaust überhaupt nichts. Ewige NWOBHM-Klassiker wie ´Death Or Glory´, ´The Small Hours´, ´Smokin´ Valves´ und natürlich das von der halben Halle mitgegrölte ´Heavy Metal Mania´ brauchen diesen kaputten Charme, dieses Halbfertige, Rohe. Lediglich eine zweite Gitarre vermisst man. Die ´Heavy Metal Mania´-Version, die Roxxcalibur an selber Stelle 2012 mit John Mortimer als Gastsänger gespielt haben, klang fetter und wurde von NOCH mehr Fans mitgesungen. Aber auch das tut der Sache keinen Abbruch: Holocaust sind definitiv ein Höhepunkt des heutigen Tages. (gk)

Mit der Verpflichtung von MEDIEVAL STEEL ist dem KIT-Team wieder ein ganz großer Wurf gelungen. Wer beim Europa-Debüt der Underground-Legende eine reine Retroshow erwartet, wird überrascht. Gleich der Opener ist eine neue Nummer, und nur fünf der 14 Songs stammen von der legendären EP oder den „Dungeon Tapes“. Einige der neuen Stücke haben Potenzial, aber das Publikum wartet primär auf die Schlussnummer. Und als die gleichnamige Bandhymne angestimmt wird, gibt es kein Halten mehr: Gänsehaut pur. So ist der bis dahin gelungene Auftritt nur ein Vorspiel auf das große Finale. Schade nur, dass Sänger Bobby Franklin etwas lustlos wirkt und die Töne nicht perfekt trifft. Bei ´Medieval Steel´ macht das nichts aus, denn da übernimmt den Gesang lautstark das Publikum.

LIEGE LORD verzichten freiwillig auf ihren Headliner-Status und bieten trotzdem einen Auftritt, der das definitive Highlight am ersten Tag wird. Zwar gab es 2000 in anderer Besetzung einen Gig in Wacken, aber heute zeigt man erstmals seine wahre Klasse in Europa. Mit einer perfekten Setlist mit Songs aus allen drei Alben (plus dem grandiosen Rainbow-Cover ´Kill The King´) demonstriert die Truppe eindrucksvoll, wie US-Power-Metal zu klingen hat. Dabei ruft man einmal mehr in Erinnerung, dass es kein besseres Genrealbum als „Master Control“ gibt, das fast komplett gespielt wird. Nun darf man gespannt sein, wie das neue Material klingen wird, denn die Band macht weiter. „Back In Control“ heißt es passenderweise auf den Shirts der Band. (wk)

Viele haben bereits den ganzen Tag über dem Auftritt von POSSESSED entgegengefiebert. Nun endlich ist es so weit, und nach kurzem Intro legen Jeff Beccera und seine Mannen mit ´The Heretic´ los. Allerdings blickt man reihum schnell in ratlose und enttäuschte Gesichter, denn der Sound ist dermaßen übersteuert, dass man Songs wie ´Swing Of The Axe´ gerade noch an den markanten Breaks erkennt. Jeff entfesselt auf der Bühne in seinem Rollstuhl eine erstaunliche Energie, und auch seine Back-up-Musiker bieten spielerisch mehr als eine nur routiniert heruntergezockte Vorstellung. Und nach dem kurzen Ausflug in die „Beyond The Gates“- und „The Eyes Of Horror“-Phase  gibt es sogar noch alle Tracks vom „Seven Churches“-Album in genau derselben Abfolge wie auf Platte. Das ist gut so, denn aufgrund des üblen Sounds kann man die Songs lediglich erraten. Die Brachialität der Musik sorgt aber zumindest bei der in der Halle ausharrenden Die-hard-Gefolgschaft nach wie vor für Begeisterung, und diese tritt dann auch mit der den Abend beschließenden Bandhymne ´Death Metal´ im Ohr den Heimweg an. (bc)

Samstag

Nichts hilft besser beim Aufwachen als Stakkato-Arschtritte. Die ´Speed Invasion´ der belgischen EVIL INVADERS übernimmt diese Aufgabe mit Bravour. Wie sehr das Quartett kanadischen Metal vergöttert, merkt man nicht nur am von Razor geborgten Bandnamen und der Jeff-Waters-Ponyfrisur von Flying-V-Gitarrist Uncle Sam, sondern auch am fulminanten Exciter-Cover ´Violence & Force´. Jöe Anus keift und schreit wie Ravens John Gallagher im panischen Duett mit Schmier. Passend zum Adrenalinrausch von ´Alcoholic Maniac´ und ´Tortured By The Beast´ üben sich die drei Saitenschredder immer wieder im Synchronposen. Ständige Sprechchöre zwischen den Songs sind ihr verdienter Lohn.

