Schwatzkasten

Schwatzkasten 26.03.2014

BRUJERIA , CARCASS - Jeff Walker (Carcass, Brujeria)

Als Jugendlicher war JEFF WALKER das schwarze Schaf einer typisch englischen Arbeiterfamilie. Er verbaselte trotz Grips in der Birne seinen Abschluss und befreite liebe Nerze aus Farmen oder lümmelte in schlechten Bands rum, als sich um einen vermeintlich ordentlichen Job zu bemühen. Schließlich landete er trotz anfänglicher Begeisterung für sanfte Electric-Light-Orchestra-Klänge bei den Grind-Death-Urgesteinen Carcass, die ihm noch heute penetrante Ü50-Groupies bescheren.

Jeff, wie und wo bist du aufgewachsen?

»Ich wurde 1969 geboren und stamme aus einer kleinen Industriestadt mit Namen St. Helens, die in der Nähe von Liverpool liegt und in der es viele Kohlebergwerke und Glasfabriken gab. In den neunziger Jahren zog ich nach Liverpool. Mein Vater war ein typischer Blaumann-Fabrikarbeiter, während meine Mutter in einem kleinen Laden tätig war. Da es zunehmend weniger Industrie in meiner Heimat gab, verlor mein Vater ständig seinen Job. So war das damals. Wir waren eine ärmliche Arbeiterfamilie - nicht sehr arm, aber schon ärmlich. Eine typische englische Bullshit-Familie. Ich habe einen älteren Bruder und eine ältere Schwester. Ich bin der Jüngste der Familie, das schwarze Schaf.
Meine Eltern waren katholisch und konservativ. Ich ging auf eine katholische Schule und war Messdiener. Glücklicherweise hat mich nie ein Priester missbraucht. Na ja, vielleicht war ich einfach zu hässlich. Es hatte auch Vorteile, auf eine katholische Schule zu gehen: Ich hatte öfter frei als die Schüler auf den staatlichen Schulen. Meine Eltern unterdrückten mich zwar nicht, aber sie waren auch keine offenen Menschen wie die typischen Eltern in Mittelklasse-Familien, die ihre Kinder zu Dingen ermutigen. Sie ermutigten mich lediglich, mir nach der Schule einen Job zu suchen, anstatt in einer Band zu spielen. Ich verließ mein Elternhaus, als ich 16 Jahre alt war. Mein Vater sagte: „In einem Monat bist du sowieso wieder hier.“ Der verdammte Bastard hatte Recht. Dann lebte ich wieder ein paar Wochen bei meinen Eltern, bis ich mich erneut aus dem Staub machte. Ich hatte kein Problem mit meiner Mutter und meinem Vater, aber ich wollte unabhängig sein. Mit 16 Jahren verließ ich die Schule, meldete mich arbeitslos, hing ab und zockte in beschissenen Bands. Ich begann nicht aus Karrieregründen, in Bands zu spielen, sondern weil ich Musik einfach mochte.«

Gehörtest du in der Schule zur Streberfraktion oder zu den Problemkindern?

»Ich war ein Troublemaker mit guten Noten, der immer mit den bösen Jungs abhing, weil das einfach mehr Spaß machte, als mit den braven Kids Zeit zu verbringen. Ich gehörte sogar zu den Klassenbesten, weil ich sehr fleißig und recht intelligent war. Allerdings hatte ich Pech, als alle Schüler in jeweils zwei Klassen mit den Intelligenzköpfen und den Dummen aufgeteilt wurden. Da ich meinen Mathematiklehrer geärgert hatte, landete ich zunächst bei den Idioten, bis mir schließlich mein Englischlehrer anbot, wieder zu den Guten zurückzukehren. Ich entschied mich, bei den Idioten zu blieben, weil es einfach zu viel Spaß machte, die Lehrer zu ärgern. Leider verkackte ich am Ende meiner Schulzeit alle Prüfungen. Mir war alles egal. Und so verließ ich die Schule ohne Abschluss.«

Was war der schlimmste Job, den du je hattest?

»Bis zu meinem 29. Lebensjahr hatte ich keinen „normalen“ Job. Das änderte sich erst nach dem vorläufigen Ende von Carcass. Ich hatte zwei ganz normale Jobs, obwohl ich mich immer für nicht anstellbar gehalten habe. In einer Band zu spielen, ist ein bisschen so, wie Polizist oder Soldat zu sein. Die anderen sind aus deiner Perspektive die Zivilisten. Man selbst ist mit seiner Band ein wenig vom Alltagsleben und der Realität abgekapselt. Ich hatte dann einen Teilzeit-Beamtenjob, der so easy war, dass ich mehr Zeit im Pub als auf meiner Arbeitsstelle verbracht habe. Ich konnte meine Arbeit innerhalb einer Stunde erledigen und den Rest der Woche rumlümmeln. So ist das Beamtentum. Das sind angestellte Idioten. Ich musste bisher nie in einem richtig beschissenen Job arbeiten. Das habe ich aber nicht irgendeinem Talent zu verdanken, sondern purem Glück, denn eigentlich bin ich ein fauler Hund.«

Hast du schon mal unter Arrest gestanden?

