Schwatzkasten

Schwatzkasten 21.02.2001

ICED EARTH - JON SCHAFFER (Iced Earth)

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus: Falls nichts Unvorhergesehenes mehr dazwischen kommt, wird Ende April/Anfang Mai endlich das langersehnte neue ICED EARTH-Studiolangeisen "Horror Show" in die Läden kommen. Grund genug, den Bandleader der Amis, Songwriter und Saitenhexer Jon Schaffer, im Schwatzkasten mal gründlich auf Herz und Nieren zu prüfen.

Jon, wo bist du aufgewachsen, und wo würdest du am liebsten leben?

»Geboren wurde ich in Franklin im US-Bundesstaat Indiana. Danach habe ich einige Jahre in Indianapolis gelebt, bevor wir in die Nähe von Chicago, nach Fort Wayne, gezogen sind. Dort verlebte ich dann den größten Teil meiner Jugend. Leben würde ich am liebsten auf einer großen Ranch in Wyoming, also in der Abgeschiedenheit der Natur, umgeben von Bergen, Flüssen und Seen. Unter Menschen bin ich auf Tournee genug.«

Kannst du kochen?

»Ja, das liegt mir im Blut. Sowohl meine Eltern als auch meine Großeltern können kochen. Trotzdem stelle ich mich nur selten an den Herd, weil ich die Küche hinterher ungern wieder aufräume. Deshalb betätige ich mich in der Regel nur als Grillmeister. Berühmt ist vor allem meine Knoblauchmarinade.«

Hattest du jemals so etwas wie Idole?

»Auf jeden Fall! Steve Harris von Iron Maiden war und ist immer noch mein Vorbild Nummer eins. Schon als kleiner Junge haben mich seine Einstellung und seine Loyalität fasziniert und inspiriert. Außerdem ist er ein großartiger Musiker, Songwriter und Bandleader. Ohne Steve gäbe es Iced Earth vermutlich nicht. Ein weiteres Idol von mir ist Gene Simmons von Kiss.«

Kannst du dir vorstellen, irgendwann mal in die Politik zu gehen oder ein öffentliches Amt zu bekleiden?

»Erst wenn ich Rock´n´Roll-Rentner bin. Als kleiner Junge wollte ich aufgrund meines ausgeprägten Interesses für amerikanische Geschichte mal US-Präsident werden. Doch als mit sieben Jahren plötzlich Kiss mit ihrem Album "Alive" in mein Leben traten, wollte ich nur noch Mucker werden. Irgendwie hatte ich schon damals das Gefühl, dass Musik mehr Spaß macht als Politik.«

Hast du dich in der Schule häufig geprügelt, oder warst du eher brav?

»Ersteres. Da sich meine Eltern früh scheiden ließen, musste ich als Kind oft umziehen. Und natürlich gab es auf jeder Penne Mitschüler, die gerne mal testeten, wie weit man bei dem Neuen gehen kann. Also musste ich schon früh lernen, wie man sich Respekt verschafft. Sicherlich gab es Typen, die stärker waren als ich, aber ohne Kampf konnte mich keiner rumschubsen.«

Wann hast du dein erstes Auto geschrottet?

»Kurz nachdem ich den Führerschein gemacht habe, also mit 16. Schuld war aber der Typ, dem ich draufgedonnert bin. Da es sich bei meinem Wagen aber um einen alten Dodge Challenger aus dem Jahre ´73 handelte, der nur selten ansprang, war es um die 600 Dollar nicht schade.«

Welche drei Eigenschaften charakterisieren dich am treffendsten?

»Ich bin sehr ehrlich, fast schon brutal ehrlich. Damit kommen viele nicht zurecht, weil die Wahrheit schmerzt. Die Realität ist halt nicht unbedingt der freundlichste und sicherste Ort. Außerdem bin ich ein sehr loyaler Mensch. Vor allem gegenüber den Leuten, die in irgendeiner Form mit der Band zu tun haben. Dazu gehören auch Hansi Kürsch und die anderen Jungs von Blind Guardian. Des weiteren sehe ich mich als eine ausgesprochen integre, hart arbeitende Person, die konsequent ihr Ding durchzieht.«

Und was ist deine schlechteste Angewohnheit?

»Ich habe vor einigen Monaten leider wieder mit dem Rauchen angefangen.«

Wann und wo hast du den miesesten Gig deiner Karriere gespielt?

