Interview

Interview 24.10.2018, 13:12

SWEEPING DEATH - Interview mit dem Tipp des Monats 11/18

Mit „In Lucid“ legen SWEEPING DEATH einen musikalischen Senkrechtstart hin. Mit ihrem ersten Langspieler nach der EP-Kostprobe "Astoria" vom vergangenen Jahr explodieren die fünf hochambitionierten Bayern förmlich in die Szene hinein: Ihre einzigartige Mixtur aus Power Metal, fiesem Thrash-Gebolze und instrumental enorm versierten Prog-Eskapaden, die stellenweise sogar in Richtung Neoklassik zielen, dürfte reihenweise für der Schwerkraft zum Opfer fallende Unterkiefer sorgen. Und hinter allem steht – natürlich – die pure Leidenschaft für die Musik. Fronter Elias Witzigmann plauderte für uns aus dem Nähkästchen.

Elias, zunächst einmal Gratulation! Ihr habt da wirklich eine starke Scheibe abgeliefert!

»Oh danke! Ja, in diesem Album steckt echt richtig viel Arbeit. Dadurch, dass jemand anderes dafür gezahlt hat, haben wir uns so viel Mühe wie noch nie gegeben, die Finanzierung haben wir durch unseren Sieg beim „Metal Only“-Contest gewonnen. Wir haben da letztes Jahr unsere CD hingeschickt und wurden aus allen Einsendungen über mehrere Runden ausgewählt. Als wir erfahren haben, dass wir das Ding gewonnen haben, ging es daran, das neue Album zu schreiben. Wenn jemand anderes dafür bezahlt, dann willst du natürlich auch nicht einfach irgendwas aufnehmen. Du willst ins Studio fahren und das bestmögliche Album schreiben, das du momentan aus der Band herausholen kannst. Und das denke ich haben wir auf jeden Fall geschafft.«

War euer Sieg beim „Metal Only“-Contest also schlussendlich ausschlaggebend, dass wir „In Lucid“ überhaupt in dieser Form zu hören bekommen?

»Sagen wir es mal so: Wir hätten auf jeden Fall weiter Musik gemacht, das war logischerweise von Anfang an der Plan. Der Plan war auch, dass wir mit der Musik weiterkommen, größere Konzerte spielen und in der Szene irgendwie Fuß fassen können. Wir hätten aber definitiv nicht so schnell einen ersten Langspieler an den Start bringen können. Für eine junge Band ist die Finanzierung eines solchen Albums schon ein großes Thema, man muss es neben den Studiokosten natürlich auch pressen lassen, da kommt neues Merch dazu, ein Musikvideo... das muss irgendwer bezahlen. Momentan machen wir wirklich noch alles selbst und deshalb hätte es sonst mit ziemlicher Sicherheit länger gedauert.«

Jetzt ist das Album jedenfalls da und die Arbeit hat sich offensichtlich gelohnt: Wie habt ihr auf die „Tipp des Monats“-Auszeichnung im Rock Hard reagiert?

»Ich wusste das anfangs überhaupt nicht, nur, dass ein Review kommt. Als ich dann die Mitteilung bekam, hab ich mich natürlich total gefreut und die anderen auch. Die Medienreaktionen sind allgemein verdammt geil und es freut uns, dass sich offensichtlich so viele Leute damit auseinandersetzen.«

Eine intensive Auseinandersetzung ist bei eurem komplexen Material auf jeden Fall nötig. Legt ihr besonderen Wert darauf, ein hohes Maß an technischem Anspruch in eure Musik zu bringen? In meinen Augen ist „In Lucid“ doch noch einmal eine deutliche Steigerung zur EP „Astoria“.

