Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews

STEEL PANTHER , PRONG , PAIN OF SALVATION , RANCID , BEHEMOTH , SAXON , AEROSMITH , PENTAGRAM , SABATON , PRIMUS , PROPHETS OF RAGE , DEEP PURPLE , BLUE ÖYSTER CULT , APOCALYPTICA , POWERWOLF , CARCARIASS , PHIL CAMPBELL AND THE BASTARD SONS , HIRAX , TRUST , EVERGREY , BLOOD CEREMONY , PRETTY MAIDS , KREATOR , BLACK STAR RIDERS , TYR , THE DEAD DAISIES , METAL CHURCH , DEE SNIDER , QUEENSRYCHE - HELLFEST 2017

Sommerzeit – Reisezeit. Diesmal ist der Rock-Hard-Tross auf dem Weg gen Süden allerdings spärlicher als sonst besetzt, weil die Herren Peters (Aerosmith, Airbourne, Dee Snider, Steel Panther!!!) und Bittner (Prophets Of Rage, Devin Townsend Project, Rob Zombie!) fehlen. Und um es vorweg zu nehmen, sie haben wie alle, die mal wieder keine Karte erhalten haben, was verpasst.

Freitag:

Beim Betreten des wunderschönen Geländes fallen beim Blick auf die beiden Hauptbühnen zunächst die drei neuen gigantischen LED-Leinwände auf, die weltweit wohl ihresgleichen suchen und durch die sich die Shows auf diesen Bühnen bis in die hintersten Reihen perfekt verfolgen lassen.

EVERGREY sind die erste interessante Band auf der Mainstage 2. Nachdem die Schweden eine lange Tour durch Nordamerika hinter sich haben, ist die Truppe klasse eingespielt. Mastermind Tom Englund leidet brutal unter der Hitze, zeigt sich aber begeistert von den Publikumsreaktionen. Man mag es zwar dekadent finden, dass auf der Bühne eine Flasche Sekt geöffnet wird, das zeigt aber, wie unkonventionell die Band an der Trennlinie von Power- und Progressive Metal zu Gange ist.

TYR sind fast in Vergessenheit geraten, füllen die Temple-Bühne im Zelt aber bis auf den letzten Platz. Da wegen der Sprachbarriere Isländisch - Französisch das Mitsingen der Songtexte erschwert ist, behilft sich das Publikum mit ständigem Mitklatschen. Die Band kann ihre Freude über die enorme Stimmung im Zelt kaum verbergen und nimmt die Energie der Show sicherlich für die Aufnahmen zum neuen Album mit.

QUEENSRYCHE haben in den letzten Jahren den Schwerpunkt ihrer Setlist auf die ersten Jahre der Band gelegt. Heute steht das „Operation: Mindcrime“-Meisterwerk mit gleich drei Nummern (Titeltrack, 'I Don't Believe In Love' und 'Eyes Of A Stranger') im Mittelpunkt. Da es zudem jeweils eine Göttergabe von der „Queensryche“-EP, „Warning“, „Rage For Order“ und „Empire“ gibt, bietet die Truppe aus Seattle (bei der auf der Tour Drummer Scott Rockenfield aus familiären Gründen durch Casey Grillo von Kamelot ersetzt wird) eine tolle Setlist ihrer Zeit mit Geoff Tate. Apropos Geoff Tate: Da sein Nachfolger Todd La Torre weiterhin einen tollen Job macht, weint niemand dem alten Sänger eine Träne nach. Besonders auffallend ist heute, dass Basser Eddie Jackson endlich mal wieder etwas Spielfreude zeigt. Und als die Band 'Take Hold Of The Flame' anspielt, lässt sich Dank der Videoübertragung erkennen, dass Gitarrist Parker Lundgren die ersten beiden Wörter des Songtitels auf seine Fingerrücken tätowiert hat.