»Das waren für mich eindeutig die "Metal-Meetings" mit Running Wild, als wir erstmals die Songs des "Burnt Offerings"-Albums live vorstellten. Für mich waren alle diese Shows ein einziges Desaster, was nicht nur an unserem neuen Schlagzeuger lag, der vor lauter Nervosität nur Grütze zusammentrommelte. Mir war die Sache u.a. auch deshalb furchtbar peinlich, weil die beiden vorhergehenden Tourneen im Vorprogramm von Blind Guardian ein voller Erfolg waren. Deshalb sind wir schnell wieder in die Staaten zurückgekehrt, wo ich jedem erst einmal kräftig in den Hintern getreten habe. Danach waren wir stärker als je zuvor.«

Welcher Sound geht dir am meisten auf die Nüsse?

»HipHop und Country & Western, obwohl ich einige der moderneren, rockigeren Country-Sachen von Leuten wie Garth Brooks ganz okay finde. Auf Industrial kann ich auch nicht, da ich Samples und Drumcomputer hasse. «

Beschreibe mal den übelsten Proberaum, in dem du je üben musstest.

»Das war noch zu Purgatory-Zeiten in Tampa in einem dieser ehemaligen Warenhäuser. Da unser damaliges Kabuff keine Klimaanlage hatte, haben wir besonders im Sommer wie die Schweine geschwitzt. Und das vor allem, wenn man vorher schon den ganzen Tag auf irgendeiner Baustelle malocht hatte.«

Haben deine alten Herrschaften deine Mucker-Karriere unterstützt?

»Nicht von Anfang an. Da ich bereits mit 16 von zu Hause weggegangen bin, dachten Mum und Dad die erste Zeit, dass ich bald reumütig zurückkehren würde. Als sie nach einer Weile aber merkten, dass ich die Sache ernst meinte und auch was auf die Reihe bekam, haben sie mich wenigstens mental unterstützt. Da war ich allerdings schon 18.«

Sind deine Eltern mittlerweile stolz auf dich?

»Oh, yeah. Im August ´86 flog mein Vater sogar extra nach Florida, um meinen ersten Auftritt mit Purgatory im "Sunset Club" in Tampa zu verfolgen. Das war übrigens das erste Mal, dass mich mein Daddy Gitarre spielen sah, seit ich von ihm als kleiner Dreikäsehoch meine erste Klampfe geschenkt bekommen hatte. Und als wir ´99 in Athen unser Livealbum aufnahmen, waren Mum und Dad sogar mit von der Partie. Obwohl meine Eltern schon vor über 30 Jahren geschieden wurden, sind sie bis heute gute Freunde geblieben.«

Welcher Song sollte auf deiner Beerdigung laufen?

»Wenn es ein eigenes Lied sein soll, dann würde ich mich für ´Question Of Heaven´ entscheiden. Das ist einer meiner persönlichsten Tracks.«

Und wie möchtest du bestattet werden?

»Ich würde am liebsten verbrannt werden. Das hängt natürlich vor allem davon ab, wie ich sterbe bzw. wieviel von mir übrig bleibt. Falls mein Körper noch intakt sein sollte, möchte ich gerne aufgebahrt werden. Allerdings nicht mit Schlips und Anzug, sondern in meiner Lederjacke und einem Iced Earth-Shirt. Wenn, dann will ich in meinen Farben verbrannt werden. Das habe ich meiner Mutter extra eingebleut, falls sie mich überleben sollte.«

Was ist die wichtigste Erfindung in der Geschichte der Menschheit?

»Elektrizität. Ohne Strom könnte ich meiner Berufung nicht nachgehen.«

Bist du Vegetarier oder Fleischfresser?

»Ich bin der totale Karnivore. Ich habe nun mal Zähne, und die sind dafür geschaffen, Fleisch zu verzehren. Trotzdem habe ich nichts gegen Vegetarier, solange sie mir nicht vorschreiben wollen, was ich essen darf und was nicht.«

Welche drei Silberlinge würdest du mit auf eine einsame Insel nehmen?

»"Number Of The Beast" von Maiden, "Paranoid" von Sabbath und "Alive" von Kiss.«

Würdest du für eine politische Partei die Werbetrommel rühren?

