Kolumne

Kolumne 19.01.2000

Horror 2000 (oder auch: gääähnnn...)

An alle "Überlebenden":

seid ihr noch da? Habt ihr es geschafft? Ist die Welt nicht untergegangen? Tja, Kinners, dann heiße ich euch herzlich willkommen - allerdings nicht in diesem dämlichen "neuen Jahrtausend", das fängt nämlich erst nächstes Jahr an - sondern wie immer an Bord der MS "Verwirrung und Polka", sprich Rock Hard...

Und ich mache euch direkt am Anfang ein gar fürchterlich Geständnis, was mich in den Augen einiger sicherlich zur übermütigen, ja sogar vom Wahn umfangenen Blasphemikerin des - haha - Jahrtausends machen wird: ich glaube nämlich nicht, daß alle Flugzeuge vom Himmel stürzen, der Strom auf der ganzen Welt jeweils zeitzonenversetzt ausfallen, die Pest wieder ausbrechen und ein großes Wehklagen ansetzen wird! Die einzigen Aussetzer haben meiner Meinung nach (ihr wißt, ich hab´ noch nie ein Blättlein vors Maul genommen...) diejenigen, die sich wie die Durchgedrehten aufs dräuende Unheil vorbereiten; ich sage dies, weil ich da mitreden kann... Denn ich machte, wie jedes Jahr zur Weihnachtszeit, meine übliche "Hey, liebe Freunde, hier komm´ ich und bring´ selbstgebastelte und teilweise unidentifizierbare, da schon aussem Auto gefallene Geschenke - krieg´ ich jetzt ´n Kaffee?"-Runde und konnte auf dieser Tour einige seltsame, gar lächerliche Auswüchse der sogenannten oder auch "Millenniumspanik" orten: manche hatten palettenweise Kaffee, Texasbohneneintopf oder Klopapier gehortet (und, ihr Süßen, wenn ich sage "Paletten", dann meine ich Paletten und nicht ein paar mickrige Dutzend Döschen oder so!), und auf meine naive Frage, was denn das soll, glotzte man mich stier an und raunte: "Ja, weißt du denn nicht, was da los sein wird? Die Läden haben keinen Strom und werden tagelang nicht auf haben - und dann hat man nichts zu essen und alles..."

Fast alle meine Freunde sind leicht übergewichtig (von mir ganz zu schweigen...) - daher wunderte ich mich wirklich, warum pro Kopf und Rüssel tatsächlich für ca. 21 Tage Texasbohneneintopf da war (bei einem durchschnittlichen Verzehr von ca 5,4 Dosen jeTag), hmmm... Auf die Frage, warum denn so viel Klopapier, wenn wir ja eh alle untergingen, reagierte man noch ungehaltener. (Vielleicht aber auch, weil ich mittlerweile doch zu offensichtlich grinste?) Beim nächsten Kumpel stieß ich dann auf an die 45 (können auch 50 gewesen sein, hab´ ich nur schnell überschlagen) 5-Liter Kanister mit Frischwasser, die er im Wohnungsflur seiner 36-Quadratmeter-Bude gehortet hatte. Erstmal hab´ ich den Guten gefragt, woher er die ganzen Kanister hätte, so viele hätt´ ich ja nicht einmal im einzigen Campingbedarf unseres kleinen Heimatdörfchens entdecken können - seine entrüstete Antwort: "Ja, wat denks du denn? Die habbich bestellt - ham nur 15 Maak pro Kanister gekostet - weil ich so viel bestellt hab, ham se mir au noch Rabatt gegeben..." Scheint ja kein Problem damit zu geben, ganze Gehälter in Plaste und Elaste umzusetzen (hör´ ich da irgendjemanden aus dieser Branche sich die Pfoten reiben? Nanana...) - und falls man sich beim Jahreswechsel vor Angst in die Slips macht, ist ja genügend Abhilfe vorhanden, ähem...

Bei den nächsten Klienten (oder eigentlich zu beschenkenden Personen) drang ich durch einen abgedunkelten Gang in die nur von bunten Grillpartyfackeln erhellte Küche vor, in der die Dame des Hauses auf zwei spirreligen, mickrigen Gaskochern, die sie auf dem Herd aufgestellt hatte, irgendwas am Brutzeln war... Und ich wieder mit "Banzai!"-Schrei ins Fettnäpfchen: "Hey, cool, macht ihr hier auf Conan-Küche oder was? Sieht ja dufte und ziemlich romantisch aus mittie Fackeln, echt, äi - und man sieht das Essen nicht so deutlich, huahuaa!" (Habbich gesagt, weil die Puppe legendär mies kocht - ich hab´ echt gedacht, die will ihrem Gatten was ersparen.) Leuteleute - mit den stechenden Blicken, die ich da eingesackt hab´, hättet ihr aber ordentlich Obst ausse Bowlenschüssel picken können! Mit leicht überheblichen Tönen klärte man mich unwissend-dümmliche Hinterwäldlerin über Begriffe wie Prophezeiung, Nostradamus, Armageddon und Apokalypse auf - nicht ohne dabei auch noch den Klassiker Flugzeugabsturz, Stromausfall (aaah, daher die Kocher, dämmerte es mir...) und Laden-zu-und-nie-mehr-auf zu streifen!

Solchermaßen informiert, hab´ ich mich drei Tage nicht mehr ausse Bude getraut, weil ich mich bei fast allen meiner Kollegen derartig unbeliebt gemacht hab´, daß sich niemand mehr fand, der mit mir vor dem Weltuntergang noch ein Bier trinken wollte, obwohl alle so taten, als ob sie einfach mit "Vorbereitungen" (für ihr-wißt-schon-was) beschäftigt seien... Und dann: diese Flugzeugentführung und die fetten Stürme! Die einzelnen Fakten an sich sind gewiß schwer zu fassen, und auch bei euch wird es einige schwer erwischt haben: Verletzungen, zerstörte Wohnungen, Autos und Verkehrswege... Das Makabre: Manche Menschen nehmen schon zögerlich das Wort "Omen" in die Mäuler - und das ist ja wohl ein bißchen wild, nicht wahr, Strategen!?

Naturkatastrophen und Gewaltverbrechen sind nicht vom Schicksal gegen die Menschheit geschmiedet worden - da hat nur der Mensch seine dreckigen Pfoten im Spiel... Insofern glaube ich mittlerweile fast, daß, wenn uns tatsächlich der Himmel auf den Kopf fällt (Majestix verzeihe mir...), wir mehr durch unsere Panik dazu beigetragen haben als eigentlich die immer wieder herbeigeredeten Computerfehler. Und mir ist auch schon sonnenklar, WAS da vom Himmel auf uns runterkommen wird: Klopapier und Texasbohneneintopf!

Einschränkend sei selbstverständlich erwähnt, daß ich diese Kolumne am 31.12.1999 geschrieben habe - im Falle eines Riesenchaos weiß ich aber dann wenigstens, wo ich essen, trinken und so fort kann - die besten Lagerhallen des Ruhrgebietes habbich schon besichtigt!

Ich hoffe, ihr seid gut reingerutscht - uuuund ich hoffe, eure Bude ist nicht abgefackelt, falls ihr alles voller Kerzen (wegen des zeitversetzten Stromausfalls) hattet...

Eure "Dani2000"

Autor:
Dani Lipka

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