Schwatzkasten

Schwatzkasten 27.03.2013

D-A-D - JESPER BINZER (D-A-D)

Wer D-A-D schon mal live gesehen hat, weiß, dass die Dänen um Frontmann JESPER BINZER mit einem ebenso trockenen wie sympathischen Humor gesegnet sind, der von Jesper auch gerne mal in schönstem Smörrebröd-Deutsch vorgetragen wird. Im Schwatzkasten präsentiert der Sänger seine Antworten allerdings stets in seriöser Phonetik, vermeidet Absurdes und lässt sich nicht in die Karten blicken, an welchen Stellen er vielleicht dann doch ein kleines bisschen flunkert.

Jesper, wie und wo bist du aufgewachsen?

»In einem typischen Mittelklasse-Stadtteil von Kopenhagen in der Innenstadt. Als ich sechs oder sieben war, sind meine Eltern mit mir und meinem Bruder Jacob, der als Gitarrist ja ebenfalls in der Band ist, umgezogen - und zwar in eine Gegend etwas außerhalb. Zwar gab es zwischen meinen Eltern auch typische Ehestreitereien, aber sie haben sich nie scheiden lassen. Wir hatten eine ziemlich liebevolle Kindheit.«

Hast du dich mit deinem Bruder auch schon als Kind gut vertragen?

»Ja, so wie heute. Wir haben viel zusammen gemacht, aber weil ich 14 Monate älter bin, habe ich in einem gewissen Alter meine eigenen Sachen durchgezogen, als ich keine Lust mehr auf typische Kinderspiele hatte. Jacob ist mir aber sehr schnell gefolgt. Ich habe ihn also ein bisschen aus seiner Kindheit geholt, und er gab mir dafür den Mut, mit den Dingen in meinem Leben weiterzumachen.«

Habt ihr euch gegenseitig Streiche gespielt?

»Nein, nicht wirklich. Wir waren stets ziemlich loyal zueinander und haben alles recht ernsthaft durchgezogen - egal, was wir gerade gemacht haben.«

Warst du in der Schule eher der Troublemaker, oder gehörtest du zu den Braven?

»In der Schule war ich derjenige, der die ganze Zeit Witze gemacht hat und genau dann laut war, wenn er ruhig sein sollte. Ich war der Klassenclown.«

Kannst du dich an die Geschichte erinnern, für die du die meiste Aufmerksamkeit bekommen hast?

»Ich habe es eher darauf angelegt, die Schule zu provozieren. Ich war der Erste, der einen Kassettenrekorder mit in die Schule gebracht hat, auf dem dann selbstgemachte Punkmusik gespielt wurde. Kurz davor hatte ich als Erster einen Tanzwettbewerb gewonnen. Ich glaube, ich war der „The X Factor“-Typ, bevor „The X Factor“ überhaupt erfunden wurde. Ich bin die ganze Zeit durch die Gegend gesprungen und habe mir jede Menge Blödsinn einfallen lassen, um Aufmerksamkeit zu bekommen.«

Bist du dafür mal von der Schule geflogen?

»Nicht von der Schule, aber ziemlich häufig aus der Klasse. Allerdings wirklich immer nur für Blödsinn. Ich bin nie wütend oder aggressiv gewesen.«

Was ist deine schönste Kindheitserinnerung?

»Meine schönste Erinnerung ist wohl die erste Erfahrung von absoluter Freiheit, die ich gemacht habe. Als ich zwölf Jahre alt war, habe ich auf einer Müllhalde ein kleines, noch funktionsfähiges Moped gefunden. Damit bin ich dann einen Monat durch die Gegend gefahren, und kein Mensch wusste von meinem geheimen Zweitleben. Das war ein sehr schönes Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit.«

Bist du dabei mal von der Polizei erwischt worden?

»Nein, diese Geschichte passierte während des Sommers in der Gegend, wo wir unser Ferienhaus hatten. Die Erfahrung von Freiheit und Unabhängigkeit war aber so schön, dass ich mir später im Herbst noch mal ein Moped besorgt habe, das ich aber wohl eher gestohlen als gefunden hatte. Jedenfalls hat die Polizei den Ort, an dem das Moped verschwunden ist, zu einem Tatort erklärt. Aber ich bin nicht erwischt worden.«

Wie bist du mit Rockmusik in Kontakt gekommen?

