Schwatzkasten


Foto: Thorsten Seiffert

Schwatzkasten 19.12.2018, 08:00

NIGHT DEMON - Jarvis Leatherby

Keine Zeit zum Verschnaufen: Gerade eben hat Jarvis Leatherby noch das Rock Hard Festival 2018 an Bass und Mikro von NIGHT DEMON beschallt, schon nimmt er mit Sonnenbrille, letzten Schweißperlen und einem kühlen Aftershow-Bier Platz, um ausschweifend über sein Leben zu schwatzen. Und das ist ganz dem Rock´n´Roll gewidmet – inklusive fliegender Elektronik.

Jarvis, wo bist du aufgewachsen?

»In Ventura, Kalifornien. Das ist eine Stadt am Strand mit einer großen Punkrock-Community. Sie ist eher ein Vorort, etwa eine Stunde nördlich von Los Angeles.«

Bist du früher oft nach Los Angeles gefahren?

»Oh ja! Ich bin quasi auf dem Sunset Strip aufgewachsen und habe dort Konzerte besucht. Damals gab es viele Heavy-Metal-Shows. Das Schöne an L.A. ist, dass du sieben Abende in der Woche Hardrock schauen kannst. Außerdem sind die Labels und das Musikbusiness dort beheimatet. Daher ist es ein guter Ort für eine Band, aber es gibt dort natürlich auch viel Konkurrenz.«

Lebst du immer noch in Ventura?

»Ja, wobei eigentlich alle drei Mitglieder von NIGHT DEMON obdachlos sind. Wir touren eben sehr viel. In der Gegend haben wir ein Studio, in dem wir proben und unsere Platten aufnehmen, sowie ein kleines Apartment, in dem wir ab und an mal übernachten. Unser Drummer Dusty Squires schläft sonst meist in seinem Auto. Aber wir können jeden Tag rocken und rollen. Auf diese Art ist Ventura immer noch unsere Homebase. Wir veranstalten dort auch ein Festival namens Frost And Fire. Es ist das größte traditionelle Heavy-Metal-Festival in den Vereinigten Staaten, darauf sind wir sehr stolz. Ventura ist ein toller Ort zum Leben, aber unser Hab und Gut liegt nur in Lagerräumen. Wenn ich in einem Club in Los Angeles als DJ gebucht werde, dann muss ich erst mal zu meinem Lagerraum fahren und mir meine Plattensammlung anschauen. Ich bin zum Glück sehr organisiert. Vor Jahren hatten wir noch alle Apartments, aber wenn man so oft weg ist, kommt man zurück und fragt sich: „Wie sind die Sachen denn so dreckig geworden? Es war doch niemand hier!“ Die Dinge, die du besitzt, fangen an, dich zu besitzen. Sie erfordern viel Verantwortung. Wenn man sowieso nicht vor Ort ist, dann tut es gut, diese Gegenstände aus seinem Leben und aus seinen Gedanken zu verbannen. Ich bin mir sicher, dass wir uns eines Tages irgendwo niederlassen. Aber jetzt haben wir zum Beispiel in ein paar Wochen einen Termin in Schweden – und anstatt zurückzufliegen, bleiben wir in Hamburg, mieten uns ein Studio und schreiben das nächste Album. Das Gleiche machen wir noch mal im Juli zwischen dem Bang Your Head und Wacken. Wir bleiben einfach vor Ort und versuchen, nicht so sehr am häuslichen Leben zu hängen. Ich besitze zum Beispiel kein Bett. Das ist komisch, aber man gewöhnt sich daran.«

Warst du in der Schule ein Unruhestifter?

»Oh ja, und wie! Ich war auf einer christlichen Privatschule, da meine Eltern eine bessere Ausbildung für mich wollten, als es sie an einer öffentlichen Schule gegeben hätte, nicht aus religiösen Gründen. Dort gab es als Strafen zum einen das Nachsitzen, für das man nach der Schule länger bleiben musste, und zum anderen die Suspendierung, wenn man gar nicht zur Schule kommen durfte. Es gab die Regel, dass man bei siebenmal Nachsitzen oder drei Suspendierungen innerhalb eines Jahres von der Schule fliegt. Vom fünften bis achten Schuljahr hatte ich immer sechsmal Nachsitzen und zwei Suspendierungen auf meiner Rechnung. Ich war immer an der Grenze, weiß aber gar nicht genau, warum das so war. Ich habe noch nie in meinem Leben jemandem Ärger gemacht, weder Freunden noch Familie. Ich bin eben eher der rebellische Typ, und darum ist der Rock´n´Roll der richtige Ort für mich.«

Welche Rolle spielt Religion heutzutage in deinem Leben?

