Interview


Pics: Ernst Kramer

Interview 13.10.2020, 12:15

INSIDIOUS DISEASE - Traditionell und zeitgemäß

INSIDIOUS DISEASE, die Death-Metal-Supergroup um Silenoz (Dimmu Borgir), Shane Embury (u.a. Napalm Death) und Marc Grewe (ex-Morgoth) war in der vergangenen Dekade immer wieder live in Erscheinung getreten, ohne aber ein neues Album zu veröffentlichen. Nun haben wir Ende 2020 und der „Shadowcast“-Nachfolger „After Death“ bringt neuen Old-School-Death für alle, die nach dem ersten Festival-freien Sommer eine Stärkung für den Herbst brauchen. Wir konnten uns mit Marc ausführlich über Vergangenheit und Gegenwart und persönliche Inspirationen unterhalten.

Marc, „After Death“ ist das zweite INSIDIOUS DISEASE-Album nach zehn Jahren. Einige Songs spielt ihr bereits seit geraumer Zeit live. Wieso hat es es am Ende so lange gedauert?
»Nun, wir haben die ersten Nummern bereits 2012 fertig gestellt und auch schon live gespielt. Allerdings hat es sich dann aufgrund der Veröffentlichungen und Tourverpflichtungen etc. von Dimmu Borgir und Napalm Death doch recht lang hingezogen. Das Album war aber im Grunde schon vor zwei Jahren fertig. Da wir von Nuclear Blast USA gesigned wurden, hat sich das auch recht lange mit dem Vertragsabschluss verzögert. Aber nun ist das Album endlich veröffentlicht. Ist natürlich nicht der beste Zeitpunkt, aber was will man machen?«

Die meisten von euch sind in sehr bekannten Bands aktiv und ihr wohnt weit voneinander entfernt. Wie können wir uns eure Arbeitsweise vorstellen?
»Das ist eigentlich recht einfach. Silenoz schreibt den überwiegenden Teil der Musik und ist mittlerweile sehr gut ausgestattet, so dass dann zu den Riffs im Prinzip schon das Schlagzeug zu hören ist. Er ist ein echter Meister was das angeht. Ich fliege ein bis zweimal im Jahr nach Norwegen, um mit ihm dann an den Songs zu arbeiten und die von mir eingeprobten Gesangsparts vorzustellen bzw. zu verfeinern - das funktioniert echt gut. Wir sind mittlerweile ein eingespieltes Team. Shane schickt ab und an auch mal einige Riffs, die wir dann verwenden. Mit Toni Laureano (Drums - ms), der in Florida lebt und dort der Schlagzeugroadie von Dirk Verbeuren von Megadeth ist, gestaltet sich das Proben natürlich weitaus komplizierter. Wir proben in Norwegen immer mit Lucass Edquist, der auch die Live-Gigs spielt, wenn Toni nicht zur Verfügung steht.«

Silenoz und du habt im Vorfeld ein paar Video-Statements zur Bandhistory und „After Death“ auf Facebook veröffentlicht. Eine Weise auf die man immer wiederkehrende Interviewfragen vermeidet. Darin sprichst du deine Überzeugung an, dass es keinen Death Metal ohne schwere Themen und Sozialkritik geben kann. Hat sich dein Textverständnis von deiner Zeit bei Morgoth bis heute im Detail verändert?
»Die Interviews haben wir schon vor längerer Zeit gemacht. Ich finde das eine gute Sache, wenn man im Vorfeld schon über eine Band einiges erfahren kann. Ja und du hast natürlich Recht (lacht). Es erspart dann auch die Tatsache, dass immer die gleichen Fragen gestellt werden.

Was die Texte betrifft, da war ich eigentlich schon zu Morgoth-Zeiten der Überzeugung, dass man sozialkritische Themen und harte Musik gut verbinden kann. Es hat sich diesbezüglich also nicht viel geändert. Für mich waren immer auch Punkbands relevant und ich bin sozusagen mit Metal und Punk gleichermaßen aufgewachsen. Bei uns in Meschede gab es zwei Lager. Die Punker und die Metaller und es war immer ein nettes Spielchen sich gegenseitig die neusten Scheiben vorzuspielen und dann zu sagen, dass die neue Slayer doch viel härter ist als die letzte Heresy. Insgeheim hat man sich dann aber doch immer auch Kopien von den Punk-Bands gemacht und ich muss sagen, dass ich von Bands wie Discharge, Concrete Sox und dergleichen sehr angetan war. Gerade auch was die Texte betrifft.«

Ebenso sprichst du am Beispiel von 'Enforcers Of The Plague' an, dass viele Themen universell bleiben. Die Menschheit bemächtigt sich der Natur, die mit der Coronakrise gewissermaßen zurückschlägt. Es gibt nach wie vor unzählige Fragen zu Kriegen, Menschenrechten und Tierschutz. Wie wichtig ist euch Position zu beziehen? Insbesondere Profimusiker sind ja darauf angewiesen, eine möglichst breite Fanbasis anzusprechen, um Platten zu verkaufen.
»Also die Texte sind schon wichtig, aber ich möchte hier auch nicht zu sehr ins Detail gehen. Letztlich habe ich natürlich eine Grundhaltung und die spiegelt sich auch in den Texten wieder. Ich möchte aber, dass sich der Hörer selbst ein Bild davon macht, wie die Texte gemeint sein könnten und was der Hörer dort hinein interpretiert, ist doch auch etwas, was die eigene Phantasie anregen kann. So ging es mir immer, wenn ich in den Achtzigern mit den Texten auf den Knien meine Platten gehört und vielleicht erst später erfahren habe, dass der und der Song durchaus anders gemeint war.«

