Schwatzkasten

Schwatzkasten 25.06.2003

STRATOVARIUS - JENS JOHANSSON (Stratovarius)

Dass er ein begnadeter Keyboarder ist, weiß man inzwischen auch in den entlegensten Winkeln unseres Globus´. Dass er ein echter Scherzkeks ist, der auf Tour gerne allerlei Unfug anstellt, hat sich mittlerweile ebenfalls herumgesprochen. Doch was für ein Typ Mensch ist JENS JOHANSSON? Wir luden den umtriebigen Schweden in unseren "Schwatzkasten" ein, um mehr darüber in Erfahrung zu bringen.

Jens, wo bist du geboren? Und wo lebst du heute?

»Geboren wurde ich einem kleinen Nest namens Upplands Väsby. Das liegt in der Nähe von Stockholm und ist ein echtes Musikerdorf. Die Jungs von Europe und Yngwie Malmsteen stammen ebenfalls aus diesem Örtchen. 1989 bin ich dann nach einem Zwischenstopp in L.A. in eine Kleinstadt im Bundesstaat New York gezogen, und bisher ergab sich noch nicht die Notwendigkeit, dort wieder wegzuziehen. Ich hänge nicht an New York, könnte prinzipiell so ziemlich überall leben, und wenn es die Umstände erfordern, werde ich sicher eines Tages woanders wohnen.«

Warst du in der Schule eher strebsam oder mehr ein Unruhestifter?

»Ich war ein bisschen von beidem. Ich hatte immer sehr gute Noten. Insofern konnte ich mir einiges erlauben. Später war ich auf einer Ingenieursschule - dort hatte ich gleichzeitig den besten Notenschnitt meiner Altersstufe und die höchste Fehlstundenquote. Was unter anderem auch daran lag, dass es damals mit Silver Mountain losging und ich lieber mit ihnen auf Tour ging, statt mich in der Schule blicken zu lassen.«

Was war dein Lieblingsfach?

»Definitiv Mathematik. Mathe ist durch und durch logisch, es fiel mir immer leicht, mich in die Materie einzuarbeiten. Davon profitierte ich auch auf der Ingenieursschule: Alles, was du dort lernen musstest, basierte irgendwie auf Mathematik, zum Beispiel wenn du errechnen solltest, wie stark eine Brücke konstruiert sein muss, damit eine bestimmte Anzahl von Fahrzeugen gleichzeitig auf ihr fahren kann. Ich glaube, ich wäre ein guter Ingenieur geworden. Am wenigsten konnte ich mit Sport und Geschichte anfangen. Erst viel später, als ich mit Bands um die Welt tourte, fing ich an, mich für Geschichte zu interessieren.«

Hast du jemals bereut, professioneller Musiker geworden zu sein?

»Nein, absolut nicht. Es gibt keinen besseren Job. Alleine schon deshalb, weil man im Laufe von zwölf Monaten wahrscheinlich mehr lacht als manche Menschen in zehn Jahren.«

Was war der übelste Job, den du jemals machen musstest?

»Ehrlich gesagt: Ich hatte nie einen wirklich schlechten Job, zumal ich schon recht früh von der Musik leben konnte. Ich habe zum Beispiel ´ne Zeit lang als Computer-Programmierer in einem Krankenhaus gearbeitet, aber das hat mir Spaß gemacht. Ich arbeite generell sehr gerne.«

Hast du schon mal im Spielrausch dein Instrument zertrümmert?

»Nein. Vermutlich deshalb, weil ich meist nur ein Keyboard dabei habe und es am nächsten Tag sowieso wieder selbst zusammenflicken müsste. Wenn ich auf der Bühne völlig abgehe, mache ich hinterher höchstens etwas anderes kaputt... Aber ich kann mich an ein Konzert in Argentinien erinnern, wo es permanent technische Probleme gab und mein Keyboard letztlich überhaupt nicht mehr funktionierte. Da habe ich es vor Wut auf den Boden geknallt, und siehe da: Plötzlich lief es wieder nahezu perfekt.«

Kannst du dich noch an dein erstes Konzert erinnern?

»Na klar. Es war am 13. Dezember 1978, und wir spielten in unserer Schule. Wir waren ein Trio: Mein Bruder am Schlagzeug, ich spielte Keyboards und Basspedale, dazu hatten wir einen Gitarristen, der auch als Sänger fungierte. Das war so eine Art Progressive-Rock-Polka und ziemlich schlecht...«

Was war der übelste Gig, den du jemals gespielt hast?

»Das war ebenfalls noch in meiner Zeit vor Yngwie. Man hatte meine damalige Band in eine Pizzeria gebucht - dort wurde eine kleine Bühne aufgebaut, auf der wir unsere Sachen zockten, während die Gäste unten ihre Pizza mampften und sich vermutlich ziemlich von uns gestört fühlten. Das war echt total sinnlos. Aus lauter Frust kübelten wir uns endlos viele Bierchen rein - mit dem Ergebnis, dass unsere Getränkerechnung hinterher wesentlich höher war als unsere Gage. Wir mussten bei diesem miesen Gig also auch noch drauflegen!«

Interessiert du dich für Politik?

