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ToneTalk 20.12.2021, 08:00

OBSCURA, ETERNITY´S END, PARADOX - Jetzt erst recht

Dieser Tage kommt man nur schwerlich an Christian Münzner vorbei. Abgesehen davon, dass er das neue Paradox-Album mit seinem zackigen wie harmonischen Spiel veredelt, bringt seine eigene Band Eternity´s End einen Knaller nach bester US-Metal-Manier heraus, und kürzlich ist der Süddeutsche auch noch zu den Prog-Deathern Obscura zurückgekehrt, denen er schon von 2008 bis 2014 angehörte. Davon abgesehen leidet der Gitarrenhexer unter einem gerade für seine Zunft eigentlich dramatischen Handicap, mit dem er sich aber ausgezeichnet arrangiert hat.

Christian, welche Erlebnisse fallen dir zuerst ein, wenn du an Musik denkst, und was hat dich selbst zum Musikmachen bewegt?

»Das weiß ich noch ziemlich genau: 1990 oder ´91, als ich neun Jahre alt war, kam AC/DCs „The Razors Edge“ raus, und mein Nachbar hatte das Album auf Tape. Wir haben es rauf- und runtergehört, und das war die erste Band, die mich so richtig gepackt hat. Bei meinen Eltern lief zwar auch regelmäßig Musik, doch AC/DC weckten mein Bewusstsein für E-Gitarren, woraufhin alles Weitere sehr schnell kam. Damals gab´s noch CDs zum Ausleihen in einem Videoladen, wohin mich mein Vater an Wochenenden gefahren hat. Dort nahm ich alle Metal-Sachen mit und überspielte sie zu Hause: Iron Maiden, Metallica, Megadeth, das ganze Zeug. Über Slayer wurde es immer härter. 1992 fing ich an, selbst Gitarre zu spielen, nachdem ich mit meinem Dad auf einem Maiden-Konzert gewesen war. Mein erstes Instrument, eine Epiphone SG, bestellte ich beim Roadstar-Versand, dessen kleine Kataloge dem Rock Hard manchmal beilagen. Richtig ernst genommen habe ich es erst einige Monate später, als mir mein Lehrer Yngwie Malmsteens „Fire & Ice“ zeigte. Ich dachte: „Wahnsinn, wie weit man da gehen kann.“ Daraufhin war ich besessen vom Üben und wusste so mit 15, 16 relativ genau, dass ich das professionell machen wollte. Es bedeutete mir für mein Leben mehr als ein seichtes Hobby.«

War dir diese Mischung aus derbem und virtuosem Zeug von Anfang an auch bei deinen eigenen Bands wichtig? Obscura und Eternity´s End decken die beiden Bereiche ja momentan perfekt ab.

»Das war schon eine allmähliche Entwicklung. Thrash stellte zunächst den Härteobergrad dar, dann kamen Yngwie, David Chastain und die ganzen Sachen dazu, die bei der Plattenfirma Shrapnel erschienen sind. Richtig aufgehorcht habe ich schließlich 1998, als Deaths „The Sound Of Perseverance“ herauskam, wo ich mir sagte: „Oh, die haben ja wirklich einiges auf dem Kasten.“ Ich wurde offener und mochte alles Mögliche, solange es gut gemacht war und die Komponisten ihre Intention vermitteln konnten. Eine Power-Metal-Band wollte ich schon sehr früh haben, um meine kreativen Vorstellungen umzusetzen. Erste Gehversuche in Gruppen mit Schulfreunden scheiterten, weil sie das nicht so engagiert angegangen sind wie ich. Irgendwann stieg ich bei Defeated Sanity ein, die mich trotz meiner eher melodischen Ideen auf die ganz brutale und technische Schiene brachten. Nichtsdestoweniger handelte es sich um starke Musiker, die mich gefordert haben, sodass ich Zugang zu richtig extremem Kram fand. Über Lille (Gruber – as), ihren Drummer, lernte ich Necrophagist kennen, wo ich 2002 einstieg. Ihr Album „Epitaph“ lief vor allem in Amerika ausgezeichnet, wodurch ich in der Szene ein bisschen bekannter wurde. Jedenfalls haben mir immer beide Welten gefallen. Eternity´s End sind im Grunde die Band, die ich persönlich immer haben wollte, und nachdem mein Name im Internet die Runde gemacht hatte, fiel es leichter, geeignete Sänger für diesen Sound zu finden. Daran scheiterte es ansonsten immer, und die ganze Zeit nur ein Ding zu machen, fände ich sowieso langweilig.«

Obscura sind eine Konzeptband mit tiefgründigen Texten, wohingegen du bei Eternity´s End typische True-Metal-Themen abklapperst. Wie wichtig ist dir das, was da gesungen wird?

