Kolumne

Kolumne 18.01.2021, 18:02

ICED EARTH - Die Verblendung

Unser Herausgeber Holger Stratmann kennt Iced Earth-Boss Jon Schaffer seit über 30 Jahren und hatte zu dem Musiker noch am Vortag der Erstürmung des Kapitols am 6. Januar Kontakt. Ein Kommentar.

Der Sturm des Kapitols unter Beteiligung von Jon Schaffer beschäftigt mich seit einigen Tagen. Das geht vielen (ehemaligen) Fans der Band sicher so, und natürlich allen, die Jon persönlich kennen. Und das sind in Deutschland nicht gerade wenige. Mindestens seine Plattenfirma Century Media, als auch das seine Karriere begleitende Rock Hard oder Blind Guardian-Vorsteher Hansi Kürsch, mit dem Schaffer das Projekt Demons & Wizards unterhält. Eine Erklärung fällt immer noch schwer.

Das Bild von Schaffers wütend verzerrtem Gesicht im Inneren des Gebäudes ging um die Welt. Es erschien bei einer der bekanntesten Foto- bzw. Nachrichtenagenturen, wurde umgehend bei Spiegel Online reproduziert und machte die Online-Berichterstattung des reichweitenstarken britischen Guardian auf, eine Reporterin der Welt sprach mit dem Gitarristen bereits bei einer Demonstration in Washington, D.C. am 15.November 2020.

Am Tag nach der Erstürmung des Kapitols veröffentlichte das FBI Fahndungsfotos und bat die Bevölkerung um Mithilfe bei der Identifizierung der Personen. Neben dem gehörnten QAnon-Knilch und einem republikanischen Abgeordneten aus West Virginia, wurde der Musiker mit am schnellsten erkannt. Corona-Masken trägt man in diesen Kreisen ja eher selten. Die Fotos dokumentieren wahrscheinlich auch, dass Schaffer eine Art hochdosiertes Pfefferspray ("Bärenspray") mit sich führte. Falls der Einsatz nachgewiesen werden kann, droht ihm eine längere Haftstrafe. Für Iced Earth-Fans ist aber noch etwas anderes relevant: Es spricht leider einiges dafür, dass er stolz auf seine Taten ist.

Der Zufall will, dass wir kurz vor diesem bizarren "Event" bezüglich einer Interviewanfrage per Email Kontakt haben. Jon schreibt von einem Rastplatz, dass er auf dem Weg nach "DC" sei, um an einer Demonstration teilzunehmen, nicht seine erste. Das Interview würde er gerne geben, obwohl er lieber ausführlich über diese große Sache aufklären würde. Es sei unglaublich, mit welcher "Geschwindigkeit sich alles entfalten würde", und dass es an der Zeit sei, sich gegen diese "Tyrannei" zu stellen. Am Donnerstagabend sei er wieder zurück, wenn nichts dazwischen kommt. Der genaue Wortlaut ist schwer zu übersetzen, ich kapierte es auch erst gar nicht. Jetzt schon.

Bei der Erstürmung des Kapitols trug der Musiker gut sichtbar eine Kappe der "Oath Keepers" mit dem Zusatz "Life Time Member". So etwas trägt man nicht, wenn man sich nicht vollumfänglich damit identifiziert. Diese Bewegung kann man mittlerweile allerdings ganz sicher als "dubios" bezeichnen. Es ist eine Waffen tragende Organisation ehemaliger Polizisten und Militärs, die sich offiziell dazu berufen fühlt, die Verfassung zu schützen. Ein Thema, das auch Schaffer in Interviews immer wieder auf die Tagesordnung setzte. Freiheit und Demokratie gehören verteidigt, dagegen lässt sich schlecht argumentieren, nur mit der Gesetzestreue nahm man es diesmal nicht mehr so genau. Das FBI ermittelt wegen Hausfriedensbruch, Gewaltdelikten und Diebstahl. Täglich werden neue Enthüllungen publik. Im Umkreis des Kapitols wurden Sprengsätze gefunden, möglicherweise sollte ein Politiker entführt oder gar hingerichtet werden. Es sind auch fünf Menschen bei dieser Aktion gestorben, es gab Schwerverletzte, der Imageverlust für die USA ist zudem unbeschreiblich. Die FBI-Direktoren haben öffentlich angekündigt, jeden einzelnen Täter aufzuspüren und zur Rechenschaft zu ziehen, da ist richtig Druck auf dem Kessel. Man spricht von "Inlands-Terrorismus."

