Interview

Interview 01.08.2019, 14:45

HATRIOT - Die nächste Thrash-Generation

Im Hause der Bay-Area-Thrasher HATRIOT fand bereits 2015 ein einschneidender Generationenwechsel statt. Frontmann Steve "Zetro" Souza wandte sich vollständig seinen Verpflichtungen als Rückkehrer bei Exodus zu und überließ das HATRIOT-Zepter seinen beiden Söhnen Cody und Nick sowie Gitarrist Kosta V. Jetzt hat das US-Thrash-Quartett mit „From Days Unto Darkness“ sein drittes Langeisen eingetrümmert, das erste ohne Souza Senior als Frontkeifer, und blickt kampfbereit in die Zukunft. Wir sprachen mit Sänger und Bassist Cody Souza über die Aufgabe, den Platz seines Vaters einzunehmen, das neue Album und wie es war, als Sohn einer Bay-Area-Thrash-Legende aufzuwachsen.

Hi Cody! Der dritte Langspieler wird im Musikjargon ja gerne als "Make it or break it"-Album bezeichnet. Fühlt es sich für dich eher danach oder nach einem Neustart für die Band an?

»Es ist eine neue Richtung, die wir mit HATRIOT eingeschlagen haben, aber wir sind definitiv noch immer dieselbe Band. Die Kernmitglieder sind unser Gitarrist Kosta, mein Bruder Nicolas und ich selbst. Kevin (Paterson - sb) haben wir als neuen Gitarristen auf diesem Album und es herrscht eine starke Verbundenheit zwischen uns allen. Kevin kommt mir wie derjenige von all unseren Gitarristen vor, der sich am meisten für unsere Sache interessiert und dafür einsetzt. Hinzu kommt, dass wir deutlich stärkere Death-Metal-Einflüsse auf diesem Album haben. Es ist kein Death-Metal-Album, ich würde es als Death-Thrash bezeichnen. Kosta zum Beispiel ist ein riesiger Old-School-Death-Metalhead, während ich mehr auf neueren, technischen Death-Metal stehe. Ich bin mir sicher, dass sich uns mit den Neuerungen im Gesang und den Veränderungen im Songwriting einige neue Möglichkeiten eröffnen werden. Wir stehen also definitiv auf einem neuen Ast, aber es ist noch immer derselbe Baum.«

Warum hat sich dein Vater eigentlich dazu entschlossen, HATRIOT 2015 zu verlassen? War sein Terminplan nach seinem Wiedereinstieg bei Exodus einfach zu voll oder wollte er euch mehr Raum geben, um euch in eure eigene Richtung weiterzuentwickeln?

»Ein bisschen etwas von beidem. Wir hatten damals zwei Shows für HATRIOT innerhalb einer Woche gebucht und freuten uns sehr darauf. In dieser Zeit hatten Exodus allerdings eine Thrash-Tour in Aussicht, woraufhin mein Vater ihnen sein Engagement wieder voll und ganz widmete. Dafür verurteile ich ihn übrigens keineswegs. Wir waren aber natürlich trotzdem etwas enttäuscht, weil wir wussten, dass wir diese beiden Shows würden absagen müssen. Aber wir probten einfach weiter und ungefähr nach der Hälfte des Sets fing ich plötzlich damit an, meinen Dad zu imitieren. Dann sah ich meinen Bruder hinter dem Drumset, wie er mit weit aufgerissenen Augen seine Sticks fallen ließ, inmitten des Songs stoppte und mir zurief: 'Du klingst verdammt nochmal wie Dad! Wir können diese Shows spielen und du kannst singen!' Ich war mir zunächst nicht sicher, aber während der nächsten Probe begann ich, an meinem Gesang zu arbeiten. Wir übten das ein paar Mal und jeder sagte von sich aus: 'Cody, du kannst das durchziehen!' Ich brauchte aber noch die endgültige Zustimmung meines Vaters, denn das war, als würde ich jemandes Tochter auf ein Date einladen wollen. Also buchten wir ein Studio und ich nahm die beiden Songs 'Blood Stained Wings' (Von „Heroes Of Origin“ aus dem Jahr 2013 - sb) und 'From My Cold Dead Hands', den Opener von „Dawn Of The New Centurion“, auf. Er wollte anhand eines gemixten und gemasterten Endergebnisses hören, wie ich klinge. Schlussendlich bekamen wir seinen Segen und er entschied sich dafür, die Band uns zu überlassen.«

Du kannst es vermutlich schon nicht mehr hören, aber es ist wirklich verrückt, wie sehr du deinem Vater stimmlich ähnelst.

