ToneTalk

ToneTalk 23.11.2016

KAI HANSEN - »Paulas sind eher ein bisschen sperrig«

Mit Hansen & Friends feierte KAI HANSEN in diesem Jahr drei Dekaden im Metal. Im Gespräch führt uns der Hamburger von seinen Anfängen als Gitarrist bis hin zu seinen aktuellen Vorlieben in Sachen Equipment.

Kai, wann hast du angefangen, Gitarre zu spielen?

»Das ging so mit zwölf los.«

Hast du damals Unterricht gehabt?

»Ja, ein halbes Jahr klassische Gitarrenausbildung.«

Hat dir das gefallen?

»Nö. Zumindest nur begrenzt. Es war schon gut, so was wie ´House Of The Rising Sun´ zu lernen, aber eigentlich wollte ich ja viel lieber ´Smoke On The Water´ spielen.«

Wer waren damals deine Vorbilder?

»Es ging los mit Leuten wie Sweet und Slade, Andy Scott von Sweet fand ich ganz großartig. Und dann kamen die Klassiker: Deep Purple, Ritchie Blackmore, Uli Jon Roth, die Scorpions.«

Wie viel und oft übst du heute noch?

»Eher zielgerichtet. Ich übe vor einer Tour oder vor Produktionen – oder während der Produktion. Während ich ein Solo einspiele, übe ich es. Meine Soli entstehen meistens so, dass ich drauflos dudle, und das, was mir gefällt, wird übernommen. Das übe ich dann, bis ich es gut spielen kann.«

Hast du ein Fitness-Programm, bevor du auf Tour gehst?

»Jack Daniel´s und Zigaretten! Im Ernst: Ich geh schon mal ein bisschen zum Training und mache zu Hause ein wenig Workout. Aber ich habe kein Fitness-Programm, mit dem ich mich extra für die Tour vorbereite. Das brauche ich nicht. Ich bin eigentlich fit.«

Habt ihr bei Gamma Ray spezielle Angewohnheiten vor einer Show?

»Eine Stunde vor dem Auftritt hat in der Garderobe Ruhe zu herrschen. Das heißt: keine Fremden, sondern nur die Band. Da stößt man noch mal an, quatscht ein bisschen und geht die Abläufe durch.«

Hast du ein Warmsing-Programm?

»Ja. Früher habe ich klassische Gesangsübungen gemacht, aber inzwischen bin ich – den Tipp habe ich von Michael Kiske bekommen – dazu übergegangen, Elvis-Songs zu singen. Das ist total gut, weil es alles relativ entspannt ist, und man wärmt ganz locker die Stimme auf, von den Tiefen bis in die Höhen.«

Wie wärmst du dich auf der Gitarre auf?

»Das ist immer verschieden. Ich setze mich hin und gehe ein paar Soli durch oder lockere einfach nur ein bisschen die Finger. Das geschieht je nach Lust und Laune, es können manchmal nur zehn Minuten sein oder auch mal eine halbe Stunde. Manchmal spiele ich auch nachmittags im Hotel ein bisschen.«

Wie viele Gitarren hast du?

»Das ist eine gute Frage. Es müssten so um die 60 sein. Zwischen 50 und 70, so um den Dreh. Fast alles E-Gitarren.«

Welche davon sind deine Favoriten?

»Oha!«

Oder ändert sich das täglich?

»Ich habe immer wieder Phasen, wo ich mal mehr die oder die spiele. Aber natürlich gibt es auch ein paar Alltime-Faves. Ich habe unter anderem zwei Gibson Les Paul Customs aus der Randy-Rhoads-Nachbauserie. Davon wurden damals 110 Stück handgefertigt. Die sind einfach grandios, und ich spiele sie total gerne. Dann noch meine Siebziger-Fender-Strat. Und Flying Vs. Ich habe im Lauf der Zeit diverse Modelle von Hoyer zusammengesammelt, weil die einfach total klasse sind. Darunter gibt es eine, die meine absolute Lieblingsklampfe ist, eine schwarze mit Bindings und Messing-Hardware. Sie hat eine etwas andere Schaltung und ist mehr oder weniger ein Unikat. Diese 5069-Modelle (Hoyers Modellbezeichnung für diese Form - job) gab es in S, als Standardversion, meine ist eine C (Custom - job). Davon gibt es nicht viele. Eine ganz tolle Gitarre.«

Weißt du noch, wo du sie herhast?

»eBay. Ich gucke immer mal wieder rein, und wenn ich irgendetwas sehe, das mir interessant erscheint, bin ich dabei.«

Wie wichtig ist das Aussehen einer Gitarre?

