Schwatzkasten

Schwatzkasten 17.05.2000

ANNIHILATOR - JEFF WATERS (Annihilator)

Der Mann gilt gemeinhin als Genie. Als Gitarrist sowieso, aber auch als Produzent und Songwriter. Sogar als Sänger hat er eine gute Figur abgegeben. Die Rede ist vom kanadischen Gitarren-Wizard JEFF WATERS, der mit bemerkenswerter Ausdauer an der Karriere seiner Band Annihilator feilt, obwohl er bereits mehrfach lukrative Angebote von weitaus erfolgreicheren Acts erhielt.

Wo wurdest du geboren, und wo bist du aufgewachsen?

"Das Licht der Welt erblickte ich in Toronto, und den Großteil meiner Jugend verbrachte ich in Ottawa. Ich habe auch einige Jahre in London gelebt und residiere seit 1987 in Vancouver."

Was hast du denn in London gemacht?

"Mein Vater war bei den Streitkräften, hat dort Flugzeuge und Raketen repariert und war vier Jahre lang in London stationiert. In dieser Zeit habe ich immerhin gelernt, wie man Fußball spielt."

Was war das Wichtigste, das dir deine Eltern mit auf den Weg gegeben haben?

"Ehrlichkeit. Mein Vater hat mich so erzogen, dass ich immer ein schlechtes Gewissen habe, wenn ich lüge. Dementsprechend erkenne ich aber auch sehr gut, wenn mir jemand die Unwahrheit erzählt. Das hilft besonders im Musik-Business weiter. Meine Mutter ist Lehrerin und brachte mir Respekt vor anderen Rassen und Hautfarben bei. Sie unterrichtet ausschließlich Nicht-Kanadier und ist dementsprechend sehr sensibel bei diesem Thema."

Warst du in der Schule ein ruhiger Typ oder der klassische Troublemaker?

"Ich war eher ein schüchterner Junge. Ich hatte während meiner Jugend sehr viele Pickel im Gesicht und immer ausgesprochen schlechte Frisuren; deswegen wurde ich oft gehänselt und fand nur wenige Freunde. Ich war zudem ein sehr begabter Schüler. Man ließ mich eine Klasse überspringen, und drei Jahre später wurde ich nochmals hochgestuft. Ich war also die meiste Zeit mit älteren Kids zusammen. Dadurch fühlte ich mich recht unsicher. Das setzte sich bis zu meiner ersten Promo-Tour zum Annihilator-Debüt "Alice In Hell" fort. Ich war sehr, sehr nervös bei den Interviews. Das hat sich erst ein Jahr später gelegt. Im Teenager-Alter mutierte ich aber zum Rebell, trug Ozzy Osbourne-Shirts, rauchte Dope und schwänzte die Schule, was für meine Noten natürlich nicht gerade hilfreich war. Rock´n´Roll und Heavy Metal haben mein Leben verändert!"

Gibt es irgendeine Person, die du gerne mal treffen möchtest?

"Was das Musikalische betrifft, stehen James Hetfield und Angus Young ganz oben auf meiner Liste. Und da Musik den Großteil meines Lebens ausmacht, fällt mir jetzt auch kein anderer ein."

Und mit wem würdest du nie ausgehen und ein Bier trinken?

"Randy Rampage." (Ex-Annihilator-Sänger, der bereits zweimal wegen Alkoholproblemen aus der Band geworfen wurde - Red.)

Bist du ein verschwenderischer Mensch, oder sparst du deine Kohle lieber?

"Oje! Ich habe das Geld streckenweise mit vollen Händen ausgegeben. Das hat mich sowohl mit meiner Band als auch im Privatleben in große Schwierigkeiten gebracht. Für "King Of The Kill" und "Refresh The Demon" habe ich richtig fette Vorschüsse von der Plattenfirma bekommen; doch anstatt mir etwas für schlechtere Zeiten beiseite zu legen, kaufte ich jede Menge nutzlose Dinge. Ich dachte, dass die Kohle auch weiterhin stetig fließen würde. Ich wünschte mir, dass man in der Schule beigebracht bekommt, wie man mit Geld umgeht. Diesen Lernprozess mache ich jetzt im Alter von 34 durch."

Wie sah das schrottigste Auto aus, das du jemals gefahren hast?