Letztlich sind die "Oath Keepers" nichts anderes als eine paramilitärische Einheit. Eine von zwei Dutzend in den USA, deren Existenz der Waffenindustrie nicht nur gute Geschäfte ermöglicht, sondern die sich auch über eine Art "Freiheitskampf" zu legitimieren versucht und sich auf lokaler Ebene anmaßt, "Polizeiaufgaben" zu erledigen. Zur Verschwörungserzählung dieser Gruppierung zählt, dass eine demokratische Regierung eines Tages den amerikanischen Bürgern die Waffen abnimmt. Wer sich widersetzt, landet in Konzentrationslagern. Und gesteuert werden die Politikermarionetten vom "Deep State", der geheimen Weltregierung, die ohnehin längst alles unterwandert hat. Diese Story kommt Iced Earth-Fans bekannt vor, sie findet sich so oder ähnlich auf zahlreichen Alben. Trotzdem dachte man eher an Fantasy. Zuletzt hatte Schaffer von gefälschten Covid-19-Fallstatistiken schwadroniert und die Ansage gemacht, eine Zwangsimpfung sei für ihn eine "rote Linie" (um an einem Befreiungskampf teilzunehmen?).

Schaffer muss sich jahrelang durch zahlreiche Bücher und Websites gefressen haben, immer auf der Suche nach einer "alternativen" Wahrheit und angestachelt von radikalen Einpeitschern wie Alex Jones, dessen rechte Website "Infowars" sich als "The Most Banned Network In The World" rühmt. Zu seinen Favoriten gehört "The Creature From Jekyll Island" von G. Edward Griffin, einem Kultautor der rechten Verschwörerszene. Griffin glaubt laut Wikipedia natürlich auch an Chemtrails und dass HIV gar nicht existiert. 2011 sitzt Schaffer in Jones Sendung und berichtet mit lieben Augen vom Schlüsselerlebnis, das dieses Buch in ihm auslöste.

Ebenso inspiriert von Neil Peart (Rush, sic!) und Roger Waters (Pink Floyd) wähnte sich Schaffer zuletzt auf einer Mission, um das Schlimmste zu verhindern. Die "Plandemic" der neuen Weltregierung werde die Dritte Welt ins Chaos stürzen und den USA zumindest Tyrannei und Rassentrennung bringen, sagt Schaffer der Welt-Reporterin im Brustton der Überzeugung. Er sieht sich tatsächlich als edlen Freiheitskämpfer, Rassismus oder religiöser Überschwang sind ihm (und das sagen alle, die ihn persönlich kennen) völlig fremd. Dass zahlreiche Rechtsradikale dort mitmarschieren, die mitnichten an seinen liberalen Ideen interessiert sind, scheint er gar nicht mitzukriegen. Es lässt aber den Grad der Verblendung erkennen.

Der Spott grassiert bereits ("Flat Earth"), und die Kommentar-Spalte für die Kickstarter-Kampagne seines Buches (immerhin von Hardcore-Fans, die investiert haben) liest sich entsprechend. Ein User schrieb süffisant über die 9/11-Bilder des 'When The Eagles Cries'-Videos, dass Schaffer jetzt auf der gleichen Fahndungsliste wie Osama Bin Laden stehe. Andere sind nur enttäuscht und entsetzt. Anders als Phil Anselmo kann sich Schaffer in ein paar Monaten allerdings nicht darauf berufen, betrunken gewesen zu sein. Mitleid braucht es also nicht, aber eine tragische Figur ist Schaffer ganz gewiss. Warum wirft jemand eine Musiker-Karriere weg, die er sich über Jahrzehnte mühsam mit Schweiß und Tränen aufgebaut hat? Wegen der beknackten Idee eines "Tiefenstaats"? Ich bin immer noch fassungslos. Ich kann nur hoffen, dass Schaffer irgendwann psychologisch gut geschulte Staatsvertreter gegenübertreten, die seinen Wahn allmählich zum Einsturz bringen. Keine Folterknechte eines imaginären Bond-Bösewicht-Staats, sondern Menschen wie du und ich.

Eine ausführliche Version dieses Kommentars könnt ihr in Ausgabe 405 lesen, die am 24.2. erscheint.

Bands:
ICED EARTH
Autor:
Holger Stratmann

Melde dich für unseren Newsletter an und verpasse nie mehr die wichtigsten Infos