Schwatzkasten

Schwatzkasten 19.08.2006

THIN LIZZY - JOHN SYKES (Thin Lizzy)

...JOHN SYKES (Thin Lizzy)

Erste Schritte im Musikbusiness gelangen Gitarrist JOHN SYKES bei den Briten Tygers Of Pan Tang, bevor er mit Phil Lynott dem Menschen begegnete, der ihn wie kein anderer prägte. Und so ist es durchaus legitim, dass Sykes viele Jahre nach Lynotts Tod nicht nur als Gitarrist, sondern auch als Sänger Thin Lizzy fortführt, um den legendären Frontmann mit jeder Show zu ehren.

John, wo und wie bist du aufgewachsen?

»Ich wurde in Reading in England geboren und lebte dort bis zu meinem zwölften Lebensjahr. Als mein Vater im Knast saß, ließ sich meine Mutter von ihm scheiden, heiratete erneut und zog mit mir und meiner Schwester zu ihrem neuen Mann nach Spanien. Dort lebte ich vier Jahre, bevor wir wieder zurück nach England zogen - diesmal allerdings nach Blackpool.«

Warst du eher ein Unruhestifter oder ein guter Schüler?

»Ich war ziemlich pflegeleicht, obwohl ich nicht gerne zur Schule ging. Es interessierte mich einfach nicht. Demzufolge habe ich auch nicht gerade tolle Leistungen gezeigt. Als ich nach Spanien zog, war meine Schulzeit vorbei. Mit zwölf Jahren habe ich also das letzte Mal die Schulbank gedrückt. Und dann begann auch schon mein Gitarrenstudium (lacht).«

Wie hast du herausgefunden, dass du Gitarrist werden willst?

»Das war Zufall. Mein Stiefvater leitete zusammen mit seinem Bruder, der Gitarre spielen konnte, einen Club. Mich interessierte das alles allerdings überhaupt nicht. Erst nach anderthalb Jahren lockte mich mein Onkel mit der Aussicht in den Club, das erste Mal eine Band live sehen zu können. Ich hörte den Gitarrensound schon von weitem, und als ich eintrat, sah ich meinen Onkel, der auf einer Gitarre irgendwelchen Blueskram spielte. Dieser Moment, als ich durch die Tür ging, änderte mein Leben. Alle Haare standen mir zu Berge, ich hatte Gänsehaut am ganzen Körper, es war wie eine religiöse Erfahrung. Von diesem Tag an war ich davon besessen, Gitarre spielen zu können, und ging jeden Tag zu meinem Onkel, der mir auf einer geliehenen Klampfe die ersten Griffe beibrachte. Als mein Stiefvater bei einer Tombola eine Gitarre mit Nylonsaiten gewann, konnte ich endlich stundenlang üben. Da ich kein Spanisch sprach und deshalb kaum Freunde hatte, beschäftigte ich mich intensiv mit Musik. Mein Onkel ist also dafür verantwortlich, dass ich Musiker wurde.«

Hattest du jemals einen richtigen Job?

»Ja, mehrere. Eine Zeit lang arbeitete ich in einer Stoffdruckerei. Die Arbeit machte keinen Spaß, aber es gab dort ein nettes Mädchen, also hielt ich ein Jahr durch. Außerdem war ich Türsteher und jobbte auf dem Bau, bevor ich mit Freunden eine Band startete, mit der ich übrigens Thin-Lizzy-Songs spielte. Erst schuftete ich noch tagsüber, während abends und am Wochenende Gigs anstanden. Irgendwann hatte ich keinen Bock mehr auf den Job, meine Freundin, mein ganzes Leben. Ich sah in einer Musikzeitung Anzeigen, in denen nach einem Gitarristen gesucht wurde, und stellte mich schließlich bei den Tygers Of Pan Tang vor, die mich in ihre Band aufnahmen. Nach zwei Jahren bei den Jungs wurde ich zu einer Audition bei Ozzy Osbourne eingeladen, die ganz gut lief. Zumindest hatte ich den Eindruck und verließ die Tygers. Ozzy war sich aber offenbar doch nicht mehr so sicher und wollte Bedenkzeit, zumal er zu dem Zeitpunkt keine richtige Band am Start hatte. Kurz darauf traf ich Phil Lynott, der mir anbot, bei Thin Lizzy einzusteigen. Ozzy meldete sich zwar noch mal, aber da hatte ich mich schon entschieden. Schließlich war Phil immer einer meiner Helden gewesen. Mit meinem Einstieg bei Thin Lizzy wurde für mich ein Traum wahr.«

Warum bist du in den Achtzigern nach Kalifornien gezogen?

