Interview


Pic: Jerry Lofaro

Interview 09.04.2019, 15:41

JORDAN RUDESS - Eine Welt auf den Fingerspitzen

Tastenmagier JORDAN RUDESS ist nicht nur kreativer Cheftechniker in der Schaltzentrale von Dream Theater, sondern auch als regelmäßiger Lieferant außergewöhnlicher Soloalben ein großer Name am Prog-Firmament. Nach seinem letzten Streich „The Unforgotten Path“, auf dem er Coverversionen der wichtigsten Stücke seiner musikalischen Entwicklung in sich gekehrt auf einem Flügel interpretierte, feuert der Keyboarder auf „Wired For Madness“ jetzt wieder aus allen progressiven Rohren. Das hochtechnische und konsequent wahnsinnige Klangarsenal, das Rudess alleine mit dem über 30-minütigen Titeltrack auf seine Hörerschaft loslässt, gleicht einem Zeitrafferflug durch Jahrzehnte der Science-Fiction-Geschichte. Doch „Wired For Madness“ hat noch einiges mehr zu bieten, wie uns das grundsympathische Kinnbartwunder im Interview erzählt.

Gratulation, Jordan! „Wired For Madness“ ist eine wirklich starke Scheibe geworden!

»Cool, kannst du den Titeltrack schon im Takt mitklopfen?« (lacht)

Zugegeben, damit habe ich noch so meine Probleme. Was hat dich dazu bewogen, ein neues Soloalbum aufzunehmen? Ging es nur darum, instrumental mal wieder so richtig die Sau rauszulassen?

»Ich spürte das Bedürfnis, das zu machen, weil ich abgesehen von der Musik nicht wirklich außergewöhnliche Hobbys habe. In meinem Kopf geistern ständig verschiedenste Stilarten und Einflüsse herum. Ich fühle ein brennendes Verlangen danach, zu erschaffen, wenn du es so nennen willst. Ein Progressive-Rock-Electronic-Album wie „Wired For Madness“ ist mit einem gewaltigen Aufwand verbunden und sehr tiefgründig. Das liegt daran, dass ich alle meine Klänge und Farben liebe und tief in die Technologie eingetaucht bin. Es ist eine ganze Weile her, dass ich etwas vergleichbares wie dieses Album gemacht habe. Das letzte war „The Road Home“ (2007 – sb), allerdings hatte ich darauf hauptsächlich Coversongs veröffentlicht. Deshalb staute sich in mir einiges an Energie an.«

Lebst du als Solokünstler also hauptsächlich die Dinge aus, die du als Mitglied von Dream Theater nicht erreichen kannst?

»Obwohl ich den wundervollsten Job der Welt als Keyboarder von Dream Theater habe, erlauben sie meiner Kreativität nur, bis zu einem bestimmten Punkt vorzustoßen. Das ist vollkommen in Ordnung, aber da gibt es eben auch noch anderes, das ich ausdrücken möchte. Sei es klassische Musik oder etwas, das stärker auf dem Klavier basiert oder sogar Dinge, die noch progressiver sind als all das, was Dream Theater machen möchten. Diese Solo-Sache ist definitiv wichtig für mich, als der Musiker, der ich bin. Einen Großteil des vergangenen Jahres habe ich mit einer Welttournee alleine am Klavier verbracht. Die „From Bach To Rock“-Tour war eine großartige Sache, da ich wortwörtlich alles von Bach bis hin zu Rock spielte.«

Fühlt sich klassische Musik denn ähnlich an wie Progressive-Rock und -Metal?

»Nun, ich begann meine Karriere in sehr jungen Jahren als klassischer Musiker. Diese Strukturen, mit denen ich lernte und die mich in dieser Welt verankerten, sind das Fundament für alles, was ich mache. Egal, welche Art von Musik. Ich sehe Ähnlichkeiten, indem ich diese Übung, dieses Wissen und diese Technik in alles einbringe, was ich spiele. In stilistischer Hinsicht könnten wir ewig über die Ähnlichkeiten zwischen Bach und Gentle Giant diskutieren (lacht). Ich tendiere dazu, exzentrisch genug zu sein, dass die Musik in meinem Kopf immer auf eine natürliche Art und Weise eine Fusion der Elemente kreiert. Diese Vermischung geschieht einfach, nahezu ohne Anstrengung.«

Gerade der Titeltrack von „Wired For Madness“ strotzt nur so vor kreativen Einfällen. Wird es eigentlich über die Jahre schwieriger, dich immer wieder selbst zu überraschen?