»Eternity´s Ends Debüt war philosophisch geprägt, und ich lese auch viel, doch ursprünglich sollte dieses Projekt purer Eskapismus sein, weil die Welt mittlerweile stark polarisiert ist und die Menschen so angespannt herumlaufen. Die klassischen US-Bands haben es vorgemacht und dich in eine Art Parallelwelt geführt, wo die realen Probleme nicht existieren. Deshalb dreht sich bei uns jetzt alles um Fantasy und Science-Fiction, gespickt mit ein wenig Geschichte. Das mag mancher kitschig finden, doch ich denke, man kann auch über fiktive Storys Wahrheiten fürs Leben erfahren. Wir übertragen die Ästhetik von Literatur und Theater in den Metal-Kontext. Was mir ansonsten so durch den Kopf geht, dafür werde ich mir später ein anderes Medium suchen; ich habe vor, Bücher zu schreiben.«

Inwieweit deckt sich das Publikum deiner beiden Hauptbands mit den Hörern deiner Soloalben?

»Ich für meinen Teil betrachte Musik immer als Ganzes, technische Versiertheit spielt eine untergeordnete Rolle. Einerseits stehen natürlich viele Gitarren-Nerds auf meine Solosachen, andererseits finden sich auch Leute unter meinen Fans, denen Obscura zu hart sind und die in den Achtzigern vielleicht Vinnie Moore oder Tony MacAlpine mochten. Unabhängig davon sehe ich da ein generelles Problem, das durch YouTube und so weiter nur schwerer geworden ist, nämlich dass Technik und Tempo oft die künstlerische Leistung überschatten. Darum gefallen mir Alben wie Joey Tafollas „Out Of The Sun“ (1987 – as) immer noch sehr, denn da stand eben gutes Songwriting mit interessanten Akkordwechseln und berührenden Melodien im Mittelpunkt. Wenn jemand sagt: „Das Tapping ab Sekunde 42 finde ich voll stark“, geht das für mich am Kern der Sache vorbei. Es gibt Kids, die können schon früh perfekt Chopin oder Bach spielen, weil sie darauf gedrillt werden, obwohl ihr Herz gar nicht an der Musik hängt. In der Gitarrenszene geht es ähnlich zu.«

Für wie bedeutsam hältst du eine fundierte musikalische Ausbildung oder zumindest Grundlagenunterricht?

»Ich unterrichte ja auch selbst und lege durchaus Wert auf Theorie, weil ich sie nicht als Einschränkung begreife, sondern als Kiste mit Werkzeug, das dir dabei hilft, dich auszudrücken. Je höher deine Kenntnisse sind, desto breiter ist dein Spielraum beim Komponieren eigener Musik. Wenn du über Akkordprogressionen und Tonartwechsel im Bilde bist, kommst du auf Ideen, die du ohne solches Wissen nicht hättest. Viele angehende Gitarristen denken, sie müssten die Töne auf dem Griffbrett nicht kennen, wohingegen es Saxofonisten oder Pianisten ganz normal finden, sich einen Überblick zu verschaffen. Das ist immerhin ein Teil der Sprache, in der Musiker kommunizieren. Ein rein handwerklicher Fokus steht der Kreativität wiederum oft im Weg; selbst Leuten wie Michael Schenker oder Andy LaRocque von King Diamond kam es nie darauf an, spielerisch keine Grenzen zu haben, sondern auf einen individuellen Stil – und der kann beispielsweise auch dadurch entstehen, dass man auf diese oder jene Art eingeschränkt ist. Was das angeht, fühle ich mich bestätigt, wenn jemand wie Steffen (Kummerer, Obscura-Kopf – as) meint, er würde gern wieder mit mir zusammenspielen, weil ich eine eigene Stimme habe.«

Du bist selbst eingeschränkt: Dir wurde vor rund zehn Jahren eine fokale Dystonie diagnostiziert, der sogenannte Musikerkrampf.