Deine Vocals sind auf dem Album nah an Thrash-Shouts und weniger an Death-Metal-Growls. Hast du dir darüber Gedanken gemacht? Besonders auf dem Song 'An End Date With The World' hören wir viel Dynamik und Variabilität – aber der Song sticht auch musikalisch mit sehr viel Abwechslung hervor.
»Interessant, dass du das erwähnst. Ehrlich gesagt, habe ich mir darüber keine Gedanken gemacht und finde, dass ich eigentlich wie immer klinge. Vielleicht hat sich die Stimme in den letzten Jahren aber auch ein wenig verändert. Mir ist es eigentlich immer wichtig gewesen, dass man durchaus noch verstehen kann, was ich da von mir gebe. Wir haben mit Jörgen Sandström (Ex-Grave) und Kam Lee (Massacre) zwei echte Old-School-Stil-Ikonen als Gastsänger dabei und du hast natürlich Recht, dass beide im Vergleich zu meiner Stimme tiefer growlen.«

Die Mehrheit der Songs ist im walzenden Midtempo-Death-Metal gehalten, bringen aber auch mal sehr schleppende Doom-Momente, Punk-Erinnerungen und Blastbeat-Ausbrüche – zum Beispiel in 'Divine Fire' oder 'Secret Sorcery' – mit ein. Werden die Arrangements im Vorfeld von den Gitarristen und eurem Drummer angelegt?
»Im Prinzip schon. Wie ich ja schon erwähnte, ist Silenoz derjenige, der den größten Teil des Arrangements vorgibt. Auch was das Schlagzeug angeht. Natürlich kann man einem Toni Laureano nicht alles vorschreiben, aber er bekommt ja die Songs im Vorfeld auch zu hören und ändert vielleicht hier und da mal einen Part. Ich glaube, dass die Songs nicht mehr ganz so schnell sind wie auf unserem Debüt. Das liegt auch daran, dass ich diesmal beim Songwriting mehr Input geben konnte, und mir diese Parts einfach besser liegen. Ich mag Blastbeats als Stilmittel, aber wenn es nur Geblaste ist, wird mir das zu anstrengend (lacht).«

Die aktuellen Bandfotos zeigen Shane, Silenoz und dich. Hatten die anderen keine Gelegenheit dabei zu sein, oder seht ihr drei euch einfach als Kern der Band?
»Die Fotos sind während unseres Videodrehs zu 'Invisible War' im September entstanden. Das war hier in Deutschland in einem alten Weltkriegsbunker und zu der Zeit als die Corona-Zahlen wieder stiegen und es keine Möglichkeit für Toni gab, die USA zu verlassen. Bei Terje Andersen (zweiter Gitarrist – ms) ist es so, dass er einen Job im Kulturbetrieb der Stadt Oslo hat und bei seiner Rückkehr aus Deutschland 14 Tage in Quarantäne hätte gehen müssen.«

Das Cover-Artwork von Dan Seagrave ist „klassisch Neunziger-Death Metal“, aber farblich zurückhaltender. Es zeigt einen monumentalen Tempel mit vielen Totenstatuen und einem Menschen, der das Tor ins Jenseits durchschreitet. Welche persönlichen Gedanken habt ihr ihm zur Gestaltung mitgegeben?
»Wir haben Dan auf dem Inferno Festival in Oslo 2017 kennengelernt. Dort hatte er mit einigen anderen namhaften Coverkünstlern ein Ausstellung. Er hat sich unseren Gig angeschaut und kam nach der Show zu uns und war von uns wohl so sehr angetan, dass er fragte, ob wir ein Cover von ihm haben wollen. Wir wussten erst gar nicht, wer er war, denn natürlich kennt man die meisten seiner Cover und hat sie im Plattenregal stehen, aber ein Bild von Dan als Person hatte ich jedenfalls nicht im Kopf. Wir hatten den Albumtitel „After Death“ schon im Hinterkopf. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass wir in dem Entstehungsprozess des Albums diverse Verluste durchzustehen hatten. Darunter den Tod meines Vaters 2015 und das Ende einer Beziehung. Wir nannten ihm also den Titel und zwei Wochen später kam Dan schon mit einem Entwurf, der im Prinzip den Nagel auf den Kopf traf. Es war wirklich ein glücklicher Zufall, dass wir uns kennengelernt und sofort „eine Sprache“ gesprochen haben.«

Plant ihr in der aktuellen Situation langfristig für die Zukunft? Viele eurer Fans werden sich freuen, wenn das nächste Album schon vor 2030 kommt.
»Haha, ich hoffe mal nicht, dass es wieder solange dauern wird. Wir haben schon fünf Songs fertig, zu denen ich allerdings noch keine Texte habe. Aber wenn alles gut läuft, könnte es schon in ein bis zwei Jahren den Nachfolger geben!«

www.facebook.com/InsidiousDisease

Bands:
INSIDIOUS DISEASE
Autor:
Meredith Schmiedeskamp

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