Leben POWERWOLF bei ihren Auftritten in Deutschland stark von der Interaktion und Komik von Attila Dorn mit den Publikum, hat er es heute wegen der Sprachbarriere etwas schwerer, löst die Situation mit einer englisch-französischen-Mischung aber gekonnt. So ist von „Powerwolf-Chansons“ und der „Armee De Heavy Metal“ die Rede. Klar, dass das in Verbindung mit Nummern wie 'Amen And Attack', 'Resurrection By Erection', 'Werewolves Of Armenia' und 'We Drink Your Blood' im katholischen Frankreich klasse ankommt.

BEHEMOTH sind dadurch, dass sie den Black Metal kommerziell ausreizen, eine zwiespältige Sache. Zwar mag man Bandleader Nergal seine Leidenschaft und Underground-Affinität abnehmen, aber der Gigantismus der Bühnenshow hat wenig mit dem reinen Black Metal zu tun. So sorgen der ständige Outfitwechsel und die inszenierte Show für Leerlauf und fehlenden Spielfluss. „Drehbuch-Black-Metal“ sozusagen.

Ganz anders DEEP PURPLE auf der Hauptbühne, wo die Herren Gillan, Glover, Paice, Morse und Airey ihre „The Long Goodbye Tour“ begehen. Der gewohnt minimalistische Bühnenaufbau (ohne mächtige Drum- und Keyboardriser, aber mit einer coolen Projektion, die das aktuelle Line-up angelehnt an das „In Rock“-Cover in einen Eisberg eingemeißelt zeigt), beweist, dass es den Herren in erster Linie um den Spaß an der Musik geht. Und da hat man viel zu bieten. Selbstbewusst stellen die Gründerväter des Hardrocks das neue Album „Infinite“ neben dem Meilenstein „Machine Head“ in den Mittelpunkt der Setlist, haben in dieser aber leider keine Überraschungen zu bieten. Letztlich ein solider Auftritt, bei dem man Dank der Videoübertragung mitbekommt, dass Ian Gillan diesmal keinen besonderen Bühnenteppich untergelegt hat, Steve Morse wohl viel Geld in seine dritten Zähnen investierte und Don Airey eine goldige Ozzy-Puppe auf seinen Keyboards positioniert. Nun darf man gespannt sein, wie lange die Abschiedstour dauert.

Als Wegbegleiter von SABATON seit den Anfangstagen ist man ebenso beeindruckt wie auch genervt von deren Karrieretempo und den damit verbundenen Entwicklungen bei den Schweden und ihren Legionen an neuen Fans. Das mächtige Bühnenbild ist eine etwas ausgedehnte Version der letzten Open-Airs mit einem anderen Panzer (nur ein Kanonenrohr) und der Infanterielandschaft. Dass Sabaton-Auftritte im Ausland mehr Spaß als in Deutschland machen, liegt vor allem daran, dass sich die Band hier mehr auf die Musik konzentriert, die albernen „Noch ein Bier“-Sprechchöre fehlen und auch das unnötige Geschwätz von Frontkämpfer Joakim Broden minimalistischer ausfällt. „Sabaton pur“ könnte man sagen und das ist gut so. Im Rahmen der Setlist dominiert das „The Last Stand“-Material. Als besonderes Extra gibt es eine einmalige Aktion, denn bei 'Swedish Pagans' überlässt der Sänger einem Fan das Mirko und der unbekannte Franzose erledigt die Sache gekonnt. Insgesamt gesehen ein ernsthafter Auftritt so, wie man ihn sich von der Band auch in Deutschland wünscht.

RANCID stehen für Punk der ganz besonderen Art. Und da niemand britischen Ska besser mit Punk vermischt, ist es immer noch schwer zu glauben, dass die Truppe aus Kalifornien und nicht aus England kommt. Ob neue Nummern oder Klassiker, jedes der 22 Stücke passt und sorgt dafür, dass sich die Warzone in einen Hexenkessel verwandelt. Interessant zu wissen wäre allerdings, welche Tierchen sich im ungepflegten Bart von Gitarristen Tim Armstrong eingenistet haben. Apropos Warzone: Das geile Gelände wurde etwas umgestaltet bzw. erweitert und erinnert nun noch mehr an einen Hochsicherheitstrakt.
Auf dem Heimweg lohnt noch ein kurzer Blick in die Altar-Zeltbühne, wo man sich überzeugen kann, dass die Panzerdivision MARDUK noch reibungslos läuft.