»Obwohl sich die Demokraten und die Republikaner nicht mehr sehr stark voneinander unterscheiden, würde ich nur die Konservativen unterstützen. Als Geschäftsmann kann ich mich mit ihren Forderungen nach niedrigeren Steuern und weniger Staat einfach mehr identifizieren als mit den Demokraten, die den Regierungsapparat immer mehr aufblähen und über das Leben der Bürger bestimmen wollen. Als amerikanischer Patriot kann ich es nun mal nicht verknusen, wenn mir die Regierung vorschreiben will, was ich zu tun und zu lassen habe. Außerdem ist es für die meisten Demokraten ein Problem, Verantwortung zu übernehmen. Kein Wunder, dass es nur bei uns möglich ist, von einer Firma wie "McDonald´s" Millionen an Schadenersatz zu kassieren, weil man sich beim Kaffeetrinken die Lippen verbrüht hat. Meiner Meinung nach gehört das verboten. Allerdings bin ich kein Hardcore-Republikaner. Vor allem in puncto Abtreibung und Religion vertrete ich liberale Positionen.«

Demnach hast du kürzlich für Bush gestimmt.

»Ja. Ich bin schon seit Jahren ein Anhänger von Bush und habe auch schon seinen Vater unterstützt. Das Schlimme an Clinton war nicht, dass er Sex mit dieser Lewinsky hatte, sondern dass er unter Eid stehend gelogen hat. Andere Leute kommen für so etwas in den Knast, aber Mr. Clinton scheint ja über dem Gesetz zu stehen...«

Und für welche Biersorte würdest du dein Konterfei zur Verfügung stellen?

»Für "Rhenania Alt". Mit dem Zeug hat mich Hansi von Blind Guardian angefixt.«

Hast du so etwas wie einen Lieblingsfilm?

»Ja, die "Star Wars"-Streifen. Außerdem stehe ich auf die "Omen"-Trilogie und alte Horrorfilme wie "Frankenstein", "Phantom Of The Opera", "Wolfman" und "Dracula". Deshalb wird unser neues Album auch den Titel "Horror Show" tragen. Coolerweise haben wir für die Scheibe nur eine Ballade aufgenommen. Der Rest ist düster und hart.«

Und deine Lieblingsserie?

»Ich gucke nur wenig fern. Eine Lieblingsserie habe ich trotzdem, und zwar die Mafia-Persiflage "Die Sopranos".«

Wann hast du deine Unschuld verloren?

»Mit 14. Ich war schon als kleiner Hosenmatz ausgesprochen notgeil. Deshalb habe ich auch nie diese Phase durchgemacht, in der Jungs Mädchen hassen. Auf schöne Girls bin ich schon immer abgefahren!«

Wann hast du dich das letzte Mal geprügelt?

»Zwei Wochen nach unserem Wacken-Auftritt in einer Strip-Bar hier in Indiana. Da ist der ehemalige Iced Earth-Trommler Mike McGill, der gleichzeitig einer meiner besten Kumpels ist, auf der Toilette mit einem anderen Kerl in Streit geraten. Als der Typ Mike mit fünf Freunden beim Rauskommen auf die Fresse hauen wollte, sah ich mich gezwungen, einzugreifen. Dabei musste ich zwar einen Schlag von der Seite einstecken, der meinem frisch operierten Nacken alles andere als gut tat; gewonnen haben wir den Fight letzten Endes aber doch, obwohl wir phasenweise bis zu 15 Leute gegen uns hatten. Von mir stammte das ganze Blut an meinen Händen und Ellenbogen jedenfalls nicht. Mit den herbeigerufenen Cops gab es gottlob keinen großen Ärger, weil die Besitzer des Schuppens den Beamten erzählten, dass sich die Typen schon vorher mit einigen der Stripperinnen angelegt hatten. Und auf der letzten Iced Earth-Tour durch die Staaten musste ich mal einen besoffenen Radio-DJ aus Kentucky zur Räson rufen. Dabei hatte ich dem Kerl mittags noch ein längeres Interview gegeben. Leider fing er plötzlich zu stänkern an, weil ich nicht an seinem Joint ziehen wollte. Als ich ihn nach unserem Gig auf dem Parkplatz zur Rede stellen wollte, wurde er aggressiv, woraufhin ich ihm ein paar auf die Schnauze hauen musste. Eigentlich bin ich mittlerweile zu alt für solche Sachen, doch in manchen Situationen bleibt einem nichts anderes übrig. Shit happens!«

Hast du schon mal hinter schwedischen Gardinen gesessen?

»Ja, mehrfach. Das erste Mal mit 15. Allerdings wurde ich nie wegen Drogen oder Diebstahl verhaftet, sondern immer nur, weil ich mich im Suff geprügelt habe. Da ich mittlerweile aber nur noch selten einen hebe, liegt die letzte Verhaftung lange zurück. Wenn ich mich recht entsinne, war das ´92 oder ´93 in Tampa.«

Was hältst du von Groupies?