»Wir haben sehr viel The Sweet und Slade gehört. Das war Teil unserer Kindheit, und ich denke, dass damals, in den Siebzigern, alle Glamrock gehört haben. Dann kamen irgendwann Queen, danach ging die Punk-Bewegung los. Punkmusik und Skateboarding entdeckten wir zeitgleich. Das hatte gewaltigen Einfluss auf uns, und wir fühlten, dass wir Teil einer Subkultur waren, die sich rund um den ganzen Globus zog und nicht nur eine nationale Sache war. Wir merkten, dass wir viel mehr mit Leuten aus Kalifornien, Südamerika, England oder Finnland gemeinsam hatten als mit den Menschen um uns herum.«

Im Gegensatz zu damals ist es in heutigen Zeiten ja kein Problem, binnen zwei Sekunden per Mausklick mit Leuten vom anderen Ende der Welt in Kontakt zu kommen. Hattet ihr damals schon Kontakte ins Ausland, und wie habt ihr das angestellt?

»In erster Linie war es ein Lebensgefühl, das man teilte - und weniger persönliche Kontakte. Dennoch hatten wir schon früh Kontakt mit Leuten aus Schweden. Es gab in Südschweden recht schnell eine größere Punk- und Skate-Szene, was großen Einfluss auf die Entwicklung von D-A-D hatte. Unsere Freunde besorgten uns dort regelmäßig Auftritte, so dass uns sehr schnell bewusst wurde, dass man seine Musik auch jenseits der eigenen Landesgrenzen spielen kann.«

Was war der schlechteste Gig, den du je gespielt hast?

»Im Laufe der Jahre sind einige schlechte und langweilige Gigs zusammengekommen. Ich bin mir nicht sicher, meine aber, es wäre in Salzburg gewesen, wo wir mal vor 39 Zuschauern gespielt haben. Zunächst sah das nach einer ziemlich peinlichen Angelegenheit aus, aber es entwickelte sich schnell zu einer wirklich schönen Party. The Answer waren damals als Support dabei. Wir sind ständig von der Bühne ins Publikum gesprungen und umgekehrt, außerdem haben wir die Instrumente herumgereicht und getauscht.«

Was war der beschissenste Job, den du je gemacht hast?

»Treppenhäuser putzen. Unser Basser Stig und ich hatten den gleichen Job in einem riesigen Wohnkomplex, der sich Bremerhaven nannte und 30 Treppenhäuser hatte.«

Wann hast du dich zum letzten Mal geprügelt?

»Noch nie. Immer wenn es danach aussah, dass es bald so weit ist, bin ich abgehauen. Und das ist auch das, was ich anderen empfehle. Macht euch im Falle eines Falles lieber aus dem Staub.«

Warst du schon mal im Gefängnis?

»Ja, für 16 oder 17 Stunden. In Kopenhagen gingen damals ständig irgendwelche Sachen aus der autonomen Ecke ab. Unglücklicherweise hatte einer meiner Freunde Farbe an den Händen, und zu diesem Zeitpunkt wurden häufiger McDonald´s-Filialen oder Banken mit Farbe beworfen und beschmiert. Das war noch in den Achtzigern. Also haben sie uns verhaftet, aber nach nicht mal einem Tag festgestellt, dass wir einfach nur ein paar Kids waren und nichts mit der autonomen Szene zu tun hatten. Wir waren keine Hausbesetzer, sondern kamen spät von einem Videoabend inklusive einer Hasch-Session.«

Wollte dich schon mal jemand umbringen, oder wolltest du schon mal jemandem an die Gurgel?

»Nein, ganz ehrlich: So was ist mir fremd. Ich weiß allerdings nicht, ob mich schon mal jemand auf dem Kerbholz hatte.«

Was war der peinlichste Moment in deinem Leben?

»Vielleicht, wenn ich zu früh gekommen bin, wenn ich mit einem Mädel zusammen war.«

Hast du dich schon mal in ein Groupie verliebt?

»Man müsste erst mal den Begriff Groupie definieren. Ja, doch, kann schon sein. Mir ist es im Allgemeinen sehr wichtig, dass die Leute, mit denen ich was gemeinsam habe, wissen, was ich am meisten liebe, und das ist nun mal das Musikmachen. In diesem Sinne hatten die Mädchen und Frauen, mit denen ich zusammen war, auch immer ein Interesse an D-A-D. Im eigentlichen Sinne waren sie keine Groupies, aber aus einer anderen Sichtweise vielleicht schon.«

Wie würdest du dich selbst für ein Blind Date beschreiben?