Samstag:

Gute Festivals macht auch aus, dass man neue und interessante Bands für sich entdeckt. Und das gilt im Falle des Hellfests heute Morgen für CARCARIASS aus Frankreich. Stark beeinflusst von Watchtower und Atheist bietet das Trio technischen Death Metal auf ganz hohem Niveau. Schade nur, dass die Herren kaum Ausstrahlung besitzen. Fanfreundlich sind hingegen ihre T-Shirt- und CD-Preise von 10 Euro, womit man die preiswerteste Band am gigantischen Merchstand ist.

THE DEAD DASIES zählen zu den tourfreudigsten Bands des Sommers und der heutige Auftritt dürfte sicherlich zu den besonderen ihres Europaausflugs zählen. Super Wetter, große Bühne und ein Publikum, das die Band mit offenen Armen empfängt. Schade nur, dass den Veteranen lediglich 30 Minuten Spielzeit zur Verfügung steht. Hat man sich beim Rock Hard Festival noch über die hohe Dichte an Coverversionen in der Setlist geärgert, stehen diesmal die eigenen Nummern stärker im Mittelpunkt. Und da zeigt sich einmal mehr, welch tolles Songmaterial die Band in petto hat. Absolut professionell ziehen die Herren ihre Show durch, beherrschen den Laufsteg (der erst seit heute vor der Mainstage 1 aufgebaut ist) und legen eine Spielfreude an den Tag, die beeindruckt.

Während Mikkey Dee bei den Scorpions untergekommen ist und den Hannoveranern den nötigen Kick gegeben hat, formierte sein Motörhead-Kollege eine eigene neue Band. Unter dem Banner PHIL CAMPBELL & THE BASTARD SONS hat der Gitarrist mit seinen drei Söhnen Todd, Dane und Tyla sowie Sänger Neil Starr eine illustre und interessante Gesellschaft am Start. In erster Linie kümmert die sich um das Motörhead-Erbe und covert 'Rock Out' (Überraschung), 'Ace Of Spades', 'Going To Brazil', 'Killed By Death' und 'Born To Raise Hell' (mit Whitfiled Crane von Ugly Kid Joe als Gastsänger), hat eigenes Material am Start (welches allerdings wenig mit Motörhead zu tun hat) und widmet den verstorbenen Motörhead-Recken Würzel und Phil Taylor (die zusammen 'Going To Brazil' eingespielt haben) 'Silver Machine' von Hawkwind. Seine drei Jungs machen einen guten Job (der Auftritt ist sozusagen der Vaterschaftstest) und haben eine Menge Spaß, mit ihrem Daddy zu spielen. Letztlich macht es Sinn, dass sich Phil Campbell um das Erbe von Motörhead kümmert. Wer sollte es sonst tun?

PRETTY MAIDS kann man für jedes Festival buchen, denn die Dänen sorgen garantiert für Stimmung und haben natürlich nur hochklassiges Songmaterial am Start. So auch heute, wo sich wieder zeigt, dass die zweite Gitarre, die der neue Keyboarder Chris Laney zeitweise bedient, den Nummern gut tut.
?BLOOD CEREMONY spielen auf der Altar-Zeltbühne auf, und das passt natürlich. Zeremonienmeisterin Alia O'Brien hat wieder einen heißen Fummel an und sorgt - wie zuletzt beim Rock Hard Festival - mit Längsflöte und emotionalen Nummern für Magie.