»Ja, durchaus. Dumm ist nur, dass man sich in der Politik immer für eine Seite entscheiden muss, auch wenn die Wahrheit doch oft in der Mitte liegt. Deshalb könnte ich mich auch nie einer Partei anschließen, da ich ja dann ausschließlich ihre Meinung vertreten müsste, auch wenn ich vielleicht in vielen Punkten den Thesen einer anderen Partei zustimmen würde. Politik ist heutzutage noch viel zu emotional. Im Wahlkampf heben sie immer die Verfehlung ihrer politischen Gegner hervor, statt selbst ihre eigenen Verbesserungsvorschläge zu promoten. Politiker müssen rationeller und argumentativer denken, aber das wird vermutlich noch ein langer Entwicklungsprozess, der sich bestimmt noch über mehr als 100 Jahre hinziehen wird, denn Politik ist noch eine sehr junge Wissenschaft.«

Gibt es einen Musikstil, der dich zum Wahnsinn treibt?

»Schlagermusik ist das Schlimmste, was man mir antun kann. Darin seid ihr Deutschen ja besonders gut. Vor allem in den späten Sechzigern und frühen Siebzigern wurden in Deutschland ganz besonders abscheuliche Lieder produziert, die auch noch erfolgreich waren. Ach ja, und mit Reggae kann ich auch rein gar nix anfangen.«

Gibt es ein bestimmtes Instrument, dessen Klang du ganz und gar abstoßend findest?

»Ganz im Gegenteil: Je abstoßender und extremer sich etwas anhört, desto mehr mag ich es! Natürlich sollte derjenige, der das Instrument spielt, es auch beherrschen. Wenn ich beispielsweise Saxophon oder Dudelsack spielen würde, klänge das wahrscheinlich zum Davonlaufen. Obwohl: Ich könnte es ja lernen. Am besten auf Tour, nachmittags im Backstage-Bereich. Meine Mitmusiker würden meine Übungen sicher sehr zu schätzen wissen. Was kostet so ein Dudelsack?«

Hat dich jemals eine Frau vor die Wahl gestellt: Ich oder die Musik?

»Nein, bislang noch nicht. Vermutlich, weil sie ahnen würde, wie die Antwort ausfällt...«

Was war das Extravaganteste, das du dir jemals gekauft hast?

»Nun, da muss ich eure Leser enttäuschen - ich kaufe keine verrückten Sachen, sondern nur nützliche Dinge. Ich habe mir mal ein paar antike Keyboards zugelegt, aber am meisten Spaß hatte ich mit dieser etwa zehn Euro teuren finnischen Feuerholz-Säge, die ich mir auf einer der letzten Tourneen zugelegt habe. Mit der konnte man so viele ulkige Dinge anstellen... Es ist unglaublich, wie viele Lacher ich mit diesem Ding schon geerntet habe. Das Teil ist so massiv, das geht durch das sperrigste Holz wie Butter. Man braucht nur zwei bis drei Züge.«

Du hast sie wahrscheinlich in erster Linie wegen einer bestimmten Sammelleidenschaft gekauft...

»Stimmt, ich habe mal eine Zeit lang Stuhlbeine von Backstage-Sitzmöbeln gesammelt. Dafür konnte man diese Säge hervorragend gebrauchen. Ich denke, ich werde eines Tages alle gesammelten Stuhlbeine zu einem Kunstwerk zusammenkleben, das ihr dann beim Rock Hard für einen guten Zweck versteigern könnt. Dieses Hobby kann aber auch zu einem Bumerang werden: Schon oft habe ich mich backstage irgendwo hingesetzt und mich gewundert, warum ich auf einmal so tief sitze - bis mir klar wurde, dass ich offensichtlich an diesem Ort schon mal aktiv war...«

Was war die bescheuertste Situation, die du je auf Tour erlebt und nicht selbst verursacht hast?

»Da fällt mir spontan das Jahr 1986 ein. Wir waren mit Yngwie damals bei Polygram in Amerika unter Vertrag, und unser A&R Jim Lewis hatte zudem gerade Emerson, Lake & Powell gesignt, von denen er glaubte, dass sie so groß werden könnten wie die Ursprungs-Band Emerson, Lake & Palmer. Er hatte einen Haufen Kohle in die Produktion des Albums dieser Band gesteckt, und seine Zukunft bei Polygram hing vom Erfolg dieses Projekts ab. Um die Sache anzuschieben, buchte er eine riesige, 50 Dates umfassende Tour in großen Hallen und packte uns ins Vorprogramm, weil wir gerade vor dem Durchbruch standen. Eigentlich eine perfekte Tour für uns, doch was passiert am ersten Tourtag? Die ELP-Crew war noch nicht ganz eingespielt, und auf der Bühne war´s ein bisschen eng. Yngwie latscht auf die Bühne, mosert und pöbelt, dass er nicht genug Platz habe, und marschiert mit den Worten "Unter diesen Umständen kann ich nicht auftreten!" von dannen. Die ELP-Leute haben uns natürlich sofort von der Tour gefeuert, weil sie auf dieses Diva-Gehabe nun überhaupt keinen Bock hatten. Der arme Jim Lewis stand mit kalkweißem Gesicht an der Seite und sah, wie sein groß angelegtes Tourprojekt schon vor der ersten Show den Bach runterging.