»Sagen wir es mal so, die EP war der erste Output, den wir überhaupt als Band auf den Markt gebracht hatten. Wir machen in dieser Konstellation eigentlich schon immer Musik, das hat sich so über die Jahre entwickelt und irgendwann standen wir mit dem Line-Up da, dass wir jetzt haben. Wir kommen aus einem kleinen Dorf in Oberbayern und haben dafür wirklich wahnsinnig gute Musiker in der Band. Und da war natürlich klar, dass wir auf der ersten EP auch zeigen wollten, dass wir sehr wohl zweistimmige Tapping-Soli spielen können. Beim zweiten Album war es anders. Wir wollten Musik machen, die es so noch nicht gibt und die uns selbst auch gefallen würde, wenn wir sie von einer anderen Band hören. Im Endeffekt sollte über allem aber auch ein geiler Song stehen, eingängig und mit einer starken Hookline. Ich lese in den Reviews immer viel über Progressivität, ich muss sagen, ich selbst finde unsere Musik gar nicht so progressiv. Meiner Meinung nach kann man selbst einem Song, der zehn Minuten dauert, sehr gut folgen.«

Auf der anderen Seite zeigt ihr deutliche Einflüsse aus dem Thrash. Reiner Old-School-Thrash-Metal wäre euch andererseits aber zu einfach?

»Für mich war Thrash der absolute Einstieg in den Metal, aber wir haben im ersten Jahr, in dem wir als Band viel unterwegs waren, einfach die Erfahrung gemacht, dass es wahnsinnig viele Thrash-Metal-Bands gibt. Wir wollten von Anfang an Musik machen, die sich absetzt. Wenn du heutzutage anders sein willst, dann darfst du keinen Thrash machen. Meiner Meinung nach wurde jedes gute Thrash-Riff schon geschrieben. Die Innovation liegt in anderen Musikgenres.«

Besonders in der Klassik, was sich anhand zahlreicher neoklassischer Elemente in eurem musikalischen Kosmos leicht erkennen lässt.

»Genau, wir sind alle sehr große Fans von klassischer Musik. Unser Drummer spielt auch Klavier und das sogar länger als Schlagzeug. Am Klavier ist er ein richtiger Virtuose und komponiert dort auch sehr viel. Gerade, wenn du mit all der Musiktheorie vertraut bist, driftest du auf dem Klavier doch gerne mal in eine neoklassische Richtung ab. Klassik übersetzt auf elektrischen Gitarren hört sich einfach absolut geil an!«

Auf gesanglicher Ebene klingst du mittlerweile deutlich vielseitiger: Hast du seit der Veröffentlichung von „Astoria“ viel an deiner Stimme gearbeitet?

»Das neue Album war sehr anstrengend zu singen. Die Melodien darauf kratzen teilweise schon am Limit von dem, was ich kann. Aber klar, ich hatte bereits früher Gesangsunterricht und werde jetzt auch wieder welchen nehmen. Im Gesang steckt viel Arbeit, wie in allen Instrumenten. Was ich singe, ist natürlich auch gut überlegt. Wir saßen lange zusammen und haben viel überlegt, was wir mit den Songs aussagen wollen; für die paar Leute, die sich wirklich damit auseinandersetzen. Ich finde es immer geil, wenn ein Song eine Geschichte erzählen kann. Wir haben ja dieses Zehn-Minuten-Stück auf dem Album, 'Suicide Of A Chiromantist': Der Titel ist von einer Novelle von Oscar Wilde inspiriert, die Geschichte drumherum haben wir uns aber selbst ausgedacht. Um es ganz kurz zu umreißen: Es geht um einen Handleser, der sein Leben lebt, indem er anderen die Zukunft deutet. Er trägt allerdings immer Handschuhe, seine eigenen Lebenslinien sieht er somit also nicht. Irgendwann steigt die Neugier dann aber doch und er merkt, dass er selbst keine Lebenslinien hat. Die Moral von der Geschichte ist, dass man für diese Narben etwas erlebt haben muss. Wenn man seine Zeit immer nur damit verbringt, in den Leben von anderen Leute herumzustochern, dann bleibt das eigene auf der Strecke. Das ist ein schöner Kommentar zu dieser ganzen Social-Media-Geschichte, wie ich finde. Da ich aber Wörter wie Facebook niemals in einem Text verwenden würde, weil ich immer will, dass Musik zeitlos klingt, hat mir diese Metapher sehr gut gefallen.«

Ihr seid eine junge Band, die gerade ziemlich ehrgeizig und mit einem hohen Anspruch an euch selbst durchstartet: Was erwartet ihr euch in Zukunft von der Metal-Szene, in die ihr jetzt hineinwachst?