"Das war ein Honda Civic aus dem Jahre 1980. Das Teil war grün mit braunen Rostflecken und schaffte keine großen Steigungen mehr. Ich musste also entweder eine Route finden, bei der es nicht so steil bergauf ging, oder die restliche Strecke zu Fuß gehen."

Warst du jemals im Gefängnis?

"Nein, ich bin auch noch nie festgenommen worden. Ich hätte es zwar in früheren Jahren ein paar Mal durchaus verdient gehabt, bin aber irgendwie immer mit einem blauen Auge davongekommen. Auf der Judas Priest-Tour 1990 hätte man mich jede Nacht in die Ausnüchterungszelle stecken müssen."

Was ist deine schlechteste Angewohnheit?

"Das Rauchen. Ich habe es mal für drei Jahre aufgegeben, dann aber dummerweise wieder angefangen, weil ich während meiner Scheidung und des Sorgerecht-Streits um meinen Sohn mit schweren Depressionen zu kämpfen hatte. Mich ärgert diese schlechte Angewohnheit ungemein, weil ich damit kein gutes Vorbild für meinen Sprössling bin; und wenn ich Pech habe, kriege ich mit 50 Jahren meinen ersten Herzinfarkt und kann nicht mehr miterleben, was aus meinem Jungen wird."

Wo liegen deine persönlichen Stärken?

"Ich versuche, der bestmögliche Vater zu sein, und stehe immer noch 200prozentig hinter Annihilator, obwohl ich sehr verlockende Angebote von viel größeren Bands hatte."

Was war der schlechteste Gig, den du je gespielt hast?

"Da muss ich drei Konzerte nennen - und alle haben in Osnabrück stattgefunden! Es ist wie verhext: Egal, in welchem Club wir dort spielen, es geht immer etwas schief. Einmal habe ich mitten im Set meine Stimme verloren, beim nächsten Gig ist die Stromversorgung während des gesamten Gigs ständig zusammengebrochen; zusätzlich gab mir mein Roadie laufend verstimmte Gitarren, so dass mich die Bandmitglieder und das Publikum völlig entgeistert anglotzten. Die müssen gedacht haben, ich sei heftig auf Drogen... Tja, und auf der letzten Tour mit Overkill hat sich Randy Rampage dort die Schulter ausgekugelt. Also, bei zukünftigen Tourneen werde ich unseren Booker bitten, um Osnabrück einen möglichst großen Bogen zu machen; es sei denn, wir können dort AC/DC supporten..."

Bist du für die Legalisierung weicher Drogen?

"Durchaus, obwohl ich selbst kein Gras rauche und auch keine anderen Drogen nehme. Aber ich bin Alkoholiker - auch wenn ich seit zehn Monaten keinen Tropfen mehr getrunken habe. Alkohol ist meiner Meinung nach eine viel gefährlichere Droge als Marihuana. Es gibt so viele Typen, die im besoffenen Zustand ihre Frauen, Kinder oder andere Leute verprügeln oder sich hackedicht hinters Steuer setzen und tödliche Unfälle verursachen. Das passiert aber kaum, wenn jemand ab und zu mal ´ne Tüte raucht, weil das Zeugs eher beruhigend wirkt. Eigentlich sollte Alkohol illegal sein. Ein weiterer Aspekt ist der ganze unnötige Verwaltungsaufwand und Papierkram, den die Polizei erledigen muss, wenn sie mal ´nen kleinen Dope-Dealer erwischt. Die Cops könnten in dieser Zeit wirklich wichtigere Dinge erledigen."

Gibt es einen Tag in deinem Leben, den du gerne ein zweites Mal erleben möchtest?

"Den Tag der Geburt meines Sohnes Alex, denn ich konnte nicht dabei sein, als er zur Welt kam. Ich musste mich damals um meinen anderen Sohn kümmern, der im Krankenhaus lag."

Wie sehr hat die Geburt deiner Kinder dein Leben verändert?

"Das geschah nicht von einem Moment auf den anderen, sondern war eine langsame, stetige Entwicklung. Dazu kommt, dass Alex quasi keine Mutter hat, weil sie uns vor zweieinhalb Jahren verließ und seitdem kein Wort mehr mit dem Jungen gesprochen hat. Deswegen ärgert mich die Sache mit dem Rauchen auch so. Wenn ich eines Tages mal nicht mehr da sein sollte, hat der Junge wirklich niemanden, an den er sich halten kann."

