Interview

Interview 26.03.2020, 14:04

KADAVAR - „Die größte Show, die wir jemals gespielt haben.“

Abgesagte Shows, abgesagte Tourneen. Die aktuelle Corona-Krise hat die Musikszene schwer verändert. Was also tun, wenn alle zu Hause sitzen und versuchen die Zeit totzuschlagen? Die Jungs von KADAVAR aus Berlin haben sich am vergangenen Samstag dazu entschlossen ein komplettes Konzert aus ihrem Studio live zu streamen. 11.000 Zuschauer konnte die Truppe dabei generieren. Wie es zu der Idee kam und wie es der Band sonst geht, haben wir bei Sänger/Gitarrist Lupus erfragt.

Lupus, wie geht’s dir, wie geht’s Berlin?

»Ich sehe nicht viel von Berlin, aber von dem was ich höre, ist alles gut. Man hält sich ja weitestgehend zu Hause auf. Ich fahre auch nur mit dem Fahrrad ins Studio, weil wir den ganzen Tag Pakete packen, um das Merchandise zu versenden, das die Leute bei uns gekauft haben.«

Wie geht’s euch denn als Band?

»Also momentan fallen drei großen Touren aus: Frankreich, Australien/Neuseeland und USA. Tickets wurden schon verkauft und Flüge gebucht.«

Hat euch das dazu bewegt einen Gig aus dem Studio zu streamen? Die Idee liegt ja nahe, aber die wenigsten ziehen es auch wirklich durch.

»Früher haben wir immer gescherzt, dass das die Zukunft ist. Also dass wir nur ein Konzert spielen, alle schauen sich das an und dann ist die Tour vorbei. Jetzt ist das Wirklichkeit geworden und da wir ein eigenes Studio haben, war das einfach umzusetzen. In der Woche davor haben das Freunde von uns gemacht, allerdings in einem Club ohne Publikum. Da das bei denen gut funktioniert hat und die gutes Feedback bekommen haben, hab ich mir gedacht, dass das bei uns auch klappen könnte. Wir hatten dann eine Woche Zeit, uns vorzubereiten und zu überlegen, wie wir das umsetzen können und dann haben wir das einfach gemacht.«

Brauchtet ihr dafür besonderes technisches Equipment oder habt ihr sowieso das schnellste Internet der Welt?

»Haha. Also da wir in einem Gewerbegebiet sind, ist hier abends niemand. Wir haben sogar viermal schnelleres Internet als so ziemlich jeder zu Hause, von daher war das kein Problem.«

In den Hochzeiten hattet ihr 11.000 Zuschauer und mein Smartphone bimmelte während eurer Show recht oft, weil mir meine Freunde zu manchen Songs oder Tigers Klamotten Nachrichten geschickt haben. Habt ihr damit gerechnet, dass das so ein soziales Event wird und so viel Zuspruch findet?

»Also die Erwartungen waren gering, weil man keinen Vergleichswert hat, da wir das ja noch nie gemacht haben. Als bei Facebook 12.000 Leute unter „Zusagen“ für das Event stand, haben wir schon gedacht, dass das viel ist. So viel Feedback hatten wir noch nie für eine Veranstaltung, aber wir haben auch noch nie eine weltweite Veranstaltung ins Leben gerufen. Wir dachten schon, dass das heftig wäre, wenn die alle zugucken… und das haben dann ja auch fast alle gemacht. Als ich später die Kommentare gelesen und gemerkt habe, dass die Leute Spaß haben, sich unterhalten und auch ihre Witze machen, war das schon cool, ja.«

War das die größte Show, die ihr jemals gespielt habt?

»Als wir Ozzy supportet haben, waren 16.000 Leute da, aber da waren wir ja nicht die Hauptband. Also ja, für uns war das mit Abstand die größte Show, die wir jemals gespielt haben.«

Wer war denn euer Lichttechniker? Die Weihnachtsbeleuchtung hinterm Schlagzeug war ja schon deluxe.