»(Lachend auf Deutsch:) Angst und problematisch? (Wieder auf Englisch:) Ich würde sagen: zu ernst und zu unernst.«

Gibt es Dinge in deinem Leben, die du bereust?

»Ganz sicher. Zum Beispiel, dass ich mich habe scheiden lassen und nicht mit meinen Kindern zusammenlebe.«

Wie viele Kinder hast du, und wie alt sind sie?

»Zwei. Sie sind zehn und 20 Jahre alt.«

Und was halten sie davon, dass Daddy Rockstar ist?

»Sie denken, dass das erbärmlich ist. Für sie ist es halt nur Daddys Job, der auf den ersten Blick ziemlich cool zu sein scheint, sich bei näherem Hinsehen aber als armselig entpuppt.«

Mögen sie die Musik nicht, oder woran liegt´s?

»Sie können das schon verstehen und finden es gut, dass ich was habe, womit ich meine Zeit verbringe. Aber sie hören definitiv andere Musik.«

Was ist dein bester und dein schlechtester Charakterzug?

»Faulheit - sowohl als auch.«

Wann hast du das letzte Mal geweint?

»Vor zwei Wochen, als ich eine fürchterliche Grippe hatte. (Wechselt wieder ins Deutsche:) Verdammt, diese Influenza! (Englisch:) Das war am sechsten Tag mit 40 Grad Fieber.«

Musstest du dich schon mal zwischen einer Frau und der Musik entscheiden?

»Nein.«

Hast du Angst vor starken Frauen?

»Nein.«

Welche Hobbys hast du neben der Musik?

»Keine.«

Wofür gibst du viel Geld aus?

»Reisen.«

Was war die interessanteste Gegend, in der du je warst?

»Oh, da gibt es einige. Grönland ist großartig. Vielleicht der interessanteste Ort der Welt.«

Warum?

»Weil man im Einklang mit der Natur leben muss und die Leute dort sehr herzlich sind. Sie sind ein kleines bisschen wie Afrikaner. Für sie grenzt es an Blasphemie, irgendwas weiter als ein paar Tage im Voraus zu planen. Es wird eh alles von Gott bestimmt, und der hat in der Regel andere Pläne als man selbst. Das Leben von einem Tag zum nächsten zu leben, was durch die Natur vorgegeben wird, macht diesen Ort zu einem sehr speziellen.«

Das wird als professioneller Musiker kaum umzusetzen sein, wenn Veröffentlichungen oder Tourneen geplant und durchgeführt werden müssen. Hast du dir davon trotzdem etwas für dein eigenes Leben abgeguckt?

»Ich selbst plane eigentlich ganz gerne und finde es auch sinnvoll, dass es die Möglichkeit gibt, gewisse Dinge im Voraus zu organisieren. Aber als wir zum Beispiel in Ghana gespielt haben und die Leute uns sagten, dass sie nicht wissen, was morgen sein wird, und sie auch keine Energie mit solchen Gedanken verschwenden, war das schon ein starkes Statement.«

Sammelst du irgendetwas?

»Nein.«

Du hast also auch keine Plattensammlung?

»Nein.«

Welche Bands oder Musiker hältst du für überbewertet?

»Oh, jetzt muss ich sehr vorsichtig und vor allen Dingen sehr ernst sein. Vielleicht Kiss? Und ich würde auch noch The Darkness nennen.«

Aus welchen Gründen?

(Er pfeift unschuldig vor sich hin und grinst:) »Kiss haben keinen Blues und keine Seele. Sie reden nicht über sich selbst, und man erfährt nichts über sie. Das ist alles nur Fassade. Ich mag ihr Image und das Make-up, aber es ist einfach kein Blues.«

In welcher Allstar-Band würdest du gerne spielen?

»Vielleicht Schlagzeug bei den Rolling Stones?« (Er ahmt mit den Händen den typischen Charlie-Watts-Groove nach, der nie die Hi-Hat auf die Snare spielt, und grinst dabei vielsagend, um auf seine Antwort bezüglich seiner Charaktereigenschaften anzuspielen.)

Welches Buch liest du zur Zeit?

»Eines von einem südafrikanischen Autor namens Deon Meyer, dessen genauer Titel mir gerade nicht einfällt. Das ist ein Thriller, und so was sollte man auf Tour dabeihaben, denn da geht´s immer sehr laut zu, also braucht man was Aufregendes. Aber ich mag auch Sachen von Walter Mosley und Paul Auster.«

Gibt´s einen berühmten Schauspieler, Musiker oder Politiker, den du gerne mal treffen würdest?