»Das würde ich nicht sagen. Ich lasse mich ständig stark von akustischen Dingen inspirieren. Manchmal bereiten sie mir den Weg und lenken mich in eine bestimmte Richtung, wenn mir beispielsweise ein richtig cooler neuer Sound in den Sinn kommt. Was ich zu sagen versuche, ist, dass es heutzutage eine große Fülle an spannenden Klängen und virtuellen Instrumenten gibt. Ich beschäftige mich auch viel mit dem Programmieren von Synths, dadurch ist es nicht so schwierig, eine Straße oder eine Richtung zu finden, bei der ich sagen kann: „Wow, das ist neu!“ (lacht). Das liebe ich so daran, ein Keyboarder zu sein. Meine akustische Welt liegt gewissermaßen auf meinen Fingerspitzen. Es ist ein Lebensgefühl, ich kann alles vom Sound einer harten John-Petrucci-Gitarre bis hin zu einer kosmischen Flöte spielen. Ich nutze das alles und ich liebe es!«

Du bist Inhaber der Firma „Wizdom Music“, die sich auf die Entwicklung von Musikprogrammen spezialisiert hat. Wie erlebst du die Evolution von Technologien in der Musik?

»Puh, das ist eine große Frage. Ich wurde in die Welt der Musiktechnologien hineingezogen, denn ich war immer daran interessiert, Klänge auf eine ausdrucksstarke Weise zu kontrollieren. Das begann schon zu dem Zeitpunkt, als ich anfing, Synthesizer zu spielen. Meine Karriere führte mich durch eine Menge unterschiedlicher Instrumente, aber besonders prägend war meine erste Erfahrung mit Multi-Touch-Geräten. Das ist etwa zehn oder elf Jahre her, mit den ersten iPhones. Schon durch die Tatsache, dass ich meine Finger über die Oberfläche bewegen konnte, spürte ich die Möglichkeiten. Mein erster Gedanke war, dass jeder einzelne Finger sich fortlaufend auf eine unabhängige Art und Weise ausdrücken könnte. Das führte zu meiner Kreation „MorphWiz“, dem ersten Instrument, das ich für iOS erschuf und das von Billboard als Nummer-eins-Musikapp gelistet wurde. Mittlerweile ist allerdings „GeoShred“ die Software, auf die ich mich hauptsächlich konzentriere. Das coole daran ist, dass sie meine expressiven Konzepte übernimmt und ich daraus eine Menge Ideen ziehen kann. „GeoShred“ regelt die Tonlage auf eine sehr unübliche Art und Weise und lässt jeden Finger individuell klingen. Sehr organisch, fast schon wie bei einer Gitarre oder einer Violine.«

Es geht dir also hauptsächlich darum, die kreativen Grenzen weiter auszuloten?

»Mir geht es darum, uns als menschliche Wesen an die Instrumente zu binden, die wir spielen. Für Technologien, die uns von der Kontrolle wegführen, interessiere ich mich weniger. Wenn ich dafür jedoch meinen Sinn des Fühlens oder Sehens verwenden kann, dann sehe ich die Technologie als Erweiterung dessen, was wir sind.«

Ich habe mir zur Vorbereitung auf unser Gespräch deine vorherige Soloscheibe „The Unforgotten Path“ erneut angehört und mir kommt das Album im direkten Vergleich zu „Wired For Madness“ wie eine Art Gegenüberstellung deiner Vergangenheit und deiner Zukunft vor. „The Unforgotten Path“ mit seinen ruhigen, reduzierten Klavierstücken und „Wired For Madness“ mit all den verrückten technischen Experimenten. Liege ich richtig?

»Ich denke, du kannst es mit Sicherheit auf diese Weise betrachten. Es ist cool, dass du einen Schritt zurückgemacht und dir dieses Album angehört hast, denn dadurch bekommst du einen guten Eindruck davon, woher ich komme. Das bin ich, ich wuchs mit der Musik auf und für mich war sie immer eine wichtige Möglichkeit, um mich ausdrücken zu können. Ich nutzte sie sogar als Mittel der Heilung. Wenn mich als Kind etwas beschäftigte, konnte ich einfach in einen Raum gehen und mich an mein Klavier setzen. Ich wollte aber natürlich auch an einen Punkt kommen, an dem ich auf eine Bühne gehen und etwas sanftes, melodisches und beschauliches spielen kann, das die Leute fühlen und auch einen Nutzen daraus ziehen. Dieses Album ist also ein wichtiger Teil davon, wer ich bin. Ich empfehle dir eine ordentliche Dosis „Wired For Madness“ und danach eine kleine Portion von „The Unforgotten Path“, um durchzuatmen und wieder zu Kräften zu kommen (lacht).«

Genau das machst du im Prinzip auch auf „Wired For Madness“, indem du dem über 30-minütigen Titelstück das ruhige 'Off The Ground' folgen lässt.

