Classic Albums

Classic Albums 27.09.2017

DEF LEPPARD - Hysteria (1987)

Mit „Hysteria“ haben sich DEF LEPPARD vor 30 Jahren endgültig als Superstars etabliert. Im Rock-Hard-Gespräch gibt Gitarrist Phil Collen zu, dass die Platte ihren Durchbruch vor allem Floridas Stripperinnen zu verdanken hat, und erinnert sich an den ersten Rockstar-Moment seines Lebens.

Phil, anlässlich der Veröffentlichung des „Hysteria“-Deluxe-Boxsets gibst du momentan Interviews. Erstaunt es dich, dass die Platte 30 Jahre nach der Erstveröffentlichung für Fans und Journalisten immer noch so große Relevanz besitzt?

»Nicht wirklich. Das ist genau das, was unser Produzent Mutt Lange bei den Aufnahmen erreichen wollte. Aber wenn man sich etwas vornimmt, muss das natürlich nicht immer funktionieren. Bei „Hysteria“ hat es aber nachweislich geklappt (grinst). Wir als Band wussten, dass wir ein starkes Album eingespielt hatten, doch mit dem riesigen Erfolg haben wir nicht gerechnet. „Hysteria“ ist ganz klar das erfolgreichste und wichtigste Album in der Karriere von DEF LEPPARD, und ich bin stolz auf das, was wir geschaffen haben.«

Bemerkenswert ist auch, dass die Platte in Würde gealtert ist und immer noch fantastisch klingt.

»Ich bin vor Kurzem zusammen mit Joe Satriani im Rahmen der „G4 Experience Tour“ aufgetreten und habe dabei ´Hysteria´ gespielt. Joe und die übrigen Gitarristen haben mir dann erzählt, was diese Nummer für einen Einfluss auf sie gehabt hat und was sie dachten, als sie den Song zum ersten Mal im Radio hörten. Für einen Musiker ist es die größtmögliche Bestätigung, wenn er von seinen Kollegen gelobt wird.«

Es ist also kein Problem für dich, auch 30 Jahre nach der Erstveröffentlichung Fragen zu „Hysteria“ zu beantworten?

»Überhaupt nicht, denn seit 30 Jahren lebe ich mit dem Album. Eine Menge Songs von „Hysteria“ stehen in unserem Liveset, momentan sind es sieben Stück, und ich denke, dass ein DEF LEPPARD-Konzert ohne diese Songs unvollständig wäre. Das waren unsere größten Hits, und die wollen die Fans natürlich auch live hören. Das Tolle daran ist, dass wir immer noch eine Menge Spaß haben, wenn wir die Sachen spielen. Die harte Arbeit, die wir beim Songwriting investierten, hat sich definitiv ausgezahlt. Nur die Coverfotos von uns sehen nach all den Jahren ein bisschen komisch aus (lacht).«

Gibt es eine Nummer auf dem Album, die du anlässlich der Wiederveröffentlichung für dich neu entdeckt hast? Eine, die es nicht in euren Liveset geschafft hat?

»Einige Raritäten und Single-B-Seiten haben mich überrascht. Die Sachen hatte ich gar nicht mehr alle auf dem Schirm. Joe (Elliot, v. - tk) ist der Chefarchivar von DEF LEPPARD und sammelt wirklich alles, was wir je aufgenommen und veröffentlicht haben. Die Liveaufnahmen von der „Hysteria“-Tour haben auch einige Erinnerungen bei mir ausgelöst. Das kommt einem dann schon ein wenig surreal vor und hat etwas von einem Zeitsprung.«

Hast du einen persönlichen Lieblingssong auf „Hysteria“?

»Nein, mir gefallen eigentlich alle. Das Titelstück ist natürlich besonders. Als ich das bei der „G4 Experience“ gespielt habe, übernahm Paul Gilbert (Mr. Big - tk) übrigens die Backing-Vocals. Aber für mich hat jeder einzelne Song eine besondere Bedeutung. ´Animal´ war unser endgültiger Durchbruch in England und chartete in mehreren Ländern in den Top Ten. ´Pour Some Sugar On Me´ ging in Amerika durch die Decke, ´Love Bites´ war Nummer eins in den USA, in den Billboard-Single-Charts. Jeder Song auf „Hysteria“ hat seine ganz eigene Geschichte und Bedeutung für uns. Toll ist auch, dass das Album so vielseitig ist. Man merkt, dass wir die unterschiedlichsten Einflüsse beim Songwriting eingebracht haben. Das waren nicht nur die üblichen Rockbands, die damals am Start waren, sondern auch Sachen wie The Police oder Prince, Grandmaster Flash oder Public Enemy. Wir waren allen Genres gegenüber aufgeschlossen, und das hört man dem Album an. Rockmusik wurde damals poppiger und öffnete sich für den Mainstream-Markt.«

Bis zum heutigen Tag hat sich „Hysteria“ weltweit 25 Millionen Mal verkauft, alleine in den USA konntet ihr über zwölf Millionen Exemplare absetzten. Dabei kam die Platte anfangs eher schleppend aus den Startlöchern.

