Classic Albums

Classic Albums 30.08.2017

SANCTUARY - Into The Mirror Black (1990)

Trotz zahlloser euphorischer Kritiken und Göttergaben wie ´Future Tense´, ´Taste Revenge´, ´Seasons Of Destruction´, ´One More Murder´ oder dem tieftraurigen Lamento ´Epitaph´ war das zweite Langeisen des Seattle-Fünfers SANCTUARY kein großer kommerzieller Erfolg. Deshalb ist „Into The Mirror Black“ in der Gemengelage zwischen Power-, US-, Thrash- und traditionellem Heavy Metal auch 27 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung „nur“ ein Geheimtipp.

»Obwohl ich damals ja fast noch ein Baby war, erinnere ich mich noch gut an die Zeit, als wir „Into The Mirror Black“ in Los Angeles aufgenommen haben. Untergebracht wurden wir von unserer Plattenfirma Sony in einer Wohnung in Hollywood, und da im selben Apartmentkomplex auch Kelly Bundy (die Schauspielerin Christina „Dumpfbacke“ Applegate - buf) aus der TV-Serie „Eine schrecklich nette Familie“ wohnte, haben wir jede freie Minute in der Lobby abgehangen, um sie persönlich zu treffen. Leider vergeblich«, lacht Kultsänger Warrel Dane (56), der SANCTUARY 2010 zusammen mit seinem Alter Ego und Bandmitbegründer Lenny Rutledge (g.) nach fast 20-jähriger Pause reaktivierte. »Die meiste Zeit haben wir aber im Studio verbracht, um mit unserem Producer Howard Benson (der sich in der Folgezeit u.a. als Knöpfchendreher von Motörhead, Body Count, Sepultura, Papa Roach und Creed einen guten Namen machen konnte - buf) an den Songs zu feilen. Für mich persönlich war „Into The Mirror Black“ ein Meilenstein, da ich mit der Scheibe meine Bestimmung als Texter gefunden habe, nachdem meine Fantasy-Lyrics auf unserem Debüt „Refuge Denied“ doch ziemlich lächerlich waren. Deshalb kann ich auch nicht nachvollziehen, dass viele SANCTUARY-Fans „Refuge Denied“ als ihr Lieblingsalbum bezeichnen. Für mich ist und bleibt das ganz klar „Into The Mirror Black“.«

Eine Meinung, der ich mich nicht nur im Hinblick auf die intelligenten, sozialkritischen Texte, sondern auch in puncto Songs und Sound anschließen kann. Allerdings hatte auch das von Megadeth-Boss Dave Mustaine produzierte Erstlingswerk seine Reize.

»Warum wir nicht wieder mit Dave zusammengearbeitet haben? Oh boy, das ist eine heikle Frage. Wir standen damals ziemlich unter Druck, mit jemand anderem aufzunehmen, weil viele Leute meinten, dass wir nur ein Anhängsel von Mustaine bzw. Megadeth wären. Und da war Howard eine gute Wahl. Leider war Dave deshalb ziemlich sauer auf uns. Trotzdem lasse ich nichts auf Mustaine kommen, auch wenn ich viele seiner Ansichten nicht teile«, zollt Warrel, der von 1991 bis 2011 bei den derzeit auf Eis liegenden Nevermore sang, dem exzentrischen Rotschopf und ehemaligen Metallica-Gitarristen Respekt, und auch der Kollege Benson hat es Mr. Dane immer noch angetan: »Howard ist ein fantastischer Producer, und da wir super mit ihm auskamen, hätte ich ihn gerne für das Nevermore-Debüt ein paar Jahre später verpflichtet. Leider hatte er kein Interesse, was sich im Endeffekt aber als Glücksfall herausstellte, weil das Album von Neil Kernon (u.a. Queensryche, Dokken, Flotsam And Jetsam, Cannibal Corpse - buf) produziert wurde, den ich persönlich noch höher einschätze als Howard.«

Wobei Mister Benson die für ihre Feierwut berühmt-berüchtigte Kapelle aus dem gut 1.800 Kilometer nördlich gelegenen Seattle während der Recordings gut im Griff hatte, was sicher auch darauf zurückzuführen ist, dass man sich während der gemeinsamen Demoaufnahmen einige Wochen zuvor bereits intensiv beschnuppern konnte.

»Yep, Lenny und ich waren für eine ausgedehnte Songwriting- und Arrangement-Session mit Howard schon einige Zeit vorher in L.A. gewesen. Obwohl ich mit Lenny schon damals seit Längerem befreundet war, haben wir uns eines schönen Abends in unserem Hotelzimmer derart in die Wolle bekommen, dass wir irgendwann am Boden lagen und uns gegenseitig an den Haaren gezogen haben. Überflüssig zu erwähnen, dass dabei reichlich Alkohol im Spiel war und wir uns am nächsten Morgen wieder ganz doll lieb hatten. Während der eigentlichen „Into The Mirror Black“-Produktion haben wir uns dann aber am Riemen gerissen und unseren üblichen Wahnsinn aus dem Studio rausgehalten, sprich ausgesprochen diszipliniert und fokussiert gearbeitet. Dabei fällt mir eine witzige Anekdote ein. In einem der Räume habe ich sechs schwarze Kerzen gefunden, die Ronnie James Dio bei seinem letzten Aufenthalt im Studio zurückgelassen hatte. Diese Kerzen habe ich während meiner Gesangsaufnahmen im Kreis um mich herum aufgebaut und dann angezündet«, grinst Warrel, dem ein Song von „Into The Mirror Black“ ganz besonders ans Herz gewachsen ist.
»´Epitaph´ ist einer der persönlichsten Texte, die ich je geschrieben habe, und mein absoluter Lieblingssong auf der Scheibe. Schließlich versuche ich mit der Nummer den Tod meines Vaters zu verarbeiten. Deshalb hat es auch geschlagene neun Monate gedauert, bis Lenny und ich den Track fertig komponiert hatten, weil wir ständig noch Details verändert haben. Das Stück, auf das ich am wenigsten stolz bin bzw. das ich am schwächsten finde, ist übrigens ´One More Murder´. Andererseits ist das natürlich Geschmackssache, und letzten Endes ist auch dieses Stück eines meiner Babys. Da ich selber keinen Nachwuchs habe, sind alle meine Songs so etwas wie meine Kinder.«