STEEL PANTHER wären natürlich ein Fall für den Kollegen Peters, und so zieht es den Rezensenten in die Warzone, wo FRED CARTER für Kontrastprogramm mit Asso-Punkrock der alten britischen Schule sorgt. Dabei rotzt der charismatische Frontmann in kurzer Zeit so viel um sich, wie Kollege Buffo sonst bei einem ganzen Bundesligaspiel. Absolut beeindruckend ist sein Gitarrist, der Bock auf Crowdsurfing hat und dabei auf dem Rücken liegend sein Instrument weiter bedient. Zu früh zurück an der Mainstage 2 sind STEEL PANTHER immer noch zu Gange. Und die verwandeln bei 'Gloryhole' die Bühne zu einem Topless-Event. Unzählige mehr oder weniger ansehnliche Damen entblößen ihren Oberkörper und sorgen für notgeile Blicke aus dem Publikum. Aber auch die Musiker und Fotografen haben sichtlich ihre Freude daran. Manowar hatten dazu mal einen passenden Ausspruch: „Death To False Metal“, aber Joey DeMaio würde ein solcher Bühnenauflauf sicherlich auch gefallen.

DEE SNIDER war im Vorjahr noch mit Twisted Sister Headliner beim Hellfest, und eigentlich hatte man sich von dem New Yorker gedanklich verabschiedet. Unerwartet schnell war er aber kurz nach der Bandauflösung mit einem Solo-Album präsent, und nun spielt er mit seiner neuen Truppe vor. Das aber ist eine sehr zwiespältige Angelegenheit. Zwar ist der Sänger selber in Bombenform, aber seine Begleitband will so gar nicht passen. Am meisten verwirrt aber die Ausrichtung des Quartetts. Neben drei Nummern seiner alten Band ('The Kids Are Back', 'I Wanna Rock' und 'We're Not Gonna Take It'), gibt es Coverversionen von Nine Inch Nails (!) und Chris Cornell zu Ehren von Soundgarden sowie vier Stücke des neuen Albums. Interessant ist auf jeden Fall der balladeske Einstieg bei 'We're Not Gonna Take It' (Keyboard!) und die Ansage von Dee, bei der er mit Terroristen und deren potentiellen Nachfolgern abrechnet. Klasse! Letztlich weiß man aber nicht, wofür DEE SNIDER im Jahr 2017 steht. Als Solokünstler, als Coverband oder als Gralshüter des Twisted Sister-Materials? Dann aber bitte mit einer Begleitband, die dem Spirit der Band gerecht wird. Die Mischung aus allen drei Varianten will aber nicht so recht passen.

Alle Wiederbelebungsversuche von TRUST seit Ende der Achtziger waren halbgar und konnten den Spirit der französischen Hardrock-Institution nicht wiederbeleben. Dennoch ist die Vorfreude auf den Auftritt der Truppe groß, zumal Underground-Händler und Frankreichexperte Holger Geinitz einen überraschend guten Auftritt verspricht. Aber es soll anders kommen… Schon das Outfit und der Anblick von Sänger Bernard „Bernie“ Bonvoisin erschrecken einen. Zudem muss das Sprachrohr der Band ständig auf das Textblatt schauen und wirkt alles andere als leidenschaftlich und selbstbewusst. Ganz im Gegensatz zum anderen Urmitglied Norbert „Nono“ Krief, der souverän durch die Show führt und sich über die schlechte Vorbereitung und Verfassung seines langjährigen Bandgefährten sichtlich ärgert. Zwar kann man sich über die Songauswahl (u.a. Klassiker wie 'Marche Ou Creve', 'L'Èlite', 'Surveille Ton Look', 'Au Nom De La Race', 'Le Temps Efface Tout' und die neue Nummer „Democratie') nicht beklagen. Dennoch fehlt beim Auftritt weitgehend die Magie, die man sich erhofft hat. Und das liegt auch an der Bandzusammenstellung, bei der die multikulturelle Mischung und die Altersunterschiede nicht zusammenpassen wollen. So ist es an der Schlussnummer 'Antisocial' den Auftritt zu retten. Und wenigstens der Klassiker befriedigt die Erwartungen und sorgt für Hochstimmung auf dem Gelände. Im Herbst hat die Truppe eine gigantische Frankreich-Tour vor sich (alleine fünf Auftritte in Paris), auf die man sich besser vorbereiten sollte. Besonders schade, dass Bernie - früher ein Wutbürger im positiven Sinne - kein Statement zur Lage der Nation abgibt, denn einen Bernie in Bestform bräuchte Frankreich derzeit dringender denn je!
Auf SAXON ist dagegen Verlass. Nach dem Opener 'Battering Ram' stellt sich die Frage „New Song“ oder „Old Song“ gar nicht mehr, denn es geht stark Richtung Anfangstage der Band. So stellen Klassiker wie 'Motorcycle Man', 'Power And The Glory', '20.000 Ft', 'Heavy Metal Thunder', '747 (Strangers In The Night)', 'Crusader', 'Wheels Of Steel', 'Denim And Leather' und 'Princess Of The Night' das Rückgrat der packenden Show dar. Die Adler-Bühnenkonstruktion hat man sich allerdings für den Auftritt beim Bang Your Head aufgehoben.

