Festivals & Live Reviews

Festivals & Live Reviews 26.03.2014

DEAD LORD , FAUSTCOVEN , THE RUINS OF BEVERAST , ATLANTEAN KODEX , SATAN , HETROERTZEN - HELL OVER HAMMABURG 2014: Hamburg, Markthalle

Das Roadburn-Phänomen: Weil nicht nur auf der Hauptbühne Sehenswertes passiert, ist die kleine Halle, beim ausverkauften Hell Over Hammaburg das Marx, ständig überfüllt, man kann bei weitem nicht alles bewundern, was man bewundern möchte. Davon abgesehen: toll. Dieses kleine, aber feine Festival im Norden der Republik gehört schon jetzt, nach seiner zweiten Ausgabe, zu den geschmackssichersten überhaupt - sofern man auf Sounds abseits des Mainstreams steht.

Markthalle

Mit ihrem selbstbetitelten Debüt setzten CORSAIR vergangenes Jahr ein Ausrufezeichen, umso besser, dass das Quartett aus Charlottesville, Virginia, jetzt endlich in Europa unterwegs ist. Hier etwas Thin Lizzy, dort ein bisschen Iron Maiden, dazu Progressive-Rock-Elemente - die Truppe überzeugt mit ihren Harmonien und Melodien und vor allem mit ihrem ganz eigenen Charme. Mit einem Instrumental in den Set ein- und am Ende auszusteigen, mag manchen irritieren, dafür sieht man auch nicht alle Tage eine Gitarristin, die am Bühnenrand mal eben cool ihr Solo runterzockt. „Wir sind Corsair! Wir sind sehr glücklich!“, verkündet Paul Sebring (g./v.) gen Ende. Vielen Dank, ich auch!
Nach diesem geschmeidigen Start in das Markthallen-Programm geht´s nun hinab in das Reich der Finsternis. Dort darf zunächst das OMEGA MASSIF erklommen werden, eine massive Soundwand, die im blauen Nebeldunst liegt, episch und böse. Für ihre Riffmonster haben die Würzburger selbst das Genre „Mountain Metal“ definiert, andere sprechen von einem Mix aus Sludge, Doom und Postrock. Allein schon für die düstere, superintensive Atmosphäre lohnt sich der Aufstieg. Ein Highlight des Festivals. Kraftvoll und dunkel entsteigen im Anschluss auch SULPHUR AEON den Tiefen der Unterwelt. Das Todeskommando aus dem Ruhrgebiet spielt heute nach Veranstalterangaben gerade mal sein viertes Konzert - und demonstriert absolut eindrucksvoll, dass es aktuell zur Speerspitze des deutschen Death Metal gehört. Wie der große Publikumszuspruch zeigt, dürfen in Zukunft gerne ein paar mehr Live-Schlachten geschlagen werden. (kp)

ATLANTEAN KODEX sind in ihrem Bereich auf Platte die beste Band der Welt, aber sie bräuchten eine Tour, einfach mehr Erfahrung, die ihnen auf der Bühne Selbstvertrauen und die Leichtigkeit verleihen würde, nach der ihre musikalischen Machtwerke verlangen. Aber auch ohne die Tightness einer echten Liveband werden von Markus Becker sehr gut gesungene Über-Epen wie ´Sol Invictus´, ´Heresiarch´ oder ´Pilgrim´ vom Publikum mitgetragen, die unzähligen Fans der Bayern erkämpfen sich eine beeindruckende Interaktion, auf die nur die Großen der Zunft bauen können. Ich weiß, dass die Truppe das nicht gerne hört, aber ich wünschte mir, sie würde in Bälde den nächsten Schritt in Richtung „Professionalität“ tun. Wir alle sind auf Atlantean Kodex angewiesen.
Das SATAN-Comeback „Life Sentence“ war amtlich, allerdings hätte ich alleine aufgrund des tendenziellen stilistischen Ausreißens eher mit einer sich deutlich leerenden Halle zum Headliner gerechnet, doch nix da: Die NWOBHM-Legende vertraut natürlich auf die unkaputtbaren Brecher ihres 1983er Debüts „Court In The Act“, zieht das Auditorium aber auch mit zahlreichen aktuellen Songs auf ihre Seite. Dass Brian Ross die erste Hälfte der Show in der tief dunklen Markthalle mit Sonnenbrille zelebriert, wirkt natürlich eher bescheuert als auch nur ansatzweise cool, aber wir wissen es ja alle: Ein bisschen Schwund ist immer. (bk)

