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Foto: Holger Stratmann

ToneTalk 30.03.2022, 08:01

KADAVAR - »Ich finde es reizvoll, auf vielen Gebieten Grundkenntnisse zu haben«

Der hünenhafte Ostwestfale Christoph „Tiger“ Bartelt ist nicht nur als „Schlagzeug-Tier“ der visuelle Mittelpunkt bei KADAVAR, sondern auch Produzent, Songwriter und Mitorganisator der Berliner Vintage-Rock´n´Roller. Dementsprechend vielseitig sind seine Interessen; momentan arbeitet er am zweiten Album der finnischen Psychedelic-Band Polymoon.

Tiger, wie hat alles für dich angefangen?

»Mein Bruder und ich kamen schon früh im Elternhaus mit Musik in Berührung und probierten dann Gitarre und Keyboard in der Musikschule aus. Als ich 14 war und mein Bruder 15, 16, bekamen wir ein Schlagzeug in den Keller gestellt. Eigentlich war es sein Wunsch gewesen, aber nun hatten wir beide schon in jungen Jahren so etwas wie einen Proberaum. Ich habe mich natürlich auch mal an das Schlagzeug gesetzt, und mit ein paar Kumpels verfolgten wir den Plan, eine Punkband zu gründen. Wir wohnten in Ibbenbüren, einer stinknormalen Kleinstadt auf dem Land zwischen Münster und Osnabrück. Mit der „Scheune“ hatten wir aber ein cooles Jugendzentrum, wo regelmäßig Hardcore- und Pop-Punk-Bands auftauchten. Das Drei-Akkorde-Geschrammel der Ramones war deshalb unter den Jugendlichen ziemlich angesagt.«

Wann wurde das Schlagzeug dein Hauptinstrument?

»Zunächst habe ich viel herumprobiert. Ich spielte E-Gitarre in einer Band, kaufte mir einen Bass und auch ein Vierspurgerät. Mir war es schon sehr früh wichtig, Aufnahmen machen zu können. Mit 21 Jahren bin ich nach Berlin gezogen. Es dauerte vier Jahre, bis ich Anschluss fand und mich an zwei Bands beteiligte: einmal Noem, die Hardcore und Noiserock machten, und außerdem eben KADAVAR. Erst da habe ich mich nach längerer Pause wieder ans Schlagzeug gesetzt.«

In einem Interview auf eurer Homepage liest man, du hättest dir die Zeit in Berlin zunächst mit Kiffen und dem intensiven Studieren von Beatles-Platten versüßt.

»Das stimmt. Als Teenager auf dem Land kam ich zwar schon früh mit den ersten Joints in Berührung, fand das aber langweilig und ließ konsequenterweise die Finger davon. Wenn man älter ist, kann man gezielter mit der Wirkung umgehen, und da war die Musik der Beatles genau das Richtige. Ein ganzes Jahr habe ich damit verbracht, immer dieselben Platten aufzulegen. Die Musik war einfach zu faszinierend.«

Welche Alben liefen am häufigsten?

»„Rubber Soul“ und „Revolver“, ganz klar. Natürlich haben sie danach noch viel abgefahrenen Kram produziert, aber das sind die beiden Alben, die man komplett am Stück durchhören kann.« 

Was hat dich neben den überragenden Harmonien daran gereizt?

»Ich habe in den 2010er Jahren Tontechnik am SAE Institut in Berlin studiert. Dort ging es viel um digitales Editing und darum, wie man menschliche Unzulänglichkeiten am Computer korrigiert. Deshalb interessierte mich die Frage, wie Musiker früher ohne diese technischen Hilfsmittel zusammengearbeitet haben – ohne Clicktrack und die Möglichkeit, ganze Passagen am Rechner zu kopieren. Es geht ja auch darum, die Persönlichkeit des Einzelnen in der Musik hörbar zu machen. An den Beatles-Alben mag ich die Tatsache, dass man als Hörer immer wieder neue Details entdecken kann, da jede Stelle in den Songs einzigartig ist. Sie waren quasi der Gegenentwurf zu dem, was ich tagsüber lernte. Bei der Bandgründung von KADAVAR wussten alle Beteiligten, dass wir genau dieses musikalische Lebensgefühl der Sechziger und Siebziger wiederaufleben lassen wollten.«

Dein Lieblings-Beatle?

»Ich habe eigentlich keine Präferenzen, möchte aber eine Lanze für Ringo Starr brechen. Der wird immer unterschätzt, obwohl er neben solchen Weltklasse-Songwritern auch selbst ziemlich kreativ war. Außerdem ist er Schlagzeuger, was ihn für mich eh schon sympathisch macht, und hat auch eine Menge lockeren Humor versprüht.«

Wer war dein erstes Vorbild als Drummer?

