Schwatzkasten

Schwatzkasten 23.08.2000

CRO-MAGS - HARLEY FLANAGAN (Cro-Mags)

Harley Flanagan ist eine der interessantesten Persönlichkeiten der harten Musikwelt. Egal wie man über sein ausgeprägtes Selbstbewusstsein und sein enormes Aggressionspotential denkt, der 33jährige CRO-MAGS-Boss ist einer der wenigen Musiker, die die zur Zeit inflationär verteilte Auszeichnung "charismatisch" wirklich verdienen.

Wo wurdest du geboren, und wo bist du aufgewachsen?

"Ich wurde in San Francisco im "General Hospital" geboren. Meine Mutter stammt aus Spanish Harlem (einem Stadtteil von New York - d.Verf.) und mein Vater aus Nordtexas. Ich habe ihn nie kennen gelernt. Bei meiner Geburt war er gerade im Knast, und danach hat sich meine Mutter von ihm getrennt. Sie zog mit mir zurück nach New York und später nach Dänemark, um meinem Erzeuger endgültig zu entkommen. Ich lebte dort acht Jahre. 1977 ging ich kurz nach England und bekam die Anfänge des Punk mit. Ich sah die Vibrators, die Sex Pistols, The Damned usw. Dann zog ich zurück nach New York und wuchs mit Beatniks, Mutters Freunden aus der Hippie-Ära, aber auch Leuten von The Clash und The Damned auf. Die fanden mich alle toll, denn ich war erst zehn Jahre alt. Ständig kaufte mir jemand Videospiele oder Eis."

Hattest du jemals Idole?

"Als ich in das Alter kam, in dem man anfängt, Idole zu haben, war ich längst selbst eins. Ganz früher waren Pele und Jimi Hendrix meine Helden."

Warst du in der Schule ein Troublemaker?

"Oh ja. Aber ich habe den Ärger nie angefangen. Ich lebte als Weißer in einer afro-spanischen Hood. Weiß und Punkrock waren nicht die besten Voraussetzungen, dort Freunde zu finden. Das brachte mir viele Probleme ein. Die anderen hielten mich einfach für bekloppt. Mit 14 begann ich zurückzuschlagen und merkte, dass ich sehr gut darin war. Daraufhin brach ich dann doch ganz gerne mal den einen oder anderen Streit vom Zaun (grinst). Ich war damals Drummer bei den Stimulators, und wir spielten 1979 im irischen Belfast. Nach England ließ man uns nicht einreisen, weil ich zu jung war. Wir werden übrigens in Kürze einige Stimulators-Aufnahmen auf Cro-Mag-Recordings veröffentlichen. In Irland wurden wir von einer Skinhead-Gang rekrutiert, und ich lernte die Power des Straßenkampfs kennen. Ich merkte zum ersten Mal, dass nicht alle Weißen Feiglinge sind. Dort, wo ich herkam, wurde man als Weißer ständig überfallen, abgestochen, vergewaltigt und was weiß ich was alles. Für mich waren die Weißen immer die Schwachen."

Wann bist du das erste Mal im Gefängnis gelandet?

"So richtig im Knast war ich nie. Höchstens mal 'ne Woche, und das kann man wohl kaum als ernsthaften Knastaufenthalt bezeichnen. Das ist eher eine Unbequemlichkeit, haha. Ich habe aber Freunde, die 15 Jahre saßen."

Was war die größte Dummheit, die du je begangen hast?

"Da gibt es verdammt viele. Die meisten Schlägereien in meiner Jugend waren völlig sinnlos. Auch dass ich Tonnen von Drogen genommen habe, war nicht sonderlich intelligent. Oh, da fällt mir doch noch was ganz besonders Unkluges ein: Ich bin einmal in der U-Bahn schwarzgefahren, hatte eine geladene 45er-Automatik-Knarre und einen Haufen Munition bei mir und war total zugedrogt. Außerdem hatte ich Tausende von Dollars aus Drogenverkäufen in der Tasche, hätte also locker den Fahrschein bezahlen können, war aber einfach zu high. Ausgerechnet an dem Tag wurde ich bei einer Ticket-Kontrolle erwischt. Zum Glück konnte ich meine ID vorzeigen, sonst hätten die Bullen mich mitgenommen und durchsucht. Allein für die Kanone wäre ich ein Jahr in den Bunker gekommen. An den ganzen anderen Scheiß, den ich damals verzapft habe, kann ich mich schon gar nicht mehr erinnern, haha."

Welches ist dein schlimmster Charakterzug?

"Ich kann meine Wut nicht kontrollieren. So ein reicher Typ wie Tommy Lee belegt deswegen Kurse, ich muss jedoch ohne damit klarkommen. Kein Wunder, dass ich in all meine Wände zu Hause schon Löcher geboxt habe."