»Ja, ich musste an den Exodus-Song 'Like Father, Like Son' (Von "Fabulous Disaster", 1989 – sb) denken. Aber neben den Parts, in denen ich wie mein Dad klinge, bringe ich definitiv meine eigenen Farbtöne ein! Ein paar Leute sagten mir auch, ich würde versuchen, Trevor (Strnad – sb) von The Black Dahlia Murder zu imitieren.«

Mir gefällt vor allem, dass ihr für „From Days Unto Darkness“ deutlich längere und abwechslungsreicher strukturiertere Songs geschrieben habt. Ein natürlich Prozess in der Entwicklung eures Songwritings?

»In musikalischer Hinsicht kommen 95 Prozent unserer Musik von Kosta V. Wir erleben also immer eine natürliche Weiterentwicklung von HATRIOT. Ich wüsste zum Beispiel nicht, ob irgendjemand anderes den Gesang hätte übernehmen können, ohne die Band zu sehr zu verändern. Musikalisch beschreibt das Album schlichtweg die Entwicklung von Kosta und seinen Gitarrenkompositionen. Der Kerl ist ein verdammtes Tier!«

Zeigt sich bei 'Frankenstein Must Be Destroyed' eure Vorliebe für Horrorfilme und Horrorliteratur oder handelt der Song auch von realen "Monster der Gesellschaft"?

»Das trifft die Doppeldeutigkeit dahinter ziemlich genau. Für diesen Song hatte mein Vater den Refrain geschrieben, unmittelbar vor seinem Ausstieg bei HATRIOT. Er sagte uns, dass wir den Rest des Songs so schreiben sollten, dass wir spüren, was Frankensteins Abscheulichkeiten und Monster sind. Und das trifft auch auf Leute zu, die in einem Todestrakt sitzen oder durch und durch böse Menschen sind. Abgesehen von den Worten "Frankenstein Must Be Destroyed" im Refrain, waren das die ersten Lyrics, die ich geschrieben habe. Ich wollte versuchen, eine Geschichte zu erzählen, indem ich meine verschiedenen Stimmfarben verwende. All die gutturalen und tiefen Gesangsparts erzählen tatsächlich aus der Sicht Frankensteins, während ich mit den hellen Tönen die Perspektive der Dorfbewohner einnehme, die das Monster mit Fackeln und Mistgabeln zur Strecke bringen wollen.«

Wie schätzt du die aktuelle Situation in den USA ein und hat dein Heimatland seinen Weg auf „From Days Unto Darkness“ gefunden?

»Darum geht es tatsächlich im Titelsong 'Daze Into Darkness'. Wir werfen jedoch keinen politischen Blick darauf, weder von links noch von rechts oder oder von welcher Seite auch immer. Ungeachtet dessen, wer gerade an der Macht ist, gibt es so viel zu sehen, von dem wir nicht wirklich wissen, was passieren wird. Beispielsweise das Lohngefälle zwischen dem einem Prozent des Landes, das 75 Prozent des Geldes verdient, und allen anderen... das ist verrückt! Die Blase könnte jederzeit platzen und wir würden uns schon morgen in dunkleren Zeiten wiederfinden.«

Lass uns eine kleine Zeitreise machen: Wie war es für dich, direkt an der Quelle des Bay-Area-Thrash-Metal aufzuwachsen? Hattest du die Musik von Anfang an im Blut?