Dann ins Zelt: Kaum eine Band schafft es Melancholie, Aggression, technische Perfektion, Leidenschaft und Melodie so mühelos und perfekt zu verbinden, wie PAIN OF SALVATION. Im Mittelpunkt steht natürlich Mastermind Daniel Gildenlöw, der sich in seinen Songs total auslebt, über die euphorischen Publikumsreaktionen freut und nach sechs Jahren wieder Johan Hallgren als Sidekick an der Gitarre begrüßen kann.

PRIMUS lassen das größere Valley-Zelt aus allen Nähten platzen und verwandeln dieses in eine Freestyle-Tanzveranstaltung. Stillstehen geht zu Songs wie 'My Name Is Mud', 'Too Many Puppies', 'Jerry Was A Race Car Driver' und 'Groundhog's Day' einfach nicht. Zumal das Trio in der Bestbesetzung mit Tim Alexander (Drums), Larry LaLonde (Gitarre) und dem Mastermind Les Claypool am Start ist, einen erstklassigen Sound hat, eine gelungene Songauswahl trifft und eine beeindruckende Leinwandshow bietet. Am coolsten allerdings ist die Schweinemaskenkostümierung von Les bei 'Mr. Krinkle'. Apropos Les Claypool: Der Kerl ist ein Gesamtkunstwerk. Niemand spielt den Bass wie er, niemand beherrscht einen ähnlichen Sprechgesang und niemand bewegt sich in solchen Soundsphären wie der Kalifornier. Ein grandioser Auftritt!

APOCALYPTICA stellen dem Hellfest entsprechend einen Metallica-Set zusammen und treffen damit den Geschmack des Publikums. 'Enter Sandman', 'Master Of Puppets', 'Creeping Death', 'One', 'For Whom The Bell Tolls', 'Fight Fire With Fire', 'Orion', 'Battery', 'Seek & Destroy' und 'Nothing Else Matters' sind genau die Nummern, die man sich bei einem einstündigen Auftritt der Kalifornier wünschen würde. Beeindruckend, mit welche Hingabe und Perfektion die vier Finnen und ihr Schlagzeuger mit seinem futuristischen Drumset die Songs interpretieren. Circle Pits zu Cello-Musik sieht man auch nicht oft.

AEROSMITH geben dann den klassischen Headliner auf der Hauptbühne. Angefangen beim riesengroßen Bühnenausleger, über den eigens dekorierten Bühnenboden, bis hin zum Bühnenaufbau selber: So treten die ganz großen der Rockgeschichte auf. Die würdevoll gealterten Herren stehen noch voll im Saft und strahlen vor Spielfreude. Im Mittelpunkt natürlich die „Toxic Twins“ Steven Tyler und Joe Perry. Während ersterer mit einem Schnurrbart überrascht, protzt letzterer mit seiner riesengroßen Gitarrensammlung und setzt bei fast jeder gespielten Nummer ein anderes Modell ein. In der Setlist reiht sich ein Single-Hit an der anderen und sogar fünf (!) Coverversionen (Fleetwood Mac, The Beatles, James Brown und Tiny Bradshaw) werden im Programm untergebracht. Im Zugabenteil finden sich 'Dream On' (grandios mit dem Piano auf dem Bühnenausleger) und 'Walk This Way'. Danach heißt es Abschied nehmen von einer Band, die den Sleaze Rock und die Hair-Metal-Szene wie keine andere beeinflusst hat. „Aero-vederci“ sozusagen!