Wer sind deine besten Freunde?

"Meine Freundin und Eric J. Casanova (der erste Cro-Mags-Sänger - d.Verf.). Mit ihm war ich schon als Kind zusammen. In den USA arbeitet er zur Zeit für uns als Roadie."

Gibt es Menschen, denen du sofort in den Arsch treten würdest, wenn sie jetzt um die Ecke kämen?

"Oh ja! Aber ich kann das mittlerweile kontrollieren. Da sitzt ein kleiner Engel auf meiner Schulter und schützt mich vor Dummheiten. Meistens jedenfalls... Aber lass es mich so sagen: Es gibt ein paar Leute, die vor mir in Flammen aufgehen könnten, und ich würde nicht mal draufpissen, um das Feuer zu löschen."

Welches war der schlimmste Job, den du je hattest?

"Ich habe nie einen Job gehabt. Ich mache schon seit Ewigkeiten Musik. Na ja, 'ne Zeitlang habe ich Drogen verkauft oder Leute überfallen, aber das hat in meiner Nachbarschaft jeder getan. Ach doch, mit ein paar anderen Skinheads habe ich aufm Bau gearbeitet. Als Abrisskommando, das war perfekt für uns, haha!"

Wie gehst du mit Gewalt bei CRO-MAGS-Shows um?

"Gangs machen den meisten Ärger. Aber was ist toll daran, in Überzahl auf andere loszugehen? Ich habe das millionenmal gesehen. Es langweilt mich zu Tode. Wenn eine Schlägerei losgeht, stoppen wir die Show. Die sollten lieber rausgehen und Bullen oder echte Gangster verprügeln. Das wäre härter als dieser Hardcore-Möchtegern-Gang-Scheiß."

Gibt es eine bestimmte Musik, die du gern auf deinem Begräbnis hören möchtest?

"Ja, den Soundtrack zum "Paten"."

Ist das auch einer deiner Lieblingsfilme?

"Ja, "Der Pate" ist großartig. Aber es gibt noch andere geniale Filme. Ich habe mit elf zum ersten Mal LSD genommen und war an dem Tag mit Adam von den Beastie Boys und ein paar Mädels zusammen. Wir haben "Clockwork Orange" geguckt, und dieser Film hatte definitiv einen negativen Einfluss auf meine Teenager-Zeit. Ich hatte dauernd LSD-Flashbacks, habe mir den Film aber trotzdem noch hundertmal angesehen. "Matrix" war brillant, auch wenn ich Keanu Reeves hasse. Und "Pulp Fiction"! Und der zweite Teil von "Mad Max". Yeah!"

Welches war die erste Platte, die du gekauft hast?

"Die früheste Scheibe, die mich total ausgeknockt hat, war ein Herbie Hancock-Album. Den Titel habe ich leider vergessen. Dann kam ein Stevie Wonder-Longplayer. Ich war damals neun und stand auch sehr auf Hendrix, habe sogar Bilder von ihm gemalt. Nicht zu vergessen Bob Marley. Den höre ich auch heute noch mehr als alles andere. 1977 ging meine Mutter dann in einen Plattenladen und fragte den Verkäufer, ob er was Neues und richtig Aufregendes hätte. Er empfahl ihr "Never Mind The Bollocks" von den Sex Pistols. Sie kaufte gleich noch die erste Damned-Scheibe, und es war um mich geschehen. Ich trug zu dem Zeitpunkt Dreadlocks, aber die mussten sofort ab. Ich sah plötzlich aus wie Sid Vicious. Er und Johnny Rotten wurden meine Helden. Ich tanzte Pogo in meinem Zimmer, bis mein Stiefvater von der Arbeit kam und völlig ausrastete."

Was ist deiner Meinung nach die größte Erfindung der Menschheit?

"Mein Verstärker, haha! Nein, warte, die 3.57er-Magnum! Und diese Lampen, mit denen man in der Wohnung Marihuana züchten kann."

Was ist das Extravaganteste, das du dir je gekauft hast?

"Ich habe meiner Freundin ein paar schöne Sachen geschenkt, aber das Tollste, das ich mir selbst spendiert habe, ist mein "Guild"-Bass. Ich sah ihn damals in einem Schaufenster, konnte ihn mir aber nicht leisten. Es dauerte noch eine Weile, bis ich ihn endlich in meinen Händen hielt, aber seitdem begleitet er mich durchs Leben. Er hat viele Narben davongetragen, genau wie ich. Ich liebe ihn."

Welches ist das abgefahrenste Gerücht, das du je über dich gehört hast?