»Ich war damals bei Whitesnake und spielte mit ihnen im Vorprogramm von Dios „The Last In Line“-Tour. Ich war das erste Mal in den Staaten, und als ich in Kalifornien aus dem Flugzeug stieg, fühlte ich mich sofort zu Hause. Das Wetter war - im Gegensatz zum verregneten England - toll, die Atmosphäre locker, und dann liefen überall diese gut aussehenden Frauen rum. Das war´s einfach!«

Was war der peinlichste Moment in deinem Leben?

»Ob das der peinlichste war, weiß ich nicht, aber angenehm war mir die Situation jedenfalls nicht: Ich spielte mit den Tygers Of Pan Tang in Schottland. Das Intro lief, wir betraten die Bühne, die in dichten Nebel gehüllt war, so dass ich den Graben vor der Bühne nicht sah. Ich segelte prompt runter. Ich wusste erst nicht, wo ich war, guckte hoch und sah in das lachende Gesicht unseres Bassisten. Es gibt Schlimmeres, aber damals fand ich das alles andere als cool.«

Warst du jemals im Knast?

»Nein, nur in Untersuchungshaft. Das passierte, weil ich und meine Kollegen von den Tygers ein paar Kissen und Kissenbezüge aus einem Hotel geklaut hatten. Am nächsten Tag standen die Cops vor der Bühne und legten uns deswegen Handschellen an. Nach ein paar Stunden waren wir wieder auf freiem Fuß. Sonst hatte ich immer Glück und bin trotz vieler Risiken, die ich früher eingegangen bin, nie geschnappt worden.«

Worauf bist du stolz?

»Auf meine drei Söhne und zum Teil auch auf meine Arbeit. Ich hoffe, ich kann mit meiner Musik Kids ähnlich inspirieren, wie ich damals inspiriert wurde.«

Hat eine Frau jemals von dir verlangt, sich zwischen ihr und der Musik zu entscheiden?

»Oh ja, das ist mir ein paar Mal passiert. Aber meine Leidenschaft für Musik ist unaufhaltbar; da kann keine Frau mithalten. Ein Verbot wäre so, als ob jemand versuchte, mir all meine Träume zu nehmen. Frauen versuchen das leider von Zeit zu Zeit.«

Gibt es etwas, worum du Frauen beneidest?

»Nein, ich fühle mich in meiner Rolle als Mann sehr wohl. Außerdem würde ich schon deswegen keine Frau sein wollen, weil ich die Schmerzen bei einer Geburt nicht aushalten würde.«

Wann war dein erstes Mal?

»Ich war 14, sie eine vollbusige Dänin, die quasi über mich herfiel und mir ein paar neue Erfahrungen bescherte, auch wenn das Ganze nur ein paar Minuten dauerte. Aber ich war mir danach sicher, dass ich das in Kürze wiederholen würde (lacht).«

Was hältst du von Groupies?

»Man kann durchaus Spaß mit ihnen haben, aber es herrschen längst nicht mehr die gleichen Verhältnisse wie früher. In den Achtzigern, besonders in Kalifornien, ging es richtig ab. Da konnte man alles haben, was man wollte. Groupies können einem manchmal eine einsame Nacht versüßen. Generell sollte man aber darauf achten, dass man Safer Sex praktiziert. Daher rate ich allen Newcomern im Musikbusiness: kein Soldat ohne Helm!«

Würdest du dich für ein Magazin entblättern?

»Nein, so was interessiert mich nicht die Bohne. Das Leben in der Öffentlichkeit ist ohnehin ein zweischneidiges Schwert. Es ist toll, Musiker zu sein, aber ich könnte mir nie vorstellen, Schauspieler zu sein und ständig vor der Presse und Kameras zu agieren. Ich möchte nicht permanent und bis ins kleinste Detail durchleuchtet werden, sondern bleibe lieber privat.«

Welcher Ratschlag deiner Mutter war hilfreich für dich?

»Ich nehme nicht viele Ratschläge an, aber bei einem hätte ich das besser mal gemacht. Der Rat lautete: „Heirate diese Schlampe bloß nicht!“ (lacht) Darauf habe ich damals leider nicht gehört. Na ja, ich habe immerhin drei wundervolle Kinder, und mit meiner Ex-Frau komme ich jetzt auch ganz gut klar.«

Kannst du kochen?

