ToneTalk

ToneTalk 27.06.2018

JESPER BINZER , D-A-D - »Im Studio bete ich zu Phil Lynott«

Auch ein alter Hase lernt nie aus: Nach mehr als 30 Jahren mit D-A-D hat Sänger und Gitarrist JESPER BINZER sich als Musiker noch einmal neu entdeckt und mit dem Soloalbum „Dying Is Easy“ im Gepäck einen Alleingang gewagt. Vor der letzten Show seiner Tour fläzt der Däne auf dem Sofa im Backstage-Raum des Essener Turock herum und plaudert gut gelaunt drauflos.

Jesper, was war für dich der ausschlaggebende Punkt, dich auf Solopfade zu begeben?

»Vor anderthalb Jahren, im September, haben wir uns getroffen und beschlossen, ein D-A-D-Album zu machen. Dann haben die einen das wieder vergessen, sind nicht aufgetaucht, haben Urlaub gebucht, und die anderen meinten: „Wir waren den ganzen Sommer auf Tour, können wir nicht mal eine Pause machen?“ Ich konnte es gar nicht fassen, mein Kopf war doch schon voller Riffs! Zwar hatte ich noch nichts aufgenommen, aber die Energie war da, und ich wollte was loswerden. Als ich zu Hause saß, kamen plötzlich komplette Songs aus mir heraus. Zuvor hatte ich noch nie bei D-A-D einen ganzen Track fertig mit zur Probe gebracht. Dort ist das Songwriting eher eine Kooperation. Also hab ich mir gesagt: Wenn ich zehn Songs vor dem 1. Juli hinbekomme, dann gehe ich ins Studio.«

Wie fühlt es sich für dich an, nun die meiste Zeit ohne Gitarre auf der Bühne zu stehen?

»Es hat eine Weile gedauert, sich daran zu gewöhnen. Heute ist für mich ungefähr der 30. Soloauftritt. Ich hatte also Zeit herauszufinden, wer Jesper in diesem Umfeld ist. Es braucht einiges an Mumm, um sich in der Musik gehen lassen zu können. Das ganze Projekt war von mir so erdacht, dass ich der Leadsänger bin. Die anderen wollten aber unbedingt, dass ich auch Akustikgitarre spiele. Nun ist es fifty-fifty geworden. Wenn es sein muss, kann ich mich also an der Akustikgitarre festhalten.«

War die Gitarre für dich Liebe auf den ersten Blick, oder musstest ihr euch erst mal kennenlernen?

»Ich habe in jungen Jahren zunächst Schlagzeug gespielt. Gerade für Rockmusiker ist das ein guter Anfang, finde ich. Es hat etwas Körperliches, mit dem man sich vertraut machen muss. In den frühen 2000ern gab es bei D-A-D eine Krise, als wir eine große Tour spielen wollten und das ganze Ding bankrottging. Ich sagte „Fuck it!“ und bin einer sehr kleinen Band (The Whiteouts - ir) als Schlagzeuger beigetreten. Dort hab ich meinen ganzen Frust rausgeprügelt und wieder gemerkt, was Musik ist. Aber ich bin in erster Linie Sänger. Ich brauche die Gitarre als Gegenpart; nicht um Soli zu spielen, aber um meinen Gesang mit Akkorden zu unterlegen. Gleichzeitig bedeutet die Gitarre für mich, dass ich komponieren kann. Ohne geht es nicht. Die Gitarre ist für mich vor allem ein (auf Deutsch:) „Werkzeug“. Ich habe überhaupt keine romantischen Gefühle für Fender, Gibson oder so etwas. Es ist mir einfach egal.«

Klingt, als hätte es bei D-A-D keinen Zwist mit deinem Bruder Jacob gegeben, wer von euch nun die Leadgitarre übernimmt.

»Nein, niemals (lacht). Nein, nein, nein.«

Familie und Job zu vermischen, kann ziemlich anstrengend sein: Kannst du mit Jacob auch mal über Dinge abseits der Band sprechen?

»Du hast recht, das ist wirklich schwer. Wir mussten den Preis zahlen, dass wir unsere Brüderlichkeit so weit herunterdrehen, damit wir auf anderer Ebene als Brüder funktionieren. Gleichzeitig hatten wir aber auch viel Glück und fühlen uns geehrt, dass wir 35 Jahre zusammen verbringen und unsere Leben gegenseitig verfolgen konnten. Das ist wirklich schön. Aber ja, wir reden eigentlich viel zu viel über Musik. Aus ihr besteht nun mal unser Leben, und daher nimmt sie eine große Rolle ein. Trotzdem gehen wir natürlich auf den (auf Deutsch:) „Geburtstag“ des jeweils anderen und so weiter. Manchmal muss man auch reflektieren: Vielleicht ist die Musik ja auch genau das, was uns letztendlich verbindet.«

Tut es gut, mal Abstand voneinander zu haben?

»Ja, es fühlt sich gut an. Aber es ist auch gut für die anderen, wenn man die Zeit hat, seine eigene Rolle in dem Ganzen zu überdenken und zu definieren.«

Inwiefern wirkt sich deine Soloarbeit auf D-A-D aus?

»Auf die verrückte Art, dass es ein wenig Druck von D-A-D genommen hat. Ich brauche einfach eine gute Ballade und möchte, dass auch etwas Liebliches wie eine Melodie vorkommt. Währenddessen wollen die anderen immer nur Riffs, Riffs, Riffs, Riffs. Jetzt kann etwas Riff-Riff-Riff-Riff-Artiges und damit hoffentlich ein stimmiges Album entstehen, das mit einer Emotion startet und mit der gleichen endet.«

Wer waren deine Idole, anhand derer du deinen Gesang und deine Stimme geformt hast?