"Wo soll ich anfangen, haha? Ständig heißt es, dass mich irgendwer zusammengeschlagen hätte. Alles Bullshit! Ich habe in meinem Leben gerade mal zwei, drei Kämpfe verloren, in denen ich wirklich auf die Schnauze bekommen habe. Und da war ich immer in Unterzahl. Meine Kampfbilanz ist echt gut. Es gab einige Suckerpunch-Aktionen, also wenn jemand kommt, mir eine reinhaut und wegrennt. Aber das sind keine Fights. Das ist voll schwuchtelig. Viele Leute denken, dass ihr Ansehen steigt, wenn sie erzählen, sie hätten mich verprügelt. Wer sonst nichts zu bieten hat, quatscht halt Scheiße. Wir CRO-MAGS haben den Hardcore miterschaffen und auch dieses ganze Drumherum mit den rasierten Köpfen und Bergen von Tattoos. Und jetzt machen diese Schwuchteln nix, außer Mist über uns zu verbreiten. Wirkliche Hardcore-Bands waren für mich die Bad Brains und Minor Threat. Viele andere haben Hardcore nicht korrekt repräsentiert. Daher hat die Öffentlichkeit immer ein falsches Bild von der Szene gehabt. Jetzt gibt es diese Scheißbands wie Korn, Green Day oder Limp Dick, pardon Bizkit. Die sind auch nicht besser. Aber sie haben der harten Musik wieder Türen geöffnet. Und wir sind nach wie vor die Härtesten (hat man auf dem With Full Force gesehen, hüstel... - Red.). Wir haben endlos viele Gruppen beeinflusst und verdienen es einfach, dafür jetzt den nötigen Respekt zu bekommen. Wir sind viel größer als die Szene. Wir sind nicht Hardcore, wir sind Musik."

Gibt es dennoch einen CRO-MAGS-Song, für den du dich im Nachhinein schämst?

"Nicht wirklich. Aber ALLES von "Near Death Experience" ist eine echte Schande. Die Platte ist ein Stück Scheiße! Ich hatte nix mit ihr zu tun. Sie hat die Credibility der CRO-MAGS für eine Weile zerstört. Einer unserer Ex-Sänger (John Joseph - d.Verf.) hat das Album mit ein paar beschissenen Musikern lieblos zusammengeschustert. Die Basis waren Outtakes von mir. Und sie waren zurecht Outtakes, sonst wären sie auf einem regulären Longplayer gelandet. Das ist keine CRO-MAGS-Platte. Daher wollten Parris (CRO-MAGS-Gitarrist - d.Verf.) und ich uns auch 'ne Weile nicht mehr CRO-MAGS nennen. Aber schließlich ist es meine Band und mein Name. Das lasse ich mir nicht nehmen. Man sollte Menschen nie nach dem beurteilen, was sie in der ersten Hälfte ihres Lebens tun. Da baut man halt viel Scheiße. Wenn man sich danach aber immer noch wie ein Arschloch verhält, ist man wirklich ein Loser. Oder ein John Joseph... Und dann wird man auch so behandelt. "Near Death Experience" sollte man zusammen mit Johns Karriere im Klo runterspülen. Und die "Hard Times In An Age Of Quarrel"-Doppel-Live-CD gleich hinterher. Ich war das einzige Original-Mitglied, und ich spiele nicht mal auf dem ganzen Album. So ein Müll. In England ist gerade 'ne CRO-MAGS-Compilation erschienen, auf der John in den Liner-Notes labert, die CRO-MAGS seien er, Mackie, Doug und ich gewesen. Was für ein Scheiß. Mackie ist 'ne Drummer-Hure, die überall mitspielt, wo sie bezahlt wird, Doug kam erst kurz vor "Age Of Quarrel" hinzu, und John war nicht der Original-Frontmann und kann eh nicht singen. Er ist ein Lügner und voller Scheiße! Es ist zum Kotzen, was mit dem Namen CRO-MAGS getrieben wird. Boykottiert die Century Media-Platten! Die echten CRO-MAGS-Alben gibt es direkt bei uns (www.cro-mags.com - d.Verf.)."

Bist du ein religiöser oder spiritueller Mensch?

"Auf dem Papier bin ich irisch-katholisch, folge aber keiner Religion. Ich bin spirituell und von diversen Philosophien beeinflusst. Ich glaube, dass es verschiedene Existenzformen gibt, gute und schlechte Mächte, die uns beeinflussen, je nachdem, wie sehr man sie an sich herankommen lässt. Einige davon beschützen mich, sonst hätte ich niemals bis heute überlebt. Ich war jahrelang auf der Straße und hatte unendlich viel Gewalt und Drogen um mich herum. Es kann nicht nur meine eigene Kraft gewesen sein, die mich dort durchhalten ließ. Da muss ein Gott mitgeholfen haben. Irgendwas muss dort draußen sein, was auch immer es ist. Ich wäre dankbar, wenn ich es eines Tages erfahren würde."

Bands:
CRO-MAGS
Autor:
Onlineredaktion

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