ToneTalk


Foto: Mick Payton

ToneTalk 19.06.2019, 08:00

DIAMOND HEAD - »Ich wollte Black Sabbath übertrumpfen«

Brian Tatler und seine Band DIAMOND HEAD gehören seit mehr als 40 Jahren zum Fundament des britischen Metal und haben deutliche Spuren im Sound von Metallica hinterlassen, die sich im Laufe ihrer Karriere gleich mehrere DIAMOND HEAD-Songs vorgeknöpft haben. Im entspannten Tonetalk über Gitarren, Geld und Gelegenheiten besticht der 59-Jährige durch britische Höflichkeit und positive Dankbarkeit.

Brian, wie bist du Gitarrist geworden?

»Mein sechs Jahre älterer Bruder David hat sich eine Gitarre angeschafft, als ich etwa acht war. Wenn er zu Hause darauf spielte, wurde ich neugierig. Als ich ungefähr elf Jahre alt war, wollte er es mir gern beibringen. Aber ich fand es zu schwierig und habe die Gitarre immer wieder zur Seite gelegt. Eines Tages, im Alter von 14 oder 15, hat mich das Virus dann doch erwischt, und ich war bereit, Zeit ins Üben zu investieren. Mein Bruder kaufte also eine zweite Gitarre und gab mir seine alte, die etwa 14 Pfund gekostet hat. Ich versuchte, Songs von Bands wie Deep Purple, Black Sabbath und Led Zeppelin einzustudieren. Mit 16 gründete ich schließlich in meinem Schlafzimmer DIAMOND HEAD. Seitdem spiele ich, also schon mehr als 40 Jahre, und ich tue es immer noch sehr gern. Ich versuche nach wie vor, jeden Tag zu üben.«

Wie bist du bei der Gibson Flying V gelandet, die zu deinen Markenzeichen gehört?

»Ich war und bin immer noch ein Fan von Michael Schenker. Er spielt eine Flying V, weshalb ich auch eine haben wollte. Als ich die Schule verließ, habe ich als Automechaniker gearbeitet. Den Lohn habe ich zur Seite gelegt, bis ich mir die 1979er Flying V endlich kaufen konnte. Zunächst fand ich, dass sie sich merkwürdig spielt. Aber es war zu spät, ich hatte sie ja schließlich schon bezahlt. Ich hoffte, dass ich mich daran gewöhnen würde. Die Gitarre wurde letztendlich ein Teil meines Image. Es gibt sehr viele Bilder, auf denen ich sie spiele. Die Menschen erwarten das von mir. Allerdings habe ich sie nicht immer dabei. Sie ist mittlerweile etwas instabil geworden, denn ihr Hals ist über die Jahre schon etwa fünfmal gebrochen. Daher nehme ich auf Tour meist eine Les Paul mit. Die Flying V bleibt zu Hause.«

Hast du keine Ersatz-V?

»Ich habe noch eine schwarze, die ich in letzter Zeit auch häufiger benutzt habe. Die spielt sich auch ganz gut. Wenn man aber mal mit einer Les Paul angefangen hat, kommt da nichts mehr drüber. Ich habe sie seit den frühen Achtzigern. Die V sieht zwar gut aus, aber ich spiele lieber die Les Paul. Das hat etwas mit der Form, dem Gefühl und dem Hals zu tun. Es ist ein solides Stück Holz, und selbst wenn die Gitarre runterfällt, ist alles gut. Sie ist sehr zuverlässig.«

Spielst du noch Engl-Verstärker?

»Nein, mittlerweile nehme ich Cornfords. Ich habe früher viel Engl gespielt, und wenn wir auf Tour sind, mieten wir auch oft noch Engl-Amps oder Marshalls oder auch mal Mesa/Boogies. Der Cornford klingt wie ein Marshall mit Overdrive. Die Firma gibt es mittlerweile nicht mehr, aber ich mag sie. Ich habe meinen Cornford aus zweiter Hand von einem Freund gekauft.«

Kannst du dich noch an das erste Riff oder Solo erinnern, das du spielen konntest?

»Das war ´Smoke On The Water´ auf einer Saite und mit einem Finger – in der falschen Tonart (lacht). Die meisten Leute spielen den Song auf der E-Saite, aber er ist in G. Das hat bei mir auch eine Weile gebraucht. Wenn man es dann mal wie Ritchie Blackmore spielt, klingt es plötzlich so wie auf Platte. Aber es war schon aufregend, das Döp-Döp-Döööp auf einer Saite spielen zu können. Ob man mit Freunden oder der Familie zusammensaß, irgendwer sagte immer: „Oh, das kenne ich!“ Das war ein schönes Gefühl.«

Wer waren deine Gitarristen-Vorbilder?

»Ritchie Blackmore steht an erster Stelle. Ich wollte immer das Solo aus ´Highway Star´ spielen, ich liebe es! Das ist echt schwer, aber bei mir hat es geklappt. Von Michael Schenker gefällt mir beispielsweise ´Lights Out´ – mit UFO – oder ´Lost Horizons´ von seinem ersten Soloalbum („The Michael Schenker Group“, 1980 - ir). Ich wollte unbedingt genauso spielen können. Dann mochte ich noch Van Halen. Und Jimmy Page, der als Songwriter, Komponist, Lead- und Riff-Gitarrist ein Allrounder ist. Er hat sehr viel für die Rockgitarre getan. Ich bin ein großer Fan. Tony Iommi mag ich auch sehr gern, vor allem sein Songwriting. Er hat einige der besten Riffs aller Zeiten geschrieben. ´Symptom Of The Universe´ hat mich beispielsweise dazu inspiriert, ´Am I Evil?´ zu schreiben: Das Riff war das heftigste, das ich damals je gehört hatte. Also versuchte ich, etwas Härteres zu schreiben, und wollte damit Sabbath übertrumpfen. Ich glaube, das mache ich heute immer noch: nach dem härtesten, dunkelsten Riff zu suchen und dann zu versuchen, es zu überbieten. Das geht ganz natürlich immer weiter (lacht).«

Wie wichtig ist dir der Do-It-Yourself-Aspekt, den du seit Anbeginn von DIAMOND HEAD durchgezogen hast?