»Da gibt´s viele... Ich habe im Punkrock angefangen, ohne jemals gesungen zu haben, auch nicht zu Hause am Klavier oder dergleichen. Meine Stimme habe ich also erst kennengelernt, als ich in ein Mikrofon zu elektrisch verstärkter Musik schrie. Wenn im Studio die Dinge mal nicht so gut laufen, dann bete ich zu Phil Lynott: „Bitte, Phil Lynott, zieh das mit mir durch!“ Er ist ein Idol für mich: ein Melodienmacher, der weiß, wie man eine Geschichte erzählt. Später ist auch Bob Dylan zu meinem Idol geworden. Er komponiert ebenfalls wunderbare Melodien – aber das merkt kaum jemand, weil er auch so tolle Texte schreibt. Er geht den Song von der Melodie her an, was unterbewertet wird, aber sehr inspirierend und beeindruckend ist.«

Dein Gesang ist immer angekratzt und klingt am Limit. Hattest du live schon mal Probleme damit?

»Ja, das stimmt, ich singe wirklich immer am Limit. Klar gab es mal Probleme, aber über die Jahre habe ich festgestellt, dass die Leute zu unseren Shows kommen, um die Musik und mich singen zu hören – aber nicht, um mich perfekt singen zu hören. Das hat mir regelrecht die Augen geöffnet. Außerdem ist es wirklich schwer, am Morgen vorauszusagen, wie die Stimme am Abend klingen wird. Man tut, was man kann, und hofft das Beste. Ich habe bisher nur ein einziges Konzert wegen meiner Stimme absagen müssen. Wenn ich es auf der Bühne übertreibe, dann bezahle ich den Preis am nächsten Tag. So lernt man, einen Gang runterzuschalten.«

Im Titelstück von „Dying Is Easy“ behauptest du, Rock´n´Roll sei schwierig. Was ist für dich der schwierigste Teil des Ganzen?

»Der Ausdruck „dying is easy, Rock´n´Roll is hard“ kam von einer kleinen Tour mit D-A-D. Wir spielten fünf Shows an fünf Tagen in ganz Europa. Dabei habe ich mich wirklich alt gefühlt und war danach erst mal eine Woche krank. So was kann man machen, wenn man noch jung ist. Die Schwierigkeit des Rock´n´Roll ist also, dass man dabei älter wird. Außerdem muss man immer tiefer graben, um einen frischen Ansatz für neue Musik zu finden. Man kann nicht immer das Gleiche machen. Die Nachfrage kommt nicht unbedingt vom Publikum, sondern eher von einem selbst. Man fokussiert mehr auf den Künstler als auf den Musiker in sich, der die Songs einfach spielt. Vor jedem neuen Album ist man voller Zweifel, ob das alles gut ist. Es ist schwer und gleichzeitig notwendig, dieses Gedankenchaos aufrechtzuerhalten, denn dadurch kommen die wahren Emotionen zum Vorschein.«

Spielst du lieber live, als neue Songs aufzunehmen?

»Für mich ist der wichtigste Teil des Musikerlebens der Proberaum, wo man mit seiner Band etwas aus dem Nichts gestaltet. Da bin ich am allerliebsten. Alles andere ist eine Folge von genau diesem Moment. Vielleicht bin ich auch ein wenig zu ungeduldig, um Studioarbeit zu genießen.«

In welchem Moment hast du festgestellt, dass du der Musik für den Rest deines Lebens treu bleiben wirst?

»Das ist mir tatsächlich einige Male passiert. Vor „No Fuel Left For The Pilgrims“, mit dem wir den internationalen Durchbruch geschafft haben, hatten wir zwei Alben aufgenommen. Wir dachten damals, dass es schon ernst sei, aber im Rückblick war es doch eher Spaß. Es gab keine wirkliche Richtung, wir verkleideten uns und spielten Rollen. Bei „No Fuel...“ beschlossen wir dann, dass wir nun über unser Leben singen und den Blues ins Spiel bringen. Da haben wir selbst gemerkt, dass daraus etwas werden könnte. Rund um das Album „Simpatico“, kurz nachdem unser alter Drummer Peter (Lundholm Jensen - ir) die Band verlassen hatte, beschloss ich: „Ich werde auf gar keinen Fall die Musikwelt verlassen. Egal, was passiert: Ich behalte meinen Fokus auf der Musik und mache das Vollzeit.“ Der dritte Moment passiert gerade jetzt, mit meinem Soloalbum. Dreimal hatte ich also das Gefühl, dass ich das tun kann, egal, was um mich herum passiert. Es hat aber 35 Jahre gedauert, bis mir klar wurde: Ich habe Talent und kann damit ein Soloalbum schaffen.«

www.facebook.com/dad.jesperbinzer

Diskografie


Mit D-A-D (Studioalben):

Call Of The Wild (1986)
D.A.D. Draws A Circle (1987)
No Fuel Left For The Pilgrims (1989)
Riskin´ It All (1991)
Helpyourselfish (1995)
Simpatico (1997)
Everything Glows (2000)
Soft Dogs (2002)
Scare Yourself (2005)
Monster Philosophy (2008)
DIC.NII.LAN.DAFT.ERD.ARK (2011)

Solo:

Dying Is Easy (2017)

Pic: Carsten Andersen

Bands:
D-A-D
JESPER BINZER
Autor:
Isabell Raddatz

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