KREATOR sind der Headliner auf der Mainstage 2 und erwartungsgemäß haben Mille & Co. wieder ein großes Bühnenbild am Start. Mit dem Thrash-Metal-Spirit hat eine Konfettikanone allerdings wenig zu tun. Klar, dass das Songmaterial sticht, aber man würde sich die Truppe zu gerne mal wieder in einem kleinen Club ohne den Bombast wünschen. Und dann auch wieder mit 'Flag Of Hate' in der Setlist.
 
Sonntag:

PRONG sind heute der erste größerer Act auf der Mainstage 2. Seit sich Mastermind Tommy Victor von Ministry (die am Vortag bereits aktiv waren) getrennt hat, geht es auch mit seiner eigenen Band wieder aufwärts. Neben den klasse Nummern ('Proove You Wrong', 'Beg To Differ', 'Whose Fist Is This Anyway?', 'Snap Your Fingers, Snap Your Neck') überzeugt der New Yorker - im Vergleich zu anderen Bands - mit etwas weitreichenderen Französischkenntnissen. Warum Basser Mike Longworth bei der Bullenhitze eine Strickmütze trägt, muss man nicht verstehen.

Die BLACK STAR RIDERS scheinen nonstop unterwegs zu sein und präsentieren sich dementsprechend als eingespielte Einheit. Da man in der Setlist mit 'The Boys Are Back In Town' nur noch eine reine Thin-Lizzy-Nummer hat, emanzipiert sich die Truppe immer mehr von Scott Gorhams gemeinsamer Zeit mit Phil Lynott. Dennoch schafft es das Quintett (drei Gitarren kommen immer gut), mit seinem eigenen Material zuzüglich dem 'Whiskey In The Jar'-Cover zu überzeugen. Letztlich ein kurzweiliger Auftritt bei dem der Vollblutrocker Ricky Warwick seine Gitarre nur beim Thin-Lizzy-Cover ablegt.

Den HIRAX-Auftritt dürften einige verpasst haben, denn die Zeltbeschilderung listet NAILS für 14.20 Uhr auf und das ist falsch. Sänger Katon W. De Pena zählt zu den Kultfiguren der Westcoast-Thrash-Metalszene, ist immer noch in körperlich beeindruckender Form, zeigt enorme Spielfreude und hat eine klasse Songauswahl am Start. Bei der ragen die Klassiker des Metal-Blade-Debüts aus dem Jahr 1985 heraus, aber auch die anderen Nummern werden gebührend abgefeiert. Und weil so ein Auftritt dem Thrash-Metal-Spirit wesentlich mehr wie eine Show von Slayer oder Kreator entspricht, sind die Gastspiele des Diablo Negro und seiner Band immer ein Genuss.

PENTAGRAM sind ohne Bobby Liebling, der seinem Lebensstil mal wieder Tribut zollen muss, am Start und ob eine Show ohne den Sänger, Charakterkopf und Überlebenskünstler als Trio funktionieren kann, durfte im Vorfeld bezweifelt werden. Aber es klappt einwandfrei, was besonders an Victor Griffin liegt. Der Gitarrist übernimmt den Gesang souverän und da er nicht - wie in den letzten Jahren - immer Bangen muss, ob sein labiler Sänger den Set durchsteht, macht er die Arbeit eben alleine. Bleibt zu hoffen, dass Bobby die Kurve kriegt.