»Ich war als Jugendlicher ein radikaler Aktivist, der unter anderem Jagden sabotiert hat. Im Alter von 15 Jahren bin ich in eine Nerzfarm eingebrochen. Dummerweise war das die Zeit der großen Industriestreiks, weswegen die Polizeipräsenz recht hoch war. Wir wurden geschnappt und in eine Zelle gesteckt. Meine Eltern mussten aus dem über 300 Kilometer entfernten Liverpool anreisen, um mich abzuholen. Man kann sich vorstellen, wie glücklich sie darüber waren.«

Wie bist du erstmals mit Musik in Berührung gekommen?

»Ich habe eine Menge Musik durch meinen älteren Bruder kennengelernt. Wir haben immer unsere Platten getauscht. Außerdem gab es in der Nachbarschaft ein verwöhntes Einzelkind, das alle Platten hatte, die man sich vorstellen konnte. Durch diesen Typen bin ich auch mit viel Musik in Berührung gekommen. Ein wenig hat auch das englische Fernsehen beigetragen - mit einer wöchentlichen Musikshow, die mir regelrecht heilig war.«

Und wie kam es zum ersten Kontakt mit harten Klängen?

»Meine allererste Platte war die Single „Sweet Talkin´ Woman“ von Electric Light Orchestra. Es folgten Hardrock-Alben von Status Quo, Rainbow und Thin Lizzy. Wir hatten auch ein paar Kiss-Scheiben im Haus, dabei hasse ich Kiss heute. Das ist einfach nur Müll und keine Heavy-Mucke. Mein Lieblings-Kiss-Album ist „Dynasty“ - eine Disco-Scheibe. Damals, mit neun Jahren, hatte ich mal kurz ein Faible für die Band. An meiner Wand hing sogar ein Kiss-Poster. Mein Geschmack änderte sich allerdings, als ich die Sex Pistols kennenlernte. Erst ein paar Jahre später, mit 15 oder 16, kehrte ich wieder zu Heavy-Klängen zurück.«

Was war das erste Konzert, das du besucht hast?

»Da ich schon in sehr jungen Jahren ein großer Musikfan war, bin ich bereits mit zwölf zu meinem ersten Konzert gegangen. Auf der Bühne stand eine Punkband. Meine Mutter holte mich nach der Show ab, was mir damals unglaublich peinlich war.«

Wie verlief dein erstes eigenes Konzert?

»Als Jugendlicher war ich mit Mark Griffiths von Cathedral zusammen in einer Band, und wir spielten 1985 als Vorgruppe von Chumbawamba, die damals noch eine anarchistische Punk-Combo waren. Danach zockte ich bei einer Truppe mit dem Namen Electro Hippies. Zu meinem ersten eigenen Konzert kamen natürlich nicht viele Leute. Ich durchschaute schnell, dass Menschen in Bands spielen, weil sie ein ausgeprägtes Ego haben und angeben wollen. Sie wollen vor Publikum stehen und sich zeigen. Dazu passte in meinem Fall, dass ich in der Schule den Theater-Unterricht sehr mochte. Ich hatte Bock, Schauspieler zu werden. Mir ist auch aufgefallen, dass die attraktivsten Jungs und Mädels in der Schule nie Bands beigetreten sind, weil sie es nicht nötig hatten. Nur die hässlichen Vögel gründeten Bands.«

Wie war es in deinen frühen Karrieretagen, auf Tournee zu sein?

»Zunächst sind wir mit Carcass nicht richtig auf Tournee gegangen, sondern haben nur hier und da mal einen Gig gespielt. Unsere erste Tournee haben wir mit Atrocity bestritten. Da habe ich zum ersten Mal die Welt gesehen. Wir waren zwei kleine Bands, die in zwei Vans durch Europa fuhren. Es war sehr chaotisch und jeder Tag ein Abenteuer. Wir hatten kein Geld. Ich glaube sogar, dass wir auf Tour noch Geld verloren haben.«

Habt ihr damals heftig gefeiert?

»Nein. Ich habe nicht viel getrunken, und zu unseren Gigs kamen höchstens ein, zwei Frauen. Der Anteil des weiblichen Publikums war damals deutlich niedriger als heute.«

Erinnerst du dich an eine verrückte Tournee-Party?

»Gefeiert haben wir, als wir 1990 erstmals in den USA mit Death auf Tournee waren. Damals war Cock Rock noch angesagt, und zu unseren Shows kamen tierisch gut aussehende Frauen. Ich hatte Dreadlocks, was zu der Zeit noch ziemlich ungewöhnlich war. Damit zog ich die Frauen an wie ein Magnet, obwohl ich ansonsten alles andere als sexy aussah. Die Damen schauten mir nicht ins Gesicht, sondern auf die Haare. Außerdem war ich sehr schlank und punktete mit einem britischen Akzent. Ich kann nur sagen: Das war ein guter Sommer für mich (lacht).«

Welche Interessen hast du neben der Musik?