»Nicht viel. Allerdings ist mir aufgefallen, dass der Groupie-Faktor in Amerika deutlich höher ist als in Europa. Bei euch scheinen die Frauen einfach mehr Selbstrespekt zu haben, was für meine Begriffe an eurer liberaleren Haltung in puncto Sexualität liegt. In der Hinsicht ist die Gesellschaft in den USA einfach noch viel zu prüde und puritanisch. Vermutlich müssen die ganzen alten Säcke hierzulande erst der nächsten Generation Platz machen, bevor bei uns deutsche oder holländische Verhältnisse einkehren. Obwohl ich natürlich auch so meine Erfahrungen mit Groupies gemacht habe, interessierten mich diese Damen nie wirklich. Zumal wir nie eine dieser Schwanzrock-Bands waren und ich mit meiner Ex-Frau inklusive diverser Unterbrechungen beinahe zwölf Jahre zusammen war. Im letzten Jahr hatte sie aber dann endgültig die Schnauze voll, immer nur die Nummer zwei hinter Iced Earth zu sein und deshalb keine Familie gründen zu können. Gene Simmons´ These, dass die meisten Typen nur deshalb Rockmusiker geworden sind, weil man dadurch besser Mädels flachlegen kann, möchte ich an dieser Stelle aber heftig widersprechen. Mir ging es vor allem immer um die Musik!«

Wann hast du das letzte Mal Rotz und Wasser geheult?

»Als die Schmerzen in meinem Nacken immer schlimmer wurden. Vor allem nach Shows lag ich manchmal heulend im Bus, bis mir unser Tourmanager einen Beutel Eis ins Genick geschoben hat. Als ich geschieden wurde, sind aber auch ein paar Tränen geflossen.«

Was war die größte Dummheit in deinem Leben?

»Als ich jünger war, habe ich eine Menge Unfug angestellt. Mit 16 verursachte ich in Tampa mal einen Autounfall, weil ich mich nach einer Schlägerei vor lauter Wut mit besoffenem Kopf hinters Steuer geklemmt habe. Dabei bin ich mit meinem Wagen mit einem Affenzahn in eine "Burger King"-Filiale gerauscht, wobei ein Schaden von 35.000 Dollar entstand und ich mir diverse üble Verletzungen zuzog. Einige der Narben kann man heute noch sehen. Gottlob waren die Cops, die den Unfall aufnahmen, extrem cool drauf. Obwohl ich sofort gestand, betrunken zu sein, haben sie mir mit den Worten "Junge, du hast schon genug Ärger an der Backe" nur einen Strafzettel wegen der Geschwindigkeitsübertretung verpasst. Witzigerweise klebt in meinem Fotoalbum immer noch dieser blutige Zettel, auf den einer meiner Kumpels kurz nach dem Unfall "Jon´s last fuck-up" gekritzelt hat. Der Fetzen stammt übrigens aus der Papierplane, mit der man mich seinerzeit zugedeckt hatte.«

In welche Epoche würdest du mit einer Zeitmaschine reisen?

»Da gibt es eine ganze Reihe. Am meisten würde mich die amerikanische Revolution, der Zweite Weltkrieg und die Zeit der Gladiatorenkämpfe im alten Rom interessieren. Über das Thema habe ich mit Hansi Kürsch schon ausgiebig diskutiert.«

Mit welcher holden Fee würdest du gerne mal eine Nacht im Aufzug stecken bleiben?

»Da gibt es einige. Zum Beispiel Salma Hayek aus dem Film "From Dusk Till Dawn" oder Pamela Anderson, obwohl ich eigentlich mehr auf natürlich aussehende Mädels ohne Schminke stehe. Also eher der schwedische Typ.«

Was war dein lustigstes Erlebnis mit Iced Earth?

»Das war der letzte Gig auf der ersten Tour mit Blind Guardian, als einige Guardian-Crewmitglieder in Unterhosen und mit Tulpen im Mund und einem selbstfabrizierten "Iced Earth are homos!"-Schild über die Bühne hüpften. Auf der folgenden Tournee haben die Jungs am letzten Tag mit "Iced Earth wollen Sperma!" noch einen draufgesetzt.«

Glaubst du an Gott?

»Ja, ich glaube an Gott bzw. an eine höhere Macht. Allerdings bezweifle ich, dass Jesus für meine Sünden gestorben ist oder meine Seele retten wird. Dass er gelebt hat und ein wichtiger Mann war, steht für mich jedoch außer Frage.«

Was ist das Wichtigste für dich im Leben?

»Iced Earth und Demons & Wizards.«

Bands:
ICED EARTH
Autor:
Onlineredaktion

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