»Als Teenager? Wahrscheinlich Marky Ramone (von den Ramones – hs). Ich fand es damals wichtig, dass man die Achtel auf der Hi-Hat schafft. Je schneller, desto besser. In dieser Disziplin war Marky unschlagbar.«

Deine Stärken und Schwächen?

»Wenn ich mir erst mal einen bestimmten Rhythmus für einen Song vorgenommen habe, ziehe ich ihn bis zum Erbrechen durch. Ich nenne das einen „Rhythmustunnel“, der mit einer gewissen Engstirnigkeit einhergeht. Dabei wäre es manchmal klüger, noch einmal auf die Betonungen in der Musik zu hören, die man ja eigentlich nur begleiten soll. Als Produzent gilt etwas Ähnliches: Jede Session, jede Zusammenarbeit mit anderen Künstlern und ihren Ideen bringt dich weiter. Es ist im Prinzip so etwas wie eine lebenslange Reise. Deshalb ist es wichtig, dass man sich nicht mit vorgefertigten Meinungen selbst im Weg steht.«

Als Künstler zeichnet dich die Eigenschaft aus, dass du dich immer wieder anders in die Musik von KADAVAR einbringst – in erster Linie als Drummer und Produzent, auf dem Eldovar-Album aber auch als Keyboarder, Sänger und Songwriter. Es gibt sogar vertonte Gedichte von dir. Das ist eine eher unübliche Bandbreite in der Szene.

»Es war schon immer so, dass ich mich nicht auf eine Sache festlegen wollte. Das führt natürlich dazu, dass ich nirgendwo perfekt bin, so wie andere Musiker auf manchem Gebiet herausragend sind. Ich finde es dagegen reizvoll, auf vielen Gebieten Grundkenntnisse zu haben (lacht).«

Bildest du dich trotzdem am Schlagzeug weiter? Nimmst du Unterricht, oder studierst du andere Drummer?

»Mein Spiel ist ja nicht allzu technisch. Es gibt daher eine ganze Reihe von Grundlagen, die ich überhaupt nicht beherrsche, zum Beispiel etliche der sogenannten „40 Rudiments“, also der wichtigsten Spieltechniken des Schlagzeugs. Wenn ich woanders etwas höre, versuche ich, es nachzuspielen, und dann klappt es oder eben nicht. Musik hat für mich viel mit Ausprobieren zu tun.«

Dafür gleichst du das mit Physis und Präsenz aus. Es fängt schon damit an, dass dein Kit fast vorne am Bühnenrand steht und du die Fans in den ersten Reihen quasi vis-à-vis aufpeitschst.

»Das ist so ein bisschen mein Markenzeichen geworden. Es gab da beileibe keinen Masterplan, das Körperliche hat sich aus der Musik heraus entwickelt. Wir haben als Band ganz behutsam angefangen, erst als wir Shows spielten, kam die ganze Action dazu. Das hatte natürlich auch mit dem Publikum zu tun; so etwas kommt eben gut an, und beim nächsten Mal drückt man etwas mehr auf die Tube (lacht).«

Gibt es Abende, an denen du denkst, dass du das nur noch ein paar Jahre durchhältst, weil dir alle Knochen wehtun?

»Ja, regelmäßig bei der ersten Show einer Tour. Headbanging praktiziere ich zwar auch bei den Proben, weil ich weiß, dass ich ein bisschen im Training bleiben muss, bevor wir bei den Auftritten ernst machen, aber wirklich vorbereiten kann man sich nicht. Auf der Bühne ist der Adrenalinpegel viel höher. Der Nacken und der Rücken tun dann schon mal weh, aber nach drei Konzerten gibt sich das. Am Ende der Tour bin ich oft so fit, dass ich fest glaube, das locker noch ein paar Jahre durchstehen zu können. Ich habe mir auch angewöhnt, mich vor den Proben zwei Stunden lang aufzuwärmen, da mir für Sport momentan die Zeit fehlt.«

Die Position des Schlagzeugs an vorderster Front wird von den Fans gelobt. Gibt es eigentlich auch Nachteile, die ihr damit in Kauf nehmt?

»Na ja, aus der Sicht eines Tontechnikers ist es wegen der Einstreuung nicht unbedingt schlau, die Becken näher ans Gesangsmikro zu stellen als unbedingt nötig. Wir fühlen uns aber so am wohlsten und wollen natürlich trotzdem immer einen Topsound haben. Deswegen haben wir uns immer wieder etwas einfallen lassen, damit das möglichst wenige Probleme bereitet. Ich musste zum Beispiel lernen, die Becken leiser zu spielen und es trotzdem noch so aussehen zu lassen, als würde ich das Ding zerdreschen.«

Ist dir Gehörschutz wichtig?