ATTIC, die Überflieger 2013, erreichen dieses Energieniveau mit ihren komplexeren Kompositionen nach dem klassischen Bombast-Intro nicht, begeistern aber auf ihre Weise. Nie kam eine Band so nah an die Intensität von frühen Mercyful Fate und King Diamond heran. Die ausgefeilten, an beklemmender Mystik kaum zu übertreffenden Kompositionen vom leider nicht komplett gespielten Debütalbum „The Invocation“ - darunter der Titeltrack, ´Edlyn´ und das geniale ´The Headless Horseman´ - lassen zwischen ergriffenem, andächtigem Lauschen und besessenem Headbangen schwanken. Beim finalen ´Black Funeral´ kann sich niemand vorstellen, dass abends ein anderer Klassiker in Fremdinterpretation noch mehr bejubelt werden wird.

TORANAGA, die Thrasher aus Bradford, werden den Erwartungen leider nicht gerecht. Man muss „Bastard Ballads“ (mit einem rumpelnden ´Sentenced´ und ´Dealers In Death´ präsent) und „God´s Gift“ nicht zu genialen Genre-Highlights hochstilisieren, aber eine solch lieblose Behandlung haben sie nicht verdient. Das ´Sword Of Damocles´ hängt tatsächlich über der Band, weil auch der vorgestellte neue Song ´Ultimate Act Of Betrayal´ mitsamt seinem balladesken Einstieg nicht recht zünden will. (btj)

Wenn es eine Hölle für Gitarren gibt, dann sitzen MIDNIGHT dort wahrscheinlich auf dem Thron. Zumindest ist mir keine Band bekannt, deren Gitarrist nicht nur am Ende, sondern auch schon zu Beginn der Show seine Axt auf so erbarmungslose Art und Weise „hinrichtet“. Auch zwischen diesen beiden Aktionen wird die Gitarre nicht geschont, sondern u.a. sogar mit einem Hammer (!) malträtiert, bis sie ein tödliches Geschoss nach dem anderen abfeuert. Für alle Freunde einer brachialen Mischung aus Venom, Motörhead und simplen Rock´n´Roll-Rhythmen ist der Auftritt des Kapuzentrios natürlich ein echtes Schmankerl. Wer unkt, die US-Rabauken würden sinnlosen, primitiven Lärm veranstalten, hat vergessen, den Mannen mal auf die Finger zu schauen und genau hinzuhören. Denn bei aller Show und Spielfreude wird hier perfekt gezockt. Ganz großes Entertainment!

OCTOBER 31 gehen nach diesem Auftritt leider etwas unter, denn viele gönnen sich eine Auszeit. Zu Unrecht, denn King Fowley und seine Mannen legen einen mehr als respektablen Auftritt auf die Bretter, der von einer enthusiastisch dargebotenen Coverversion von Saxons ´Power And The Glory´ gekrönt wird. Zuvor gibt sich King noch als Kenner deutscher Tonkunst zu erkennen und preist Bands wie Black Fate und Cutty Sark. Macht auf jeden Fall Lust auf Deceased im nächsten Jahr. (bc)

Auch bei LEGEND füllt sich die Halle nicht ansatzweise wie zuvor bei Midnight. Der Name der NWOBHM-Randnotiz (trotz zweier Alben in der Ära) klingt angesichts der gebotenen Leistung fast anmaßend. Die völlig statische Performance der Band von der Kanalinsel Jersey passt sich dem niedrigen Energielevel ihrer Songs an. Die Mischung aus vielen neuen Kompositionen und seit 30 Jahren nicht mehr gespieltem Material geht nicht auf. Erstaunlich an der Stimme von Mike Lezala ist nur die Diskrepanz zwischen seinem hellen Klagegesang und dem krächzenden, beinahe unverständlichen Gebrabbel der Ansagen.