»Ganz wichtig. Man muss sie einfach mögen, sonst haut das nicht hin. Sie muss sich mit dem Körper vereinen. Das geht bei Flying Vs natürlich immer unwahrscheinlich gut, Paulas sind da eher ein bisschen sperrig. Da muss man eigentlich erst mal üben, wie man die Gitarre so am Körper hat, dass sie bequem ist. Wenn du bei einer Paula anfängst, in den obersten Lagen Soli zu spielen, wird es mit den Fingern schon ein bisschen hakelig. Da muss man sich echt erst mal drauf eingrooven. Ein guter Tipp ist, sich ein altes Randy-Rhoads-Video anzugucken. Dann ist man voll motiviert: „Der kann das, das krieg ich auch noch hin" (lacht).«

Zumindest was das Handling angeht.

»Das meine ich damit. Um Gottes willen, ich will nicht sagen, wenn der das kann, kann ich das schon lange nachspielen. Das wäre respektlos (lacht). Ganz und gar nicht. Aber man sieht: Es ist möglich. Dann muss man sich halt verdammt noch mal ein bisschen ins Zeug legen.«

Gegenteilige Frage: Könntest du dir vorstellen, mit einer Fender Telecaster, dem bevorzugten Arbeitsgerät von u.a. Keith Richards und Bruce Springsteen, auf die Bühne zu gehen?

»Habe ich auch schon gemacht, allerdings mehr zum Spaß. Ich besitze eine SpongeBob-Tele, die habe ich mal ab und zu bei einem Solo benutzt. Ansonsten vom Aussehen eher nicht. Soundmäßig sind sie grandios für offene, klingelnde Rhythmussounds. Einfach geil, ganz klar. Ich als alter Status-Quo-Fan weiß eine Tele wohl zu schätzen.«

Gibt es in eurem Repertoire Parts oder Songs, die live für dich besonders schwierig zu spielen sind?

»Ja klar. Es gibt immer ein paar Sachen, natürlich in erster Linie Soloparts, wo man sich bei der Studioproduktion ganz schön weit aus dem Fenster gelehnt hat (lacht). Beim Aufnehmen kannst du dir natürlich alles hinbasteln. Dann musst du halt gucken, wie du das live umsetzt. Da gibt es einige Teile, die ich immer wieder neu üben muss – weil sie schnell sind, große Tonsprünge haben oder sonst irgendwas. Wenn ich das nicht machen würde, würde es schon hakelig werden.«

Gibt es spezielle Songs oder Riffs, auf die du besonders stolz bist?

»Das kann ich so jetzt nicht sagen. Aber ich mag zum Beispiel den Song ´Strange World´ auf „Majestic". Da sind sehr witzige, interessante Riffs drin.«

Gehst du noch in Gitarrenläden?

»Selten. Bei mir findet das doch eher online statt. Gitarrenläden sind mehr ein Zufallsding. Wenn ich irgendwo auf Tour plötzlich vor einem Gitarrenladen stehe, dann schaue ich da schon mal rein. Aber hier in Hamburg renne ich da eigentlich nicht hin. Ich bin ja in erster Linie an alten Gitarren interessiert. Neue Gitarren reizen mich weniger.«

Liest du Musikermagazine?

»Eher nicht.«

Bei Gitarren stehst du auf Vintage. Wie sieht es denn in Sachen Technologie aus? Interessieren dich Dinge wie Modeling Amps, Software oder Plug-Ins?

»Dafür bin ich absolut offen. Ich habe meine gesamten Soli auf der Hansen-&-Friends-Scheibe mit einem Plug-In eingespielt. Riffgitarren haben wir schon mit Amp und Mikrofon und allem gemacht, aber die Soli sind komplett Dose. Meine Lieblings-Software ist „EZMix" von Toontrack, da gibt es zwei Producer-Packs, einmal von Andy Sneap mit einem Sound namens „Teutonic Terror", den er mit Accept kreiert hat. Einen weiteren benutze ich meistens für Soli. Ich komme jetzt leider nicht auf seinen Namen, aber der Sound heißt „With A Quack" (Kai meint „Metal Amps" von Jocke Skog, ex-Clawfinger - job). Wichtig dabei ist allerdings, dass du es nicht mit Kopfhörer einspielst, sondern eine Abhöre hast, die du ordentlich aufreißen kannst, damit du dementsprechend auch ein Feedback auf der Gitarre hast. Sonst klingt es glasig und steril.«

Live: Wireless oder Kabel?

»Soundmäßig Kabel, praktikabilitätsmäßig natürlich Wireless. Keine Frage.«

Wie sieht dein Bühnen-Equipment aus?