»Ja, darauf habe ich von Beginn an geachtet, weil ich schon sehr früh am Schlagzeug saß und darauf einprügelte. Das tat sehr weh in den Ohren. Auch wenn ich zu Konzerten gehe, habe ich immer Ohrstöpsel dabei. Als ich sie einmal vergaß und mir die Show von ganz vorne aus ansah, musste ich anschließend zwei Tage mit dem berühmten Ohrenklingeln leben. Hätte ich im Lauf der Jahre keinen Gehörschutz getragen, könnten wir uns hier gar nicht mehr leise verständigen, und meine Arbeit als Produzent wäre wohl auch stark eingeschränkt.«

Eines der herausragenden Merkmale eures zweiten Albums „Abra Kadavar“ bestand darin, dass man die Gitarre links im Stereo-Bild hörte, während der Bass und das Schlagzeug in der Mitte rechts verortet waren. Warum habt ihr dieses Klangbild nicht beibehalten?

»Gute Frage. Ich find´s allgemein wichtig, dass im Schaffen nichts bleibt, wie es ist, ansonsten kann man auch aufhören. Die Sache mit dem Panning hat anfangs total gekickt, weil es so anders klang, und das hat den Sound unserer ersten Album stark geprägt. „Berlin“ ist danach allerdings eine klassische Gitarrenplatte geworden. Wir waren zum ersten Mal in einem großen Studio und wollten auch, dass man das hörte. Pelle Gunnerfeldt, der das Album abmischte, hatte total Bock auf laute Gitarrenwände, und so hat sich unser Sound weiterentwickelt. Das wurde auf „Rough Times“ noch extremer…«

Mit dem Bau eines eigenen Studios hast du dir gleichzeitig den Traum von altem Original-Analogequipment erfüllt. Warum genügen dir die digitalen Emulationen nicht, die man heute für wenig Geld in Computerprogrammen findet? Im Mix hört das doch keiner, oder?

»Ich bin da mittlerweile sehr nüchtern in der Beurteilung. „Analog gleich super“ und „digital gleich scheiße“ ist veraltetes Denken. Die Software hat wahnsinnig aufgeholt, und wenn ich ein Plug-in benutzen will, tue ich es. Andererseits ist ein Signal, wenn es bei mir auf dem Computer landet, in der Regel schon durch ein altes Mikrofon, einen Röhrenvorverstärker, einen analogen Kompressor und die Bandmaschine gelaufen. Falls es bis dahin noch nicht geil klingt, wird auch ein Plug-in nichts mehr daran ändern. Ich hänge zwar schon sehr an meinem analogen Zeug und würde es nicht auf dieselbe Ebene wie eine entsprechende Digitalemulation stellen, doch es gibt viele Plug-ins, die ich gern benutze. Und was Computer betrifft: Ich liebe es, Sachen zu automatisieren - Volumes, Pannings, Plug-in-Parameter. Das ist schon toll.«

Wie kommst du als Produzent mit dem Dienstleistungsgedanken klar? Fällt es dir leicht, im Auftrag anderer zu arbeiten? Das ist ja eine andere Situation als bei KADAVAR, wo vieles im Team entsteht.

»Wenn eine Band weiß, was sie will, ist das doch gut. Dann habe ich kein Problem damit, das auszuführen. Allerdings fühle ich mich als „zusätzliches Bandmitglied“ wohler, wenn ich ein bisschen beratend zur Seite stehen kann und man gemeinsam im Studio neue Ideen entwickelt. Ich habe schon oft erlebt, dass sich der Klang oder die Musik im kreativen Prozess noch unvorhergesehen ändert. Klar, man muss sich auch die Zeit einteilen und Grenzen setzen können; mehrere Nächte musste ich bislang noch nicht durchmachen, aber dass man zehn Tage am Stück 13, 14 Stunden lang arbeitet, ist in diesem Job üblich.«

www.kadavar.com

www.facebook.com/kadavarofficial

DISKOGRAFIE (nur Studioalben)

Kadavar (2012)

Abra Kadavar (2013)

Berlin (2015)

Rough Times (2017)

For The Dead Travel Fast (2019)

The Isolation Tapes (2020)

Eldovar – A Story Of Darkness & Light (Kollaboration mit Elder, 2021)

Bands:
KADAVAR
Autor:
Holger Stratmann

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