»´Women´ war die erste Single, aber der Song schaffte es nicht, die Albumverkäufe nennenswert anzukurbeln. Irgendwann tat sich gar nichts mehr, und zu dem Zeitpunkt hatten wir bei unserem Label immer noch Schulden in Höhe von zweieinhalb Millionen Dollar.«

Was war das für ein Gefühl?

»Kein schönes (lacht). Es überwog aber die Enttäuschung, denn wir waren uns sicher, unser bisher bestes Album abgeliefert zu haben. Dass die Fans das anscheinend anders sahen, war ein schwerer Schlag. Aber dann erschien zum Glück ´Pour Some Sugar On Me´, in Florida zogen sich zu der Nummer einige Stripperinnen aus, und nach und nach wurden die Radiostationen mit Anfragen von den Hörern bombardiert. In dem Moment startete das Album durch wie eine Rakete. Innerhalb weniger Wochen entwickelte sich „Hysteria“ vom Flop zur besten Sache seit der Erfindung von geschnittenem Brot (lacht). Diese Stimmung in der Band, die anfängliche Verständnislosigkeit darüber, dass sich die Platte nicht verkaufen wollte, und der dann einsetzende Erfolg sind Erinnerungen, die ich 30 Jahre später wieder durchlebe. Auch die damit einhergehende Berühmtheit und die Egoprobleme. Diese Erfahrungen haben mich sehr demütig gemacht.«

Die Aufnahmen zu dem Album waren eine emotionale Achterbahnfahrt für euch. Abgesehen von Rick Allens schwerem Autounfall, bei dem er einen Arm verlor, war „Hysteria“ aber auch das erste DEF LEPPARD-Album, bei dem du am Songwriting beteiligt warst.

»Das hat einen großen Unterschied gemacht. Bei den Aufnahmen zu „Pyromania“ bin ich frisch in die Band gekommen und habe Pete Willis ersetzt. Ich war ein Gitarrist und habe einige Backing-Vocals eingesungen. Bei „Hysteria“ war ich von Anfang an in das Songwriting involviert und habe mich in allen Bereichen als Musiker verbessert. Mit diesem Album haben wir den typischen DEF LEPPARD-Sound entwickelt, an dem wir uns mit den Nachfolgealben immer orientiert haben. Ein wichtiger Schritt zu unserem Signature-Sound war auch das Zusammenspiel von Steve Clark und mir, das Orchestrieren bestimmter Gitarrenparts. Brian May von Queen war diesbezüglich ein großer Einfluss für uns. In einem Orchester oder auch wenn man einen Keyboarder in der Band hat, kann man schlichtweg mehr interessante Sounds kreieren. Die meisten Rockbands waren zu dieser Zeit nicht besonders einfallsreich und gingen auf Nummer sicher: Ein Gitarrist spielte die Leads, der andere eben den Rhythmus. Uns war das zu langweilig. Wir wollten Groove und Melodien kombinieren, Leads und Rhythmusparts ineinander übergehen lassen. Dafür haben wir verdammt hart gearbeitet, aber es hat sich ausgezahlt. Und ganz wichtig ist natürlich die Gesangsperformance. Mutt Lange selbst ist ja ein unglaublicher Sänger, der auf allen Produktionen mitsingt.«

Das wusste ich nicht.

»Doch, doch. Auf ´Love Bites´ stammen fast alle Gesangsharmonien von Mutt Lange. Er hat bei allen Acts, die er produziert hat, mitgesungen. Bei AC/DC, Bryan Adams, Shania Twain und natürlich auch bei uns. Egal bei welcher Band: Mutt Lange hat immer die beste Gesangsstimme. Nicht zuletzt wegen ihm sind DEF LEPPARD eine Band, die extremen Wert auf den Gesang und Gesangsarrangements legt. Mir hat Mutt Lange das Singen erst richtig beigebracht.«

Was die Songs auf „Hysteria“ ebenfalls ausmacht, ist ihre Coolness, die manchmal an der Grenze zur Arroganz liegt.