»Haha! Also diese Weihnachtsbeleuchtung hat unser Kameramann Viktor mitgebracht und die anderen beiden Lampen standen im Studio rum und wir haben die da einfach hingestellt. Wir wollten das auch nicht zu ernst gestalten und es sollte auch diese Proberaum-Atmosphäre rüberkommen. Wenn das zu professionell ist, finde ich das auch wieder kacke und das ist dann so durchgestylt. So hatte das mehr Flair und war ehrlicher. Wenn die Kamerabilder und der Sound gut gewesen sind, dann ist alles in Ordnung und man kann beim Rest etwas weniger machen.«

Du hast eben gesagt, dass ihr den ganzen Tag Merchandise einpackt. Kompensieren die Verkäufe die ausgefallenen Touren zumindest ein wenig?

»Man muss schon sagen, dass uns die Leute krass unterstützen und dafür sind wir auch sehr dankbar, aber drei Touren zu kompensieren, ist natürlich total schwierig. Wir kommen nicht annähernd dahin, was uns die Konzerte eingebracht hätten, da die Verluste sechsstellig sind. Trotzdem ist es Wahnsinn, was hier abgeht, da wir nur in der letzten Woche über 500 Bestellungen in unserem Online-Shop hatten. Da wir das alles selber machen, ist das gerade unser Hauptjob und wir packen wirklich die ganze Zeit. Ich beschwere mich aber nicht, mir geht’s gut.«

Manche Bands verschieben ihre geplanten Veröffentlichungen auch gerade. Glaubst du, dass die Krise einen großen Einfluss auf die Musik-Szene haben wird? Wenn alles vorbei ist, könnten Konzerte voller den je sein.

»Also jetzt gerade ist Geld spenden anscheinend das neue Einkaufen. Wir haben ja auch so eine Crowdfunding-Aktion und die Leute scheinen das Geld, was sie am Wochenende nicht ausgeben, schon teilen zu wollen, also ist eine Solidarität da. Dennoch kann das nicht auffangen, was da in der Musik-Branche passiert. Ein Album würde ich aber nicht verschieben, weil die Leute gerade jetzt sehr heiß auf neue Sachen sind. Wenn ich eine neue Platte hätte, würde ich sie jetzt rausbringen. Der ganze Alltag ist so entschleunigt, dass die Menschen sich wieder Zeit für solche Sachen nehmen. Ich merke das auch bei mir selbst. Ich höre mir Platten an, die ich lange vor mir hergeschoben habe. Das finde ich sogar ganz geil. Im Herbst wird dann die Hölle losbrechen. Jede Band versucht gerade im Herbst nochmal Geld zu machen und ihre Touren nachzuholen. Ich bin froh, dass wir uns zum zehnjährigen Jubiläum für die zweite Hälfte des Jahres eine Auszeit geschenkt haben. Jeder wird dann ein Stückchen vom Kuchen abhaben wollen, um die Verluste auszugleichen. Das wird sowieso schwer, weil die Fans ja auch nicht zu vier Konzerten in der Woche gehen werden.«

Aber umgekehrt könnte man ja auch davon ausgehen, dass gerade viel Musik komponiert wird. Alle Musiker sitzen ja zu Hause.

»Auf jeden Fall. Wir haben unser Studio schon wieder umgebaut und wenn wir mit dem Verschicken des Merchandise fertig sind, drücken wir den Aufnahmeknopf und werden die Zeit sinnvoll nutzen, weil eh nichts anderes zu tun ist. Eigentlich ganz geil, obwohl das gar nicht geplant war, weil wir um die Welt touren wollten.«

Die wichtigste Frage zum Schluss: Dein Bart ist ab. Was war da los?

»Hahaha… ja, den hab ich einfach abgeschnitten. Ich hatte keinen Bock mehr darauf. Ich hab in den Spiegel geschaut und dachte mir: Jetzt reicht es. Viele Leute, die ich in den letzten zwölf Jahren kennengelernt habe, erkennen mich nicht mehr und grüßen mich nicht mehr. Früher hab ich den wachsen lassen, weil ich älter aussehen wollte, heute bin ich alt und will jünger aussehen. Ha!«

Falls ihr die Band unterstützen wollt, könnt ihr das im Online-Shop unter www.kadavar.com tun.

Bands:
KADAVAR
Autor:
Stefan Hackländer

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