»Eigentlich keine. In jungen Jahren habe ich gerne gezeichnet und gemalt, allerdings habe ich mir irgendwann eingestanden, dass das andere Leute besser können als ich. Die Band beschäftigt mich momentan so sehr, dass ich kaum zu anderen Dingen komme. Ich habe mir vor einiger Zeit einen Armee-Truck von 1976 gekauft, den ich rund ein Jahr restauriert habe. Aber momentan habe ich keine Zeit mehr dafür. Ich besitze noch zwei Stubentiger und eine weitere Katze, die wild im Garten lebt. Da ich neben Carcass noch bei Brujeria spiele, verbringe ich viel Zeit im Flugzeug.«

Sammelst du etwas?

»Wegen meines Armee-Trucks bin ich ständig auf eBay, um Ersatzteile zu ersteigern, die man nirgendwo sonst mehr findet und die sehr teuer sind. Vermutlich macht diese Herausforderung den Reiz dieses Hobbys aus.«

Gibt es etwas, wofür du viel Geld ausgibst?

»Ich habe keine teuren Vorlieben, was vermutlich damit zusammenhängt, dass ich mit wenig Geld aufgewachsen bin. Ich bin nicht reich, aber ich kann mir alles leisten, was ich brauche. Einen Learjet und einen Swimmingpool will ich gar nicht haben. Ich besitze ein Haus und zwei Autos, die aber auch keine Lamborghinis sind. Ich hatte viel Glück in meinem Leben.«

Gibt es Orte, die du gerne bereist?

»Mein erster Island-Besuch hat mich enttäuscht. Ich habe damit gerechnet, dass mich das Land umwerfen würde, aber im Endeffekt fand ich es gar nicht so toll. Als ich jünger war, haben mich Dinge mehr beeindruckt. Ich reise gerne durch Mexiko, weil ich die Menschen und ihre Sprache mag. Strände sind nicht so mein Ding. In meiner Freizeit verreise ich nicht. Auf Tournee sieht man viel eher die Realität eines Landes, als wenn man als Tourist unterwegs ist. Ich bin mit meiner Ex-Freundin in Ägypten und Indien gewesen. Aber als Tourist lebst du in isolierten Gebieten und wirst von A nach B transportiert, um in Touristenfallen möglichst viel Geld auszugeben. Reisen macht viel mehr Spaß, wenn man als Band unterwegs ist und mit den falschen Leuten abhängt.«

Erinnerst du dich an einen richtig verrückten Fan?

»Wir waren vor kurzem in Japan unterwegs, wo wir penetrant von einem japanischen Groupie verfolgt wurden. Die Frau hängte sich an mich und tauchte sogar in den Hotels auf, in denen wir übernachteten. Als es mir zu bunt wurde, bat ich eine befreundete Fotografin, so zu tun, als wäre sie mit mir zusammen. Das half. Ab dann war meine Verfolgerin hinter Bill (Steer, Carcass-Gitarrist - cs) her und nervte ihn sehr. Als wir zurück in Europa waren, tauchte sie erneut auf. Irgendwann fanden wir heraus, dass sie abwechselnd uns und Amorphis auflauerte. Die Dame muss sehr reich sein. Sie hat einen Schweizer Pass und dürfte schon an die 50 Jahre alt sein.«

Gibt es eine bekannte Person, die du gerne mal treffen würdest, um dich mit ihr zu unterhalten?

»Ich würde gerne mal einen Menschen wie Paul McCartney treffen, weil das meine Eltern beeindrucken würde. Ansonsten könnte ich mir auch gut vorstellen, einige Pornostars kennenzulernen (lacht).«

Bist du ein politischer Mensch?

»In jungen Jahren war ich ein politischer Mensch. Heutzutage habe ich eine Meinung, aber ich hasse sowohl die Linken als auch die Rechten.«

Stell dir vor, du wüsstest, dass du morgen sterben musst. Wie würdest du deinen letzten Tag verbringen?

»Ich lebe jeden Tag, als wäre es mein letzter. Ich lebe sehr gesund. Ich trinke viel Wasser, schlafe regelmäßig aus und habe eine Menge Sex.«

Stell dir vor, du könntest einen Koffer mit ins Nirwana nehmen. Was würdest du reinpacken?

»Meine Katzen.«

Welcher Song soll auf deiner Beerdigung laufen?

»Zu meiner Beerdigung würde sowieso keiner kommen. Aber für die Leute, die doch auftauchen, würde ich einen Song aussuchen, der sie ärgert. Vermutlich würde ich mich für ´Cowboy Song´ von Thin Lizzy entscheiden.«

DISKOGRAFIE

mit Carcass (Studioalben):

Reek Of Putrefaction (1988)
Symphonies Of Sickness (1989)
Necroticism - Descanting The Insalubrious (1991)
Heartwork (1993)
Swansong (1996)
Surgical Steel (2013)

mit Blackstar:

Barbed Wire Soul (1997)

mit Jeff Walker Und Die Fluffers:

Welcome To Carcass Cuntry (2006)

Pic: Ester Segarra

Bands:
BRUJERIA
CARCASS
Autor:
Conny Schiffbauer

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