»Bei uns zu Hause lief immer Metal und mein Dad schrieb Lyrics. Ich hörte auch oft Dads Alben, die er sich in der Pre-Production im Auto anhörte. Es war wie der Traum eines jeden Metalheads. Einmal traf ich James Hetfield, als er gerade aus dem Badezimmer kam. Ich hatte keine Ahnung von der Größenklasse und was manche Menschen dafür geben würden. Ich wuchs auch damit auf, dass Chuck Billy oder Phil Demmel und später deren Kinder ständig um mich herum waren. Dad hatte seltsame Freunde, aber ich mochte sie einfach für ihre Persönlichkeiten und nicht für das Ausmaß dessen, wer sie waren. Es ist eine Ehre für mich, dass ich in irgendeiner Weise Teil dieser Legion bin und manchmal neben den Namen dieser Menschen genannt werde.«

Hast du schon früh festgestellt, dass du deine musikalische Welt gefunden hast?

»Yeah, ich meine es gibt eigentlich nur zwei Möglichkeiten. Entweder du verehrst das, was deine Eltern machen, oder du rebellierst dagegen. Ich habe immer gesagt, dass die 80er-Jahre-Thrash-Metal-Bewegung der Gipfel unserer damaligen Szene war, oder zumindest was ich davon gehört habe. Die Tatsache, dass wir Metal machen, weil wir es lieben, fühlt sich unglaublich organisch an. Ich mache Musik, weil ich es liebe und nicht für Geld oder eine möglichst große Anzahl von Fans. Dass es den Leuten auch noch gefällt, ist extrem schmeichelhaft.«

Hat dich dein Vater bei deinem musikalischen Werdegang immer unterstützt?

»Oh ja, total! Wenn mein Geburtstag vor der Türe stand und ich mir ein 50-Dollar-teures Videospiel gewünscht hätte, dann hätte er sich einen Scheiß darum gekümmert. Wenn ich allerdings ein 200-Dollar-teures Einzelteil für meinen Bass wollte, dann fand er einen Weg, um mir diesen Wunsch zu erfüllen. Er wollte meine musikalischen Unternehmungen so gut wie möglich unterstützen. Egal, in welchem Genre ich gerade unterwegs war. Jeder in meinem Alter um die 30 hatte beispielsweise eine Eminem-Phase. Bei allem, was meine musikalischen Ziele betraf, war mein Vater immer da, um meine Werke und die meines Bruders zu unterstützen.«

War es später bei HATRIOT schwieriger mit ihm, nachdem ihr plötzlich Mitglieder in derselben Band wart?

»Nicht wirklich, er ist als Vater sehr bodenständig. Ich würde auch sagen, er war immer mehr ein Freund als ein Vater, ich konnte jederzeit ein ernstes Gespräch mit ihm führen. Wir praktizierten das System der Ehrlichkeit: Verarsch mich nicht, dann verarsch ich dich auch nicht! Wenn irgendetwas bezüglich HATRIOT passierte, dann verstand ich, dass es ihm um die Band und die Richtung ging, die er einschlagen wollte. Aber wenn wir mit irgendetwas überhaupt nicht einverstanden waren, dann war es immer gut, auf Augenhöhe mit ihm darüber reden zu können. Das ist Familie und auch wir gerieten in einige hitzige Diskussionen, aber wir brachten uns immer ein natürliches Verständnis entgegen.«

Was antwortest du, wenn dir jemand sagt, dass HATRIOT wie eine Kopie von Exodus klingen?

»Das ist witzig, denn wir hören das tatsächlich sehr oft. Ich weiß, dass wir aus dem selben demografischen Raum kommen, aber ich glaube ganz ehrlich, dass die Bands in ihrem Kern unterschiedlich sind. Bei Exodus bekommst du niemals den gutturalen Gesang und die Death-Metal-Riffs zu hören. Exodus haben ihren eigenen Sound und wir sind eine Thrash-Band der neuen Generation. Wir haben offensichtlich etwas von ihnen übernommen, aber wir sind definitiv eigenständig.«

Bands:
HATRIOT
Autor:
Simon Bauer

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