»Gar keine. Ich habe schon in der Schule schlechte Noten im Religionsunterricht bekommen. Wir mussten tatsächlich die Bibel abschreiben, Wort für Wort. Damals war das weniger meine eigene Wahl. Viele mir nahestehende Menschen sind gestorben, und ich habe keinen Beweis für irgendetwas gesehen. Ich habe mein Leben immer so gelebt, wie ich es wollte – daher fällt es mir schwer, an etwas Bestimmtes zu glauben. Ich glaube ans Universum und dass es dort Kräfte gibt. Ich bin ein großer Fan von Meditation, daher würde ich sagen, dass ich eher ein spiritueller als ein religiöser Mensch bin. Organisierte Religion verursacht eine Menge Probleme – besonders in meinem Business (lacht).«

Meditierst du?

»Ja, jeden Tag. Normalerweise sogar zweimal am Tag.«

Sind deine Eltern stolz auf das, was du tust?

»Ja, das sind sie. Mein Vater war übrigens früher in einer Band mit Michael Anthony von Van Halen, weshalb der häufig bei uns zu Hause war. Ich bin jetzt 37 Jahre alt und mache Musik, seit ich 13 bin. Meine Eltern haben mich immer unterstützt, aber je älter ich werde, desto mehr Sorgen machen sie sich. Ganz besonders, als ich in meinen Zwanzigern war: Sie rieten mir immer, noch einen Plan B bereit zu haben. Ein paar Dinge abseits der Musik habe ich auch gemacht: Ich war auf dem College, Grafikdesigner, habe eine Maklerlizenz bekommen und Häuser verkauft, ich war Barkeeper, habe für die Post gearbeitet, Telefonbücher ausgetragen, eine große Audio-Reparaturfirma geleitet und war für Guitar Center über drei Jahre einer der Top-Four-Verkäufer im ganzen Land. Ich bin vielen verschiedenen Berufen nachgegangen, habe aber immer Musik gemacht. An einem gewissen Punkt war es dann nicht mehr nur ein Hobby. Das war aufregend: Ich hatte nichts gespart und musste meinen Job kündigen. Mir wurde bewusst, dass ich mich nicht darum sorgen sollte, was meine Familie oder Freunde sagen, sondern ab und an nun mal der obdachlose Mann auf der Straße sein muss. Aber ich weiß, dass ich mit 100 Prozent Einsatz etwas daraus machen kann. Seit fünf Jahren habe ich nun nicht mehr für jemanden gearbeitet. Als ich aufgrund einer Tour die Hochzeit meiner Schwester verpasst habe, sagte meine Mutter: „Das ist nicht gut, du wirst das noch bereuen!“ Ich sagte ihr, dass die anderen Jungs das Gleiche tun und wir alles für das höhere Wohl des Teams opfern müssen, sogar unsere Privatleben. Wir haben uns diesem Lifestyle verschrieben. Ich würde dieses Leben niemandem empfehlen. Wir haben versucht, andere Dinge zu tun, aber das fühlte sich nicht richtig an. Doch wenn man einmal akzeptiert hat, wer man ist und dass man nun dieses Leben führen wird, dann ist jeder Tag ein Erfolg. Man genießt die Reise, während sie stattfindet, und lebt im Moment. Nichts ist selbstverständlich, denn alles könnte morgen schon vorbei sein. Und dann schaust du zurück und wünschst, dass du es mehr genossen hättest.«

Was ist deine beste und was deine schlechteste Eigenschaft?

»Meine beste Eigenschaft sind Führungsqualitäten, denn ich habe die Macht, viele Leute zu beeinflussen. Dass ich oft bis ins kleinste Detail Anweisungen gebe, ist wohl eine schlechte Eigenschaft von mir. Aber ich möchte, dass Dinge auf eine bestimmte Art ablaufen – da kann ich nichts gegen tun. Eine weitere Schwäche ist vermutlich, dass ich in persönlichen Beziehungen nicht meinen Instinkten vertraue. Frauen sind darin sehr gut, das liegt an der weiblichen Intuition. Männer haben das auch, aber wenn sich etwas falsch anfühlt, dann ignorieren sie das, weil sie ihr Ziel dennoch erreichen wollen. Frauen lassen es sein, wenn sich etwas nicht gut anfühlt. In geschäftlichen Belangen klappt das bei mir aber sehr gut. Außerdem werde ich besser darin, mit Leuten zu kommunizieren. Ich versuche, Konflikten aus dem Weg zu gehen, stehe aber dafür ein, wenn etwas nicht richtig ist.«

Hast du ein Idol?