Marx

Von der undankbaren Rolle des Openers kann bei BÖLZER kaum die Rede sein. Das Duo genießt praktisch die ungeteilte Aufmerksamkeit des Publikums, wobei sich ein negativer Tagestrend abzeichnet: Das Marx ist zu klein für alle, die an den dort spielenden Bands interessiert sind. Die Zürcher zocken unberührt vom Andrang sowohl ihr Demo als auch die Debüt-EP „Aura“ komplett und bieten einen Ausblick auf deren Nachfolger „Soma“. Akzente setzt der krude angeschwärzte Death Metal weder optisch noch kompositorisch, denn Klanghypnose ist Trumpf.
MANTAR erweisen sich unter ähnlichen Vorzeichen als spannender: Frontmann Hanno bewegt sich auch über die Kanten seines Effekt-Boards hinweg, und mit Versatzstücken aus Sludge, klassischem Noise Rock sowie etwas Industrial - das alles nicht ohne Hooks - steht der Zweier ohnehin variabler da. Die Songs des Einstands „Death By Burning“ gestalten sich live intensiver, auch wenn man die Kirche trotz des Aufruhrs, den neben der Roadburn-Klientel sogar das Feuilleton veranstaltet, im Dorf lassen darf: Der Stil lässt Spielraum für mehr.
Bei SATURNALIA TEMPLE ist man gespalten: Das Trio begeht Rituale, statt Konzerte zu geben und muss sich Eintönigkeit vorwerfen lassen. Gitarrist Tommies Krächzen macht den monotonen Doom umso zäher, was dazu führt, dass man die stoische Musik nicht finster oder wenigstens schrullig empfindet, sondern nervig albern, zumal die Stockholmer null Ausstrahlung haben. Nach dem Ohrwurm-Opener ´Golachab´ versackt der Set in Beliebigkeit, die man auch nicht mit Psychedelic-Einflüssen schönreden kann.
Muskelrock-Atmo kommt mit DEAD LORD auf, den neben Corsair freundlichen Ausreißern des Festivals. Die Thin-Lizzy-Fans wirken nicht nur aufgrund ihrer nahbaren Art sympathisch, sondern vor allem wegen ihrer abriebfesten Songs, die Hakim Krim herzlich ins Rund knödelt: ´Hank´ als Einstieg und die Single ´No Prayers Can Help You Now´, dazu ´No More Excuses´ und der Hit ´Onkalo´ neben einem wohl neuen Stück namens ´Dead In Heaven´. Hut ab davor, wie das Quartett Extrem-Metaller mit Classic-Rockern vereint. (as)

Lasst uns von Anfang an eines klarstellen: Selim Lemouchi & His Enemies adäquat zu ersetzen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Dennoch mausern sich BEEHOVER schnell zu einer der großen Überraschungen des Festivals. Trotz fehlender Gitarre hat das Duo einen unglaublich kernigen Sound, die rauen, in der Struktur zum Teil bewusst improvisiert und unfertig wirkenden Stücke entfalten eine unerwartete Wucht, und Drummer Claus-Peter Hamisch hat eine flinke, kraftvolle und irgendwie spezielle Art, seine Grooves zu spielen. Ein starker Auftritt, der aber durch die Überschneidung zu The Ruins Of Beverast nicht ganz so hohen Zuspruch findet wie die Vorgänger-Sets.
Die Bühnenrituale von HETROERTZEN gehören zu den beeindruckendsten satanischen Inszenierungen der Metalszene. Leider ist heute der Wurm drin, technische Probleme und Unstimmigkeiten verschieben den Konzertbeginn und lassen den Ablauf etwas chaotischer wirken, als es üblicherweise der Fall ist. Dennoch: Die Exil-Chilenen gehören auch unter schwierigen Bedingungen zu den fesselndsten Acts der neuen alten Black-Metal-Schule und präsentieren ein Gesamtkunstwerk, das weniger rau und dreckig als in seiner ganzen Aufmachung widersprüchlich und fremdartig rüberkommt und darin seine Faszination ausstrahlt. Das überfordert leider den Dorfasi-Anteil des Publikums, der das Konzert unbedingt mit Zwischenrufen stören muss. Dass man selbst auf Geschmacksveranstaltungen nicht vor solchen kognitiv suboptimierten Pavianen sicher ist, gehört zu den übleren Auswirkungen der Ballermannisierung. Niemand muss die Musik mögen, aber einfach zu gehen, wäre hier die bessere Alternative.
Kommen wir wieder zu den angenehmen Dingen: FAUSTCOVEN zelebrieren Doomdeath in seiner brutalsten Form, Sänger Samson ist mit seiner roten Henkersmaske der aggressivste Doom-Fronter, den ich je erlebt habe, und neben dem vorzüglichen eigenen Material macht vor allem das abschließende Cirith-Ungol-Cover ´Chaos Descends´ Laune. Würde ich gerne häufiger sehen! (fp)

Eher himmlisch als höllisch fanden das Hell Over Hammaburg: Boris Kaiser (bk), Katharina Pfeifle (kp), Andreas Schiffmann (as) und Felix Patzig (fp). Die Fotos schoss Saskia Gaulke.

Bands:
THE RUINS OF BEVERAST
DEAD LORD
ATLANTEAN KODEX
FAUSTCOVEN
SATAN
HETROERTZEN
Autor:
Katharina Pfeifle
Andreas Schiffmann
Boris Kaiser
Felix Patzig

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