»Ja, das stimmt. Aber dieses Selbstvertrauen muss man als Künstler haben. Eine Platte ist unsterblich. Die ist für alle Zeit da, und man kann nachträglich nichts mehr an ihr ändern. Als Queen ´Bohemian Rhapsody´ aufnahmen, haben sie vermutlich gewusst, dass sie die Nummer nicht live reproduziert bekommen. So sind auch wir an „Hysteria“ herangegangen: Wir haben nie überlegt, wie wir die Stücke live umsetzen können, sondern versucht, das bestmögliche Studioergebnis zu erzielen. Und für jeden Leadsänger ist es wichtig, dass er vor Selbstbewusstsein platzt. Ich gebe dir recht, die Songs klingen phasenweise arrogant, aber genau so sollten sie rüberkommen. Die größten Sänger klingen immer anmaßend. Das gilt für Mick Jagger wie für James Brown. Genau diese Haltung wollte Mutt Lange transportieren. Manchmal muss man auf dicke Hose machen (lacht).«

Hattet ihr Zeit, den Erfolg von „Hysteria“ zu genießen, oder habt ihr eine Tour nach der anderen gespielt und kaum etwas von den Geschehnissen mitbekommen?

»Beides. Die Tour war schier endlos, aber wir haben natürlich gemerkt, dass die Hallen immer größer wurden, je besser sich die Platte verkaufte. Der Moment, in dem ich den Erfolg des Albums in vollem Umfang erfasst habe, war, als wir für zehn Millionen verkaufte Exemplare in den USA eine diamantene Auszeichnung bekamen. Wir sind nach New York geflogen und wurden gemeinsam mit den anderen Bands, die ebenfalls Zehnfach-Platin gemacht hatten, geehrt. Elton John, Billy Joel, Led Zeppelin, Pink Floyd standen plötzlich mit uns im selben Raum. Das war surreal, und in dem Moment hat mich die Erkenntnis getroffen, dass wir etwas sehr Außergewöhnliches mit der Platte erreicht hatten.«

Was war die luxuriöseste Anschaffung, die du dir von den „Hysteria“-Tantiemen gegönnt hast?

»Auch wenn es sich langweilig anhört: Da gab es nichts wirklich Verrücktes. Als wir uns während der „Pyromania“-Tour erstmals feste Gehälter auszahlten, haben wir uns Autos und Häuser gekauft. Aber das blieb alles im Rahmen, wir sind bodenständige Typen. Wie sollte es auch anders sein, vorher hatten wir ja rein gar nichts gehabt (lacht)!«

Eine Frage zum Abschluss: Stimmt es, dass du auf dem Backcover-Foto von Deep Purples „Live In Japan“ zu sehen bist?

»Ja, das stimmt. Ich war damals 14 Jahre alt und bin gemeinsam mit meinem Cousin zu der Show gegangen. Wir standen in der ersten Reihe. Das Konzert fand im Sundown Center, dem Vorläufer der Brixton Academy in London statt, und Purple befanden sich auf der „Machine Head“-Tour. Ich stand direkt vor Ritchie Blackmore, als er seine Gitarre zerschlug. Als ich mir das „Live In Japan“-Album gekauft habe, sind mir fast die Augen aus dem Kopf gefallen, als ich auf dem Backcover das Bild von mir und meinem Cousin gesehen habe.«

Das war ein erster Vorgeschmack auf das Leben als Rockstar.

»Absolut. Wohin das führen sollte, konnte ich damals ja nicht ahnen (lacht).«

www.facebook.com/defleppard


Das Line-up auf „Hysteria“

Joe Elliot (v.)
Steve Clark (g.)
Phil Collen (g.)
Rick Savage (b.)
Rick Allen (dr.)

Fakten, Fakten, Fakten

Songs: 12
Spielzeit: 61:52 Minuten
Produzent: Robert John „Mutt“ Lange
Studios: Wisseloord Studios, Hilversum; Windmill Lane 2, Dublin; Studio Des Dames, Paris
Coverartwork: Andie Airfix @ Satori

Die Songs

Women
Rocket
Animal
Love Bites
Pour Some Sugar On Me
Armageddon It
Gods Of War
Don´t Shoot Shotgun
Run Riot
Hysteria
Excitable
Love And Affection

Diskografie (Studioalben)

On Through The Night (1980)
High´n´Dry (1981)
Pyromania (1983)
Hysteria (1987)
Adrenalize (1992)
Slang (1996)
Euphoria (1999)
X (2002)
Yeah! (2006)
Songs From The Sparkle Lounge (2008)
Def Leppard (2015)

Bands:
DEF LEPPARD
Autor:
Thomas Kupfer

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