»Wir sind damals auf eigene Faust gestartet und haben auch in den letzten 18 Jahren sehr viel selbst gemacht. Es ist für uns einfach ein Weg, etwas zu schaffen, und dient nicht dazu, die Kontrolle über alles zu behalten. Wenn es kein anderer tun will, mache ich es eben selbst. Die Band bedeutet viel Arbeit, und vieles hätten wir nicht realisiert, wäre nicht einer von uns aufgestanden und hätte es in die Hand genommen. Wir sind nun mal nicht in der Position, dass wir ein Label oder Management mit viel Geld haben, die das Personal bezahlen, das sich kümmert. Die Band sitzt zusammen in einem Van. Wir bauen unser Equipment selbst auf und haben auch keinen eigenen Front-Of-House-Mischer. Wir müssen die Kosten niedrig halten, denn wir können nicht pro Nacht 20.000 Pfund verlangen.«

Ist das Musikerleben für dich über die Jahre einfacher geworden?

»Nein, nicht wirklich. Songs schreiben ist anstrengend, an Soli arbeiten ist anstrengend, zehn Stunden lang in einem Van sitzen wird immer anstrengend bleiben, Reisen generell… Wenn man älter wird, ist alles noch viel ermüdender, denn man braucht mehr Zeit zur Erholung. Das wirst du irgendwann auch mal erleben (lacht).«

Das befürchte ich… An welchem Punkt hast du dich einst dazu entschieden, DIAMOND HEAD hauptberuflich zu machen?

»Als ich 20 war. 1980 hatte ich seit vier Jahren einen Job als Automechaniker. Es wurden immer mehr Gigs, und die Plattenfirmen schnüffelten um uns herum. Da dachte ich mir: „Ich lege es drauf an, kündige meinen Job und probiere es aus. Wenn es klappt, ist es gut – und wenn nicht, dann nicht.“ Ich konnte es mir gegenüber nicht rechtfertigen, wenn ich es lasse und später bereue. Man muss damit anfangen, wenn man jung ist. Keiner will eine 50 Jahre alte Truppe unter Vertrag nehmen. Die Labels wollen eine Band mit 20-Jährigen, die zehn Alben aufnehmen kann. Ich musste das Risiko eingehen.«

Hattest du Momente, in denen du unsicher warst, die richtige Entscheidung getroffen zu haben?

»Nein, bis heute nicht. Klar gab es Zeiten, in denen ich kein Geld hatte. Aber ich habe es nie bereut, den Job geschmissen zu haben. Es ist schwer, als Musiker Erfolg zu haben – vielen gelingt das nicht. Es gibt oben nur ein paar Große, alle anderen haben damit Probleme. Ich bin froh, dass ich es durchgezogen habe. Ich kann mein Leben damit finanzieren, habe ein eigenes Haus und solche Dinge. Es gibt nun mal Zeiten, in denen es hart ist, und Zeiten, in denen alles brillant läuft (lacht).«

Sicherlich hat es dir geholfen, dass ihr von anderen Bands unterstützt wurdet.

»Oh ja! Die Tantiemen haben sehr geholfen. Ungefähr seit 1990 sind die Einnahmen über die Verlage und die von Metallica gecoverten Songs ein zusätzliches Einkommen für mich. Das war eine große Hilfe, ohne die ich wirklich Probleme bekommen hätte. Nicht jeder hat das Glück, dass seine Lieder von einer der größten Bands aller Zeiten gecovert werden. ´Am I Evil?´ ist auf 18 verschiedenen Metallica-Veröffentlichungen zu hören. Das generiert fortlaufend Geld. Ohne das wüsste ich nicht, wo ich jetzt wäre… (lacht).«

Dann enthält ´Am I Evil?´ also wirklich das wichtigste Riff, das du je geschrieben hast.

»Ja, es bringt das meiste Geld und ist das bekannteste Riff. Einer der besten Songs, die ich mitgeschrieben habe. Er funktioniert immer gut. Wir sparen ihn stets für das Ende des Sets auf, denn es gibt nichts, was ihm nachfolgen könnte. Ich habe noch nie einen Gig ohne das Lied absolviert.«

Diskografie (Studioalben)

Lightning To The Nations (1980)
Borrowed Time (1982)
Canterbury (1983)
Death And Progress (1993)
All Will Be Revealed (2005)
What´s In Your Head? (2007)
Diamond Head (2016)
The Coffin Train (2019)

Bands:
DIAMOND HEAD
Autor:
Isabell Raddatz

Melde dich für unseren Newsletter an und verpasse nie mehr die wichtigsten Infos

Diese Seite verwendet Cookies. Erfahrt in unserer Datenschutzerklärung mehr darüber, wie wir Cookies einsetzen und wie Ihr Eure Einstellungen ändern und Cookies deaktivieren könnt. Darüber hinaus verwenden wir Cookies Dritter für die Einbindung audiovisueller Inhalte durch Youtube, Spotify und Soundcloud. Dem könnt ihr hier zustimmen oder dies ablehnen. Datenschutzerklärung ansehen.