Das ist keine spektakuläre Story, aber sie zeigt, wie vermeintlich kleine Entscheidungen eine ganze Karriere beeinflussen können, denn nach diesem Vorfall hat Yngwie nie mehr so richtig Fuß in Amerika fassen können.«

Was war das Dümmste, das du selbst auf Tour angestellt hast?

»Ach, da gibt es so viele Geschichten... Ich kann mich an einen Abend in Frankfurt erinnern: Wir waren mit Yngwie auf Tour, haben uns nach der Show in irgendeinem Club die Rübe zugelötet, bis wir keinen einzigen Pfennig mehr in der Tasche hatten, kamen zum Hotel zurück und sahen, dass unser Manager mit ´nem gemieteten Mercedes ankam. Voll, wie wir nun mal waren, dachten wir uns: Dem zeigen wir´s jetzt. Kann ja nicht sein, dass der mit ´nem Benz durch die Gegend fährt, während wir total pleite sind. Also demolierten wir das schöne Gefährt. Blöderweise war genau gegenüber vom Hotel eine Polizeiwache, und die Jungs von der Morgenschicht haben sicher blöd aus der Wäsche geschaut, als direkt vor ihrer Nase drei besoffene Schweden einen Benz zerlegten...«

Es scheint, als wärst du zu Yngwie-Zeiten sehr viel extremer drauf gewesen als heutzutage.

»Das ist richtig. Damals war ja auch mein Bruder mit in der Band. Yngwie hat ebenfalls jede Menge Mist gebaut. Manche Dinge sind seinerzeit außer Kontrolle geraten und werfen kein gutes Licht auf uns, weshalb ich sie auch nicht erzählen werde. Ich würde mich viel zu sehr dafür schämen. Unsere Lieblingsopfer waren seinerzeit Mietwagen. Wir lebten eine Weile in L.A. und bekamen von unserem Manager einen gemieteten Golf, mit dem wir nicht sehr pfleglich umgingen. Mal brach die Fensterkurbel ab, dann gingen wieder andere Dinge kaputt, und irgendwann wurde uns bewusst, dass wir den Wagen so nicht wieder abgeben konnten, weil wir den Quark ja dann hätten bezahlen müssen. Also beschlossen wir, einen Einbruch vorzutäuschen, zerschlugen eine Scheibe, bauten das Radio aus und so weiter. Da wir aber zu faul waren, das Ganze der Polizei zu melden, fuhren wir weiter mit der Karre herum. Weitere Dinge gingen kaputt, bis letztlich mein Bruder auch noch eine Tür aus den Angeln riss. Wir beschlossen nun, den Golf als gestohlen zu melden, fuhren zu einer Klippe, von der wir das arg geschundene Auto stürzen wollten, um ihm endgültig seinen Frieden zu geben. Ich weiß nicht, ob Yngwie betrunken war, aber er raste auf diese Klippe zu und hatte Glück, dass das Auto an einem kleinen Felsen, der aus der Erde herausragte, hängen blieb und sich keinen Zentimeter weiter bewegen ließ, sonst wäre er wohl draufgegangen!

Wir fuhren mit dem Auto eines Freundes zurück in die Stadt, erzählten der Polizei, dass wir überfallen worden wären und man uns den Mietwagen geklaut hätte, aber komischerweise glaubte uns niemand... Und unser Manager war total begeistert, weil die 6.000 Dollar Reparaturkosten auf seine Kreditkarte gingen!

Aber eines muss ich noch aufklären: Im Internet tauchte kürzlich ein Tape auf, auf dem zu hören ist, wie Yngwie eine Flugpassagierin aufs Übelste beschimpfte. Nun, das Tape ist ziemlich alt, stammt von meinem Bruder, und ausnahmsweise war Yngwie mal schuldlos. Eigentlich hatte ich das Ganze verursacht, denn ich saß völlig betrunken in der Ersten Klasse, hatte mir eine Damenbinde von der Bordtoilette besorgt, auf dieser Binde meine Bloody Mary ausgeschüttet und das Teil dann durch die Gegend geworfen - na ja, es landete genau im Gesicht dieser Frau, die sich tierisch aufregte, Yngwie als vermeintlichen Übeltäter ausgeguckt hatte, ihn mit allerlei Getränken übergoss und wüste Beschimpfungen losließ. Yngwie wusste natürlich gar nicht, wie ihm geschah, und wütete zurück, was auf besagtem Tape zu hören ist...«

Bands:
STRATOVARIUS
Autor:
Onlineredaktion

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