»Live fahre ich das Ganze hybrid-mäßig, ich spiele eine digitale Vorstufe, eine Digitech GSP 1101, und gehe damit grundsätzlich in eine Röhrenendstufe und über eine Box. Wenn wir auf Tour gehen und unser Equipment mitnehmen, dann habe ich ein Rack dabei, wo das ganze Zeug drin ist, auch Röhrenendstufen von Engl oder Marshall. Wenn wir irgendwo hinfliegen, nehme ich nur die Vorstufe mit, lasse mir zwei Engl Powerballs hinstellen und benutze davon nur die Endstufe.«

Tonabnehmer: aktiv oder passiv?

»Beides. Das hängt von der Gitarre ab. Es gibt Gitarren, zum Beispiel Paulas, die sind für mich passiv. Paulas mit EMGs klingen irgendwie überbraten. Da geht einfach der Charakter der Gitarre flöten. Die einzige Ausnahme, die ich erstaunlich finde, ist Zakk Wylde (lacht). Bei ihm passt das irgendwie. Keine Ahnung, warum. Ansonsten sind sie für mich selber aber eher passiv. Für Flying Vs gilt das Gleiche. Meine Lieblingskombi ist ein Seymour-Duncan-SH-6-Tonabnehmer im Steg und ein SH-5 vorne. Meine ESP hingegen hat EMGs drin. Das passt einfach zu der Gitarre.«

Gibt es Gitarristen, tot oder lebendig, mit denen du gerne mal reden oder spielen würdest?

»Das ist eine lange Liste. Mit Uli Roth habe ich ja bereits gespielt. Das war schon echt eine Sache. Mit Michael Schenker würde ich auch gerne mal rumjammen. Auch mit den Priestern, den Maidens… Natürlich auch mit Hendrix oder Blackmore. Aber da würde ich nur Rhythmusgitarre spielen und denen auf die Finger gucken (lacht).«

Was war dein größter Moment auf der Bühne, was dein schlimmster?

»Ich erinnere mich an einen Moment, wo ich echt hätte heulen können. Als wir mit Gamma Ray letztes Jahr beim Loud Park Festival in Japan gespielt haben, kamen wir gerade von einer Südamerika-Tour, und ich war stimmlich komplett durch. Da kam eigentlich nur noch Krächzen und heiße Luft raus. Und ich musste diesen Gig singen. Also habe ich mich mit Cortison vollgepumpt, trotzdem war das echt nicht schön. Ich habe eine kurze Ansage gemacht in der Art von: „Hört euch das an, das ist scheiße, aber ich hoffe, wir haben trotzdem Spaß." Und die haben so geil mitgesungen und tatsächlich einen Heidenspaß gehabt, da war ich echt dankbar. Aber an und für sich war das schlimm. So was sind furchtbare Momente.
Daneben gibt es kleine Momente, wo du, gerade wenn du so im Spotlight stehst, echt doof aussehen kannst. Etwa bei einem Song wie ´The Silence´: Der fängt mit dieser Gitarrenmelodie an, und es gab schon ein, zwei, drei Konzerte, wo ich mich einfach mal einen Moment verhackt habe und dann komplett rausgeflogen bin. Das ist natürlich unglaublich scheiße (lacht). Aber mein Gott, wir sind alle nur Menschen, was soll´s?
Highlights gibt es noch und nöcher. Gerade jetzt auf der Full Metal Cruise, der Gig an Deck war großartig. Das hat riesigen Spaß gemacht, und die Leute waren auch geil.«

Finale Frage: Mit Hansen & Friends schaust du auf 30 Jahre im Metal zurück. Gibt es Dinge, die du als Musiker noch erreichen möchtest?

»Eigentlich nicht. Ich habe keine Zielsetzung, dass ich sage, in fünf Jahren möchte ich das und das gemacht haben. Ich gehe einfach den Weg und schaue, was so kommt. Ein Schritt nach dem anderen. Klar, man möchte noch ein bisschen besser werden und noch ausgeschlafener in den Fingern sein. Aber ich muss irgendeinen Lauf jetzt nicht unbedingt noch 30 Beats schneller spielen können.«

Es hätte ja sein können, dass dich etwas Außergewöhnliches wie die Arbeit mit einem Orchester noch reizen könnte.

»So hehre Ziele habe ich gar nicht. Vielleicht ergibt sich so was einfach, aber ich setze mich nicht in mein Kämmerlein und plane so etwas. Noch größer, schneller und weiter – das ist nicht so mein Ding.«

www.facebook.com/kaihansenofficial

Pic: Frank Schepers

Bands:
KAI HANSEN
Autor:
Jens-Ole Bergner

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