Bist du ein politisch interessierter Mensch?

"Nein, überhaupt nicht. Vielleicht ändert sich das in der Zukunft mal, aber derzeit gibt es Wichtigeres für mich."

Angenommen, du wärst homosexuell: Welchen Männertyp fändest du interessant und anziehend?

"Randy Rampage, haha! Nein, das ist eine sehr schwierige Frage..."

Okay, wir geben dir eine Auswahl: Lemmy, Bruce Dickinson oder Marilyn Manson?

"Dann auf jeden Fall Bruce Dickinson. Das ist wohl gesünder."

Hattest du jemals ein besonders negatives Erlebnis mit deinen Fans?

"Eigentlich nicht. Das einzige, was mich manchmal wirklich nervt, sind Fans, die einem nach der Show total betrunken um den Hals fallen und dir beim Sprechen ins Gesicht spucken. Das kann ich absolut nicht leiden."

Hast du schon mal einen Gig abgebrochen, weil das Publikum sich nicht die Bohne für deine Band interessierte?

"Definitiv nicht, obwohl wir schon so manches eigenartige Konzert hinter uns gebracht haben. In L.A. zockten wir mal vor 40 Leuten, die nur völlig gelangweilt dastanden. Aber wir haben weitergespielt, auf unsere Schuhe geguckt und die Sache anständig zu Ende gebracht."

Was war der peinlichste Moment in deinem Leben?

"Als wir mit Judas Priest 1990 auf Tour waren, kam ich eine ganze Zeitlang sehr gut mit K.K. Downing aus. Nach gut einem Monat fragte ich ihn im leicht angetrunkenen Zustand, welche Priest-Scheibe er am wenigsten mögen oder am liebsten ungeschehen machen würde. Er antwortete, dass ihm eigentlich alle Priest-Platten gefallen, aber das konnte ich einfach nicht so stehen lassen. Ich nahm ihm das nicht ab. "Hey, wie wär´s denn mit "Ram It Down"? Die war doch nicht so toll!", entgegnete ich, was er mit einem sehr verärgerten Gesichtsausdruck quittierte. Glenn Tipton erzählte mir einige Tage später, dass Downing zu keiner Priest-Platte mehr Songs beigesteuert hat als zu "Ram It Down". K.K. hat danach nicht mehr oft mit mir gesprochen..."

Was war das Mutigste, das du je getan hast?

"Das Sorgerecht für meinen Sohn vor Gericht zu erstreiten. Der ganze Prozess hat mich damals so mitgenommen, dass man mich beinahe in ein Sanatorium hätte einliefern können. Ich schluckte permanent Anti-Depressiva, weil mir während der ganzen neun Monate, die das Verfahren dauerte, jeder sagte, dass ich als Heavy Metal-Musiker keine Chance hätte, das Sorgerecht zu bekommen. Das Gegenteil war dann schließlich der Fall: Ich durfte meinen Sohn behalten, zudem noch mein Haus und mein Studio, und meine Ex muss mir jeden Monat Unterhalt zahlen. Das war ein so ungewöhnlicher Fall, dass mir einige Tageszeitungen in Vancouver 10.000 kanadische Dollar für die Geschichte anboten, was ich aber abgelehnt habe."

Gibt es etwas, vor dem du sehr viel Angst hast?

"Vor dem Tod, ganz klar. Und ich habe Angst vor dem Alleinsein. Nach meiner Scheidung lebte ich ein Jahr lang alleine und ohne Freundin; mit diesem Zustand kam ich überhaupt nicht zurecht. Ich war damals ein regelrechtes Wrack. Es hat lange gedauert, bis ich gelernt habe, auch alleine glücklich zu sein - und prompt lief mir die richtige Frau in die Arme..."

Bands:
ANNIHILATOR
Autor:
Onlineredaktion

Auch interessant:


Melde dich für unseren Newsletter an und verpasse nie mehr die wichtigsten Infos

Diese Seite verwendet Cookies. Erfahrt in unserer Datenschutzerklärung mehr darüber, wie wir Cookies einsetzen und wie Ihr Eure Einstellungen ändern und Cookies deaktivieren könnt. Darüber hinaus verwenden wir Cookies Dritter für die Einbindung audiovisueller Inhalte durch Youtube, Spotify und Soundcloud. Dem könnt ihr hier zustimmen oder dies ablehnen. Datenschutzerklärung ansehen.