»Das ist eine schwierige Frage. Umso mehr wir in diese Metal-Szene eingewachsen sind, umso getrübter wird das Bild davon. Für mich ist es so, als würde jeder Metal hören, meine Freunde, alle Kumpels, jeder ist irgendwie in dieser Szene drin. Das verzerrt das Bild natürlich schon. Für mich ist Metal nicht nur Musik, sondern auch ein Gefühl, eine Lebenseinstellung. Ich glaube, dass dieses Gefühl dafür sorgen wird, dass die Musikrichtung überdauert. Klar, gerade Entwicklungen wie Spotify schaden der Szene natürlich enorm, keiner hat mehr die Zeit, sich einen Zehn-Minuten-Song anzuhören. Ich kann auf meinem Handy innerhalb von fünf Minuten auf Milliarden unterschiedliche Titel zugreifen, wieso soll ich mir also die Zeit nehmen, mich mit einem einstündigen Album auseinanderzusetzen? Aber in der Metal-Szene gibt es diese Leute, die da wirklich noch Bock drauf haben.«

Ihr glaubt also daran, dass sich immer noch genügend Hörer die Zeit nehmen und zu einem Album auch mal das Booklet in die Hand nehmen?

»An die müssen wir auch glauben, sonst wäre das, was wir mit unserer Musik machen, von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Ich glaube ganz fest daran, dass es Leute gibt, die Bock auf dieses Gefühl haben, das irgendwo im Metal lauert. Selbst jemand, der die ganze Zeit nur Mainstream-Musik hört, kommt irgendwann an einen Punkt, an dem er zu sich selbst sagt: 'Ich will mehr, da muss es doch mehr geben!'«

Zum Abschluss noch ein anderes Thema: Du hast deinen Zugang zur Musik als Kind mit der Trompete gefunden?

»(Etwas verunsichert) äh...ja? (Lacht)«

Welche Beziehung pflegst du heute zu deinem früheren Instrument? Werden wir bei Sweeping Death vielleicht irgendwann einmal eine Trompete zu hören bekommen?

»(Lacht) Nein, um Gottes Willen! Wenn, dann würde sicherlich nicht ich sie spielen, weil ich das schon gar nicht mehr kann. Ein Orchesteralbum gibt's halt auch schon tausend Mal, also keine Ahnung, ob wir das auch unbedingt machen müssen.«

Im Prog ist fast alles möglich...

»Das stimmt, es gibt auch immer wieder Bands, die bereits bekannte Sachen unglaublich stark umsetzen. Vektor hatten auf ihrem letzten Album einen Chor dabei, den feiere ich total ab! Chöre gab es im Metal natürlich auch schon tausend Mal, aber die haben das wirklich total geil umgesetzt. Zu deiner Frage: Nein! (Herzliches Lachen) Ich werde in der Band auf jeden Fall nie Trompete spielen! Gott bewahre (lacht)!«

Wer weiß, vielleicht kommen irgendwann verborgene Talente zum Vorschein.

»Ach, ich weiß nicht. Ich glaube, dafür hatte ich nie ein großes Talent. Der Simon (Bertl, g. - sb) und der Andreas (Bertl, b. - sb) haben auch früher Fußball gespielt. Wenn die mir jetzt kommen würden, sie haben keine Zeit für die Band, weil sie da ein Spiel haben... das wäre wahrscheinlich das gleiche, wie wenn ich... tja, wobei... naja, lassen wir das (lacht).«

www.sweepingdeath.de
www.facebook.com/SweepingDeath

Bands:
SWEEPING DEATH
Autor:
Simon Bauer

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