Von denen ´Future Tense´ seinerzeit sogar zu Videoehren kam.

»Den Clip haben wir an dem Tag gedreht, als Stevie Ray Vaughan bei einem Hubschrauberunfall ums Leben kam. Das hat unseren Dreh zwar nicht beeinträchtigt, aber da wir alle große Fans von ihm waren und beim selben Management unter Vertrag standen, ist mir das im Gedächtnis haften geblieben. Das Video ist zwar reichlich cheesy, aber trotzdem ein Klassiker«, meint Warrel, der sich auch noch an die Höhe des Aufnahmebudgets erinnern kann, so als hätten SANCTUARY erst gestern den Betrag vom Majorlabel Epic auf ihr Bandkonto überwiesen bekommen – und kurz darauf aus dem Fenster geworfen.
»Der Vorschuss betrug 75.000 Dollar. Natürlich haben wir die Kohle komplett ausgegeben, weil wir keinen guten Manager hatten. Außerdem waren wir dumme Jungs, die immer brav getan haben, was man uns gesagt hat. Das Budget für „Refuge Denied“ war übrigens doppelt so hoch, d.h. wir haben für die Scheibe sage und schreibe 150.000 Dollar bekommen und auch diese gigantische Summe bis auf den letzten Cent ausgegeben.«

Von den 75.000 Ocken Vorschuss für „Into The Mirror Black“ floss ein nicht mehr näher verifizierbarer Betrag an den Künstler John Halpern, der das Foto des alten Kerls schoss, der auf dem Cover der Scheibe zu sehen ist.

»Die Idee ist auf meinem Mist gewachsen. Das Artwork soll einen Mann symbolisieren, der seiner Kindheit den Rücken zukehrt und als alter Mann in der Zukunft endet. Bei dem Typen handelte es sich übrigens um einen Obdachlosen, den John im Central Park in New York City angesprochen hatte. Ich glaube, er hat 100 Dollar für das Foto bekommen, ohne zu ahnen, dass seine Visage auf dem Albumcover einer Heavy-Metal-Band landen wird«, lacht der langhaarige Blondschopf, um schlagartig ernst zu werden, als die Sprache auf seinen alten Weggefährten und zweiten SANCTUARY-Gitarrero Sean Blosl kommt.
»Sean ist seit einigen Jahren komplett von der Bildfläche verschwunden, und keiner weiß, wo er sich aufhält bzw. ob er noch lebt. Selbst seine Familie hat keinen blassen Dunst, was mit ihm geschehen ist, also auch Lenny nicht, und der ist immerhin sein Cousin. Wir haben vor einiger Zeit leider vergeblich versucht, ihn ausfindig zu machen, weil er Anspruch auf irgendwelche SANCTUARY-Tantiemen hatte. Ich habe mit Sean zwar eine großartige Zeit verbracht, muss aber einräumen, dass er schon immer ein reichlich merkwürdiger Mensch war. Beispielsweise hat er sich seinerzeit sehr für Hexerei und Satanismus interessiert. In dem Zusammenhang kann ich mich noch gut daran erinnern, dass Sean während der Aufnahmen zu „Into The Mirror Black“ ein Gefäß mit Menstruationsblut seiner Frau dabei hatte, um damit satanische Rituale zu praktizieren, als wir den Song ´Communion´ aufnahmen. Soweit ich weiß, ist Sean einige Jahre später zum Buddhismus konvertiert, was definitiv viel positiver ist.«

www.facebook.com/sanctuaryfans
 

DIE SONGS

Future Tense
Taste Revenge
Long Since Dark
Epitaph
Eden Lies Obscured
The Mirror Black
Seasons Of Destruction
One More Murder
Communion

DAS LINE-UP AUF „INTO THE MIRROR BLACK“

Warrel Dane (v.)
Lenny Rutledge (g.)
Sean Blosl (g.)
Jim Sheppard (b.)
Dave Budbill (dr.)
 
 
FAKTEN, FAKTEN, FAKTEN

Songs: 9
Spielzeit: 46:31 Minuten
Produzent: Howard Benson
Studio: Sound City, Van Nuys/Kalifornien
Coverartwork: John Halpern
 
DISKOGRAFIE

Refuge Denied (1988)
Into The Mirror Black (1990)
The Year The Sun Died (2014)
Inception (2017)

Pic: Holger Stratmann

Bands:
SANCTUARY
Autor:
Buffo Schnädelbach

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