»Viele, aber je älter ich werde und je mehr sich meine Karriere entwickelt, desto weniger geht es mir um diese Idole. Mein Ziel ist es, diesen Menschen ebenbürtig zu sein. Das passiert auch, und es ist verrückt, darüber nachzudenken. Als ich jünger war, habe ich Leute verehrt, begann aber, meine Idole zu kopieren, statt ich selbst zu sein. Es fällt manchmal schwer, das nicht zu tun. Natürlich gibt es viele Leute, die ich bewundere. Elvis Presley steht auf Platz eins.«

Kannst du dich an den schlechtesten Gig deiner Karriere erinnern?

»Auf unserer ersten Europa-Tour haben wir irgendwo in Spanien gespielt. Die P.A. dort war so klein, dass der Gesang inmitten der Instrumente nicht zu hören war. Also haben wir quasi nur instrumental gespielt. Es waren sehr viele Menschen dort, und der Abend verlief sehr enttäuschend für alle.«

Welches Konzert war das beste, das du aus dem Publikum verfolgt hast?

»Ich habe Kiss 1996 nach ihrer Reunion mit Make-up in Los Angeles im Great Western Forum gesehen. Der Abend hat mein Leben verändert. Außerdem habe ich Metallica auf der gemeinsamen Tour mit Guns N´ Roses in San Diego gesehen – das war auch sehr besonders. Diese Momente haben meinen Willen, Musiker zu sein, noch mehr befeuert. Ein weiteres Highlight war das allererste Ozzfest. Mein Vater hat mich mitgenommen, und ich erzählte ihm, dass ich ein richtiger Musiker werden wolle. Letztes Jahr, 21 Jahre später, haben wir auf dem Ozzfest gespielt, und als Künstler konnte ich dieses Mal meinen Vater mitnehmen. Manchmal braucht es 20 Jahre, aber wenn man sich reinhängt, kann so etwas geschehen.«

Welche drei Alben würdest du mit auf eine einsame Insel nehmen?

»Ich würde Iron Maidens „Live After Death“ mitnehmen, außerdem „Master Of Puppets“ von Metallica – ich höre dieses Album nach wie vor ständig – und als dritte Scheibe „Blizzard Of Ozz“ von Ozzy Osbourne. Das klingt zwar alles nach Mainstream, aber sie sind halt verdammt gut, und wenn ich nur drei haben dürfte, wäre das meine Wahl.«

Was magst du lieber: Vinyl, CDs, Downloads oder Streaming?

»Wenn ich unterwegs bin, kann ich kein Vinyl hören. Daher streame ich viel über Spotify, Tidal und Pandora. Mir gefällt, dass diese Portale den Zugang zu Musik ermöglichen. Ich wünschte, es gäbe dort noch mehr Inhalte wie Albumcover und so etwas. Abgesehen davon, bevorzuge ich aber Vinyl, wobei ich in letzter Zeit ein nostalgisches Faible für CDs entwickelt habe.«

Bist du schon mal verhaftet worden?

»Lustigerweise dachte ich letzte Nacht, dass ich verhaftet werde. Ich habe einen Fernseher aus dem zwölften Stock des Hotels geworfen (wie sich später herausstellt, war der Fernseher eigentlich ein Drucker, was das Ganze nicht weniger gefährlich macht - ir). Heute Morgen war die Polizei da. Wir werden sehen, was passiert – vielleicht werde ich dann heute Nacht verhaftet. Aber immerhin konnte ich noch den heutigen Gig spielen.«

War denn der Fernseher heute Morgen noch da?

»Nein, die Teile lagen ja überall verstreut. Mal sehen... Ich war nicht ganz bei Verstand. Deshalb trinke ich normalerweise nicht so viel, aber letzte Nacht war ziemlich verrückt. Ich bezahle dafür, ich will nicht ins Gefängnis.«

Was war das Blödeste, was du jemals gemacht hast?

»Vermutlich, diesen Fernseher aus dem bescheuerten Fenster zu werfen (lacht). Hm, ich habe die Highschool geschmissen, um mit Bands auf Tour zu gehen. Wobei das eigentlich nicht blöd war, denn ich bin wieder zurückgekehrt und dann aufs College gegangen. Ich wünschte, ich hätte am College mehr Musikkurse belegt. Ich habe mir alles selbst beigebracht. Als ich jünger war, wollte ich keine Theorie pauken, weil ich dachte, dass es das Herz und die Seele aus meiner Musik vertreibt. Das stimmt vielleicht auch, aber wenn ich zurückblicke, würde ich dieses Wissen einfach gern haben. Ansonsten gibt es wirklich viele bescheuerte Dinge, die ich getan habe (lacht).«

Gibt es etwas, das du hasst?