»Klar! Gerichte mit Huhn sind meine Spezialität.«

Welche Persönlichkeit hat dich am meisten beeindruckt?

»Phil Lynott. Er war dazu geboren, Rockstar zu sein. Davon gibt es vielleicht nur hundert Leute. Er trat nicht als Rockstar auf, sondern war einfach einer. Er hatte unglaublich viel Charisma und zog jeden in seinen Bann, wenn er nur einen Raum betrat. Ich weiß nicht, ob Phil sich dessen bewusst war.«

War es manchmal schwer für dich, in seinem Schatten zu stehen?

»Nein, keiner aus der Band konnte ihn toppen. Er war der Leader der Gang und fast schon eine Vaterfigur für uns.«

Welche Band hat für dich ein perfektes Line-up?

»Das Wichtigste in einer Band ist, dass die Chemie zwischen den Musikern stimmt. Die Beatles und Led Zeppelin hatten ein tolles Line-up. Das beste Line-up, in dem ich gespielt habe, war die Besetzung von Thin Lizzy zu „Thunder And Lightning“-Zeiten. Als ich bei David Coverdale in der Band war, fand ich das Line-up auch sehr stimmig.«

Hast du ein Idol?

»Eines meiner Idole war Phil Lynott. Keith Richards von den Stones fand ich auch immer toll. Ihm bin ich aber noch nie begegnet.«

Wovor hast du Angst?

»Es gibt nicht viel, wovor ich richtig Angst habe, aber momentan mache ich mir Gedanken um meine Katze, die ziemlich alt ist und wohl nicht mehr lange leben wird.«

Was war das Verrückteste, was du jemals gemacht hast?

»Als ich jünger war, habe ich jede Menge Unsinn getrieben, aber ich möchte nicht unbedingt, dass das hier abgedruckt wird (lacht).«

Bist du religiös?

»Ich glaube an eine Art höhere Macht und versuche daher, die richtigen Dinge zu tun. In die Kirche gehe ich aber nicht. Ich ziehe mittlerweile die gute Seite definitiv der bösen vor, auf der ich mich auch schon befunden habe (lacht). Das hing alles mit dem Musikbusiness zusammen, mit Drogen und weiterem Blödsinn. Je älter und reifer ich werde, desto mehr achte ich darauf, ein gesundes und besseres Leben zu führen.«

Gibt es etwas, wonach du süchtig bist?

»Außer Musik, die immer ein Teil meines Lebens sein wird, kenne ich keine Sucht.«

Was würdest du machen, wenn du einen Tag lang unsichtbar wärst?

»Keine Ahnung, aber das stelle ich mir sehr einsam vor.«

Wie würdest du den letzten Tag deines Lebens verbringen?

»Ich würde die Zeit, die mir bleibt, mit meinen Kindern und meiner Familie teilen. Man kann um die Welt reisen und jede Menge Leute kennen lernen, am Ende zählen aber doch nur die Familie und die engsten Freunde. Wenn man auf Tour ist, will jeder mit einem befreundet sein. Die Leute, denen es egal ist, ob du Rockstar bist oder nicht, sind deine wahren Freunde.«

Gibt es etwas, das du bereust?

»Es gibt nicht viel, was ich bereue. Was mein Privatleben angeht, fallen mir ein paar Sachen ein, die möchte ich allerdings nicht erzählen.«

Wie lautet das Fazit deines Lebens?

»Es war ein gutes Leben. Ich bin glücklich, habe hart gearbeitet und konnte hoffentlich den einen oder anderen mit meinem Gitarrenspiel inspirieren. Um ehrlich zu sein, hat mich meine Fähigkeit, Gitarre zu spielen, aus einem sehr schlichten Dasein herausgeholt und mir ein ganz neues Leben ermöglicht. Die Musik war mein Ticket zu Frieden und finanzieller Unabhängigkeit. Außerdem konnte ich durch die Welt reisen und viele Leute treffen.«

Welcher Song soll auf deiner Beerdigung laufen?

»Ich hoffe, bis dahin dauert es noch was, hahaha! Und wenn es dann so weit ist, ist es mir egal, was sie spielen.«

Was soll auf deinem Grabstein stehen?

»Da fällt mir so schnell nichts ein. Ich habe mein Bestes gegeben, um ein möglichst anständiger Mensch zu werden, auch wenn ich sicher nicht alle Leute aus meinem Umfeld glücklich machen konnte.«

Bands:
THIN LIZZY
Autor:
Onlineredaktion

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