»Ganz genau! Ich begann mit dem Schaffensprozess des Albums und arbeitete zuallererst an diesem verrückten Titeltrack. Ich kann mich daran erinnern, wie ich aus dem Studio nach Hause kam und meiner Frau erzählte, dass ich dieses total progressive und verrückte Ding hätte, in dem ich alles machen könnte, was ich will. Und sie antwortete: „Okay. Aber du musst auch noch leichter verdaulichere Musik auf dieses Album packen.“ Wie gewöhnlich hatte meine Frau recht und so schrieb ich 'Off The Ground' und 'Just For Today', die das Paket noch mehr abrunden. Ich verlange den Leute eine Menge ab in diesen ersten 34 Minuten, dieser Reise in meinen verrückten Verstand.«

Bei 'Just Can't Win' wagst du dich hingegen in Blues-Territorium mit einer Brass-Sektion und konntest sogar Joe Bonamassa als Gastmusiker gewinnen.

»Dieser Song kam zustande, weil ich in meiner eigenen musikalischen Welt immer sehr gerne den Blues spielte. Ich hatte allerdings noch nie die Gelegenheit dazu, es auf einem Album zu machen. Also fragte ich mein Label Mascot Records, ob die Möglichkeit bestehen würde. Ich hätte es mit oder ohne Joe gemacht und das Label sagte mir zunächst auch, dass er sehr beschäftigt und auf Tour sei. Ich dachte nicht, dass es wirklich passieren würde, also schrieb ich den Song für mich selbst. Bereits am nächsten Tag bekam ich dann die Antwort von ihm, dass er unbedingt auf meinem Album spielen will. Ich war zu diesem Zeitpunkt in der Scheune, in der wir das aktuelle Dream-Theater-Album aufgenommen haben, also stand ich eines morgens früh auf, vor den anderen Jungs, und entwarf meine Blues-Idee. Ich schickte sie Joe und er war sofort begeistert.«

Der Song ist auf jeden Fall eine gelungene Überraschung.

»Yeah! Mein Kumpel Alek Darson, der auf meinem Album spielte und mittlerweile Gitarrist bei Special Providence ist, sagte zu mir: „Es wäre wirklich cool, wenn du ein richtiges Brass-Ensemble hättest!“ Ich wollte zunächst nur ein paar Samples verwenden, aber er überredete mich dazu, reale Aufnahmen zu machen. Kurz darauf rief er mich an und meinte, dass er ein paar Leute gefunden hätte, die mir dabei helfen würden. Mit ein bisschen Hilfe von Freunden, die mich in die richtige Bahn lenkten, bekam ich also ein echtes Brass-Ensemble, Joe Bonamassa und eine komplette Blues-Produktion.

Lass uns zum Schluss noch einen Blick zurückwerfen: Du bist mit dem Klavier und später dem Synthesizer aufgewachsen. Wie war es für dich, deinen Lebensweg zusammen mit diesen Instrumenten zu beschreiten?

»Es war wundervoll. Das Klavier ist ein solch großartiges Instrument. Du hast die komplette Variationsbreite, du kannst alles spielen, von den tiefsten bis hinauf zu den höchsten Noten. Harmonisch, melodisch und rhythmisch betrachtet stehen dir alle Türen offen, es ist das perfekte Instrument für einen Komponisten. Mein Leben – zwischen dem siebten Lebensjahr und meinen 62 Jahren heute – war sehr ertragreich wegen der Beziehung, die ich zu diesem Instrument hatte. All die Synthesizer und anderen Dinge würde ich für nichts auf der Welt eintauschen wollen. Einmal versuchte ich ein paar Wochen lang, Klarinette zu lernen, aber es funktionierte einfach nicht für mich. Ich probierte viel herum und brachte gelegentlich einen Ton heraus – das ergab absolut keinen Sinn.«

www.jordanrudess.com

www.facebook.com/jordanrudessofficial


Bands:
JORDAN RUDESS
Autor:
Simon Bauer

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