Dass bei JACK STARR´S BURNING STARR klassisches Gitarrenheldentum im Mittelpunkt steht, zeigt sich schon beim im Soundcheck kurz angespielten ´Für Elise´, Metallern von Accepts ´Metal Heart´ bekannt. Der Star des Abends weiß um seine musikalische Strahlkraft und wirkt vom Stageacting her distanziert, was man von Marta Gabriel (Crystal Viper) an der Rhythmusgitarre überhaupt nicht behaupten kann. Der Opener ´Go Down Fighting´ (von einer alten Virgin-Steele-EP), später dann ´Blaze Of Glory´, ´No Turning Back´ und das trabende ´Sands Of Time´ vom aktuellen Album erweisen sich als die stärksten Mitsingkandidaten. Mit ´The Flame That Never Dies´ und dem schleppenden ´Conspiratos Sanctos´ sind auch zwei Beiträge von Guardians Of The Flame dabei, auf Material des gleichnamigen Virgin-Steele-Albums wartet man jedoch vergeblich. Schade angesichts der in den letzten Jahren schwachen Setlisten von Herrn DeFeis, aber nur ein minimaler Makel dieser mitreißenden und virtuosen Show. (btj)

Lange war es still um STEEL PROPHET, und bevor das neue Album ansteht, gibt die Truppe um Steve Kachinsky ein Lebenszeichen. Und was für eins! Geprägt wird der Set von einer unbändigen Spielfreude der Truppe, die eine Übernummer nach der nächsten zelebriert, nicht vor dem Queen-Cover ´Bohemian Rhapsody´ Halt macht und dabei einmal mehr ihre musikalische Klasse demonstriert. Letzteres gilt besonders für Frontmann Rick Mythiasin, der wegen Knöchelverletzungen im Rollstuhl sitzen muss, sich aber mehrfach aufrichtet und damit den Heilungsprozess zurückwirft. Er liefert auch das Bild des Tages als Ausdruck seiner Willenskraft: Weil er scheinbar vor Beginn der Show vergessen wird, robbt er zur Bühne hoch, bevor ihm der Rollstuhl nachgetragen wird. That´s Metal!

Was bei Holocaust am Vortag ´Heavy Metal Mania´ war, ist bei ANGEL WITCH die abschließende Nummer mit dem Bandnamen: eine NWOBHM-Hymne für die Ewigkeit. Dabei hätte der scheinbar nicht alternde Kevin Heybourne mit seiner den NWOBHM-Spirit perfekt transportierenden Truppe (wohl niemand trauert der Originalbesetzung nach) auch ohne die Schlussnummer auf voller Linie überzeugt. Geschickt mischt man britisches Kulturgut (u.a. ´White Witch´, ´Confused´, ´Angel Of Death´) mit neuem Material und kann damit mühelos überzeugen. Well done!

Ähnlich wie im Vorjahr beim Arch/Matheos-Siegeszug liegt vor dem WARLORD-Auftritt eine besondere Stimmung in der Luft. Zwar erreichen die Herren Tsamis und Zonder (alias Destroyer und Thunder Child) mit ihrer multikulturellen Besetzung (u.a. dem Bassisten von Steve Vai) nicht das Ausnahmeniveau ihrer ehemaligen Labelkollegen, aber auch so bietet die Show große Gänsehautmomente (´Lucifer´s Hammer´, ´Deliver Us From Evil´, ´Child Of The Damned´, ´Soliloquy´ oder ´Alien´) und toppt den Wacken-Auftritt 2002 locker. Nachdem im ersten Teil ein Klassiker an den nächsten gereiht wird, folgen einige neue Nummern, die zeigen, dass mit der Truppe auch künftig zu rechnen ist, die das Stimmungsniveau allerdings senken. Sonderlob noch an Frontmann Damien King III, dem zwar etwas die Ausstrahlung fehlt, der den Gesang aber souverän meistert. Letztlich ein relativ starker Headliner-Auftritt, der das wunderbare Festival gelungen abrundet. (wk)

Auf dem Keep It True vertraten die wahren Werte: Björn Thorsten Jaschinski (btj), Wolfram Küper (wk), Bruder Cle (bc) und Götz Kühnemund (gk). Die Fotos schoss Gerrie Lemmens.

Bands:
WARLORD
ANGEL WITCH
POSSESSED
LIEGE LORD
Autor:
Wolfram Küper
Bruder Cle
Björn Thorsten Jaschinski
Götz Kühnemund

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