(Er überlegt lange:) »Ich würde gerne Marilyn Monroe treffen, um mit ihr Löffelchen zu liegen. Yes - do the spoon with Marilyn!«

Was war das verrückteste Gerücht, das du jemals über dich gehört hast?

»Dass ich talentiert wäre. Mööp!«

Was würdest du an dir verändern lassen, wenn man dir eine Schönheitsoperation anbietet?

»Das ist eine gute Frage. Längere Beine und ein kleinerer Bauch.«

Bist du religiös?

»Ich würde sagen: ja. Aber eigentlich immer nur dann, wenn Ärger ansteht. Ich bin Atheist, solange alles in Ordnung ist, und werde gläubig, sobald es schlecht läuft.«

Sind deine Gedanken dann christlich geprägt?

»Wohl am ehesten, weil ich christlich erzogen wurde.«

Glaubst du, schon mal gelebt zu haben?

»Ja, ich denke, das ist eine schöne Idee. Ich weiß nicht viel darüber, aber ich mag die Philosophie dahinter, wie man das Leben... Lass mich darüber nachdenken, ich muss die richtigen Worte finden. (Er beugt sich mit beiden Händen am Kopf bis zur Tischplatte und macht dabei Geräusche, die eher nach kompliziertem Stuhlgang als nach hoher Konzentration klingen.) Vielleicht ermöglicht dir diese Idee, deinen Nächsten eher zu tolerieren und zu akzeptieren, wenn man ihm sagen kann, dass er dieses und jenes dann halt in seinem nächsten Leben lernen wird. Umgekehrt funktioniert´s natürlich auch: „Entschuldigung, das habe ich in meinem letzten Leben leider nicht gelernt.“«

Als welches Wesen würdest du gerne wiedergeboren werden?

(Er überlegt lange:) »Ich glaube, die Frage kann ich nicht beantworten. Ich mag es sehr, ein menschliches Wesen in der westlichen Zivilisation zu sein.«

Was war deine verrückteste Drogenerfahrung?

»Als ich mit 22 LSD genommen habe, war das eine sehr seltsame Erfahrung und alles in allem nicht positiv. Ich bin froh, es mal probiert zu haben, aber genauso froh, dass es wieder aufgehört hat. In Sachen LSD blieb es dann auch bei einem einmaligen Erlebnis.«

Hattest du schon mal ein übernatürliches Erlebnis?

»Liebe kann sehr magisch sein, und ihre Erwiderung kann einem das Gefühl geben, dass es mehr gibt als das, was man rational erklären kann. Ich weiß, das klingt jetzt dumm, aber ich glaube wirklich, dass da draußen jeden Tag irgendetwas Magisches passiert. Man muss nur das Leben auf diesem Planeten beobachten.«

Was war die verrückteste Tourstory, die euch jemals passiert ist?

»Die verrückten Sachen sind alle passiert, bevor wir bekannt wurden. Wir waren 19 Jahre alt und sind durch Skandinavien gereist, wo es die hübschesten Frauen der Welt gibt. Das haben wir zwei, drei Jahre durchgezogen, bevor wir unseren Durchbruch mit „No Fuel Left For The Pilgrims“ hatten. Das ist alles so lange her, dass ich mich an Details gar nicht mehr erinnern kann. Aber ich weiß, dass es eine absolut großartige Zeit war, in der alle möglichen Rock´n´Roll-Storys eine Rolle spielten.«

Gibt es irgendetwas, das du abgrundtief hasst?

»Unmenschlichkeit.«

Wie würdest du den letzten Tag in deinem Leben verbringen?

»Mit meiner Familie an einem warmen Strand.«

Welcher Song sollte auf deiner Beerdigung gespielt werden?

»´God´s Love´ von Bad Religion.«

www.facebook.com/d.landafterdark

DISKOGRAFIE (Studioalben)

Call Of The Wild (1986)
D.A.D. Draws A Circle (1987)
No Fuel Left For The Pilgrims (1989)
Riskin´ It All (1991)
Helpyourselfish (1995)
Simpatico (1997)
Everything Glows (2000)
Soft Dogs (2002)
Scare Yourself (2005)
Monster Philosophy (2008)
Dic.Nii.Lan.Daft.Erd.Ark (2011)

Pic: Holger Stratmann

Bands:
D-A-D
Autor:
Andreas Himmelstein

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