»Damit umzugehen, ist definitiv ein täglicher Kampf, auch wenn das Leiden mit der Zeit quasi ein Teil meiner selbst wurde. Ich habe mir alternative Bewegungen angeeignet, die nicht mehr bewusst ausgeführt werden müssen, sondern automatisch geschehen, sodass ich aufhörte, ständig darüber nachzudenken. Außerdem achte ich darauf, nichts zu komponieren, was diese Limitation hörbar macht, sondern schreibe sozusagen drum herum. Da die Kombination Zeigefinger-Mittelfinger bei mir nicht so gut funktioniert, spiele ich zum Beispiel zwei schnelle Noten hintereinander, indem ich den Zeigefinger verschiebe. Was Arpeggio- und Legato-Technik betrifft, läuft vieles über Tapping, wobei ich mehrere Finger meiner rechten Hand benutze. Durch die Umstellung klingt manches sogar besser als vorher. Dreimal jährlich bekomme ich Botox in die Beugemuskulatur meines linken Mittelfingers injiziert, der sich unwillkürlich einrollt; dadurch geht dieser Einrollimpuls ein wenig zurück. Zweitens habe ich verschiedene Therapien durchgemacht: Alexander-Technik, Feldenkrais-Methode und Body Mapping, wobei man lernt, die Finger nicht zu isolieren und auch andere Muskeln wahrzunehmen, um Spannungen zu lösen. Das hat mir letztlich auch in anderen Bereichen meines Spiels geholfen, etwa beim Wechselschlag. Problematisch wird die Dystonie nur, wenn ich nervös bin und verkrampfe, was auf Tournee häufiger geschieht, da man unter Zeitdruck steht oder etwas auf der Bühne schiefgehen kann und so weiter. Heute gelingt es mir dank dieser Verfahren besser, auf meinen Körper zu hören und meine Reaktion in solchen Situationen zu kontrollieren. Deswegen fühle ich mich derzeit in meiner Performance fitter, als ich es viele Jahre lang war.«

Nach dem Motto: jetzt erst recht?

»Ja, und weiterhin bin ich darauf gekommen, Musik als solche noch höher wertzuschätzen. Ich will nicht die gleichen Paul-Gilbert-Licks nachspielen wie alle anderen, sondern einfach mein eigenes Ding machen. Wie kann ich das, was ich im Repertoire habe, optimal für meine Songideen einsetzen? Diese Frage stelle ich mir, und das bringt dich weg vom Wettbewerbsdenken. Ich glaube, dadurch bin ich insgesamt gewachsen, reifer geworden.«

Da du aus der Ära der exzentrischen Gitarrenformen und -farben kommst: Hast du diesbezüglich irgendwelche Vorzüge und Modelle, die bei dir gar nicht gehen?

»Ich stehe echt auf knallige Farben – oft zum Leidwesen meiner Mitmusiker, weil das nicht so zum Death Metal passt (lacht). Racer X waren ja dahingehend Vorreiter, und ich besitze auch eine neongelbe Fender HM Stratocaster, das Modell von Greg Howe. Die spiele ich nur im Studio, doch meine orangefarbene Ibanez RG kommt bei Eternity´s End mit auf die Bühne. Immer nur Schwarz ist öde, und außerdem fahre ich auf die Flying-V-Form ab, die der Hersteller Jackson für Randy Rhoads entwickelte, obwohl ich mir noch keine gekauft habe. Gar nicht klargekommen bin ich früher bei Necrophagist mit der B.C. Rich Stealth, die mir zu kopflastig war. Ich bin ja nicht sonderlich groß und finde, die Gitarrenform muss auch immer bis zu einem gewissen Grad zu deiner Figur oder deinem Typ passen, und wenn ich mit einem Instrument ankomme, das einen riesigen Body hat, sieht das halt komisch aus. Da ich ansonsten keine besonderen Vorlieben habe, kaufe ich gerne mal knallige gebrauchte Teile von damals, darunter eine grüne Carvin, wie Joey Tafolla sie auf „Infra-Blue“ spielte (1991 – as), aber das ist eine reine Sammler-Liebhaberei für mich.«

www.facebook.com/christianmuenznerofficialsite

www.realmofobscura.com

www.facebook.com/eternitysendmusic

Diskografie (nur Studioalben)

mit Obscura:

Cosmogenesis (2009)

Omnivium (2011)

A Valediction (2021)

mit Eternity´s End:

The Fire Within (2016)

Unyielding (2019)

Embers Of War (2021)

mit Paradox:

Tales Of The Weird (2012)

Heresy II: End Of A Legend (2021)

mit Alkaloid:

The Malkuth Grimoire (2015)

Liquid Anatomy (2018)

solo:

Timewarp (2011)

Beyond The Wall Of Sleep (2014)

Path Of The Hero (2020)

mit Necrophagist:

Epitaph (2004)

mit Spawn Of Possession:

Incurso (2012)

Bands:
OBSCURA
ETERNITY´S END
PARADOX
Autor:
Andreas Schiffmann

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