BLUE ÖYSTER CULT spielen überraschenderweise nicht auf einer der Hauptbühnen, sondern im größten Zelt. Und da feiern die Veteranen eine ganz große Show. Das einzige Problem ist die recht kurze Spielzeit, die nur Platz für zehn Nummern lässt. Aber mit der Auswahl (u.a. 'Godzilla', 'Golden Age Of Leather', 'Cities On Flame With Rock And Roll´, 'Burnin' For You', 'The Red And The Black', 'ME 262', 'Then Came The Last Days Of May') sorgt man für intensive Gänsehaut. Nicht nur, dass die Gesangsleistung der Herren wunderbar klappt, bessere Gitarrenharmonien bietet keine andere Band des Festivals!

PROPHETS OF RAGE mit Mitgliedern von Rage Against The Machine, Cypress Hill und Public Enemy sind vielleicht die Band der Stunde und auf jeden Fall die Gewinner des Festivals. Im Mittelpunkt der Setlist stehen natürlich die Nummern der (ehemaligen) Bands der Mitglieder, wobei aus Rock-Hard-Sicht der Rap-Anteil (für den man sich fast schon entschuldigt) weniger interessant ist. Ganz im Gegensatz zu der neuen, eigenen Nummer und den Klassikern von Audioslave und Rage Against The Machine wie 'Like A Stone', 'Testify', 'Take The Power Back', 'Guerilla Radio', 'Bombtrack', 'Sleep Now In The Fire', 'Know Your Enemy', 'Bullet In The Head', 'Bulls On Parade'. Das Publikum geht steil und einen Stimmungspegel, wie beim abschließenden 'Killing In The Name Of', dürfte es in der Geschichte des Hellfests noch nicht gegeben haben. So ist der Auftritt der illustren Band ein einziger Siegeszug bei dem einmal mehr deutlich wird, dass Tom Morello ein absoluter Ausnahmegitarrist und Soundkünstler ist. Mit ihrer politischen Message ist die Truppe als Anti-Trump-Soundtrack für die heute Zeit unendlich wichtig.

METAL CHURCH stehen für den pursten Heavy Metal des Festivals und spielen im Altar-Zelt. Fürchtete man letztes Jahr noch, dass das Comeback der Truppe eine kurzfristige Sache ist, meldet man sich diesen Sommer eindrucksvoll zurück. Im Mittelpunkt der Setlist finden sich die Nummern aus der gemeinsamen Zeit mit Mike Howe. Und eben jener Sänger zeigt sich in einer Bombenform, ist bei bester Stimme und tänzelt/hüpft - wie kein anderer Frontmann - über der Bühne. Letztlich ist der Auftritt der Band aus Aberdeen ein einstündiges Lehrstück in Sachen Power Metal, welches mit 'Start The Fire' und 'Beyond The Black' auch zwei Nummern von den ersten beiden Alben beinhaltet.

Fazit: Auch dieses Jahr hat das Hellfest auf ganzer Linie überzeugt. Klasse Billing, freundliche Atmosphäre, guter Sound, gigantische Händlermeile (Metal Corner), bestes kulinarisches Angebot (Hell Snack). Die Reise hat sich einmal mehr gelohnt. Wer sich ein Bild vom Festival machen will, sollte einen Blick in die Arte-Mediathek werfen.

Bands:
PENTAGRAM
BLACK STAR RIDERS
PAIN OF SALVATION
PHIL CAMPBELL AND THE BASTARD SONS
APOCALYPTICA
HIRAX
PROPHETS OF RAGE
SAXON
RANCID
CARCARIASS
DEEP PURPLE
QUEENSRYCHE
TYR
POWERWOLF
PRIMUS
TRUST
PRETTY MAIDS
METAL CHURCH
BEHEMOTH
THE DEAD DAISIES
BLOOD CEREMONY
STEEL PANTHER
PRONG
EVERGREY
BLUE ÖYSTER CULT
AEROSMITH
DEE SNIDER
SABATON
KREATOR
Autor:
Wolfram Küper

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