»Eigentlich hasse ich nichts. Modernen HipHop mag ich nicht, da er so linear ist und sich nicht entwickelt, wie so viel moderne Musik. Es gibt ein Riff, und das war´s. Das langweilt mich ziemlich. Ich mag einfach keine moderne Kultur. Daher ist es fein für mich, in einer Untergrund-Band zu sein, und ich erwarte nicht, dass wir irgendwann Mainstream sind. Ich hasse die Mainstream-Medien, weil sie die Menschen dazu zwingen, bestimmte Sachen zu hören und zu glauben. Manche haben keinen Ausweg und leben in kleinen Städten. Das Internet ist super, um neue Dinge zu entdecken. Die Mainstream-Medien und die großen Plattenfirmen sind immer die Letzten, die etwas Gutes entdecken. Wenn sie herausfinden, was organisch und natürlich gut geworden ist, versuchen sie, es künstlich nachzubauen, und es wird nie so gut wie das Original. Stattdessen gibt es plötzlich zu viel davon, und alle beginnen, es zu hassen. Dann geht es mit der nächsten Sache genauso weiter. Es geht immer ums Geld.«

Welche Songs singst du unter der Dusche?

»Oh, das ist eine gute Frage. Ich mag älteren Rock´n´Roll aus den Fünfzigern. In letzter Zeit habe ich einen ganz oft gesungen, es ist ein Song von Bobby Darin. (Singt:) „Every night I hope and pray, a dream lover will come my way...“ Der Song heißt ´Dream Lover´. „I want a dream lover, so I don´t have to dream alone...“«

Was würdest du tun, wenn du einen Tag unsichtbar wärst?

»Darüber denke ich ständig nach! Ich würde gern mal durch ein Gefängnis laufen, nur um zu sehen, wie das ist. Ich war nie in einem und will auch niemals dorthin. Oder ich würde am Flughafen einfach durch die Leute hindurchgehen. Wir fliegen sehr viel, und ich hasse diesen ganzen Prozess, bis man im Flugzeug sitzt. Das ist so ein Krampf! Jetzt gerade würde ich gern hier beim Rock Hard Festival auf die Bühne gehen, mich neben Uli Jon Roth stellen und auf seine Finger schauen. Wenn ich mir eine Superkraft aussuchen könnte, würde ich fliegen wählen. Ich bin richtig verrückt danach.«

Wie würdest du den letzten Tag deines Lebens verbringen?

»Indem ich Rock´n´Roll spiele. Ich möchte auf der Bühne sterben – na ja, nicht wortwörtlich. Ich denke viel darüber nach, denn ich bin nie davon ausgegangen, dass ich alt werde. Ich sehe noch so 15 bis 20 Jahre vor mir. Daher möchte ich genau das hier machen, und zwar auf höchstem Level. Es ist egal, ob da zehn oder 10.000 Leute stehen. Ich möchte immer alles geben und dabei meinen Körper ans Limit bringen. Die Fans mögen das, und ich glaube, dass Metalfans schlauer sind, als viele glauben. Sie können einen Blender aus einer Meile Entfernung riechen. Wir sind daher sehr ehrlich zu unseren Fans und möchten nicht ihre Intelligenz beleidigen. Wenn du so viel unterwegs bist wie wir, ist nicht jeder Tag ein guter. Aber man muss es trotzdem durchziehen und auftreten. Wenn ich die Bühne verlasse, fühle ich mich immer viel besser als vorher. Es gibt keinen Rentenfonds für uns – das, was wir heute tun, bereitet uns auf morgen vor.«

Welchen Song würdest du gern auf deiner Beerdigung hören?

»Es gibt einen Song von Ricky Nelson namens ´Lonesome Town´. Ich habe ihn schon mal gecovert. Er ist sehr traurig, und ich würde wollen, dass meine Version gespielt wird. Es wäre sowieso schön, wenn meine Musik bei meiner Beerdigung läuft. NIGHT DEMON sind meine 36. Band, es gibt also viel Material von mir. Ich habe keine Kinder und werde auch keine haben. Daher denke ich viel über mein Erbe nach. Das besteht in der Musik und den Konzerten. Ich hoffe, dass am Ende meines Lebens jemand sagt, dass ich etwas zur Kunst beigetragen habe. Ich würde gern in den Geschichtsbüchern des Heavy Metal stehen – oder zumindest im Gespräch bleiben.«

www.nightdemon.net

www.facebook.com/nightdemonband

Diskografie

Mit NIGHT DEMON:

Night Demon (EP, 2012)
Curse Of The Damned (2015)
Darkness Remains (2017)
Live Darkness (live, 2018)

Bands:
NIGHT DEMON
Autor:
Isabell Raddatz

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